Ende und Anfang in der Neuköllner Manege

jugendfreizeiteinrichtung manege, rütlistraße neuköllnEs war eine Erfolgsgeschichte. Vorgestern endete sie. Der  ge- meinsame Weg der Manege und des Fusion e. V., der vor 14 Jah- ren die Manege erfand und seit- dem zu dem machte, was sie wurde,  ist abgeschnitten. Für die Manege, eine der erfolgreichsten Jugendeinrichtungen mit kunst- und bildungsorientiertem Ansatz in Neukölln, geht es zwar weiter – aber unter der Leitung eines neuen Trägers. Heute nimmt der seine Arbeit auf. Wie aus bestens informierten Kreisen zu erfahren war, ist es die Technische Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft (tjfbg) gGmbh, die vom Neu- köllner Bezirksamt vor 2 1/2 Wochen im Hauruck-Verfahren zum Nachfolger des Fusion e. V. ernannt wurde.

„Selber denken! Machen!“, das waren schon immer die Leitmotive des Projekts. Und die Jugendlichen, die bis dato nicht eben durch konstruktives Handeln aufgefallen waren, machten. Das einst abgerockte Haus jugendfreizeiteinrichtung manege, rütlistraße neuköllnWetzlar wurde für sie zum zweiten Zuhause, erhielt ein frisches Innenleben nebst einer spektakulären Fassade. Die vermüllte Rütlistraße wurde entrümpelt und als Jugendstraße angelegt. Im Sommer 2003 zogen die beiden riesigen, in einem Gemein- schaftsprojekt erstellten Frösche an die Ecke Rüt- li-/Weserstraße. „Der Bezirk Neukölln“, so der Fu- sion e. V., „gab uns die Möglichkeit, neue Ideen zu erproben und  neue Methoden und Standards in die Jugend- und Sozialarbeit praktisch einzubringen, in einem Feld, wo traditionelle Methoden nicht mehr weiter kamen.“ Über 600.000 Euro akquirierte der Verein in den letzten neun Jahren an zusätzlichen Mitteln, um seine vielfältigen Projekte durchführen zu können, die von den Jugendlichen begeistert angenommen wurden.

Trotz jahrelanger erfolgreicher Arbeit flatterte dem Fusion e. V. im letzten Sommer – wie auch sämtlichen anderen freien Trägern der Jugendhilfe – die  Kündigung ins Haus. Bereits im Frühjahr 2011 war die direkt gegenüber vom Campus Rütli gelegene Manege aus dem Zuständigkeitsbereich der Bezirksamt-Abteilung Jugend in das Ressort Bildung/Schule übergegangen. Ein wegweisender Akt, der technokratisch die künftige Ausrichtung der Jugendeinrichtung zementiert und deutlich macht, dass diese sich mehr denn je an den Bedürfnissen des jugendfreizeiteinrichtung manege, rütlistraße neuköllnLeuchtturmprojekts in der Neuköllner Bildungslandschaft orientieren wird. Die ausgesprochene Kündigung des Fusion e. V. wurde zurückgezogen und der Vertrag erst bis zum April und später bis zum 30. Juni verlängert. Parallel wurde im April vom Bezirks- amt Neukölln wie angekündigt ein  Interessenbekundungsverfahren auf den Weg  gebracht, das die Träger- schaft für die Manege neu aus- schrieb. „Natürlich hätten wir uns darauf auch bewerben können“, sagt Wolfgang Janzer vom Fusion e. V., der zusammen mit seiner Frau Maria Galves de Janzer die Manege leitete, „aber das wollten wir aus mehrerlei Gründen nicht.“ Einer sei die Respektlosigkeit für die geleistete Arbeit und das Engagement, die sich „aus dem ganzen Verfahren und der Tatsache, dass es durchgeführt wird“, erkennen lasse. „Zweitens, weil wir den Verlust jeglicher Autonomie in der asymmetrischen Konstruktion des Campus Rütli–Projekts für kontraproduktiv halten. Wenn die Ineffizienz des Bildungssystems Ursache und Initialzündung des Campus Rütli–Projekts war, dann wird durch die Dominanz von Schule und die Unterordnung der anderen Module unter das Schulsystem, der Bock zum Gärtner gemacht.“ Und außerdem mache der Bezirk in seinem Interessenbekundungsverfahren ein finanzielles Angebot, das ein kleiner freier Träger nicht annehmen kann. Mit der angebotenen Summe ließen sich die Standards, die in der Manege etabliert wurden, nicht halten: „Eine Reduktion der Qualität aufgrund der begrenzten Mittel kommt für uns aber nicht infrage.“ Millionen würden für die Hardware des Cam- pus Rütli in Beton gegossen, kri- tisieren die Janzers, doch für die zum Betreiben der Hardware erforderliche Software gehe das Bezirksamt auf Schnäppchenjagd.

