Hufeisern gegen Rechts erinnerte an den 86. Todestag von Erich Mühsam

„Kennst du das Land, wo die Faschisten blühn?” Mit diesem Gedicht, das vom Aufkommen des Faschismus in Italien handelt, warnte Erich Mühsam bereits 1925 vor dem Nationalsozialismus in Deutschland, der damals allgemein noch als unbedeutend eingeschätzt wurde. Kein Jahrzehnt später wurde der Dichter und Anarchist in der Nacht zum 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg bei Berlin von der SS ermordet. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand, der den Nazis die Gelegenheit bot, Grundrechte außer Kraft zu setzen und den Weg in die Diktatur zu ebnen, war Mühsam am 28. Februar 1933 festgenommen worden. Bis zu seiner Ermordung Weiterlesen

Würdigung eines prominenten, aber unangepassten Paares der Hufeisensiedlung

„Ich habe 150 Besucher auf den Stufen gezählt“, sagte Jürgen Schulte von der Initiative Hufeisern gegen Rechts zufrieden am Ende der diesjährigen Hommage an Zenzl und Erich Mühsam. „Zu unserer ersten Veranstaltung 2013 waren 30 Gäste gekommen“, setzte er das gestiegene Publikumsinteresse ins Verhältnis. Zum sechsten Mal würdigte die Initiative das prominente, aber unangepasste Paar der Hufeisensiedlung und gedachte am Sonntagnachmitag am Britzer Hufeisenteich des 84. Jahrestages der Ermordung von Weiterlesen

Städtepartnerschaftsverein Freunde Neuköllns kümmert sich wieder um Denkmalspflege

„Mit der Veranstaltungsreihe ‚Neuköllner Zeitreisen‘ besinnen sich die Freunde Neuköllns wieder auf den ursprünglichen Anlass der Vereinsgründung im Jahr 1983, nämlich auf die Unterstützung kulturhistorischer Baudenkmäler im Bezirk“, erklärte Bertil Wewer, Vorsitzender des Traditionsvereins, der seit 1997 seinen Schwerpunkt auf die Pflege der 13 Neuköllner Städtepartnerschaften legt.

Wewer und viele andere Geschichtsinteressierte waren Sonntagnachmittag bei sonnigem Wetter an den Haupteingang des Garnisonsfriedhofs am Columbiadamm gekommen, um zum Auftakt des neuen Veranstaltungsformates an einer Führung des Historikers Werner Schmidt teilzunehmen. „Der Garnisonsfriedhof ist ein Erinnerungsort, Weiterlesen

Blumen pflanzen gegen Nazis in der Hufeisensiedlung

„Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft“, schrieb 1931 der Publizist Kurt Tucholsky in seinem Gedicht „Rosen auf den Weg gestreut“. Vielleicht ganz in diesem Sinne hat Sebastian H. aus der Britzer Hufeisensied-lung, Mitte September an der Ecke Fritz-Reuter-/Parchimer Allee ein kleines Blumenbeet gegen Nazis angelegt. Weil sein Schild „Pflanzen gegen Nazis“ immer wieder Weiterlesen

Von der Vor- bis zur Jetztzeit: Spurensuche von Christina Schwarzer und Monika Grütters im Museum Neukölln

„Sie lassen sich am besten durch die Augen lenken“, empfahl Museumsdirektor Dr. Udo Gößwald den beiden Politikerinnen, die am Anfang ihres Rundgangs durch die Dauerausstellung 99 x Neukölln, die Grundlegen-des der Bezirksgeschichte näherbringt, einen Orientierungspunkt suchten: Ein Sieben Striemer, mit dem früher Kinder an Neuköllner Schulen geschlagen wurden, liegt ebenso wie das Schach-brett, an dem einst der Maler Stanislaw Kubicki mit seinem Freund Erich Mühsam manche Partie in der Britzer Hufeisensiedlung spielte, in den Vitrinen. Die Spikes des Soziologen und Krimi-Autors Horst Bosetzky, die er bei Wettkämpfen auf der Aschenbahn trug, sind nicht weit vom über 20.000 Jahre Weiterlesen

