48 Stunden Neukölln: Kunstfestival und „stadtpolitisch relevante Veranstaltung“ zugleich

Rund 1.200 Künstlerinnen und Künstler präsentieren sich von heute an bis einschließlich Sonntag an etwa 250 Orten sowie in 90 Projekträumen und Ateliers bei der 20. Ausgabe des Festivals 48 Stunden Neukölln.

Anlässlich des Jubiläums gab das Kulturnetzwerk Neukölln eine 100 Seiten starke Festschrift heraus. Die Festivalmacher erinnern sich darin: „Das erste 48 Stunden Neukölln Festival fand 1999 an insgesamt 25 Orten statt, getragen von dem Elan, zu zeigen, was in unserem verrufenen Neukölln kulturell steckt.“ Zivilgesellschaftliche Kiez-Akteure um die damalige Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland hatten damals das Kunst- und Kulturfestival ins Leben Weiterlesen

Spanplatten am Musikhaus Bading als Pinnwand der Bestürzung und Anteilnahme

„Was für eine sinnlose Tat – liebes Musikhaus Bading-Team: Wir drücken Euch für einen guten Neuanfang die Daumen!“, so macht die Neuköllner Oper auf ihrer Facebook-Seite ihre Anteilnahme öffentlich, nachdem in der Silvesternacht Randalierer erst eine Scheibe des Musikgeschäftes gesprengt und dann Feuerwerkskörper in den Verkaufsraum geworfen hatten, bis er völlig ausbrannte. „Bading repräsentierte wie kein anderes Geschäft die große Musikgeschichte Neuköllns“, erinnert – ebenfalls bei Facebook – die langjährige Neuköllner Kulturamtsleiterin Dr. Dorothea Kolland Weiterlesen

Pünktlich zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution: Neukölln reflektiert seine kommunistische und linksradikale Vergangenheit

„Neukölln ist ein perfektes Laboratorium für die Beschäftigung mit der Geschichte des Kommunismus“, erläuterte Katharina Hochmuth, Projektkoordinatorin der Stiftung Aufarbeitung, zur Eröffnung der Ausstellung „Der Kommunismus in seinem Zeitalter“, für die am Dienstagnachmittag – exakt der 100. Jahrestag der Oktoberrevolution vom 7. November 1917 – im Obergeschoss der Neuköllner Stadtbibliothek nur ein kleiner Besucherkreis zusammengekommen war. Die Ausstellung, die auf beide Etagen der Helene-Nathan-Bibliothek verteilt ist, will den Aufstieg und Niedergang der kommunistischen Bewegung umfassend beschreiben und so zu einem tieferen Verständnis der DDR-Diktatur beitragen. Sie Weiterlesen

100 Tage für 100 Jahre: Neukölln feiert den Körnerpark

koernerpark neukoellnHätten sich alle zu einem Gruppenfoto aufgestellt, die an der Vorbereitung oder Durchführung des Festprogramms zum 100-jährigen Bestehen des Körnerparks beteiligt sind,gruppenbild_pk 100 jahre koernerpark_neukoelln wäre es auf der Terrasse vor der Galerie eng geworden. Deshalb traten Montag beim Pressetermin nur die Hauptverantwortlichen vor die Kameras.

„Das Interesse am Mitwirken seitens der Neuköllnerinnen und Neuköllner war überhaupt nicht einzuschätzen, als wir vor genau zwei Jahren angefangen haben, das Jubiläum zu planen“, sagt Kulturamtsleiterin Dr. Katharina Bieler (4. v. r.). Ihre Mitarbeiterin Bettina Busse (l.) hat seitdem regelmäßig zu einem Stamm-tisch eingeladen, der mit dem Input „Wir spinnen erstmal nur rum!“ Weiterlesen

„Immer dienstags trifft sich die Neuköllner Kulturszene in einer Telefonzelle aufm Richardplatz“

gruppenbild mitglieder_20 jahre kulturnetzwerk neukoellnMit diesem Bild beschrieb Klaus Dieter Ryrko die Situation anno 1995 in seiner Video-Bot-schaft. Gezeigt wurde der Einspieler zwischen denen zahlreicher anderer Gratulanten am vergangenen Dienstag, als das Kulturnetz-werk Neukölln in der Neuköllner Oper sein 20-jähriges Bestehen feierte.