Dass der Fusion e. V. überhaupt eine Chance gehabt hätte, das Interes- senbekundungsverfahren für sich zu entscheiden, darf auch aus einem anderen Grund bezweifelt werden. Die Frage, ob der Campus Rütli ein Musterprojekt sei, beantwortete Marta Galvis de Janzer im August letzten Jahres in einem Interview mit dem Online-Schülermagazin Tonic mit einem klaren „Nein!“. Daraufhin, so die Janzers, seien sie von der Verwaltung zu einer Stellungnahme aufgefordert worden, die sie auch abgaben – ohne jemals eine Reaktion darauf erhalten zu haben. „Wo kommen wir denn hin, wenn man als Träger einer bezirklichen Einrichtung sein Recht auf freie Meinungsäußerung abgeben muss?“, fragt sich Wolfgang Janzer.  Irgendjemand müsse es doch einfach mal sagen, unterstreicht er das Statement seiner Frau.

„Unser Projekt in Neukölln ist damit beendet. Vielleicht pas- sen wir wirklich nicht in die  neue Bildungslandschaft, die hier entsteht und die sich in Zukunft im Einklang mit der Gentrifizierung des Bezirks justieren muss“, konstatierte der Fusion e. V.-Vorstand bereits im Mai in seiner hier veröffentlichten Erklärung. Sie schließt mit dem Satz: „Den Kindern und Jugendlichen der Manege wünschen wir, dass es ihnen gelingen möge, den  Ort, an dem sie aufgewachsen sind und der sie geprägt hat, als ihr Haus zu erhalten.“ Und es sind nicht nur die Janzers, die sich wünschen, dass auch unter der tjfbg-Trägerschaft eine partizipative Ebene für die Manege-Kids besteht und sie ihr Motto  „Gebt ihr uns keine Chance, geben wir uns eine!“  weiterhin leben, um die Erfolgsgeschichte fortzusetzen.

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Wer’s glaubt …

Früher war alles … anders: Wer noch vor einigen Jahren auf die relative Schnelle per Inserat einen Nachmieter für seine Wohnung im Norden Neu- köllns suchte, hatte weitgehend seine Ruhe und es bestenfalls mit einem überschaubaren Kreis potenzieller Inte- ressenten zu tun.

Werden heute für eine Wohnung in Neukölln neue Mie- ter gesucht, ähnelt der Menschenauf- lauf vor der Haustür oft einer Spontan-Demo. Daran ändern auch die nichts, die vorher schon da waren, um die Mär vom Außenklo zu suggerieren oder mit ihren ideologischen Visionen frisch gestrichene Hauswände zu verschandeln und sich so in Abschre- ckung zu versuchen.

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Sind die Tage der Arbeit im Neuköllner Metallbau-Unternehmen Grön gezählt?

Wenn Matthias Grön Uhrmacher wäre oder sein Geld als Dolmetscher verdienen würde, dann wäre zwar alles genauso ärgerlich, er aber wohl etwas zuversichtlicher. Doch Grön ist  Inhaber einer  Neuköllner Metallbau-Firma und mit der könne man leider nicht mal eben so umziehen. Da müssten tonnenschwere Maschinen bewegt metallbau grön neukölln, foto: matthias grönwerden. Einige in Einzelteile zerlegt, was dann wiederum bedeute, dass sie tagelang nicht zu gebrauchen seien. Es wird Grön trotzdem nicht erspart bleiben.

Mit dem neuen Vermieter gehe gar nichts mehr, vermutet er. Der ist seit November letzten Jahres neuer Eigentümer des Hauses in der Altenbraker Straße 5, wo Gröns im Mai 2004 gegündete Firma ihren Sitz hat: „Rund 200 Quadratmeter hab ich für Werkstatt und Büro angemietet, für eine Bruttokaltmiete von 777,20 Euro.“ Der erste Kontakt zum neuen Hausbesitzer, einem Charlottenburger Consulting-Unternehmen, kam auf schriftlichem Weg zustande – in Form einer Mieterhöhung. „Satte 2.200,31 Euro wollen die nun  bruttokalt haben. Das ist fast das Dreifache von dem, was ich jetzt zahle!“, empört sich Matthias Grön. Nachdem die erste Wut verraucht war, machte er dem Vermieter ein Gegenangebot: metallbau grön neukölln, foto: matthias grön300 Euro mehr als bisher, Monat für Monat. „Mehr“, sagt der Metallbauer, „ist einfach nicht drin. Vor allem wegen der verhee- renden Zahlungsmoral mancher Kunden, die ich immer wieder daran erinnern muss, dass meine Firma kein Kreditinstitut ist.“ Ständig laufe er – nach vorbildlich ausgeführten Aufträgen – Forde- rungen im vier- oder  fünfstelligen Bereich für Löhne und Material hinterher. „Wenn ich Pech hab, meldet der Schuldner Insolvenz an und ich guck in die Röhre.“

Warten musste Grön auch auf die Reaktion des neuen Vermieters: Erst sei gar nichts passiert, danach hätten er oder sein als Mediator einge- schalteter Anwalt sich immer wieder „Miete zahlen oder raus!“ anhören müssen. „Und dann kam die Kündigung zum 30. September.“ Fünf Monate bleiben Matthias Grön nun also noch, um eine neue Bleibe für seine Werkstatt zu finden. Denn weitermachen will er auf jeden Fall. Muss er auch, um seine eigene Existenz und die seiner Familie zu sichern. Wie das alles – sprich: metallbau grön neukölln, foto: matthias gröndie Arbeit an laufenden Aufträgen, das Akqui- rieren neuer, das aufwändige Bewerben auf Ausschreibungen und die Suche nach einem neuen Firmensitz – klappen soll, ist ihm aller- dings noch ein Rätsel.

