Unten die Durststrecke, oben der Erfolg: die Gegensätze der Neuköllner Karl-Marx-Straße

steinle_blesing_7 jahre aktion kms neukölln„Seit sieben Jahren“, so stand es in der Einladung, „gestaltet die [Aktion! Karl-Marx-Straße] den Wandel des Neuköllner Bezirkszentrums.“ Deshalb wurde neulich auf dem Alfred-Scholz-Platz „gefeiert“ – mit einer Bühne, die so groß war, dass Baustadtrat Thomas Blesing und Moderator Reinhold Steinle sowie dessen Aktentasche auf ihr stehen konnten, mit einigen Schautafeln, die Rück- und Ausblicke visualisierten, und – trotz der Präsenz diverser qua Amt Involvierter – mit einer sehr überschaubaren Gästezahl, die sich nach dem ersten und zugleich spannendsten Programmpunkt weiter reduzierte.

Anwohner waren nur spärlichst vertreten, was ins- besondere der äußerst dezenten Werbung für die Veranstaltung geschuldet gewesen sein dürfte. Inhaber von Läden in der Karl-Marx-Straße waren unter den Weiterlesen

Kapituliert

geschäftsaufgabe peter rizzi neukölln, karl-marx-straßeNun reicht’s! Fast 32 Jahre lang hat er in seinem Laden in der Karl-Marx-Straße Mar- kenbekleidung für Männer verkauft, jetzt schließt er. Für immer!

Mit der Aufgabe des Peter Rizzi-Shops ver- dunkelt sich ein weiteres Kapitel im Ge- schichtsbuch der Neuköllner Traditionsge- schäfte in der Magistrale des Bezirks. „Wer hier Qualität statt Billigklamotten anbietet, kann nur enttäuscht werden“, ist das Fazit geschäftsaufgabe peter rizzi neukölln, karl-marx-straßedes Inhabers. Abge- zeichnet habe sich das schon, als das 25-jährige Jubiläum gefeiert wurde: „Viel- leicht war ich wirklich ein bisschen verrückt, weil ich trotzdem an dem Laden fest- halten wollte.“ Der sei schließlich das älteste von damals fünf geschäftsaufgabe peter rizzi neukölln, karl-marx-straßeBerliner Peter Rizzi-Ge- schäften gewesen.

Mit dem Inkrafttreten des Citymanagements der [Aktion! Karl-Marx-Straße] keimte neue Hoffnung auf, dass der Standort wieder die Kurve hin zu einer florierenden Adresse kriegen würde. „Immerhin weiß ich durch eine Erhebung von denen, dass nur etwa 60 Pro- zent der Passanten und potenziellen Kunden auf der Karl-Marx-Straße in den Abschnitt südlich der Kreuzung Werbellinstraße kommen.“ Aber Erhebungen allein würden den Geschäftsleuten geschäftsaufgabe peter rizzi neukölln, karl-marx-straßein besagtem Bereich auch nicht helfen und wirkliche Pläne, die als Konsequenz auf die Statistik folgen und eine Belebung des Gebiets anpeilen, sehe er nicht. Ein halbes Dutzend leerer, mit „Zu vermie- ten“-Schildern plakatierter Gewerbe-Immo- bilien in der Nachbarschaft macht deutlich, dass Skepsis  mit Tendenz zum Pessimis- mus kein singuläres Phänomen ist.

Zuversichtlich, den Neukölln-Hype für sich nut- zen zu können, seien indes viele Hauseigentümer. Eine Mieterhöhung von 25 Prozent wäre für den Laden von Peter Rizzi fällig geworden: „Da habe ich beschlossen, dass es nun wirklich reicht!“ Wenigstens sei der Abverkauf noch ganz gut gelaufen.

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Vom Abschwung mitgerissen

geschäftsaufgabe sanitätshaus wemme, karl-marx-straße neuköllnDie Lage könnte nicht besser sein: Direkt neben einem Ärztehaus an der Karl-Marx-Straße eröffnete Frank Wemme vor 12 Jahren sein Sanitätshaus. Mit zwei großen Schau- fenstern für Bandagen, Stützstrümpfe, Rol- latoren, Inkontinenz-Slips, orthopädische Kis- sen, Angora-Wäsche und anderes aus geschäftsaufgabe sanitätshaus wemme, karl-marx-straße neuköllndem Sortiment.