Schachbrett eines „leidenschaftlichen Revoluzzers“ aus der Hufeisensiedlung als neues Exponat im Museum Neukölln

prof stanislaw karol kubicki_museum neukölln„Sie ist mein Hörrohr und mein Notizbuch“, sagt Prof. Karol Kubicki, der Frau an seiner rechten Seite einen liebevollen Blick zuwerfend. Das Paar, das letzten Freitag ins Museum Neukölln gekommen war, um eine Schenkung perfekt zu machen, ist ein eingespieltes Team. Schach spielen jedoch beide nicht. Skat ja, aber Schach stanislaw kubicki-schachbrett_museum neuköllnhabe ihn nie gereizt, verrät der fast 89-Jäh- rige. Außerdem wisse er auch gar nicht, wo die Figuren geblieben sind.  „Deshalb stand das Ding bei uns nur rum“, überschlägt Petra Kubicki pragmatisch die Ausgangssituation, die dazu führte, dass das Museum Neukölln nun im Besitz des Weiterlesen

Wie man revoluzzt und dabei noch Lampen putzt: Erich Mühsam-Ausstellung in der Galerie Olga Benario eröffnet

erich mühsam-ausstellung_galerie olga benario_neuköllnNicht allzu viele Schriftstellerschicksale sind mit dem Namen Neukölln verknüpft. Das von Erich Mühsam, der mehrere Jahre in der Britzer Hufeisensiedlung wohnte, ist eines der wenigen. Auch deshalb eröffnete die Galerie Olga Benario in der Richardstraße Donners- tagabend die Ausstellung „Menschen, lasst die Toten ruh‘n und erfüllt ihr Hoffen“. Gezeigt werden Zeugnisse des Dichters, Publizisten, Anarchisten und Kriegsgegners Mühsam, der von Dezember 1924 bis Februar 1933 mit seiner Ehefrau Kreszenzia („Zenzl“) in einem kleinen Haus in der Dörchläuch- tingstraße lebte. Zusammengestellt wurde die Ausstellung von Hans Hübner, der gemein- sam mit Angela Friedrich die Vernissage mit einem literarischen Programm gestaltete. Erstmals hatte Hübner die Dokumente und künstlerischen Darstellungen im letzten Jahr zum 80. Todestag des Weiterlesen

Roter Faden: radikale Ehrlichkeit

plakat erich mühsam-lesungAm 10. Juli 1934 starb im KZ Oranienburg der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam. SS- Männer hatten ihn ermordet, um aber einen Selbstmord vorzutäuschen, wurde seine Lei- che aufgehängt. Mühsams Todestag vor 80 Jah- ren war für das Museum Neukölln Anlass, zu einer Lesung aus seinen Tagebüchern in den Kul- turstall des Gutshofs Britz einzuladen.

Museumsleiter Dr. Udo Gößwald führte in die Lesung ein. Er freute sich, dass geschätzte 60 Interessierte erschienen waren, darunter auch Bernd Szczepanski, der Neuköllner Sozialstadt- rat. Dr. Gößwald berichtete, dass Mühsam, der vorher in München gelebt hatte, im Dezember 1924 nach dem Ende seiner fünfjährigen Haftzeit nach Berlin kam. Von 1928 bis zu seiner Verhaftung am 27. Februar 1933 wohnte er mit seiner Frau Kreszentia, ge- nannt Zenzl, in der Hufeisensiedlung im Neuköllner Ortsteil Britz. Was Weiterlesen

Tür an Tür: Einprägsame Einsichten in das Leben in der Großsiedlung Britz vor und nach 1933