Dass zwischenzeitlich zwei Angestellte gekündigt haben, die ihre berufliche Zukunft in trockenen Tüchern sehen wollten, mache die Sache nicht leichter: „Jetzt hab ich nur noch einen Mitarbeiter, und neue zu finden, ist in der momentanen Situation ziemlich unmöglich. Was kann ich denen schon bieten?“ Die Umstände zwingen Grön, sich ein ganzes Stück von dem Chef zu entfernen, der er bisher war und liebend gerne immer noch sein würde: Einer, der sozial ist, für seine Mitarbeiter ein offenes Ohr hat, übertariflich bezahlt, Praktikanten eine Chance gibt, die woanders kaum eine hätte, und zu Firmenfeiern auch die Familien seiner Angestellten einlädt. „Jetzt muss ich notfalls über Zeitarbeitsfirmen Helfer besorgen, um überhaupt Bau- oder Montagetätigkeiten ausführen zu können.“ Das hätte es bisher bei Grön Metallbau nicht motorrad-museum, metallbau grön, foto: matthias gröngegeben, weil der Chef wahrlich „kein Freund dieser modernen Sklaverei“ ist und bevorzugt mit eigenen Leuten Sicherheits- und Brandschutztüren, Fenster, Treppen oder Balkontürme für private oder öffentliche Auftrag- geber herstellt.

„Wo ich die bauen sollte, wenn ich keine neue Werkstatt finden würde, weiß ich beim besten Willen nicht“, muss Matthias Grön zugeben. Zu- gleich ist er keinesfalls bereit, sich von dem  Trio Infernale aus raffgierigen Vermietern, ruinösen Kunden und unter- nehmerfeindlichen Rahmenbedingungen für Mittelständler  in die Knie zwingen zu lassen. „Vielleicht kommt ja nächsten Dienstag durch das Gespräch mit der Wirtschaftsförderung des Neuköllner Bezirksamts Bewegung in die Sache“, hofft er.

Ideen, wo das Metallbauunternehmen von Matthias Grön eine Zukunft haben könnte, sind herzlich willkommen. Gesucht wird: ca. 150 – 200 m² Werk- statt- und Büroraum im Erdgeschoss, Mitarbeiterpausenraum, Sanitär- anlagen, Wasser- und Stromanschlüsse. Neukölln und angrenzend wäre schön, alles berlinweit akzeptabel. Die Miete sollte nicht über 1.200 Euro (inkl. Betriebskosten und Umsatzsteuer) liegen. Auch eine Werkstatt-Kooperation wäre denkbar! Kontakt-Infos: hier.

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Omnipräsent in Neukölln: Geheimnisträger Tagesspiegel

Nach der Geschäftsaufgabe eines Ladens in akzeptabler oder besserer Kiezlage kam es in Nord-Neukölln im letzten Jahrzehnt normalerweise zu folgendem Szenario: Irgendwann wur- den die Schaufenster mit türkischen oder arabischen Zeitungen abgeklebt und hinter dem Sichtschutz begannen die Vorbereitungen für die Eröffnung eines Handyshops oder eines als Kulturverein, Imbiss oder Spätkauf getarnten Spielcasinos. Beliebt waren die neuen Nachbarn bei niemandem.

Heute dagegen sind es meist im stattlichen nordischen Format ge- druckte Tagesspiegel-Ausgaben, die vorübergehend verbergen, mit wel- chem Geschäftsmodell es der Neu- mieter versuchen will. (Die Berliner Morgenpost sieht man – obwohl gleich groß – seltener, andere Berliner Tageszeitungen wegen ihrer kleineren Formate kaum.) Ist die Phase der Renovierung und mit ihr die der Geheimniskrämerei vorbei, wird das bedruckte Papier entfernt und der Blick auf ein neues Café, eine Galerie oder ein Designer-Atelier frei. Auch diese Branchen sind den Anwohnern nicht per se will- kommen, sondern für manchen ein Synonym für Gentrifizierung. Beliebter als Daddelbuden sind sie in aller Regel aber doch.

=ensa=

Eine Studie, die etwas andere Verdrängung in Neukölln und das Zerren ums Tempelhofer Feld

topos-studie sozialstrukturentwicklung in nord-neukölln, senatsverwaltung für stadtentwicklung berlin

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„Sozialstrukturentwicklung in Nord-Neukölln“ heißt die 63-seitige Studie, die TOPOS Stadtforschung im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erstellte und Montagabend vor rund 100 Interessierten  in der Mensa des Campus Rütli präsentierte.

