Obstbäume gegen den Klimawandel

Auf elf Schulhöfen – in Grundschulen ebenso wie in Gymnasien, im Norden wie auch im Süden des Bezirkes – pflanzt die Arbeitsgruppe Klima von Bündnis 90/Die Grünen Neukölln derzeit gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern jeweils einen Obstbaum.

Gestern früh wurde auf dem Hof der Evangelischen Schule Neukölln ein Baum der alten deutschen Apfelsorte Freiherr von Berlepsch vom Anhänger geladen, um eingepflanzt zu werden. Die Patenschaft für den Baum hat eine 4. Klasse übernommen, die jetzt für ihn sorgen wird. Die Weiterlesen

Ehrung für Superschüler und Einser-Abiturienten

Gestern besiegelte in Berlin das Ende des Schuljahres den Anfang der Sommer-ferien. Für knapp 30 Mädchen und Jungen der Regenbogen- und Zuckmayer-Schule gab es aber schon am vergangenen Montag eine Zugabe zum Zeugnis: Sie wurden als Rollberger Superschüler 2018 geehrt. Eine Auszeichnung, die das AKI – Arabisches Kulturinstitut bereits zum 11. Mal an Kinder verlieh, die durch besondere Leistungen glänzten, wobei nicht nur Schulnoten, sondern auch soziale Kompetenzen berücksichtigt wurden.

Einzig um Zahlen geht es dagegen heute Nachmittag bei einer ebenfalls traditionellen Veranstaltung im Neuköllner Rathaus: Bezirksbürgermeister Martin Hikel und Bildungsstadträtin Karin Korte empfangen dort Jugendliche, die ein Einser-Abitur für Weiterlesen

Rückkehr in die Normalität

jahn-sporthalle-neukoellnWas drin ist, stand schon immer draußen dran. Nur: Für den Sport genutzt wurde die Jahn-Sporthalle schon seit dem 8. September letzten Jahres nicht raemer_wiedereroeffnung-jahn-sporthalle-neukoellnmehr. Damals, als der Berliner Senat zur Freigabe der Halle auf-forderte, um sie in eine Notunter-kunft für Flüchtlinge umzufunktio-nieren, trainierten gerade die Basketballer vom ISS Berlin in der Jahn-Sporthalle, erinnert sich Sportstadtrat Jan-Christopher Rämer. Bereits am Tag darauf bezogen die ersten Flüchtlinge die über Nacht aufgestellten Feldbetten; am 9. Juli dieses Jahres zogen die letzten wieder aus, und vorgestern konnten Weiterlesen

Multiple Choice: Neuköllner Bildungsmesse zeigt Möglichkeiten für die Zeit nach der Grundschule auf

nbh-bildungsmesse-neukoellnWenn Berliner Kinder die Grundschule nach der 6. Klasse verlassen, stehen ihre Eltern vor der Entscheidung, ob der Nachwuchs eine Gesamtschule, ein Gymnasium oder eine andere Oberschule besuchen soll. Um Eltern und Kindern bei fragenkasten_karlsgartenschule_bildungsmesse-schillerkiez_neukoellnder Beantwortung dieser Schicksalsfrage ein wenig zu helfen, gab es in der Neuköllner Karlsgarten-Grundschule kürz-lich unter dem Titel „6. Klasse und dann?“ erstmals eine Bildungsmesse.

Für rund 2.000 Schülerinnen und Schüler in Neukölln beginnt im Sommer mit dem Übergang in die 7. Klasse ein neuer Lebensabschnitt. Auch auf das Leben der Eltern wirkt sich die Schulwahl der Kinder aus. Weiterlesen

Maronen-Ernte am Sasarsteig als Zukunftsvision

sasarsteig_stadtbaum berlin_ev schule neukoellnWeil die Kinder der Evangelischen Schule Neukölln und auch ihre Eltern es so wollten, hat die Rosskastanie auf dem Platz am unteren Ende vom Sasarsteig seit gestern esskastanie_stadtbaum berlin_ev schule neukoellneine Nachbarin: eine Esskastanie. Noch ist das dreibeinige Holzge-stell, das sie stützt, zwar auffälliger als die Neue selber, doch das wird sich im Laufe der Zeit ändern.