Ryrko, Programmbereichsleiter bei der VHS Neukölln, saß derweil im Publikum und erlebte einen Abend, der zurückblicken und in die Zukunft schauen ließ. Zunächst aber war es – nach der Weiterlesen

„Fokus Neukölln“ hilft dem Dialog zwischen Einwohnern und Neukölln-Forschern auf die Sprünge

ortsschild berlin-neuköllnViel diskutiert wird über Neukölln schon lange: Entweder über den Problembezirk oder seit neuestem über den Trendbezirk Neukölln, der zum guten Beispiel in der sich wandelnden Metropole Berlin werden könne. Wie können Neuköllne-rinnen und Neuköllner in Zukunft aber mehr miteinander statt übereinander reden? Wie kann vor allem die Wissenschaft, die im Modell-Bezirk fleißig forscht, in diesen Dialog einbezogen werden? Die Bürgerstiftung Neukölln und das Wissenschaftszentrum Berlin halfen mit Unter-stützung der Initiative Wissenschaft im Dialog (WiD) am vergangenen Montagabend diesem überfälligen Dialog gehörig auf die Sprünge: Wissenschaftlerinnen und Wissen-schaftler stellten in der vollbesetzten Villa Neukölln ihre aktuellen Studien über Wohnen, Leben und Lernen in Neukölln knapp und verständlich Weiterlesen

Ein Museum des Lebens und der Verbindung zwischen Menschen und Objekten

museum neukölln ganghoferstraßeEs war 1985, als Dr. Udo Gößwald die Leitung des damals noch in der Ganghoferstraße angesiedelten Heimatmuseums Neukölln übernahm. Dorothea Kol-land war seinerzeit bereits seit vier Jahren Chefin des Neuköllner Kulturamts. Sie habe den Keim dieses Museums gepflanzt, erinnerte sich Gößwald an den Beginn der gemeinsamen Arbeit an der Neukonzeption des Museums vor 30 Jahren. Am vergangenen Sams-tag feierte es, seit 2004 auf das Präfix „Heimat“ verzich-tend und 2010 auf den Gutshof Britz umgezogen, das Jubiläum und lud dazu ein, die Historie aus musealer Sicht Revue passieren zu lassen.

Begonnen wurde der Abend mit Führungen durch das Museum. Dr. Udo Gößwald zeigte den Besuchern dabei außer den Büros der Mitarbeiter auch Weiterlesen

Geschichte auf der Bühne: Heimathafen Neukölln plant Stück über Verfolgte im Nationalsozialismus und hofft auf das Mitwirken vieler Neuköllner

heimathafen neukölln_saalbau neukölln„In Neukölln lagerten die ‚Judenmöbel‘ im städtischen Saalbau.“ Es war dieser Satz auf Seite 457 des Buches „Zehn Brüder waren wir gewesen …“, der Julia von Schacky und Stefanie Aehnelt wieder an eine Idee erinnerte. „Wir wollten schon lange ein Stück machen, das sich mit dem Nationalsozialismus im Bezirk beschäftigt“, sagt letztere, die zu den Gründerinnen des Heimathafens Neukölln gehört und dessen Geschäfts-führung übernommen hat. Aus zeitlichen Gründen seien großer saal_saalbau neuköllnsie jedoch bisher nicht dazu gekommen. „Von der Saalbau-Vergangenheit in der Nazi-Zeit ist ja leider nicht viel bekannt“, er- gänzt von Schacky, Regis-seurin im Heimathafen-Team. „Deshalb war uns klar, dass ein so extrem retroperspektiver Ansatz sehr aufwändig werden würde. Und was dabei rauskommt, ist völlig unklar.“ Zumal es den Frauen vom Weiterlesen

Hereinspaziert!

pulcinella-figur_puppentheater-museum berlin_neuköllnEines Vormittags in der Neuköllner Karl-Marx-Straße in Höhe der gleichnamigen U-Bahn-Station. An einer über- lebensgroßen Pulcinella-Figur aus Bronze vorbei gemelanie wurst_puppentheater-museum berlin_neuköllnlangt man ins Gartenhaus.