Deren wohl wichtigste Erkenntnis scheint, dass für die Situation im Norden des Bezirks der Begriff Gentrifizie- rung neu definiert werden muss. „Deutliche soziostruk- turelle Aufwertungstendenzen“, so die Studie, „sind nur im Gebiet Reuterplatz zu erkennen“. Dort gebe es den höchsten Anteil an Gentrifiern, jeder vierte Haushalt im Quartier falle in die Kategorie der Besserverdienenden. Für alle anderen Kieze gelte hingegen, dass in ihnen ein Zuzug vieler Pioniere, d. h. jungen Leuten mit hoher Bildung und eher niedrigem Einkommen, zu registrieren sei, sich aber keinesfalls ein Gentrifizierungsprozess abzeichne. Eine Verdrängung finde aber sehr wohl statt, schränkt Studienleiter  Sigmar Gude ein und weist damit auf die Neuköllner Eigenart des Gentrifizierungs-Begriffs hin: „Arme Mieter verdrängen noch ärmere Mieter.“

Schlussfolgerung kann also nur sein, dass auch für Geringverdiener finanzierbare Wohnungen gebraucht werden, um den Prozess zu stoppen. „Wohnungsbau auf dem Tempelhofer Feld“, schlug Ephraim Gothe, Staatssekretär für Bauen und Wohnen, als praktikable Maßnahme vor. Dort entstehende Neubauten, präzisierte er, seien aber selbstverständlich nicht für Einkommensschwache sondern für gehobenere Gehaltsklassen, um die Konkurrenzsituation auf dem Wohnungsmarkt zu entschärfen.

Mit der Zukunft des ehemaligen Tempelhofer Flughafens beschäftigte sich am Montagabend auch ein Anderer:  Dr. Lothar Köster, der Initiator der Bürgerinitiative „100 % Tempelhofer Feld“. Der Gesetzentwurf zum Volksbegehren/Volksentscheid zur vollständigen und dauerhaften Erhalt des jetzigen Zustands sei nun fertig, teilte er in einer Pressemeldung mit, wäh- rend Gothe auf dem Campus Rütli noch die TOPOS-Studie als Legitima- tion zur Bebauung der einzigartigen Fläche bemühte.

Im Wesentlichen, so die Bürgerini- tiative, schreibe dieses Gesetz den Verbleib des Tempelhofer Flugfeldes im Eigentum des Landes Berlin vor und verbiete die Veränderung durch Bebauung oder Umgestaltung. Das Tempelhofer Feld solle in seiner Gestalt langfristig erhalten und dauerhaft kostenlos zugänglich bleiben.

Der Gesetzentwurf werde „in den nächsten Tagen offiziell eingereicht“, kündigt Köster im Namen der Bürgerinitiative „100 % Tempelhofer Feld“ an. „Sobald die zuständige Senatsstelle für Stadtentwicklung und Umweldschutz ihre vom Gesetz vorge- schriebenen Kostenschätzungen erstellt haben, beginnen wir mit der Sammlung der Unterschriften.“ In der ersten Phase würden 20.000 gültige Unterschriften benötigt werden, um die Unterstützung der Bevölkerung Berlins für dieses Volksbegehren nachzuweisen. „Angesichts des breiten Zuspruchs und der klaren Alternativen wird diese erste Sammelphase keine erheblichen Probleme bereiten“, sind Lothar Köster und seine Mitstreiter überzeugt.

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Abgestempelt

„Ihr gehört doch auch zu den Gentrifizierern!“ – diesen Vorwurf kennt Silke Lorenzen, die Chefin des Hüttenpalasts, nur zu gut. Anfang Mai eröffnete sie zusammen mit wohnwagen hüttenpalast neuköllnSarah Vollmer im Neuköllner Reuterkiez ihr Hotel der etwas anderen Art: Außer sechs Zimmern stehen den Gästen in einer ehemaligen Fabrikhalle Holzhütten und individuell gestaltete Wohnwagen-Oldtimer für Über- nachtungen zur Verfügung. Angebote, die sich großer Beliebtheit erfreuen, allem voran natürlich das, unbe- lästigt von Wetterkapriolen Camping-Feeling erleben zu können. Die Wohnwagen seien eindeutig das Aushän- geschild des Hüttenpalasts.

Doch Silke Lorenzen geht es nicht nur darum, ihren Gästen zu Kost und Logis in ungewöhnlicher Umgebung hüttenpalast neuköllnzu verhelfen. Zum Kon- zept gehört auch die Schaffung von „nahen, authentischen Kontak- ten zu Kunst, Kultur und Kiezleben“. Die einstige Globetrotterin kennt diese drei Ks gut, denn sie wohnt seit 10 Jahren im Reuterquartier. Insbeson- dere mit der Türöffner-Funktion zum Kiezleben werde es jedoch wegen der rasanten Veränderun- gen zunehmend schwieriger. Läden und Menschen, die über Jahre zu den festen Größen im Viertel gehörten, seien inzwischen weggezogen. „Und jeder, der wegzieht, nimmt auch ein bisschen von der Atmosphäre mit, die den Kiez ausmachte“, sagt Silke Lorenzen. Wo sind sie jetzt – der türkische Gemüsehändler, der arabische Bäcker oder auch der Künstler, der kam, bevor alle anderen kamen? Das fragt sich die Mittdreißigerin. Zugleich beschäftigt sie die Frage, wann wohl das Haus, in dem sie selber wohnt, saniert wird und die Miete über die Grenze des Bezahlbaren klettert. „Dann werde ich auch wegziehen müssen“, prognostiziert sie. Verständlich, dass es ihr missfällt, abgestempelt und in die Gentrifizierer-Schublade gestopft zu werden.

