Die stärkste Waffe ist die Solidarität!

Schuld an allem Übel dieser Welt ist die Globalisierung: eine recht monokausale Erklärung, die trotzdem bei vielen Zustimmung findet. Bewegen wir uns mit dem Betrachtungshorizont auf lokaler Ebene, wird es komplizierter. Doch es gibt auch hier Menschen, für die es nur  an/aus, schwarz/weiß oder gut/böse  geben darf.

Gerade wurde die Ursache der Gentrifizierung in Neukölln ausgemacht: Tanja Dickert. Sie führt seit vielen Jahren die Ahoj! Souvenirmanufaktur und ist Mitbegründerin der KGB44, der Kreativen Gesellschaft Berlin. Sie ist gebürtige Neuköllnerin, engagiert sich für ihren Kiez. Hier fängt das Problem an. Auf einem Szeneportal wird nun gegen sie als eine Wegbereiterin der Gentrifizierung polemisiert.

Es gibt Menschen, die der Auffassung sind, man könnte Mietsteigerungen, Verdrängung oder vergleichbare Prozesse dadurch besei- tigen, dass z. B. Müllberge die Straßen flan- kieren. „Dreckige Straßen – Niedrige Mieten“ prangt seit fast zwei Jahren an einem Haus in der Boddinstraße. Seitdem hat sich in Bezug auf Sauberkeit nichts drastisch verschlech- tert – verbessert hat sich aber auch nichts, einzig die Mieten sind weiter gestiegen.

Kunst und Kultur sind in den Augen Weniger die nächsten Boten und Wegbereiter der Gentrifizierung. Dass KünstlerInnen das gleiche Recht wie linke Kneipenprojekte, Buchläden oder Fahrradkollektive haben, sich selbstbestimmte Aktionsräume und finanzielle Überlebensstrategien zu schaffen, wird dabei genauso außer acht gelassen wie der Umstand, dass viele der Erwähnten in vergleichbar prekären Situationen leben und arbeiten. Bei den Einen jedoch ist es toleriertes revolutionäres Engagement, bei den Anderen wird es als dumme Selbstausbeutung im Interesse von Kapital und Macht verstanden. Gänzlich unverständlich wird die Hatz auf KünstlerInnen, wenn sich diese auch noch aktiv antifaschistisch, emanzipatorisch und kiezgemeinschaftsstärkend engagieren.

Auf die Idee, dass manche Anti-Gentrifizierungsaktion samt des revolutionären Flairs, den die Aktion zu umgeben scheint, genau den Reiz für Zuzügler ausmacht und sie fast jeden Mietpreis zu zahlen bereit sind, der 10 Euro unter Schwabing-Mitte-Niveau liegt, kommen Menschen eher selten. Die Neuen indes freuen sich, dass sie für ihr Intermezzo in der Haupt- stadt billigen Wohnraum – bei Mün- chener Löhnen – gefunden haben. Und zu Hause können sie den Freunden vom coolen, linken Neu- kölln berichten, ohne sich selber für irgendetwas engagieren zu müssen.

Ich bin vor kurzem von einer tür- kischen Nachbarin angesprochen worden, dass wir unbedingt etwas gegen diese grässlichen Mieterhöhungen im Quartier unternehmen müssen. Langjährige, oft ältere NachbarInnen sind aktuell von Verdrängung betroffen. Von einer Neuköllner Protestbewegung haben sie nichts gehört. Sie fühlen sich auch nicht angesprochen oder sind er- oder abgeschreckt von manchen äußeren Erscheinungsbildern eines berechtigten und notwendigen Kampfes. Wahrgenommen wurde dagegen der so genannte Kreuzberger Weg mit dem Anliegen, eine breite, teils bürgerliche Aktionsgemeinschaft zu formieren und eine große Demo auf die Beine zu stellen. Auch in Neukölln gibt es viele, denen die Situation reicht, die sich engagieren wollen oder es bereits tun. Die meisten von ihnen suchen jedoch nicht die Weltrevolution im Hinterhof und wollen auch keine Müllkippen als Barrikaden gegen Mietwucher errichten. Sie wollen ihr Leben bunt und selbstbestimmt leben. Sie suchen Unterstützung auf Augenhöhe durch Menschen, die sie wahr- und ernst nehmen. Eine Basis dafür ist Vertrauen und Kommunikation auf Kiezebene, gemeinsame Aktionen und gemeinsame Feste. Tanja Dickert ist ein Mensch, der solche Dinge im Kiez gemeinsam mit anderen bewegt.