Heute öffnet Wemme sein Geschäft zum letzten Mal. Seit einigen Tagen hängt eine Inventarliste an der Ladentür: „Je mehr ich noch verkaufe, desto besser.“ Einerseits kann er die Einnahmen gut gebrauchen, anderer- seits erleichtert jedes Teil weniger die Auflösung des Ladens. Fast 1.500 Euro Miete hat er für den bezahlt. „Erhöht haben sich die Kosten in letzter Zeit nicht, aber leider wollte mir der Vermieter auch nicht ent- gegenkommen und sie senken“, sagt Frank Wem- me. Dann hätte vielleicht noch ein wenig länger durchzuhalten versucht.  Aber gebracht hätte das auch nichts, vermutet er. Viele Ärzte würden mit großen Sanitätshäusern kooperieren und immer weniger Leute sich das leisten können oder wollen, was er anbietet. Obwohl es bei gesetzlich Kranken- versicherten oft nur um eine Zuzahlung von wenigen Euro gehe.

Deshalb ist dieser Freitag der 13. vor allem für Frank Wemme ein schwarzer Tag. „Hartz IV“, antwortet er traurig auf die Frage, wie es um seine Zukunft bestellt sei. Die einige hundert Meter weiter nördlich an der Karl-Marx-Straße gelegene Esprit-Filiale im Wo-früher-Hertie-war-Haus hat sich einen weniger symbolträchtigen Tag für ihr Ende ausgesucht: Sie schließt morgen! Schon im nächsten Monat soll die Textilkette Takko dort einziehen. In diesem Wechsel ein Zeichen für den doch eigentlich von Bezirk und Citymanagement angepeilten qualitativen Aufschwung von Neuköllns Haupteinkaufsstraße zu sehen, fällt schwer. Auch in der Schließung eines weiteren inhabergeführten Fachgeschäfts ist der nicht eben zu erkennen, und das Sani- tätshaus Wemme wird nicht das letzte sein.

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Mit einem Fuß im Jenseits

Er kränkelte schon lange und siechte seit geraumer Zeit in einem Dasein dahin, das aus mehr Abs als Aufs bestand: der Zauberkönig. Nun ist er tot,  gestorben im stolzen Alter von 127 Jahren, höchstwahrscheinlich jedenfalls. Eine endgültige Diagnose will Mona Schmidt momentan noch nicht abgeben. Lieber spricht sie erstmal von einer gewissen Hoffnung, die es vielleicht gebe, von einer Art komatösem Zustand.

Gestern ging es dem Zauber- könig noch einmal richtig gut. Die Kunden – auf Ladycracker, Pfennigschwärmer, Wunderker- zen, Chinakracher, Scherzartikel und Luftschlangen aus – gaben sich gegenseitig die Klinke in die Hand und stand dicht gedrängt in dem kleinen Laden. Günter Klepke, Mona Schmidts Vater, der das Fachgeschäft für Magie an der Neuköllner Hermannstraße 1978 übernahm und 1995 an seine Tochter übergab, führte Zaubertricks vor. Es war ein wenig  wie ein letztes Aufbäumen.

Wenn jeden Monat Silvester, Karneval oder Halloween wäre, dann hätte man sich um das Überleben des Zauberkönigs weniger Sorgen machen müssen. Darauf, dass der Kalender anderes vorsieht, reagierte Mona Schmidt bereits vor einem Jahr, indem sie sich einen Job fernab von Scherz- und Zauberhaftem suchte. „Von dem, was der Zauberkönig einbringt, kann kein Mensch leben“, sagt sie. Der  Harry Potter-Boom sei verpufft, Silvester nur einmal im Jahr und Faschings- oder Halloween-Kostüme würden die Leute lieber in Discountern kaufen: „Bei uns holen sie sich dann nur noch Kleinigkeiten wie Dracula-Zähne oder Schminke.“ An einer sprunghaft gestie- genen Miete oder anderen derartigen Begleiterscheinungen des Wandels in Neukölln liege es jedenfalls nicht, dass es dem Zauberkönig geht, wie es ihm geht.

Ob er reanimiert werden kann, das werde sich rausstellen. „Es könnte sein“, so Mona Schmidt, „dass es jemand aus der Familie mit einem neuen, modernen Konzept probieren will.“ Doch für diese Entscheidung werde man sich Zeit lassen. Mona Schmidt hat ihre indes getroffen: Deshalb bleibt die Tür ins kleine Reich der Magie ab morgen  geschlossen. Vielleicht nur vorübergehend, vielleicht aber für immer.