Hier geht es hoch her. Rund zwei Dutzend Kinder disku- tieren eifrig mit Melanie Wurst. Sie gibt einer Stabmarionette, die einen König darstellt, Le- ben und eine tiefe Stimme, die fragt: „Kommt denn noch etwas in das heiße Wasser? Vielstimmige Antwort: „Die Nudeln“. Neue Frage: Wie lange müssen die kochen? „Drei Minu- ten“, meinen die Kinder. Damit es nicht allzu al dente wird, einigt man sich auf fünf Minuten und will auch dann erst einmal kosten. Aber es gibt Weiterlesen

Maria – zwischen Verehrung, Massenware und Event

6_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnVermutlich geht es vielen wie Bettina Busse, der kommissarischen Leiterin des Neuköllner Kultur- amts. Schließlich ist Berlin weit davon entfernt, eine Hochburg für Anhänger des christlichen Glau- bens – oder gar des Katholizismus – zu sein. „Ich finde das Thema zwar spannend, hab aber per- sönlich bettina busse_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllndamit gar nichts zu tun“, be- kennt die Inte- rims-Nachfolgerin von Dorothea Kol- land (l.) vorgestern bei der Eröffnung einer neuen Ausstellung in der Ga- lerie im Körnerpark. „Maria breit den Mantel aus …“ heißt sie und zeigt Eindrücke und Reliquien, die das Künstlerehepaar Kandl von Reisen zu Marienwall- 3_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnfahrtsorten mitgebracht hat. In verschiedenen Regionen der Welt wa- ren Johanna und Helmut Kandl unterwegs: Das bay- rische Altötting wurde ebenso bereist wie Lourdes, das slowakische Levoča, Medjugorje in Bosnien-Herzegowi- na und Guadalupe, ein Vorort von Mexiko-City, um dem Wunderglauben und rätselhaften Erscheinungen 7_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnzu begegnen.

Es ist ein wahrer Madonnen-Flash, der die Besucher der Ausstellung umgibt. Maria auf Bildern in unter-schiedlichsten Darstellungen, als Statue in einer Bandbreite 4_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnvon skurril bis ehrerbietig, auf Collagen und Reliefs. In einer völ- kerübergreifend plau- siblen Bildersprache, so Bettina Busse, werde der Huldigung Marias Aus- druck verliehen. Alles in allem, erzählt sie dann noch, würde die Ausstellung sie sehr an eine Patentante erinnern: „Mit ihrer Marienverehrung konnte ich schon damals nichts anfangen, aber ich fand dorothee bienert_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnimmer, wenn das für sie gut und wichtig ist, dann ist es auch gut, es zu respektieren.“

Distanz und Respekt, die Herangehensweisen, mit denen religiöse Themen gemeinhin künstlerisch be- arbeitet werden, ersetzen Johanna und Helmut Kandl in ihrer Ausstellung weitgehend durch Humor und Ironie. „Ihnen ging es vor allem um das kulturhis-torische Phänomen der Marienverehrung, um Ein- blicke in verschiedene Kulturkreise und die mediale Inszenierung von Wallfahrten„, erklärt Kura2_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllntorin Doro- thee Bienert (l.). Die hohe Zahl der Kir- chenaustritte sei ein Aspekt, dem gegen- über stehe jedoch ein wachsendes Inte- resse an Religion und Spiritualität: Der Jakobsweg ist europaweit ausgebaut worden, Pilger-Events zu heiligen Stätten haben Hochkonjunktur. Und jeder vierte Deutsche gibt an, auf- geschlossen für Wunder, Geistheilungen und die Wirkung spiritueller Objekte zu sein, die als 1_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnMassenware hergestellt werden.

Statt diese Phänomene zu kritisch zu hin- terfragen oder ihre Reiseerlebnisse zu be- werten, haben die Kandls sie dokumenta- risch für die Betrachter aufbereitet. Das Augenzwinkernde ergibt sich dabei im Grunde erst durch die Zusammenstellung der Exponate und ihre Menge. Die Quantität ist es auch, die in der Videobox im hinteren Bereich der Galerie herausfordert: Der musikalisch untermalte Kurzfilm „Pygmalion“ zeigt in einer Doppelprojektion ge- mächliche und rasantere Sequenzen. Um Maria geht es bei allen.

Die Ausstellung „Maria breit den Mantel aus …“ ist noch bis zum 28. Juli in der Galerie im Körnerpark zu sehen (Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr).

Am 15. Juni um 17 Uhr findet im Rahmen der 48 Stunden Neukölln ein Künstlergespräch zum Thema „Staunen: Geschichten über Wallfahrer, sechsfingrige Madonnen und fliegende Häuser“ statt.