Der Standort sei gut, ebenso das Granulat, in dem der aktuell rund 4 Meter hohe Baum wurzeln soll, sagt Derk Ehlert, der Wildtierexperte und Pressereferent von der Senatsverwaltung für Stadtent-wicklung und Umwelt. Die Bedingungen für einen „Jahrestrieb zwischen 40 und 60 Zentimetern“ seien also günstig: „Ausgewachsen erreicht eine Esskastanie dann locker 20 bis 30 Meter.“ Etwa ein Weiterlesen

Von einem roten Mercedes 300 SL, Kartoffelläden, Trümmerbergen und einer Kindheit und Jugend in der „Topgegend von Neukölln“

schillerpromenade 42_neukölln„Da oben haben wir gewohnt.“ Ralf Lambertz zeigt zur ersten Etage des Hauses Schillerpromenade 42. Wir, das waren die Eltern und seine beiden Schwestern. In einer 2-Raum-Wohnung lebten damals alle. „Aber schon mit schillerpromenade_selchower straße_neuköllnBad!“, fügt er gleich noch dazu. In dieser Wohnung verbrachte der heute 73-Jährige die ersten 22 Jahre seines Lebens. Erst 1963 zog er dort aus: „Meine Eltern waren wohl um 1938 eingezogen und wohnten noch bis zum Jahr 1972 in der Schillerpromenade 42.“ Lambertz schaut sich überrascht um. Seit Jahren war er schon nicht mehr am Ort seiner Kindheit und Jugend. „An der Ecke zur Selchower Straße gab es damals ein Le- bensmittelgeschäft, wo man – wie fast überall – anschrei- ben lassen konnte, und im Parterre unseres Hauseingangs war erst ein Kartoffelladen und dann ein Klempner.“ Heute ist eine Weiterlesen

1914/18: Ausstellung erinnert an Neukölln im 1. Weltkrieg

straßenschild lilienthalstraße neuköllnDie vom Südstern abgehende Lilienthalstraße werden viele Kreuzberg zuschreiben. Doch die östliche Straßenseite befindet sich noch in den Bezirksgrenzen von Neukölln – und so auch der friedhof lilienthalstraße_neuköllndort gelegene Friedhof. In der Ehrenhalle auf dem Friedhofsge- lände wurde vorgestern eine eindrucksvolle Aus- stellung des mobilen Museums Neukölln zum Thema „1914/18 – Neukölln im Ersten Weltkrieg“ eröffnet. Unter den etwa Weiterlesen

Gedenken an drei weitgehend Unbekannte: Stolpersteine für Daniel und Lucie Glassmann und Rosalie Rahel Brühl

stolpersteine rosalie brühl+lucie glassmann+daniel glassmann_neuköllnWenn in Neukölln Stolpersteine verlegt werden, geht das normalerweise recht flott. Eine Vier- telstunde vielleicht, mehr Zeit braucht es nicht, bis das neue kleine Denkmal für ein Opfer des Nazi-Regimes in den Bürgersteig gelassen ist und eine Messingplatte zwischen Pflaster-steinen glänzt. Sind es gleich mehrere, dauert biebricher straße 6_neuköllnes nur unwesentlich länger.

Schon ob des Zeitfaktors war die gestrige Verlegung der Stolpersteine für Lucie und Daniel Glassmann und Rosalie Rahel Brühl in der Biebricher Straße 6 eine besondere. Denn die Schüler und Lehrer der benachbarten Evangelischen Schule Neukölln (ESN), die zusammen mit den Ev. Kirchenkreisen Neukölln und Teltow-Zehlendorf die Patenschaft für die Protagonisten der Gedenkstätte übernommen haben, organi-olgierd bohuzewicz_evangelische schule neuköllnsierten eine gut 1 1/2-stündige, beein- druckende Zeremonie zu Ehren der Ermordeten.

Die begann mit einer Andacht in der mit Kindern und lana lutz+felicitas thiele_evangelische schule neuköllnJugendlichen der Klassen- stufen 5 bis 10 vollbesetzten Aula der Schule. Musiklehrer Olgierd Bohuszewicz (r.) setz- te hier gemeinsam mit seiner Kollegin Cornelia Gnaud- schun (l.) und Schülerinnen und Schülern stimmungs- cornelia gnaudschun+wp musik 10_evangelische schule neuköllnvolle musikalische Akzente in einem von der Neuköllner marita lersner+8c_evangelische suchule neuköllnKreisjugendpfarrerin Mari- ta Lersner (r.) mitgestal- teten Programm. „Ich fin- de, wir sollten viel mehr stolpern“, leitete die Pas- torin zu den von banal bis global changierenden Stolpergedanken des 8c-Quintetts über. Eine Schüle- rin bekannte, oft über ihre eigene Ruppigkeit im Umgang mit anderen Menschen zu stolpern, bei einer anderen ist es die Ungerechtigkeit, die sie innerhalb der eigenen Familie erlebt. „Ich stolpere oft darüber, wie unbedacht die Menschheit thorsten knauer-huckauf_ev schule neuköllnmit der Schöp- fung umgeht“, gab der einzige Junge der Gruppe zu bedenken.