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Die Tage sind gezählt

Seit 117 Jahren gibt es am Richardplatz, der nun auch wieder Bänke hat, das Fuhrunter- nehmen Kutschen-Schöne, das damit zu den ältesten Betrieben Neuköllns gehört und aus dem Bezirk kaum mehr wegzudenken ist.

Schräg gegen- über, am Richard- platz 7, läuft derzeit der Countdown für den Sertac Market. Seit Jahr und Tag wurden dort Obst, Ge- müse und diverse andere Lebensmittel verkauft. Damit ist nun am Monatsende Schluss. „Der Mietvertrag wurde nicht ver- längert“, erzählt der Besitzer des Ladens.

Montag hat er mit dem Räumungsverkauf begonnen: 20 Prozent Preisnachlass gewährt er auf alles, was noch in den Regalen steht. „War eine schöne Zeit“, sagt er, und dass er die gerne noch ein paar Jahre gehabt hätte. Er hätte ja gar nicht auf insgesamt 117 kommen wollen.

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Mit Anlauf in den Tod

Räumungsverkauf steht auf roten Bannern auf den Schaufenstern und über der verwitterten Markise. Kinderschuhe, Damenschuhe, Herren- schuhe – alles ist erheblich reduziert, nur der Service nicht. Wer das Geschäft in der Karl- Marx-Straße 122 betritt, wird freund- lich begrüßt und „Kann ich Ihnen helfen?“ gefragt. Drei Verkäuferin- nen stehen bereit, um sich der Kundschaft anzunehmen. Bis zum Jahresende wird das noch so sein, dann ist Schluss, denn das Schlagwort „Räumungs- verkauf“ ist hier kein Marketinginstrument: Nach 32 Jahren schließt das Schuhhaus Wittstock seine Filiale in Neukölln und setzt damit die Serie des Sterbens tra- ditionsreicher Fachgeschäfte fort, das trotz City-Management in der Magistrale des Bezirks grassiert.

Schuhe, deren regulärer Preis um einiges über der 100 Euro-Marke lag, sind nun für weit weniger als die Hälfte zu haben.  „Aber auch das ist vielen noch zu teuer“, erzählt eine der Verkäuferinnen. Um Qualität oder eine fachlich kompetente Beratung gehe es nur wenigen, die zum Shoppen in die Karl-Marx-Straße kommen. „Mir schon!“, mischt sich eine Mittvierzigerin ein, die seit rund 30 Jahren Neuköllnerin und seitdem Stammkundin bei Wittstock ist. „Meine Konfirmationsschuhe waren das erste Paar, das ich von hier hab“, erinnert sie sich. Auch die Füße ihrer beiden Kinder seien fast ausnahmslos aus Schuhen gewachsen, die in der Neuköllner Filiale des Familien- unternehmens gekauft wurden. Sie nehme die Sneakers, entscheidet die Frau nach einem Testlauf durch das Geschäft: „Richtig angenehm ist es mir aber nicht, mich an dieser Leichenfledderei zu beteiligen.“ Für weniger als 30 Euro sind die sportiven Lederschuhe ihre. „In den meisten Läden in der Nachbarschaft würde ich für das Geld zwei Paar Schuhe kriegen“, weiß die Kundin. Doch in die Geschäfte gehe sie gar nicht erst rein. Genügend andere tun es und kommen nach erfolgreicher Schnäppchenjagd schwer bepackt wieder heraus.

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Hinter Gittern

zauberkönig neuköllnMomentan hätte Mona Schmidt, die Chefin vom Zauberkönig, der direkt ne- ben dem Verließ der Te- letubbies, Sesamstraße- und Dschungelbuch-Hel- den und Mainzelmännchen sein Nest hat, auch so gar keine Zeit, sich um die prominenten Weggesperr- ten zu kümmern. Denn in dem traditionsreichen Ber- liner Fachgeschäft für Magie, Scherzartikel und Kostümierungs-Equipment, das dem Einzelhandelssterben auf der Neuköllner Hermannstraße wacker trotzt, ist gerade Hochsaison – Halloween macht’s möglich.