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Zeitreise statt Durchblick an einem Neuköllner Schaufenster

Sie sind ein sensibles Völkchen: diejenigen, die Neukölln vor den Auswir- kungen ganz normalen Lebens (sprich: Verände- rungen) schützen wollen. Schon wer einen Farb- eimer, mehrere Laminat-Gebinde oder Designer-Armaturen aus dem Koffer- raum wuchtet, um die eigene Wohnung etwas aufzuhübschen, gerät leicht in den Verdacht, die Aufwertung beschleunigen zu wollen.

Noch heikler ist es, wenn plötzlich die Rollläden vor den Fenstern und Türen lange oder noch länger abgeschotteter Gewerbe-Immobilien verschwinden und im Laden Renovierungsarbeiten zu erkennen sind. Dann fährt der Puls der Gentrifizierungs- paranoiker Achterbahn. Dass in diesem Zustand äußerster Erregung nicht mehr darauf  geachtet werden kann, dass – wie im Fall des ehemaligen Nogat Stübchens

nogat stübchen neukölln, bz 31.7.1974

eine BZ-Ausgabe vom 31. Juli 1974 an den Schaufenstern klebt, die Wiederbelebung der Immobilie also ökonomisch wie bausubstanziell mehr als überfällig sein sollte, ist bedauerlich – und doch irgendwie verständlich.

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Benachteiligte Quartiere

Was wird aus der Mitte? Was wird aus den ehemaligen Arbeiterquartieren, was aus den ehemaligen Stadtbrachen? – Mit diesen Aspekten beschäftigte sich die Initiative Think Berl!n bei ihrer Strategietagung, zu der mit der provokativen Frage „Ist Stadt- entwicklung nach der Wahl egal?“ eingeladen wurde. Nun erschien anlässlich der Tagung die Publikation „Berlin hat mehr verdient!“, in der auch der folgende Text von Dr. Cordelia Polinna erschien:

Die Herausforderungen, vor denen innerstädtische benachteiligte Stadtquartiere wie Nord-Neukölln, Kreuzberg, Moabit oder Wedding stehen, werden von verschiedenen Ressorts der Politik umfangreich diskutiert.

Die Probleme sind mehrdimensional, bestehen u. a. in den Bereichen Bildung, Arbeitslosigkeit, Integration, Wirtschaftskraft, Wohnungs- und Mietenpolitik und haben Auswirkungen, die sich in der städte- baulichen Struktur der Gebiete widerspiegeln, etwa durch Segre- gation, überforderte Einrichtungen der sozialen und kulturellen Infra- struktur, verwahrloste öffentliche Räume aber auch wirtschaftlich geschwächte und nicht funktionie- rende Stadtteilzentren. Gleichzeitig ist zumindest in einigen dieser Gebiete ein wachsender Entwick- lungsdruck unverkennbar – etwa durch die Zunahme von Touristen und den vermehrten Zuzug von Studenten und „Kreativen“. Diese Entwicklung ist prinzipiell sinnvoll und gewollt, denn die Quartiere zeichnen sich durch eine attraktive Bausubstanz aus, sind gut erschlossen und eignen sich als Wohn- und Arbeitsquartiere für alle gesellschaftlichen Schichten. Sie löst jedoch bei Teilen der Bevölkerung Ängste aus – vor Gentrifizierung und vor Touristifizierung. Diese Ängste müssen Ernst genommen werden. Es müssen Ideen entwickelt werden, wie in den „alternativen Szenekiezen“ mit den negativen Auswirkungen des Zuzugs von Besserverdienenden oder mit den wachsenden Touristenströmen, etwa Lärm- belästigung oder die Umwand- lung von Wohnungen in Ferien- wohnungen, umgegangen wer- den kann.

Gleichzeitig bieten sich durch das wachsende Interesse an diesen Quartieren auch viele Chancen für die polyzentrale Stadt – die Stärkung der lokalen Ökonomie und des dezentralen Tourismus in den Bezirken oder die Qualifizierung der inner- städtischen Wohnquartiere im Sinne der klimagerechten, kompakten Stadt mit Mischnutzung und kurzen Wegen.