Thorsten Knauer-Huckauf (r.), seit dem Tod von Klaus-Randolf Weiser  kommissari- scher Schulleiter der ESN, konzentrierte sich in seiner Ansprache ganz auf das Stolpern, das die Stolpersteine bewirken sollen. Sie seien Erinnerung an die eigene stolperstein-verlegung_biebricher str. 6_neuköllnGeschichte und eine Zeit, in der Deutsch- land durch die Schandtaten der Nazis seine Menschlichkeit verloren habe. Nur wenige hätten sich sich damals dem Regime entgegengesetzt, viele hätten tatenlos zugesehen – bei Diskriminierung, Pogrom und Deportationen. „Stolper- steine“, so Knauer-Huckauf, „machen die Lücken kenntlich, die die Opfer der Nazi-Herrschaft gelassen haben. Ihr Schick- michael rohrmann+esn_stolpersteine neuköllnsal soll uns Mahnung für unser eigenes Handeln sein.“

Es war Jakob Rohrmann, ein Schüler der Evangeli- schen Schule Neukölln, der sich in einer MSA-Prü- fung mit dem Thema Stolpersteine beschäftigt hatte und so auf das Schicksal der drei Deportierten aus der Biebricher Straße gestoßen war. Gestern hielt sich der Jugendliche bescheiden im Hintergrund und überließ seinem Vater das Reden und Handeln: Normalerweise ist Neukölln nicht Michael Rohrmanns Beritt. „Eigentlich engagiere ich mich nur im michael rohrmann_stolpersteine brühl+glassmann_neuköllnKreis Teltow-Zehlendorf für das Projekt Stolper- steine, aber nach Rücksprache mit Gunter Demnig war es problemlos möglich, hier mal eine Ausnahme zu machen“, sagt er, die drei jeweils etwa 2 Kilogramm schweren Steine von der Schule zum Ort des Geschehens balan- cierend.

„Im Gegensatz zu anderen Opfern wissen wir über die drei, die in diesem Haus wohnten, sehr wenig“, berichtet er den Delegierten, die jede Klasse geschickt hat. Daniel Glassmann, der am 30. Mai 1870 in Posen geboren worden war, wohnte laut Adressbuch seit 1935 hier, wurde als Haushaltsvorstand geführt und war Rentner. Lucie Glassmann war rund 24 Jahre jünger. „Sie könnte michael rohrmann_stolpersteine-verlegung_neuköllnseine Tochter gewesen sein“, vermutet Michael Rohrmann. In welchem Verhältnis Rosalie Rahel Brühl zu den Glassmanns stand, sei ebenfalls nicht bekannt: „Sie war 10 jünger als Herr Glass- mann. Vielleicht seine Lebensgefährtin?“ In wel- cher Wohnung sie gemeinsam lebten, auch das konnte bislang nicht in Erfahrung gebracht werden.

Was man indes weiß, ist, dass Daniel Glass- mann am 25. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet wurde. Lucie Glassmann und Rosalie Rahel Brühl waren bereits zwei Monate vorher, am 14. November 1941, abgeholt und nach Minsk gebracht worden, wo sie ihr Leben lassen mussten.

christiane peter+esn-schüler_stolpersteine-verlegung neuköllnWie dieses Leben nach Hitlers Machtüber- nahme ausgesehen hat, macht die Lehre- rin Christiane Peter (r.) gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der 10. Jahr- gangsstufe deutlich. In der Gedenkstätten-woche, die an der ESN alljährlich im November veranstaltet wird, hatten die Jugendlichen über den Alltag der Juden esn_stolpersteine_biebricher str. 6 neuköllnwährend der NS- Zeit recherchiert: Nächtliche Ausgangssperren, der Kennzeichnungszwang, das Verbot der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Berufsverbote, die stetige Verschlechterung der Lebens- mittel- und Hygieneartikel-Zuteilung, die Pflicht zur Abgabe stolpersteine_biebricher str. 6 neuköllndes Führerscheins.