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Die letzten Mohikaner geben auf

Noch ein Jahr, dann hätte das 50-jährige Bestehen des Ladens gefeiert werden können. Doch dazu wird es nicht mehr kommen: Ende September schließt Schmidt’s Büro- und Schulmarkt in der Hermannstraße 89.

„Wo kann ich denn dann meinen Elvis-Kalender bestellen?“, fragt eine Mittfünfzigerin. schmidts büro- und schulmarkt hermannstraße, neuköllnEin alter Mann, Typ Herr, will wissen, ob in der Nähe überhaupt ein anderes Geschäft sei, in dem man richtiges Tesa-Film kaufen kann. Von diesem ganzen billigen Kram, sagt er, halte er nichts. Deshalb besorge er sich jeden Kugelschreiber, Briefumschlag, Klebstoff oder eben die Tesa-Film-Rollen bei Schmidt’s. Eine Erzieherin aus einer Kita in der Nachbarschaft guckt in den immer leerer werdenden Regalen nach Dingen, die zum Basteln verwendet werden könnten. Mit Tonpapier-Bögen in verschiedenen Farben, einigen Pinseln und einer Rolle Seidenpapier verlässt sie den Laden.

Seit ein paar Wochen hat das Einkaufen hier etwas von Leichenfledderei. Leuchtende Zettel mit der Aufschrift 30 % hängen über Schulheften, Tuschkästen, Ringbucheinlagen und den meisten anderen Dingen, bei manchen Artikeln darf man sogar 50 % vom Preis auf dem Etikett abziehen. Was weg ist, ist weg. Lieber die Marge reduzieren als auf Unmengen von Waren sitzen zu blei- ben. Im Gegensatz zu manch ande- rem Räumungsverkauf in Neukölln, bei dem schon kurz nach der Schließung ein neuer Inhaber mit identischem Sortiment weitermacht, ist dieses ein richtiger. Eine echte Geschäftsaufgabe nach der Devise „Besser jetzt als gleich“. Hoffnungen, schmidts büro- und schulmarkt hermannstraße, neuköllndass es in absehbarer Zeit mit den Umsätzen wieder bergauf gehen könnte, haben Inhaber Helmut Horn und seine Frau nicht.

Als sie den Laden übernahmen, habe es noch 10 Schreibwarenhandlun- gen in Neukölln gegeben. „Jetzt sind wir die letzte“, sagt Horns Frau. Eine gegenläufige Entwicklung legten Bil- ligmärkte hin, in denen viele Artikel, die auch „Schmidt’s Büro- und Schulmarkt“ anbot, in minderwertigerer Qualität zu bedeutend niedrigen Preisen zu haben sind. Einer ist schräg gegenüber seit ein Lebensmittel-Discounter diese Filiale aufgab. „Und dann noch die ganzen Shopping- center, die genehmigt werden und uns kleinen Einzelhändlern das Genick brechen.“

Von der 1B-Lage sei die Hermannstraße zur 2C-Kategorie abgesackt. An der Miete habe sich das jedoch leider nicht bemerkbar gemacht: „Immerhin ist sie nicht gestiegen, aber bei sinkenden Umsätzen war sie eben auch nicht länger tragbar.“ Dass die Gewerbefläche schnell neu vermietet wird, bezweifeln die Noch-Mieter. Insgesamt 14 Wohnungen stünden im Haus leer, da käme es auf die zusätzlichen Quadratmeter sicher auch nicht mehr an: „Was der Hauseigentümer vorhat, ist uns wirklich ein Rätsel.“

Unklar ist ebenso die Zukunft der Horns. Um einem Rentner-Dasein zu frönen sind sie noch viel zu jung. Da werde sich schon etwas finden, sind sie überzeugt. „In den letzten 30 Jahren haben wir nur für den Laden funktioniert“, so der Rückblick auf die Zeit in der Hermannstraße, „jetzt bringen wir erstmal unsere Gesundheit wieder auf Trab.“ Sollte es wirklich jemals zu einer Gentrifizierung des Schillerkiezes, zu dem auch die Hermannstraße gehört, kommen – für das letzte Schreibwarengeschäft Neuköllns kämen Kaufkräftige mit der Ambition, die lokale Wirtschaft zu unterstützen zu spät. „Übernächsten Donnerstag noch, dann ist Schluss“, sagt die Frau hinter der Ladentheke und klingt dabei eher erleichtert als wehmütig.

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