Eingespart und ausgetauscht

„Bei uns in Neukölln bekommst Du eben alles! Selbst Elektrünische Waren-Maschinen …“, stellte der Comedian Murat Topal jüngst via Facebook fest und lieferte das  Beweisfoto  gleich  mit.  Dass in  Neukölln  auch  in  anderen  Branchen  bei  der

Außenwerbung hemmungslos  Buchstaben substituiert oder gleich suspendiert  wer- den, belegt dieses Bild.

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Wenn sich reale und virtuelle Wege kreuzen

Facebook polarisiert: Die einen sind Fans des sozialen Netzwerks und nutzen es begeistert. Die anderen – wie beispielsweise Ladykracherin Anke Engelke – lehnen es ab und halten das Portal für eine Ablenkung „vom Wesentlichen und  vom so- zialen Miteinander“. Doch es geht auch anders – sogar ganz anders, wie unser Beispiel aus Neukölln zeigt.

Es war vor genau vier Jahren, als sie in das Haus am Weigandufer zog. Seitdem guckt die studierte Theaterwissenschaftlerin aus luftiger Höhe von ihrem Balkon auf den Neuköllner Schiffahrtskanal. Er ist dem Wasser zwei Etagen näher und schwärmt: „Den wunderschönen Neuköllner Schiffahrtskanal, bitte. Da, wo morgens verliebte Schwäne vorbeischwimmen, wenn man noch schlaftrunken die Vorhänge wegzieht, um einen Blick auf die aufgehende Sonne zu er- gattern.“ Seit November 2008 genießt er diese Idylle, doch das hat seine Nachbarin erst kürzlich erfahren.

Wahrscheinlich wüsste sie es jetzt noch nicht, denn in Berlin ist unüblich, was in anderen Regionen Deutsch- lands Usus ist: Dass neue Mieter durchs Haus tingeln, um sich ihren Nachbarn vorzustellen. Wer dasselbe Dach über sich hat, erfährt man im Laufe der Zeit oder eher zufällig. „Ich treffe niemals irgendjemanden in meinem Haus“, sagt sie. „Es sei denn, der Postbote gibt Päckchen für mich irgendwo ab.“ Er ist da etwas anderer Mei- nung: Doch, sie hätten sich zweimal im Hausflur am Briefkasten gesehen, gegrüßt, mehr nicht.

Zu mehr kam es trotzdem. Denn die beiden haben nicht nur im richtigen Leben ein ge- meinsames Dach, sondern teilen seit gut einem Jahr auch in der virtuellen Welt eines: das von Facebook. Das allein war allerdings nur die halbe Miete, erst die FB-Freundschaft beider mit dem FACETTEN-Magazin machte die Sache immer runder.

Vor etwa zwei Monaten wurde er zum ersten Mal auf sie aufmerksam: „Ich glaube, es war ein Beitrag über das Wetter, bei dem es irgendwie auf das Weigandufer kam. Da äußerte sie sich, soweit ich mich erinnere.“ Wenig später wurde dann überdeutlich, dass da zwei unter einem gemeinsamen realen Dach sitzen, wenn sie sich in ihre Facebook-Accounts einloggen. Es sei ein Foto in einem FACETTEN-Posting ge- wesen, das ein Detail zeigte, das es „unverkennbar nur an unserem Haus“ gibt, erinnert sie sich. Der an ihn gerichtete kurze Text zum Foto ließ den Groschen klimpernd fallen. Plötzlich war ihr klar, dass sie Nachbarn sein müssen. Facebook-Freunde sind die gebürtige Bautzenerin und der passionierte Ostfriese seitdem auch. „Lustigerweise hab ich dann ein paar Tage später ein Päckchen für sie angenommen, was vorher nie vorgekommen war“, erzählt er. Für die These einer Ablenkung vom sozialen Miteinander spricht das nicht.

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