„Kannst du dir das vor- stellen?“, flüstert ein Mädchen einem ande- ren zu. Das schüttelt den Kopf. Beide drappieren rote Rosen um die von Michael Rohrmann verlegten Stolpersteine. „Die Pflege dieser drei Steine wird zur Tradition an unserer Schule werden“, verspricht Thorsten Knauer-Huckauf.

Er werde auch darauf achten, dass sie immer schön glänzen, kündigt ein Mann an, der ein paar Häuser weiter wohnt. Seine Mutter, sagt er, müsste die drei De- portierten gekannt haben. Nach ihnen fragen kann er sie nicht mehr, weil sie schon vor Jahren gestorben ist. „Wir haben leider über so vieles nicht gesprochen“, bedauert der 63-Jährige noch heute.

=ensa=

Verschleppt. Getreten. Beschimpft. Bedroht.

kreuzAnlässlich des Berliner Themenjahrs „Zerstörte Vielfalt“ ist die Konfron-tation mit den immer wieder unfass- baren Gräueltaten innerhalb der Dutzend Jahre braunen Terrors groß. Dass sogar die Evangelische Kirche daran beteiligt war, indem sie ver- steckt im hinteren Teil des Fried- hofs der Jerusalems- und neuen Kir- che V an der Neuköllner Netzestraße von 1942 bis 1945 ein Zwangsarbeiterlager betrieb, ist kaum zu glauben. Über 40 christliche Gemeinden (38 evangelische und 3 katholische) waren daran beteiligt und ließen auf säulenrest_ns-zwangsarbeiter_neuköllnihren Friedhöfen über hundert aus der besetzten Sowjetunion verschlepp- te männliche Zivilisten als Totengräber schuften.

Bis vor zwei Wochen erinnerten eine Infor-mationssäule und ein Gedenkstein nahe dem Eingang dieses Friedhofs daran. Heute ist dieser Platz verwaist und nur noch der Sockel und ein Kranz aus Kieseln weist darauf hin, dass hier mehr gewesen sein muss.

Begibt man sich allerdings in den Teil, in dem die Wohn- und Wirtschaftsbaracken gestanden haben, trifft man auf eine etwas schief stehende Tafel, auf der u. a. zu lesen ist: „Hier standen von August 1942 bis April 1945 die Baracken eines hinweistafel_gedenkort zwangsarbeiterlager_neuköllnkirchlichen Zwangsarbeiter- lagers. (…) Wegen mangel- hafter Ernährung litten sie unter Hunger und Krankhei- ten. Kranken wurde in eini- gen Fällen Arbeitsverweige- rung unterstellt. Das bedeu- tete Einweisung in ein »Ar- beitserziehungslager« oder KZ. (…) Bei den häufigen Bombardements des an- grenzenden Flughafens durften die Insassen des Lagers als besonders gekenn- zeichnete »Ostarbeiter« keine Luftschutzkeller benutzen. (…) Das Lager wurde drei Mal von Bomben getroffen und brannte am 29. April 1944 nieder. Auch wenn es bei diesem Angriff, da er tagsüber erfolgte, keine Todesopfer gab, wuchs die Angst. Das Lager wurde 1944 nach der Zerstörung hinweistafel_ausstellung ns-zwangsarbeit_neuköllnnotdürftig wiederaufgebaut. Die Befreiung er- folgte am 24. April 1945 durch die Rote Armee.“

Dann ein weiteres Schild. Und wer am letzten Sonntagnachmittag diesem Hinweis folgte, traf nicht nur auf den Ausstellungspavillon, sondern auch auf Gerlind Lachenicht und eine kleine Gruppe weiterer Menschen, die der Einladung von Cross Roads gefolgt waren und ns-zwangsarbeiter-pavillon_neukölln„Berlin mit anderen Augen“ sehen wollten. Das nämlich verspricht dieses Stadtspa-ziergangsprogramm, das sich insgesamt 19 verschiedenen Themen widmet und so auch dem, der diesem Beitrag die Über- schrift gab.

Gerlind Lachenicht ist hauptamtliche Mitar-beiterin des Landeskirchlichen Archivs und dort für das Forum für Erinnerungskultur der EKBO (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) tätig. An diesem Tag war sie zusätzlich fürsorgliche Gastgeberin im Ausstellungspavillon auf dem St. Thomas-Friedhof und in jeder Hinsicht kompetente Spaziergangs-führerin gerlind lachenicht_crossroads_neuköllnmit großem Engagement, das nicht zuletzt daran festzumachen war, das sie die vorgesehen 1 ½ Stunden schlicht- weg verdoppelte.