„Das Ende der Idylle?“ heißt die neue Ausstellung im Museum Neukölln, und wenig idyllisch war auch deren Eröffnung am Freitagabend. das ende der idylle_großsiedlung britz-ausstellung_museum neukölln„Für so viele Leute ist die Aus- stellungsarchitektur wirklich nicht ge- macht“, entschuldigte sich Museums- leiter Dr. Udo Gößwald bei allen, die keinen Sitzplatz mehr fanden oder das Geschehen innerhalb der auf Stoff ge- druckten Nachbildung der Hufeisen- siedlung nur akustisch verfolgen konn- 3_großsiedlung britz-ausstellung_museum neuköllnten. Künftig wird es im ehemali- gen Ochsenstall, in dem das Mu- seum Neukölln seit dem Umzug nach Britz seine Sonder-ausstellungen zeigt, weniger Gedränge und viel Zeit geben, sich mit den beeindruckenden Exponaten zu beschäftigen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung, die Neuköllns Beitrag zum Berliner Themenjahr „Zer- störte Vielfalt“ ist, stehen die Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung, die als Pionierprojekt des sozialen Wohnungsbaus für Arbeiter und Angestellte geplant und zwischen 1925 und 1933 als Großsiedlung  Britz errichtet  wurden. Dass die ursprüngliche  Intention,

zeitstrahl ab 1918_großsiedlung britz_neukölln zeitstrahl ab 1933_großsiedlung britz_neukölln

komfortablen Wohnraum für kleinere Haushaltskassen anbieten zu können, schon an der Weltwirtschaftskrise über weite Strecken scheiterte, ist eine Sache. Weitaus größere Auswirkungen auf das Leben in der Siedlung hatte jedoch die Machtüber- peter lösche_museum neuköllnnahme der Nazis, und speziell dieser Aspekt wird durch „Das Ende der Idylle?“ in den Fokus gerückt.

Einer, der in der Großsiedlung Britz geboren wurde, ist Prof. Dr. Peter Lösche, der als Parteien- und Wahlforscher bundesweit be- kannt wurde. 1935 waren seine Eltern, die SPD-Politiker Dora und Bruno Lösche, in die Fritz-Reuter-Allee 83 gezogen, 1945 zogen sie in eine Wohnung am Rande der Siedlung um. „Eine Idylle“, so Lösche, „herrschte in der Hufeisensiedlung aber auch vor 1933 nicht.“ Realistisch betrachtet könne man die Atmosphäre innerhalb der Solidargemeinschaft von Künstlern, SPD- und KPD-Anhängern bestensfalls als brüchige Idylle bezeichnen: „Die Anarchos hatten für die sozialdemokratischen Spießer nur Hohn und Spott übrig und umgekehrt war es nicht anders.“ Dennoch habe er beim „Rückspüren in der eigenen Biographie“ sehr positive Erinnerungen an die Siedlung, franziska giffey_museum neuköllnmit seinem Buddelkastenfreund Wolfgang Hempel sei er sogar nach wie vor befreundet. „Ich bin ein Brit- zer!“, konstatierte Lösche, und als solcher freue er sich über den Fortschritt in der regionalhistorischen Forschung, den die Ausstellung bedeutet und doku- mentiert.

Den Wert der neuen Erkenntnisse hob auch Dr. Franziska Giffey in ihrer Begrüßungsansprache her- vor: „Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit hat eine lange Tradition in unserem Bezirk, mit der Forschung im Vorfeld der Ausstellung konnte die Geschichtsaufarbeitung entscheidend fortgeführt werden.“ Aufgrund der guten Quellenlage sei es inzwischen möglich, die Alltagswirklichkeit und Handlungs- optionen der Menschen während des Nazi-Regimes viel differenzierter 1_großsiedlung britz-ausstellung_museum neuköllnals noch vor ein paar Jahren darstellen zu können.