=ensa=

„Das Buch vom Böhmischen Dorf“: Neukölln-Geschichte von Kindern für Kinder

Das Buch vom Böhmischen Dorf+Parthas VerlagGestern wurde am Richardplatz im Salon der Kreativen Gesellschaft Berlin das neu erschienene Buch „Das Buch vom Böhmischen Dorf“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Raum war schnell gefüllt – und nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von Kindern, die an dem Buch maßgeblich mitgearbeitet haben.

Die Idee eines Stadtführers von Kindern für Kinder, der sich schwerpunktmäßig mit der Ge- schichte der böhmischen Exulanten beschäftigt, ging von Dr. Dorothea Kolland, der langjährigen Leiterin des Kulturamts Neukölln, aus. Eigentlich hätte das Buch schon im letzten Jahr zum 275-jährigen Bestehen des Böhmischen Dorfes fertiggestellt werden sollen, erzählt sie, aber dann verzögerte es S.12+13_Das Buch vom Böhmischen Dorf_Parthas Verlagsich doch.

Kolland konnte für ihre Idee zunächst Marita Stolt, die Rektorin der Richard-Grundschule, begeistern: Ihre Schüle-rinnen und Schüler der Klassen 5a und 6a erkundeten in einer Projekt- woche den Richardplatz, zeichneten markante Orte am und um den Richardplatz wie das Denkmal Fried- rich Wilhelm I. oder die Bethlehems- kirche und fertigten mit Bleistift einen Straßenplan des Richardkiezes an. Diese beate klompmaker+anna faroqhi_buchpräsentation_kgb44 neuköllnZeichnungen sind nun neben vielen anderen im Buch wiederzufinden.

Als Autoren konnte die Ex-Chefin des Kultur- amts Anna Faroqhi (r.) und Haim Peretz ge- winnen, die schon den Neukölln-Comic „Welt- reiche erblühten und fielen“ erarbeitet hatten. Später kam noch Beate Klompmaker (l.) hinzu, die selbst am Richardplatz wohnt. Von ihr wurde im vergangenen Jahr das Buch „Das Böh- mische Dorf in Berlin – ein Rundgang“ ver- öffentlicht.

Der Projektfonds Kulturelle Bildung des Landes Berlins war es schließlich, der die Finanzierung des Buches ermöglichte. Auch Arnold Bischinger nahm als Vertreter des Projektfonds bei der Buchpremiere neben dorothea kolland+arnold bischinger+richard-grundschule_buchpräsentation kgb44 neuköllnDoro- thea Kolland sowie Jaanu Rajendran und Angelika Michonska von der Richard-Grundschule auf dem Podium Platz. Er gab dem Buch gar eine berlin- weite Bedeutung, indem er es in eine Reihe mit der „Route der Integration“ (2011) sowie „Stadt der Vielfalt“ (2012) des Berliner Senats stellte.

Diese kulturelle Vielfalt findet sich auch in dem Stadtführer wieder, der nicht allein auf die böhmische Geschichte oder Traditionsbetriebe am Richardplatz beschränkt bleibt. So schreiben die Kinder handschriftlich im Buch, was die Wörter „Stern“ und S.32+33_Das Buch vom Böhmischen Dorf_Parthas Verlag„Kelch“ in der Heimatsprache ihrer Eltern oder Großeltern heißen, und sie verglei- chen Migrationsgeschichten aus der fernen Vergangenheit mit denen ihrer eigenen Familien.

„Das Buch vom Böhmischen Dorf“ ver- mittelt aber nicht nur Wissenswertes in lebendiger und verständlicher Form, es enthält auch zahlreiche Einladungen, sel- ber kreativ zu werden: So dürfen Kinder ein Foto von sich ins Buch kleben, in ihm malen und sogar auf der letzten Seite das Bild der Bethlehemskirche ausschneiden, um es zu falten und damit ein S.55_Das Buch vom Böhmischen Dorf_Parthas Verlagdrei- dimensionales Modell von der Kirche zu erhalten. Ratespiele regen weiterhin dazu an, sich aktiv mit dem Buch und der Geschichte des Böhmischen Dorfes zu beschäftigen – und dies nicht zuhause, sondern draußen, direkt an den Orten und Gebäuden, die vorgestellt werden.