Anhand der Ausstellungstafeln zeichnete sie das Schicksal derjenigen Insassen nach, die sie ausfindig gemacht und zu denen sie Kontakt herstellen konnte. Von ihr ist auch zu erfahren, dass erst im Jahr 2000 klar wurde, welche Rolle die Kirchengemeinden in diesem Zusammenhang gespielt haben, und welchen Schock das in Kirchenkreisen auslöste. Eine weitere erschreckende Erkenntnis war die, dass die Zwangsarbeiter selbst nicht wussten, dass sie für kirchliche Einrichtungen arbeiteten, was wiederum deutlich macht, dass sie keinerlei seelsorgerische Begleitung durch die Pfarrerschaft erfuhren. Es war allerdings auch das einzige Lager, das von der Kirche geplant, aufgebaut und über Jahre verantwortet wurde.

Was die Zwangsarbeiter durchmachen mussten, ist unter Anlegung heutiger Maß- stäbe unvorstellbar. Am Schlimmsten muss der Hunger gewesen sein. Und wer denkt, dass die Überlebenden durch die Rote Armee „befreit“ wurden, irrt. Denn zurück in der Heimat, wurden sie als Kollaborateure geschmäht, weil sie für Deutsche gearbeitet und nicht gegen diese die Waffe erhoben hatten. Dass dennoch die einzelnen Lebenswege ganz unterschiedlich verliefen, lässt Gerlind Lachenicht crossroads-gruppe_neuköllndurch ihre ergreifenden Schilderungen deutlich werden.

Beim anschließenden Gang über den Friedhof finden sich auch Gedenkstein und Infosäule wieder, die bewusst in die Nähe Ausstellungsraumes gebracht wurden, weil die geschäftige Hermannstraße ein zu stark trennendes Element gewesen sei. Und nun werden auch die Gestaltung und Funktion dieses Findlings erläutert:

Nachdem die oberste Ebene mit dem Sinnbild des Deckelhebens abgenommen worden war, ging es darum, einen geeigneten Sinnspruch zu finden. Man einigte sich gedenkstein_ns-zwangsarbeiter_neuköllnauf: „Der Gott, der Sklaven befreit, sei uns gnädig.“ Aus dieser zweiten Ebene ist dann für jede der beteiligten Gemeinden ein Stein mit ihrem Namen geschnitten worden, die die meisten von ihnen an einem würdigen Ort – z. B. dem Altar – aufbewahren. Jährlich am Volks-trauertrag findet eine Gedenkfeier statt, zu der Vertreter der jeweiligen Gemeinde mit ihrem Stein zusammenkommen, um ihn auf seinem Platzhalter auf der dritten Ebene zu crossroads-führung_gerlind lachenichtplatzieren. Diese Feier wird jeweils von Ange- hörigen der Evangelischen Schule Neukölln gestaltet.

Ein Schüler dieser Schule war es auch, der 2008 beim Besuch des ehemaligen Zwangs-arbeiters Wassili Miljutin, in dessen Dorf in der Ost-Ukraine einen Film mit dem Titel „Eine Reise durch die Ukraine“ gedreht hat. Dieser Film kann in der Ausstellung ange- sehen werden.

Broschüre_Erinnerungsorte gestalten_kirchliche Zwangsarbeiter NeuköllnDer NS-Zwangsarbeiter-Pavillon auf dem St. Thomas- Kirchhof in der Hermannstraße ist bis Mitte Oktober mittwochs und sonnabends zwischen 15 und 18 Uhr geöffnet. In dieser Zeit stehen Ehrenamtliche für weitere Auskünfte zur Verfügung. Dort ist auch die Broschüre „Geschichte erforschen – Menschen finden – Erinnerungsorte gestalten“ für 3 Euro zu erwerben.

Wer Authentisches zum Thema von Gerlind Lache- nicht lesen möchte, dem sei ihr Vortrag zum Tag des offenen Denkmals am 10.9. 2005  empfohlen.