 In den vergangenen Jahren sind umfangreiche Fördergelder in die benachteiligten Quartiere geflossen, in Form der Programme Quartiersmanagement bzw. soziale Stadt, Aktive Stadtzentren, Stadtumbau West und Aktionsräume plus; durch Vorzeigeprojekte wie den Campus Rütli sowie zuletzt im Rahmen der Festsetzung neuer Sanierungsgebiete, die zu einem großen Teil in den benachteiligten Innenstadtquartieren liegen. Mit Hilfe dieses wichtigen stadtplanerischen Instruments werden in den nächsten 15 Jahren rund 216 Millionen Euro vorrangig für die Verbesserung von Schulen, Kitas, Straßen und Grünflächen investiert. In den benachteiligten Stadtquartieren überlagern sich also mehrere Förderkulissen. Welche Erfolge mit den bisherigen Maß- nahmen erzielt wurden, wird jedoch nicht wirklich deutlich, im Gegenteil, das „Monitoring soziale Stadt“ doku- mentiert seit Jahren einen immer weiter voranschreitenden Negativtrend.

Vor allem mangelt es an innovativen Konzepten für die Gebiete. Das im Rahmen des Programms Aktive Stadtzentren entwickelte Motto “[Aktion! Karl-Marx-Straße] – jung, bunt, erfolgreich” klingt recht banal und austauschbar. Was die „Aktionsräume plus“ leisten und ob sie nicht in erster Linie Ressourcen binden, wird ebenfalls nicht deutlich, auch hier sind die bislang vorgestellten Konzepte schwammig und erschreckend visionslos.

Als zentrales Vorzeigeprojekt im nördlichen Neukölln ist der Campus Rütli geplant, die Aufwertung einer „Problemschule“. Der städtebauliche Entwurf für den Campus konnte jedoch nicht überzeugend darstellen, wie sich der Campus öffnen und das mittlerweile sehr lebendige Quartier einbeziehen wird. Im Gegenteil, hier ist immer noch eine Abschottung nach Außen geplant. Kann sich das Projekt mit dem vorhandenen Nutzungs- und Gestaltungs- konzept wirklich zu einem lebendigen, attraktiven Anziehungspunkt des Stadtteils entwickeln?

Und grundsätzlich: Welche neuen Funktionen müssen Einrichtungen der sozialen und kulturellen Infrastruktur in den benachteiligten Stadtquartieren übernehmen, um mit den Herausforderungen der Gebiete umgehen zu können? Und welche Rolle sollte die Gestaltung spielen, wenn eine Erneuerung oder der Neubau von Infrastruktureinrichtungen geplant werden?

Mit den neu ausgewiesenen Sanierungsgebieten fließt viel Geld in die benachteiligten Stadtquartiere und die öffentliche Hand hat mit der Ausweisung eine große Chance bekommen, städtebauliche Impulse zu setzen. Wie mit diesen zusätzlichen Geldern die Probleme gelöst werden sollen, bleibt jedoch unklar. Gibt es für diese „Sanierung“ überhaupt schon eine Leitidee, die über Allgemeinplätze hinausgeht? Muss nicht, bevor jetzt umfangreiche Maßnahmen in den Sanie-rungsgebieten geplant werden, erst mal eine völlig neue Definition von Sanierung und Aufwertung entwickelt und diskutiert werden, die den heutigen Anforderungen an die Gebiete gerecht wird? Können wir mit den Instrumenten der Sanierung von vor 30, 20, 10 Jahren den neuen Fragestellungen überhaupt noch begegnen? Müssen hier nicht neue Ansätze entwickelt werden, die auf Fragestellungen wie das Thema der multiethnischen Stadt oder die Angst vor der Verdrängung, den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel eingehen? Und sind die Bezirke und vor allem die lokalen Planungsämter dieser Chance, aber gleichzeitig auch dieser neuen Herausforderung überhaupt gewachsen?

Was für neue Instrumente müssen entwickelt werden, um „Sanierung“ durch- zuführen? Die Konsequenz aus der Befürchtung, durch städtebauliche Maßnahmen immobilienwirtschaftliche Aufwertungsprozesse auszulösen, kann ja nicht lauten, in diesen Quartieren auf städtebauliche Projekte zu verzichten. Wie muss also der Begriff der Aufwertung neu definiert werden? Wie kann die private Wirt- schaft stärker in diese Prozesse eingebunden werden?

Mit anderen Worten: Es wurde versäumt, vor der Ausweisung der neuen Sanierungsgebiete eine breite gesellschaftliche Diskussion anzu- stoßen, was denn überhaupt die Merkmale einer neuen Generation von Sanierungsgebieten sein sollen. Welche Rolle soll in diesen Gebieten das Thema der Baukultur, der städtebaulichen Qualität spielen. Muss nicht die städtebauliche und architektonische Gestaltung der Projekte stärker ins Blickfeld rücken – weg von „so billig wie möglich“ zu Projekten, auf die die Bewohner der Gebiete stolz sein und mit denen sie sich identifizieren können?

Doch der Blick auf die innerstädtischen Sanierungsgebiete reicht nicht aus. Wenn Menschen verdrängt werden, dann oft an den Stadtrand, in die Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus. Um diese Siedlungen kümmern sich nur wenige Spezialisten. Diese Siedlungen rücken nur dann ins Blickfeld von Politikern, wenn dort radikale Parteien große Zuwächse bei Wahlen verbuchen. Das aber ist zu wenig. Wenn wir nicht aufpassen, ballen sich dort die Probleme von morgen.