Durch Dorothea Kollands Initiative und das Mitwirken aller Beteiligten gibt es nun eine wunderbare Möglichkeit, Neuköllner Kin- der an die Geschichte ihres Wohnorts heranzuführen. Angesichts des dörflichen Ambientes rund um den Richardplatz wäre aber Dorfführer fast ein passenderer Begriff als Stadtführer gewesen.

Das Buch ist im Parthas Verlag erschienen, hat 55 Seiten und kostet 9,80 €. Es ist bei der Kreativen Gesellschaft Berlin, direkt beim Verlag und im Buchhandel erhältlich.

=Reinhold Steinle=

„Werkstatt Stadtkultur“: Dorothea Kolland öffnet ihre Schatztruhe

Wer Dorothea Kollands Nachfolge an der Spitze des Neuköllner Kulturamts antritt, steht noch nicht fest. Bis der oder die Neue gefunden ist und tätig wird, könne es durchaus noch bis zum Sommer dauern, meint Bettina Busse, Kollands ehemals engste Mitarbeiterin, die den Posten vorerst kommissarisch übernommen hat. „Nach 31 Jahren eine Arbeit aufzugeben, für die man brennt“, so die Neu-Rentnerin, „ist nicht einfach. Vor allem aber bin ich dankbar dafür, dass mir ein Aufgabenbereich anvertraut war, in dem ich sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten hatte und in dem kolland_werkstatt stadtkulturEntwicklung möglich war.“

Ihre Erfahrungen hat Dorothea Kolland nun in dem Buch „Werkstatt Stadtkultur“ zusam-mengetragen. Nein, stellt die 65-Jährige gleich im Vorwort fest, das Werk sei „kein Buch über Neukölln oder dessen Kultur-arbeit“, „keine Gebrauchsanweisung für kulturpolitisches Agieren“, „keine theore- tisch-wissenschaftliche Analyse“ und es er- zähle auch „keine Geschichten“.

Was aber ist es dann? Zuallererst eine Schatztruhe voller Texte aus über 15 Jahren, die für Dorothea Kolland Grundlage von Vorträgen waren und in diversen Publika-tionen veröffentlicht wurden. Reflektierend und selbstevaluierend arbeitet sich die re- nommierte Kulturpraktikerin durch die Palette der Themen, die unter den Oberbegriffen Kunst, Kultur, Bezirksgeschichte und Stadtentwicklung ihre Amtszeit prägten und meist eng mit Aspekten des Inter- kulturellen verknüpft waren. Zugleich ist die kommentierte Aufsatzsammlung die (selbst)kritische Inspektion eines Arbeitslebens, dessen mannigfaltige Erfahrungs- schritte im Buch ebenso transparent werden wie Lern- und Umdenkprozesse, die vor dem Hintergrund eines sich ständig verändernden Bezirks notwendig wurden.

„Heute“, findet Dorothea Kolland, „ist er bunt, laut, widersprüchlich, arm – und zu- gleich unendlich reich an Menschen, die den neuen Spirit of Neukölln prägen.“ Weltbürger nennt sie sie, und die Kulturlandschaft Neuköllns eine „Melange der alten Unangepasstheit und der neuen Internationalität“.

Auch wenn „Werkstadt Stadtkultur“ kein Buch über Neukölln und dessen Kulturarbeit sein soll, ist es das doch – und sehr aufschlussreich. Zudem tun diejenigen, die in Kollands berufliche Fußstapfen treten wollen, gut daran, sich mit dem gedruckten belastbaren Erfahrungswissen der Vorgängerin zu beschäftigen. Patentrezepte für eine erfolgreiche Zukunft gibt sie ihnen nicht mit auf den Weg, wohl aber die Erkenntnis, dass die „große Herausforderung von Stadtkulturarbeit ist, dass sie immer vor neuen Aufgaben  steht und es  nie fertige Rezepte  gibt.“

=ensa=

„Ich glaub, dass sich der Bezirk Neukölln nie wieder mit jemandem namens Kolland belasten wird“