=kiezkieker=

Kochen mit dem Profi: Berlins Schülerbischöfe bei Matthias Buchholz

v. l.: Marco Boest, Benedikt Schuh, Matthias Buchholz, Hannah Gloger, Klaus-Randolf Weiser

v. l.: Marco Boest, Benedikt Schuh, Matthias Buchholz, Hannah Gloger, Klaus-Randolf Weiser

„Wie schneidet man denn Würfel?“ Es sind Fragen wie diese, die Profi- Koch Matthias Buchholz verraten, dass er es mit Amateuren am Herd zu tun hat. „Immer abwärts schälen! Das geht  leichter als aufwärts, wie beim Radfahren“, rät er und zieht den Sparschäler über eine Petersilienwurzel. Hannah Gloger, Benedikt Schuh und Marco Boest sehen ihm aufmerksam zu, denn gleich sollen sie es nachmachen.

Während ihre Klassenkameraden im Unterricht sitzen, stehen die drei Zehntklässler der Evangelischen Schule Neukölln – verstärkt durch Schulleiter Klaus-Randolf 1_berliner schülerbischöfe_buchholz gutshof britz_neuköllnWeiser und Schulstadträtin Franziska Giffey – in der Küche des Buchholz Gutshof Britz. „Dass wir als Schü- lerbischöfe so viele Termine haben und der zeitliche Aufwand so groß ist, hätte ich vorher nicht gedacht“, gesteht Benedikt. Seit dem vergangenen Niko4_berliner schülerbischöfe_buchholz gutshof britz_neuköllnlaustag sind er und Marco (beide 15) sowie die 16-jährige Hannah im Amt. Beim Ein- führungsgottesdienst in der St. Marienkirche verteil- ten sie Äpfel an alle An- wesenden, zum Treffen mit Heinz Buschkowsky brachten sie ihre 10 Gebote für eine bewusste Ernährung mit. Der Neuköllner Bezirks- bürgermeister habe denen Alltagstauglichkeit attes-tiert, weil es nicht um einen totalen Verzicht z. B. auf Fleisch, sondern um machbare Einschränkungen und das Nachdenken übers Essen an sich geht, sagt Hannah. Der achtsame Umgang mit Lebensmitteln ist das Leitthema der drei Schülerbischöfe, die sich mit dem Bedürfnis, dieses Anliegen unter Gleichaltrige und in die Öffentlichkeit zu bringen, zur 6_berliner schülerbischöfe_buchholz gutshof britz_neuköllnWahl gestellt haben – und gewählt wurden.

„Aus den Würfeln machen wir ein Apfel-Petersilien-wurzel-Ragout. Dazu wird es Grießklöße in einem Sud aus den Resten geben“, erklärt Matthias Buchholz, der sich in seinem vor 1 1/2 Jahren eröffneten Restaurant einer leichten Landhausküche verschrieben hat und bevorzugt fri- sche, regionale, saisonale Produkte verarbeitet. Dass sich junge Leute für eine gesunde Ernährung einsetzen, gefällt ihm sehr. Mit 2_berliner schülerbischöfe_giffey_buchholz gutshof britz_neuköllnseiner 10-jährigen Tochter erlebe er das genaue Gegenteil, verrät er und erzählt von den Dramen, die sich früher im Hause Buchholz-Elm abspielten, wenn gesundes Selbstgekochtes auf den Tisch kam. Inzwischen sei die Ablehnung ledig- lich etwas gemäßigter und artikulierter, hinzu gekommen sei eine ausgeprägte Weiße-Tischdecken-Antipathie.

„Die Petersiliestängel nicht wegschmei- ßen!“, bittet Buchholz Franziska Giffey (l.). „Die kommen in den Sud.“ So lernen die drei Schülerbischöfe nicht nur, wie leicht sich Gutes mit Produkten aus der Region kochen lässt, sondern auch, dass nicht alles in 5_berliner schülerbischöfe_buchholz gutshof britz_neuköllnder Biotonne landen muss, was dafür prä- destiniert scheint.

Benedikt macht sich mit Matthias Buchholz ans Kochen des Grießbreis. Wie anstrengend die Rührerei in der immer kompakter werdenden Masse aus Hartweizengrieß ist, wundert ihn: „Da braucht man ja richtig Oberarme!“ Buch- holz grinst. Er weiß, dass der Alltag als Koch harte körperliche Arbeit bedeutet. In der Regel ist er mit drei Mitarbeitern in der Küche be- 7_berliner schülerbischöfe_giffey_buchholz gutshof britz_neuköllnschäftigt, um Vorspeisen, Hauptgerichte und Desserts für bis zu 50 Gäste täglich zu kreieren. Am 1. Weih- nachtsfeiertag waren es sogar 77. Danach wisse man dann schon, was man getan hat. Zudem werde auch das Kochen durch unterschiedlichste Allergien stän- dig herausfordernder. „Immer gleich wegräumen, was ihr nicht mehr braucht!“, ermahnt der 45-Jährige seine 8_berliner schülerbischöfe_buchholz gutshof britz_neuköllnBeiköche. „Ordnung ist das oberste Ge- bot in der Küche, ohne die geht das größte Genie den Bach runter.“ Es gibt Bemerkungen, die Jugendliche im Alter der Schülerbischöfe lieber hören.