Rund 80 Familien jüdischer Herkunft und 130 Künstler lebten vor 1933 in der Groß- siedlung Britz. 18 Bewohner, so die Neu- köllner Kulturstadträtin, wurden Opfer des Regimes, andere zogen weg, bevor Schlim- meres passieren konnte. Parallel dazu nahm der Zuzug von Nazis verheerende Ausmaße an: Waren es 1928 noch 128 NSDAP-Mitglieder, die in der Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung wohnten, hatte sich ihre Zahl 12 Jahre später fast verzehnfacht. Auch Adolf Eichmann, einer der Hauptorganisatoren des Holocaust, gehörte drei Jahre lang zu den Mietern: 1945 zog einer der wenigen Auschwitz-Überlebenden in statue die deutsche familie_museum neuköllnsein ehemaliges Haus in der Onkel-Herse-Straße 34.

„Das Bezirksamt Neukölln“, hielt Giffey fest, „sieht es als eine seiner wichtigsten Aufgaben an, Erkenntnisse der Geschichtsforschung für die Gegenwart und Zukunft zu nutzen.“ Niemand solle die Gewalt unterschätzen, die von den Feinden der Demokratie ausgeht, mahnte sie mit Hinweis auf „das fatale Versagen rechtsstaatlicher Struktur“ in Sachen NSU.

Dass es in Neukölln mit der Pflege eines aufmerksamen Umgangs mit der deutschen Vergangenheit nicht immer furchtbar genau genommen wurde, beweist das Standbild „Die deutsche Familie“, 2_großsiedlung britz-ausstellung_museum neuköllndas ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Im Mai 1935 wurde die Statue des Bildhauers Bernhard Butzke im Akazien- wäldchen an der Fritz-Reuter-Allee einge- weiht, erst 2001 wurde sie dort abgebaut und eingelagert. Der Kopf des Vaters sei irgendwann abhanden gekommen.

Dafür, dass die Erinnerung an Menschen, die in der Krugpfuhl- und Hufeisensiedlung wohnten, nicht abhanden kommt, sorgt die Ausstellung „Das Ende der Idylle?“. Der udo gößwald_museum neuköllnWorpsweder Maler Heinrich Vogeler lebte hier, ebenso der Künstler Stanislaw Kubicki, der Anarchist und Dichter Erich Mühsam, der Leichtathlet Rudolf Lewy sowie zahlreiche SPD- und KPD-Parteigrößen. „Mit Beginn der Nazi-Herrschaft unterlagen sie als nichtkonforme Bewohner einer sehr ausgeprägten soziale Kontrolle und nahmen große Risiken in Kauf“, unterstrich Museumsleiter Dr. Udo Gößwald.

Es sind bedrückende Details und schier unvor-stellbare Lebensgeschichten, die von nun an durch die 2 1/2-jährige Arbeit seines Teams ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. „Dieses mikrohisto- rische Projekt macht deutlich, wie wichtig heute die Forschung regionaler Museen ist“, sagte Gößwald, und er sei sehr stolz auf das Ergebnis.

Seit der Vernissage ist die Sammlung des Museums um einige Schätze reicher. „Ich habe Ihnen etwas aus dem Konvolut meines Vaters als Geschenk franziska giffey+udo gößwald+peter lösche_museum neuköllnmitgebracht“, kündigte Prof. Dr. Peter Lösche an und überreichte Gößwald eine Map- pe. Die Ebert-Stiftung habe viel zu viele von diesen Akten, meinte der Britzer: „Sie sollten gefördert werden.“ Dass Lösche – zu Gößwalds sicht- licher Irritation – ständig vom Heimat- museum gesprochen hatte, obwohl das Museum Neukölln bereits seit neun Jahren auf den zweisilbigen Zusatz verzichtet, war in diesem Moment verziehen.

Die Sonderausstellung „Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhl- siedlung vor und nach 1933“ wird noch bis zum 29. Dezember im Museum Neukölln gezeigt.

Zur Ausstellung ist ein 400-seitiger Katalog (18 Euro), der die Forschungs- ergebnisse detailliert dokumentiert, sowie die Begleitbroschüre „50 Türen in die NS-Zeit“ (5 Euro) erschienen.

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