Gesucht und nicht gefunden

alfred-scholz-platz_berlin-neukoellnDer Mann wirkt, als hätte er etwas verloren. Schiebt langsam sein Fahrrad über den Alfred- Scholz-Platz und sieht sich immer wieder um, manchmal aber auch konzentriert zu Boden. Nein, sagt er, er habe nichts verloren, suche aber trotzdem etwas: die Aufenthaltsqualität, die der Platz an der Neuköllner Karl-Marx-Straße seit seiner Umgestaltung und -benennung ha- ben soll. Alle möglichen Leute, angefangen beim Baustadtrat des Bezirks, hätten ihm die versprochen, deshalb würde er nun nach ihr Ausschau halten. Auf den neuen, „spärlich vorhandenen“ Bänken sei sie jedenfalls nicht zu finden. Das Weiterlesen

Stein an Stein

Im Zuge der aktuell laufenden Umgestaltung der Karl-Marx-Straße wird es auch dem Platz der Stadt Hof – in Neukölln besser bekannt als der Vorm-Karstadt-Schnäpp- chenmarkt-Platz – meinstein-mosaiktag, platz der stadt hof, neuköllnan den Kragen gehen. Aus der schmucklosen Ödnis soll ein Platz mit Aufenthaltsqualität werden. Grundlage dafür sind die Ideen des Land- schaftsarchitektur-Büros el:ch und der Künstlerin Nadia Kaabi-Linke, die im Sep- tember letzten Jahres den entsprechen- den freiraumplanerischen Realisierungs- wettbewerb gewannen (wir berichteten).

Insbesondere Kaabi-Linke setzte mit ihrem Entwurf eines demografischen Pflasters namens Meinstein auf die tatkräftige Unterstützung der Neuköllner. In acht über den Norden des Bezirks verteilten Workshops bekam jeder die Gelegenheit, sich Ge- projekt meinstein, mosaiktag, platz der stadt hof, demografisches pflaster,neuköllndanken über Neukölln und die eigene Identität zu ma- chen und anschließend mit einem eigenen Stein die Optik des Mosaiks zu beeinflussen. Insgesamt 101 Neuköllnerinnen und Neuköllner nahmen diese Möglichkeit wahr; etwa 80 Prozent von ihnen brachten Migrationserfahrungen in die Workshop-Gespräche ein. Das im Vorfeld erklärte Ziel, „ein Denkmal zu schaffen, in das sich die Lebens- erfahrungen von Menschen aus 165 Nationen eingeschrieben haben“, verfehlte die Projektgruppe um die tunesisch-russisch stämmige Künstlerin jedoch um Längen. projekt meinstein, mosaiktag, platz der stadt hof, demografisches pflaster,neuköllnDafür hätte es einer schmissigeren Öffentlichkeits- arbeit und einer quantitativ engagierteren Teilnahme bedurft.

Sonntag endete die Phase der Bürgerbeteiligung am Meinstein-Projekt mit dem Mosaiktag. Innerhalb einer abgezirkelten Fläche durften sich alle Aktiven einen Platz für ihren Stein aussuchen – neben dem Partner, der Mutter oder der Freundin projekt meinstein, mosaiktag, platz der stadt hof, demografisches pflaster,neuköllnoder auch weitab von je- mandem. Die Koordinaten des mit Kreide markierten Meinstein-Orts wurden pe- nibel notiert. Die Farbe, die der Quader später bekom- men wird, richtet sich nach der Herkunft des Steinpa- ten, der sich so auf dem Platz der Stadt Hof ver- ewigt, inmitten anderer Steine, die die Bevölke-rungsstatistik Neuköllns repräsentieren.

Unmut herrscht derweil noch bei den Freunden Neuköllns e. V., die sich mit der Ankündigung nicht abfinden wollen, dass das momentan auf dem Platz verlegte Wappen der Stadt Hof  dem Mosaik weichen soll.

=ensa=

Neuköllns kleiner Unbekannter, der Platz der Stadt Hof, wird aufgepeppt

Was haben Google Maps und viele Neuköllner gemeinsam? Sie kennen den Platz der Stadt Hof nicht. Entschieden ortskundiger ist hingegen der berlin.de-Stadtplan: Der Platz der Stadt Hof liegt da, wo die Ganghoferstraße von der Karl-Marx-Straße abzweigt, lässt er auf einen Blick erkennen. Würde man allerdings die Neuköllner fragen, wo der Vorm-Karstadt-Schnäppchenmarkt-Platz ist, bekäme man wohl von jedem die richtige Antwort. Vielleicht noch verbunden mit der Frage „Wie? Ditt solln Platz sein?“

Eine Fülle dessen, was als Aufenthaltsqualität bezeichnet wird, hat der überdimensional breite Bürgersteig an der tosenden Kreuzung im Zentrum Neuköllns wirklich nicht zu bieten: ein Wall-Klo, eine Platane, eine Topfpflanzen-Hecke, das ins Pflaster eingelassene Wappen der Stadt Hof und eine von Tischen und Stühlen umgebene China-Imbiss-Bude. Im Juni kamen noch einige blaue Kästen dazu, die Kunstobjekte und Sitzmöbel in einem und Vorläufer für die Verschönerung des vernachlässigten Platzes sind, die im Zuge der Umgestaltung der Karl-Marx-Straße erfolgen soll.

