Rauch über dem Neuköllner Rathausturm

Oder: Die Doppelspitze ist nicht komplett.

Es ist Freitag, 16.50 Uhr. In der Pförtnerloge vom Rathaus Neukölln ist gerade Ablösung, und innerhalb der nächsten Minuten verlassen noch drei Bedienstete das Gebäude. Dann bleibt die Halle leer und ich sehe mich lediglich mit dem allegorischen Schmuckwerk an den Säulen konfrontiert.

Ich warte, denn ich habe ei- nen Besichtigungstermin: mit Alex, wie sich bald heraus- stellen wird. Er jobbt in seinen Ferien beim STADT- LEBEN e. V., und ermöglicht es damit, mittwochs und freitags, jeweils dreimal pro Tag im 30-Minuten-Takt den Neuköllner Rathausturm zu betreten. Offen, zugewandt und gut gelaunt nimmt er die 17 Uhr-Gruppe (das bin ich) in Empfang – aufwärts geht es.

Der Turm ist durch eingezogene Decken in Geschosse unterteilt, die hell gestrichen und gut beleuchtet sind und in denen die einmal in der Galerie im Körnerpark gelaufene Ausstellung über Rixdorfer und Neuköllner Bautätigkeit ihren Platz gefunden hat. Leider erlaubt es die Zeit nicht, sich in die Schrifttafeln zu vertiefen, aber quasi im Vorbeigehen bekomme ich mit, dass die in Kupfer getriebene Fortuna auf dem Dach des Turmes eine Schöpfung des Bild- hauers Josef Rauch ist.

Dann erreichen wir die offene Galerie und ein „frisches Lüftchen“, lässt Alex in seinem  leichten  Dress  recht bald  frösteln. Die  Aussicht  ist  dennoch grandios. Wir

tauschen uns aus und einer bestätigt dem anderen, dass er mit seiner jeweiligen Zuordnung von Namen und Bauwerk richtig liegt. Die auf den angebrachten Schildern verzeichneten Namen von Türmen und Gebäuden sind leider aus- gesprochen dürftig.

Von Alex lerne ich, dass die Spitze am Türmchen des Amtsgerichts, die einem Sturm zum Opfer fiel, immer noch nicht ersetzt ist. Ich weise ihn im Gegenzug auf die Besonderheit der Berliner „Bescheißerchen“-Dächer aus der Gründerzeit hin, deren Sichtflächen ein komplettes Ziegeldach vorgaukeln, aber oben nur mit Dachpappe gedeckt sind.

So plaudern wir uns auch wie- der die Treppen herunter, ohne dass ich die Stufen gezählt habe – und das war doch meine feste Absicht. Na, dann beim nächs- ten Mal, und das gibt es be- stimmt, denn die Führungen werden bis Anfang November angeboten.

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Die Rathausturm-Führungen beginnen mittwochs um 11, 11.30 und 12 Uhr sowie freitags um 16, 16.30 und 17 Uhr.  Treffpunkt ist am Brunnen vor dem Neuköllner Rathaus. Anmeldung erwünscht unter: Tel. 030 – 766 89 575; Teilnahmegebühr: 1 Euro.

=kiezkieker=

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Von A(ktionsraum plus) bis Z(wangsarbeiterlager)

Auch in dieser Woche gibt es wieder Gelegenheiten, viele Meter unter der auf dem Neuköllner Rathausturm stehenden dreibeinigen Kupfer-Fortuna den Be- zirksverordneten beim öffent- lichen Teil ihrer Arbeit zu- zugucken.

Morgen wird die im recht überschaubaren Kreis statt- finden, denn der Ausschuss für Verwaltung und Gleich- stellung, der sich ab 17 Uhr im Wetzlar-Zimmer trifft, um seine Tagesordnung zu be- ackern, hat gerade mal 15 Mitglieder.

55 Bezirksverordnete und weitere sechs Stadträtinnen und -räte sind es, die die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung am Mittwoch ab 17 Uhr in ihren Terminkalendern stehen haben dürften. Bei der 45. öffentlichen Sitzung kommt die Tagesordnung mit einem frühlingsbunten Themenstrauß daher: Um Naschgärten, den Britzer Hafen, Bürgerarbeit und -beteiligung soll es ebenso gehen wie um die Mietentwicklung in Neukölln, das Aktionsraum plus-Programm, eine Rauch- warnmelderpflicht, die Beleuchtung des Schwarzen Wegs und das ehemalige Zwangsarbeiterlager in der Sonnenallee.

=ensa=