=Cordelia Polinna=

Cordelia Polinna wurde in Neukölln geboren, wuchs im Böhmischen Dorf im Richardkiez auf und lebt auch heute wieder – nach Stationen in Edinburgh, London und New York – in Neukölln. Sie studierte Stadt- und Regio- nalplanung und promovierte vor vier Jahren an der TU Berlin.

Nach Neukölln geschwappt

Wer sich im Norden Neuköllns auskennt und häufig im Bezirk aufhält, weiß, wie lästig sie sind: diese Heerscharen von Touristen, die sich mit Reiseführern und Kameras durch die Straßen jenseits des Reuterkiezes wälzen, in Kneipen, Cafés und Restaurants südlich des Hermannplatzes einfallen und in den Geschäften zwischen Neuköllner Schiffahrtskanal und Tempelhofer Feld ihre Reisebudgets verjubeln, dass die Kassen nur so klingeln. Es war folg- lich nur eine Frage der Zeit, wann die einschlägigen Beschützer vor dem Bösen die Besucher des Bezirks in die Liste ihrer Feindbilder aufnehmen und – nach Kreuz- berger Vorbild – mit dem Touristen-Bashing begin- nen würden.

Nun sind erste Anzeichen dafür aufgetaucht, dass die Welle es nach Neukölln geschafft hat. Unweit der Schmierereien schloss vor nicht langer Zeit ein winziges Café, weil die Ausgaben über den Einnahmen lagen. In Sichtweite wird demnächst ein Delikatessenladen mit Gastronomie-Segment er- öffnen, um den Kampf ums Überleben aufzunehmen. Die Unterstützung durch Touristen wird dabei sicher gerne angenommen.

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Alles schon dagewesen

Noch ist nichts von ihm zu sehen, wird nur gemunkelt, dass er entstehen soll: ein Feinkostladen im Schiller- kiez. Wahrscheinlich, dass er wieder die Gentrifizie- rungsphobiker und Alles-soll-so-bleiben-wie-es-ist- Sympathisanten auf den Plan rufen wird. Doch be- vor die da waren und bevor das Wort Gentrifizierung überhaupt erfunden wurde, gab es im Schillerkiez längst einen Feinkostla- den – nur ein paar Schritte von einem Pelzgeschäft entfernt. Solche Zeichen dafür, dass der Kiez schon bessere Zeiten erlebt hat, findet man überall.

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Die süße Seite der Gentrifizierung

Klirrende Kälte, Schnee, blauer Himmel und Sonne – das Wetter hatte es gestern wahrlich gut gemeint: Mit den Aktiven vom Pro Schil- lerkiez, die einzig mit einer N+Förderung von 300 Euro den ersten Adventsmarkt auf dem Herrfurthplatz ge- stemmt hatten, ebenso wie mit denen, die heiße Getränke, Snacks oder sonstiges Wärmendes an- boten und die übli- che  Warenpalette der Schillermarkt-Händler ergänzten. „Sehr schön hier, nette Atmosphäre und zum Glück nicht so überlaufen wie auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt“, waren sich auch die Besucher einig. Manche hatten den Markt zufällig auf dem Weg zum oder vom Tempelhofer Feld entdeckt, andere wollten ganz gezielt bei der Premiere dabei sein. „Schade, dass es das nicht an allen Adventssamstagen gab“, fanden viele. Mit „das“ meinten sie neben dem, was unter freiem Himmel stattfand, auch das Advents- markt-Programm in der Genezareth-Kirche: Der  augen- scheinlich auch für Jüngere of- fene 60+-Chor sang Rock- und Popsongs, Günter Stolacz Operette und Oper, die Gruppe „Tanz rund um den Globus“ machte die Fläche vor dem Altar zum Tanzparkett und Pfarrerin Elisabeth Kruse lud zum Abschluss des Programms zum Weihnachtslieder-Mitsingen ein.

Auch draußen war Mitmachen angesagt: Ein Weihnachtsmann stapfte über den Markt und belohnte Kinder, die ihm Weihnachtsgedichte aufsagten oder Lieder vorsangen, mit kleinen Geschenken. Um etwas Größeres, das nicht mit Gedichten oder Liedern bezahlt werden konnte, ging es dagegen bei einer Versteigerung am Stand der Organisatoren. Stadtteilführer Reinhold Steinle schlüpfte in die Rolle des Auktionators. „Das Haus“, erklärte er, „ist letzte Woche beim Late Light Shopping von Schülern der Akademie Schmöckwitz und Kindern gebaut worden.“ Der Erlös solle der Karlsgarten-Schule für die Um- gestaltung ihres Schulhofs zugute kommen. Die Skepsis, ob sich jemand finden würde, der bereit wäre, einen Betrag weit über dem Mindestgebot zu zahlen, war dem Moderator anfangs deutlich anzu- merken. Doch seine launige An- preisung des recyclebaren Ein- zimmerhauses zog nach und nach  mehr Schaulustige mit Ambitionen, zum Eigenheim-Besitzer zu werden, an. Die 60 Euro-Marke war schnell überschritten; am Ende fand das Haus für 70 Euro einen neuen Eigentümer. Von spon- tanen Unmutsbekundungen à la „Wir wollen solche Luxusbauten nicht hier im Kiez haben“ ließ der sich nicht einschüchtern.  „Das wird die neue Dependance unserer Firma im Schillerkiez“, verriet Christian Hoffmann stolz. Auch aus weiteren Plänen machte er kein Geheimnis: „Eine Gentrifizierung mit Leb- kuchenhäusern, das ist unser Ziel.“ Der Anfang ist gemacht.