Mit einem Eisportionierer, Suppenkellen und den Händen werden aus der mit gehackter Petersilie bestreuten Grieß- masse Knödel. Etwa 10 Minuten Kochzeit, dann seien sie fertig, schätzt Buchholz. Wer noch nach einem Paradebeispiel dafür sucht, dass Männer durchaus multi- 12_berliner schülerbischöfe_buchholz gutshof britz_neuköllntaskingfähig sein können, ist bei ihm an der richtigen Adresse: Er würzt, rührt, erzählt und hat nebenbei noch 11_berliner schülerbischöfe_giffey_buchholz gutshof britz_neuköllnalles im Auge, was auf dem Herd köchelt.

Eine gute Stun- de, dann ist aus wenigen Zutaten eine raffinierte kulinarische Komposition ge- worden. „Schmeckt’s?“, erkundigt sich Mat- 13_berliner schülerbischöfe_buchholz gutshof britz_neuköllnthias Buchholz und erntet einhelliges Nicken. Doch, findet er, das sei ein Gericht, das mit dem Namen „Petersilienknödel auf Ragout von Apfel und Petersilienwurzel“ auch auf die Karte des Restaurants passen würde. „Ich maile euch das Rezept zu“, verspricht er den Schülerbischöfen.

Schon am 20. Januar wird deren Amtszeit wieder vorbei sein. „Viel länger“, vermutet Rektor Klaus-Randolf Weiser, „ließe sich das auch kaum mit dem Schulalltag ver- einbaren.“ Schließlich sollen die Leistungen nicht unter den zusätzlichen Verpflich- tungen leiden. Marco Boest, Hannah Gloger und Benedikt Schuh wollen das Privileg, diese etwas anderen Erfahrungen zu machen, bis zum letzten Tag genießen.

Die Tradition der Kinder- oder Schülerbischöfe kommt aus dem Mittelalter. In Berlin wurde die Idee, Kinder und Jugendliche zu Bischöfen zu machen, 2010 vom damaligen Generalsuperintendenten Ralf Meister wieder belebt. Ziel ist es, dem Anliegen von Jugendlichen auch öffentlich eine Stimme zu geben. Neben Berlin gibt es u. a. auch in Hamburg und Göttingen Schüler- bischöfe.

=ensa=

Das Ziel ist das Paradies

finale ecopolicyade 2012 neukölln, bvv-saal rathaus neuköllnViel Zeit zum Üben hatten Benedikt und Alexander nicht. „Wir haben erst vorletzten Montag von einer Lehrerin von dem Computerspiel und dem Wett- bewerb erfahren“, sagen sie. Das Spiel heißt Ecopolicy, fördert und fordert strategisches Denken nebst verantwortungsvollem Han- deln und wurde von Frederic  Vester konzipiert; der Wettbe- werb heißt Ecopolicyade, wurde vom Schweizer Unter- nehmen Malik Management ins Leben gerufen und ermittelt die besten Ecopolicy-Teams an Deutschlands Schulen.

Donnerstag ging es im BVV-Saal des Neuköllner Rat- hauses, der kurzerhand zur Spielhalle umgebaut wurde, um den Ecopolicyade-Bezirksentscheid. Außer Benedikt und Alexander, die das Team 1 der Evangelischen Schule Neukölln bildeten, nahmen sechs weitere Minigruppen von insgesamt drei Neuköllner Schulen daran teil. Auch die Lokalmatadore von der Albrecht-Dürer-Oberschule, die sich im Vorjahr erst auf Bundesebene geschlagen geben mussten, waren wieder dabei. Natürlich mit dem Ziel, diesmal den Durchmarsch bis zum Deutschland-Sieg zu schaffen. Dazu müssten sie aber zuerst finale ecopolicyade 2012 neukölln, bvv-saal rathaus neukölln, finalist evangelische schule neuköllnheute beim Ecopolicyade-Landeswettbewerb gewin- nen, für den sich Alexander und Benedikt (auf dem Foto rechts neben Stadträtin Franziska Giffey) ebenfalls qualifizierten – aus dem Stand belegten sie den 3. Platz der Neuköllner finale ecopolicyade 2012 neukölln, bvv-saal rathaus neuköllnTeams.