Es fällt schwer, sich den Zustand der imposanten Galerie im Körnerpark anno 1982 vorzustellen. „Rohbau, kein Fußboden, unverputzt, kein Licht, kein gar nichts. Der ganze Raum wurde vom Neuköllner Garten- bauamt als Abstellfläche für Gerätschaften und Pflanzen genutzt“, beschreibt Dorothea Kolland, die junge, unverbrauchte Verrückte von damals. Nein, ein Dienstvergehen von ihr sei es nicht gewesen, die Orangerie zum prächtigen Rahmen für kulturelles Leben zu machen, nur eine Guerilla-Aktion – gemein- sam mit dem damaligen Leiter des Hoch- bauamts. Dass der gesamte Park seinerzeit zum Gartendenkmal umgestaltet und „ordentlich Geld für die Renovierung des Gebäudes“ in die Hand genommen wurde, kam der zugute. „Aber das Entscheidende war“, so Kollands Einschätzung, „dass ich einfach voller Überzeugung mein Ding durchgezogen hab und auch andere Leute damit überzeugen konnte.“ Daraus, dass das leichter war als es heute wäre, macht sie keinen Hehl: „So  massive Neins wie jetzt von Buschkowsky, hab ich früher nie erfahren.“ Obwohl es auch mit den vier anderen Bezirksbürgermeistern oft nicht leicht gewesen sei. Zwischenmenschlich habe es mit Frank Bielka am besten geklappt, der den Bezirk von 1989 bis 1991 lenkte und heute Vorstandsmitglied der Wohnungsbaugesellschaft degewo ist: „Aber das war finanziell durch die Wende und den Wegfall der Berlin-Förderung eine schwierige Zeit.“

Schwierigkeiten anderer Art hatte Dorothea Kolland dagegen in den Anfangsjahren zu bewältigen: Sie musste die Rollen als junge Mutter sowie als Chefin des Kulturamts und Leiterin der neuen Galerie im Körnerpark, die furios mit einer Ausstellung von Markus Lüpertz eröffnet hatte, unter einen Hut bringen. „Weil ich oft bis Mitternacht in der Galerie war, war meine Tochter meistens auch mit dabei. Anders ging es nicht.“ Sehr prägend sei diese Zeit gewesen, sagt sie rückblickend. Natürlich habe es zu ihren Hauptaufgaben gehört, Kunst zu managen und Rahmenbedingungen zu schaffen, dass sich das Publikum Kunst einverleibt und ins Theater, zu Ausstel- lungen oder in Konzerte geht. „Aber wenn ich mich nur mit Administration aufge- halten hätte, wäre ich verrückt geworden. Deshalb wollte ich bis zuletzt auch oft da sein, wo Kunst gemacht wird.“

Doch Dorothea Kolland hat sich in Neu- kölln nicht nur als Entwicklungshelferin in Sachen Kunst und als Kulturmanagerin verdient gemacht. Auch manche ge- schichtsträchtige Immobilie, wie zum Beispiel das so genannte Büdner-Dreieck zwischen Saalbau und Passage, konnte durch ihren Einsatz vor dem Abriss gerettet werden. „Da, wo die ältesten Häuser der Karl-Marx-Straße stehen, sollte Mitte der 1980er-Jahre auf die Schnelle ein Kaufhaus hochgezogen werden“, erzählt sie. „Als ich das erfuhr, haben wir in Windeseile eine Ausstellung fürs Heimatmuseum gemacht, die die Historie des Büdner-Dreiecks dokumentierte und den Landeskon- servator eingeschaltet.“ Das sei auch wieder so eine Guerilla-Aktion gewesen: „Innerhalb von 14 Tagen haben wir jeden- falls so etwas wie Denkmalschutz auf den Häusern gehabt, und der geplante Abriss musste zum Ärger der Grundstückeigen- tümerin abgeblasen werden.“

Wie es nun mit der Karl-Marx-Straße wei- tergeht, das hält die scheidende Kultur-amtsleiterin neben der noch wichtigeren Frage der Mietenentwicklung für einen der entscheidenden Schlüssel für die Zukunft des Bezirks. „Um die festen Kultureinrichtungen mache ich mir keine Sorgen, die sind in gutem Zustand und gut akzeptiert.“ Sie hält kurz inne. „Eigentlich bin ich optimistisch, dass es bei einigen gentrifizierungsgefährdeten Kiezen bleibt und der Norden des Bezirks an sich auch künftig international gemischt sein wird.“ Aber das werde nicht von alleine passieren. Da hätten der Staat, der Senat und natürlich auch der Bezirk durchaus Aufgaben: „Sie müssen Rahmenbedingungen schaffen und das Bleiben attraktiv machen. Aber die Erkenntnis, ist zumindest mein Eindruck, ist noch nicht genügend an den entsprechenden Stellen angekommen. Dazu, dass eine Horde von Künstlern oder Studenten kurz einfällt und dann wieder weg ist, darf es nicht kommen. Und außerdem muss verhindert werden, dass Familien mit Kindern wegziehen, wenn die eingeschult werden.“ Darum müssten sich Senat und Bezirk kümmern, weil in erster Linie davon die Zukunft Neuköllns abhänge.