Wir brauchen keine Spaltereien und keine Fronten untereinander, denn die einzige Chance etwas zu bewirken, ist gemeinsam zu handeln. Wohin elitäres Sektierertum führt, haben viele gescheiterte Kämpfe in der Vergangenheit gezeigt. Vermutlich bin ich nun auch in die „böse Ecke“ gerückt, doch es bleibt mir derzeit nichts anderes übrig, denn für mich gilt immer noch: Die stärkste Waffe ist die Solidarität!

– ein Kommentar von Christian Hoffmann

Eine Studie, die etwas andere Verdrängung in Neukölln und das Zerren ums Tempelhofer Feld

topos-studie sozialstrukturentwicklung in nord-neukölln, senatsverwaltung für stadtentwicklung berlin

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„Sozialstrukturentwicklung in Nord-Neukölln“ heißt die 63-seitige Studie, die TOPOS Stadtforschung im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erstellte und Montagabend vor rund 100 Interessierten  in der Mensa des Campus Rütli präsentierte.

Deren wohl wichtigste Erkenntnis scheint, dass für die Situation im Norden des Bezirks der Begriff Gentrifizie- rung neu definiert werden muss. „Deutliche soziostruk- turelle Aufwertungstendenzen“, so die Studie, „sind nur im Gebiet Reuterplatz zu erkennen“. Dort gebe es den höchsten Anteil an Gentrifiern, jeder vierte Haushalt im Quartier falle in die Kategorie der Besserverdienenden. Für alle anderen Kieze gelte hingegen, dass in ihnen ein Zuzug vieler Pioniere, d. h. jungen Leuten mit hoher Bildung und eher niedrigem Einkommen, zu registrieren sei, sich aber keinesfalls ein Gentrifizierungsprozess abzeichne. Eine Verdrängung finde aber sehr wohl statt, schränkt Studienleiter  Sigmar Gude ein und weist damit auf die Neuköllner Eigenart des Gentrifizierungs-Begriffs hin: „Arme Mieter verdrängen noch ärmere Mieter.“

Schlussfolgerung kann also nur sein, dass auch für Geringverdiener finanzierbare Wohnungen gebraucht werden, um den Prozess zu stoppen. „Wohnungsbau auf dem Tempelhofer Feld“, schlug Ephraim Gothe, Staatssekretär für Bauen und Wohnen, als praktikable Maßnahme vor. Dort entstehende Neubauten, präzisierte er, seien aber selbstverständlich nicht für Einkommensschwache sondern für gehobenere Gehaltsklassen, um die Konkurrenzsituation auf dem Wohnungsmarkt zu entschärfen.

Mit der Zukunft des ehemaligen Tempelhofer Flughafens beschäftigte sich am Montagabend auch ein Anderer:  Dr. Lothar Köster, der Initiator der Bürgerinitiative „100 % Tempelhofer Feld“. Der Gesetzentwurf zum Volksbegehren/Volksentscheid zur vollständigen und dauerhaften Erhalt des jetzigen Zustands sei nun fertig, teilte er in einer Pressemeldung mit, wäh- rend Gothe auf dem Campus Rütli noch die TOPOS-Studie als Legitima- tion zur Bebauung der einzigartigen Fläche bemühte.

Im Wesentlichen, so die Bürgerini- tiative, schreibe dieses Gesetz den Verbleib des Tempelhofer Flugfeldes im Eigentum des Landes Berlin vor und verbiete die Veränderung durch Bebauung oder Umgestaltung. Das Tempelhofer Feld solle in seiner Gestalt langfristig erhalten und dauerhaft kostenlos zugänglich bleiben.

Der Gesetzentwurf werde „in den nächsten Tagen offiziell eingereicht“, kündigt Köster im Namen der Bürgerinitiative „100 % Tempelhofer Feld“ an. „Sobald die zuständige Senatsstelle für Stadtentwicklung und Umweldschutz ihre vom Gesetz vorge- schriebenen Kostenschätzungen erstellt haben, beginnen wir mit der Sammlung der Unterschriften.“ In der ersten Phase würden 20.000 gültige Unterschriften benötigt werden, um die Unterstützung der Bevölkerung Berlins für dieses Volksbegehren nachzuweisen. „Angesichts des breiten Zuspruchs und der klaren Alternativen wird diese erste Sammelphase keine erheblichen Probleme bereiten“, sind Lothar Köster und seine Mitstreiter überzeugt.

=ensa=