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die beiden Teenager in den letzten Tagen noch mehr Zeit am Computer verbracht haben. „Dabei ist das Ecopolicy eigentlich gar kein Spiel mit Suchtpotenzial„, finden beide. „Dazu sind die Grafiken zu einfach.“ Spannend sei es, obwohl Action keine Rolle spiele, und eine echte Herausforderung. Aufs Begreifen, dass alles mit allem zusammenhängt, komme es an. Und auf kluges Handeln. Bei Ecopolicy werden die Spieler zu Regierenden, die fiktive Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländer durch clevere Investitionen, die die Interaktion zwischen Wirtschaft, Sozialem und Ökologie berücksichtigen, bestenfalls bis zum Status des Paradieses aufsteigen lassen sollen. „Das zu schaffen“, weiß  Alexander, „ist aber wirklich nicht finale ecopolicyade 2012 neukölln, bvv-saal rathaus neuköllnleicht.“

Jugendliche zur Beschäftigung mit fiktiven Szenarien und strategischen Spielereien anzuregen ist allerdings nur Seite des Anliegens, das hinter Ecopolicy und der Ecopolicyade steckt. Die Fähigkeit herauszukitzeln, die beim Spiel gemachten Erfahrun- gen auf das eigene Lebensumfeld herunterbrechen zu können, ist die andere. Schon bei der kurzen Feedbackrunde der Neuköllner Finalisten wurden die Effekte deutlich.  „Was ist denn Neukölln“, fragte der Moderator, „wenn man es in Ecopolicy-Kategorien misst?“ Naja, antwortete einer der Schüler, zum Teil sei der Bezirk wie ein gut entwickeltes Industrieland, aber es gebe auch Dinge, die an ein Schwellenland anknüpfen können. „Was müsste man für die Entwicklung Neuköllns tun?“ Für eine bessere Lebensqualität sorgen, warf eine Schülerin in die Runde, die Straßen sauberer halten, eine andere. Der soziale Zusammenhalt müsse gestärkt und das Interesse der Bewohner für ihren Bezirk geweckt werden. Außerdem sollten, wandten sich die Ecopolicyadisten an Franziska Giffey, die Defizite in den Schulen beseitigt werden, um sie für die Zukunft zu rüsten. „Seht ihr denn eure Zukunft in Neukölln? Wollt ihr hier bleiben?“ Bei dieser Frage war es vorbei mit der Einigkeit unter den Schülerinnen und Schülern. Ihre Antworten reichten von „Auf gar keinen Fall!“ bis hin zu „Neukölln ist meine Heimat, deshalb würde ich gerne hier bleiben!“.

Beim von Malik Management, der Bürgerstiftung Neukölln und dem Neu- köllner Bezirksamt initiierten Workshop  „Jugend gestaltet Zukunft – Schü- ler machen Politikberatung“, der am 18. April in der Albrecht-Dürer-Schule stattfindet, werden die Gewinner der Ecopolicyade Neukölln Ideen für die Entwicklung Neuköllns erarbeiten und diese anschließend mit Politikern, Unternehmern und Stiftungsvertretern diskutieren.

=ensa=

Update (28.3.2012): Die Neukölln-Sieger von der Albrecht-Dürer-Oberschule haben auch den Berlin-Entscheid gewonnen und treten nun im Bundesfinale an.

So’ne und solche

löwenzahn-schule neuköllnAls eine von drei Berliner Schulen soll, wie gestern bekannt wurde, auch die Löwenzahn-Schule im Neuköllner Richardkiez vom Pilotprojekt zur Be- schäftigung von Lehrkräften mit arabischem Migrationshintergrund profitieren. Zum nächstmöglichen Zeitpunkt wird laut Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und For- schung bis zum Ende des laufenden Schuljahres jeweils eine Lehrkraft mit arabischen Sprach- und Kulturkenntnissen eingestellt, die auch in die Elternarbeit einbezogen werden kann.

Eher fehl am Platze wäre das Pilotprojekt dagegen an der Evangelischen Schule Neukölln. Die hat, was wohl kaum jemand in Neukölln vermutet: einen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund von nur 18 Prozent. Über 90 Prozent liegt der bei den anderen beiden Schulen im Flughafenkiez, was Klischee und Wirklichkeit dann wieder zurechtrückt.

=ensa=