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Wo sie recht haben …

gentrifizierungshysterie neukölln,schwachmaten-logikZumindest die Mieter der Häuser, an denen  Gentrifizierungsparanoiker ihre verquasten Weisheiten hinterlassen, werden das bestätigen.

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Die letzten Mohikaner geben auf

Noch ein Jahr, dann hätte das 50-jährige Bestehen des Ladens gefeiert werden können. Doch dazu wird es nicht mehr kommen: Ende September schließt Schmidt’s Büro- und Schulmarkt in der Hermannstraße 89.

„Wo kann ich denn dann meinen Elvis-Kalender bestellen?“, fragt eine Mittfünfzigerin. schmidts büro- und schulmarkt hermannstraße, neuköllnEin alter Mann, Typ Herr, will wissen, ob in der Nähe überhaupt ein anderes Geschäft sei, in dem man richtiges Tesa-Film kaufen kann. Von diesem ganzen billigen Kram, sagt er, halte er nichts. Deshalb besorge er sich jeden Kugelschreiber, Briefumschlag, Klebstoff oder eben die Tesa-Film-Rollen bei Schmidt’s. Eine Erzieherin aus einer Kita in der Nachbarschaft guckt in den immer leerer werdenden Regalen nach Dingen, die zum Basteln verwendet werden könnten. Mit Tonpapier-Bögen in verschiedenen Farben, einigen Pinseln und einer Rolle Seidenpapier verlässt sie den Laden.

Seit ein paar Wochen hat das Einkaufen hier etwas von Leichenfledderei. Leuchtende Zettel mit der Aufschrift 30 % hängen über Schulheften, Tuschkästen, Ringbucheinlagen und den meisten anderen Dingen, bei manchen Artikeln darf man sogar 50 % vom Preis auf dem Etikett abziehen. Was weg ist, ist weg. Lieber die Marge reduzieren als auf Unmengen von Waren sitzen zu blei- ben. Im Gegensatz zu manch ande- rem Räumungsverkauf in Neukölln, bei dem schon kurz nach der Schließung ein neuer Inhaber mit identischem Sortiment weitermacht, ist dieses ein richtiger. Eine echte Geschäftsaufgabe nach der Devise „Besser jetzt als gleich“. Hoffnungen, schmidts büro- und schulmarkt hermannstraße, neuköllndass es in absehbarer Zeit mit den Umsätzen wieder bergauf gehen könnte, haben Inhaber Helmut Horn und seine Frau nicht.

Als sie den Laden übernahmen, habe es noch 10 Schreibwarenhandlun- gen in Neukölln gegeben. „Jetzt sind wir die letzte“, sagt Horns Frau. Eine gegenläufige Entwicklung legten Bil- ligmärkte hin, in denen viele Artikel, die auch „Schmidt’s Büro- und Schulmarkt“ anbot, in minderwertigerer Qualität zu bedeutend niedrigen Preisen zu haben sind. Einer ist schräg gegenüber seit ein Lebensmittel-Discounter diese Filiale aufgab. „Und dann noch die ganzen Shopping- center, die genehmigt werden und uns kleinen Einzelhändlern das Genick brechen.“

Von der 1B-Lage sei die Hermannstraße zur 2C-Kategorie abgesackt. An der Miete habe sich das jedoch leider nicht bemerkbar gemacht: „Immerhin ist sie nicht gestiegen, aber bei sinkenden Umsätzen war sie eben auch nicht länger tragbar.“ Dass die Gewerbefläche schnell neu vermietet wird, bezweifeln die Noch-Mieter. Insgesamt 14 Wohnungen stünden im Haus leer, da käme es auf die zusätzlichen Quadratmeter sicher auch nicht mehr an: „Was der Hauseigentümer vorhat, ist uns wirklich ein Rätsel.“

Unklar ist ebenso die Zukunft der Horns. Um einem Rentner-Dasein zu frönen sind sie noch viel zu jung. Da werde sich schon etwas finden, sind sie überzeugt. „In den letzten 30 Jahren haben wir nur für den Laden funktioniert“, so der Rückblick auf die Zeit in der Hermannstraße, „jetzt bringen wir erstmal unsere Gesundheit wieder auf Trab.“ Sollte es wirklich jemals zu einer Gentrifizierung des Schillerkiezes, zu dem auch die Hermannstraße gehört, kommen – für das letzte Schreibwarengeschäft Neuköllns kämen Kaufkräftige mit der Ambition, die lokale Wirtschaft zu unterstützen zu spät. „Übernächsten Donnerstag noch, dann ist Schluss“, sagt die Frau hinter der Ladentheke und klingt dabei eher erleichtert als wehmütig.

_ensa_