45 Landschaftsarchitektur-Büros aus ganz Europa bewarben sich mit ihren Ideen am ausplatz der stadt hof neukölln,el:ch landschaftsarchitektengeschriebenen frei- raumplanerischen Reali- sierungswettbewerb, neun davon wurden von einem Fachgremium ausgewählt, konkrete Entwürfe, Modelle und Kostenpläne unter Einhaltung der Budget- grenze von 500.000 Euro einzureichen. Ihre Arbeiten wurden zunächst am vergangenen Mittwoch bei einer Bürgerversammlung diskutiert, bevor Donnerstag eine Jury zusammen kam und schließlich für den Wettbewerbsbeitrag mit der Startnummer 107 als Gewinner votierte, der von el:ch Landschaftsarchitekten in Kooperation mit der tunesischen Künstlerin Nadia Kaabi Linke eingereicht wurde.

Freitag informierten der Neuköllner Baustadtrat Thomas Blesing, Fachjuror Harald Fugmann, Rico Emge von der AG UmbauStadt und Holger Schilling  als Delegierter der  [Aktion! Karl-Marx-Straße] in einer Pressekonferenz über die Entscheidung. Der Platz der Stadt Hof solle, so Blesing, zu einem der herausgestellten Punkte entlang der Neukölln Magistrale werden und nach seiner Umgestaltung 2012 so aussehen.

umgestaltung platz der stadt hof,neukölln,wettbewerb, büro el:ch,nadia-kaabi linke

Besonders angetan waren die Juroren vom in den Entwurf integrierten Kunstobjekt „demografischen Pflaster“: Mit verschiedenfarbigen Steinen wird ein Mosaik entstehen, das die quantitative Verhältnismäßigkeit der ethnischen Gruppen in Neukölln aufzeigt.  Über den Platz verteilte Sitzgruppen in unterschiedlichen Anordnungen laden zum Verweilen und Kommunizieren ein, auch das gefiel.

Dagegen hielt sich die Begeisterung über das vom Wettbewerbsgewinner el:ch eingearbeitete Modul Brunnenanlage in Grenzen. „Die wird es nicht geben“, ent- schied der Baustadtrat. Aus Folgekostengründen und weil man mit einem Brunnen auf dem Platz der Stadt Hof bereits vor Jahrzehnten schlechte Erfahrungen gemacht habe: Sie vermüllte zusehends und wurde daraufhin amtlicherseits wieder aus dem Verkehr gezogen. Auf andere, derzeit zum Platz gehörende Dinge werde man nach den Umgestaltungsmaßnahmen ebenfalls verzichten müssen: Das Wappen der Stadt Hof kommt weg, und die Zufahrt von der Karl-Marx- in die Ganghofer- und Ri- chardstraße wird es dann für Autofahrer auch nicht mehr geben. Dass sie verzichtbar ist, habe eine Verkehrsuntersuchung ergeben.

Unklar ist hingegen noch die Zukunft der China-Imbiss-Bude. Sie könne integriert werden, sagte Thomas Blesing, gleichzeitig stellte er jedoch fest, dass es „keinen Ewigkeitsvertrag mit dem Besitzer“ gebe. Dass sie ihre exponierte Stellung behält, scheint der Gesamtoptik des Platzes zuliebe unwahrscheinlich.

umgestaltung platz der stadt hof,neukölln,wettbewerb, u-bahnskopeAuch was dem alles er- spart bleibt, sprich: die teils beliebigen und teils kruden Entwürfe der el:ch-Mitbewerber, blieb kein Geheimnis: Gelbe Metall- röhren, die bis in den U-Bahn-Tunnel ragen und die Geräusche und Gerüche auf den Platz der Stadt Hof blasen. Ein rund 18 Meter hoher Turm mit einer Palme auf der Spitze und Hühnergehege, Bienenstöcken und einem Kompostklo im Inneren. Ein 12 Meter hoher, von drehbaren Sitzfindlingen umgebener Spazierstock. Und auch Bäume, die die Sichtachse zur Richardstraße blockieren. So hatte man sich die Zukunft von Neuköllns kleinem Unbekannten dann doch nicht vorgestellt.

_ensa_