Für ihre eigene Zukunft hat Dorothea Kolland profanere Wünsche, die jedoch auch nicht ohne Tücken sind: „Viel lesen will ich, alles. Und reisen, viel reisen, was allerdings etwas schwierig ist, weil ich sehr gerne zusammen mit meinem Mann reise, der aber blöderweise als Präsident der Landesmusikrats dauernd ehrenamtliche Termine hat. Und außerdem möchte ich natürlich Zeit für mein Enkelkind haben, das in wenigen Monaten zur Welt kommen wird.“

Es ist zweifellos die 31-jährige Er- folgsgeschichte einer so engagierten wie nonkonformistischen und unbe- quemen Frau, die am letzten Tag die- ses Monats zu Ende geht. Das meiste von dem, was Dorothea Kolland an- packte, hat sie auch geschafft. „Aber leider nicht alles“, gibt sie zu. „Ich hätte zum Beispiel unheimlich gerne ein Ausstellungsprojekt mit Kindern, Medizinern, Pfarrern und Psychologen zum Thema „Kinder und Tod“ gemacht, weil das Thema so wichtig ist, aber nie richtig behandelt wird.“ Und außerdem sei es ihr nicht gelungen, die Politik davon zu überzeugen, dass man die Künstlerförderung finanziell stärker ausgestattet werden muss. „Neukölln“, erklärt sie, „hat in diesem Topf für dezentrale Kulturarbeit genauso viel Geld wie vor fünf Jahren. Bloß war eben damals höchstens die Hälfte der Künstler in Neukölln.“ Darauf müsse man doch reagieren und könne das nicht einfach so treiben lassen. „Und was mir wirklich sehr leid tut, ist, dass dieses Jahr zum ersten Mal kein Kiez International stattgefunden hat, weil es mir nicht gelungen ist, in den letzten 12 Monaten eine neue Konzeption zu entwickeln.“ Das sei letztlich an der mangelnden politischen Unterstützung und den nur sehr beschränkten personellen Möglichkeiten des Kulturamts gescheitert. „Ich hatte oft in der Kulturszene und auch im Kollegenkreis die Rolle ‚Die Kolland wird’s schon richten‘, aber es gibt eben auch Situationen, wo das nicht funktioniert, vor allem nicht alleine.“ Für solche konzeptionellen Arbeiten habe sie lediglich eine Mitarbeiterin gehabt.

Eben die, die derzeit – nach einem Intermezzo von Museumsleiter Udo Gößwald – kommissarisch den Chefinnensessel im Neuköllner Kulturamt übernommen hat: Bettina Busse. „Ich werde die Letzte sein, die erfährt, wer meine Nachfolge antritt“, glaubt Dorothea Kolland. Ebenso, dass sich der Bezirk Neukölln nie wieder mit jemandem namens Kolland belasten wird.  „Was klar ist, ist, dass ich den Posten schon gerne in guten Händen wüss- te. Egal ist es mir also absolut nicht“, versichert sie.

Die FACETTEN-Magazin-Redaktion und die Brennans danken für die spannende Zeitreise durch die Neu- köllner Kulturgeschichte, wünschen Dorothea Kolland einen wunderbaren Ruhestand und ihrem/r Nachfolger/in viel Erfolg.

Erstes Leben in der Kulturwüste Neukölln

Die Nachmittagssonne zeichnet scharfe Schattenrisse auf den Dielenboden des LadenAteliers von William Francis Brennan. Dorothea Kolland rührt in ihrem Kaffeebecher. „Ach, ich hätte jetzt doch gerne ein Stück Kuchen“, be- schließt sie und kommt damit auf das Angebot zurück, das sie kurz vorher abgelehnt hatte. Etwas Süßes als Proviant für die Reise in die Vergan- genheit des Neuköllner Kul- turlebens, für die es keine bessere Begleitung als Do- rothea Kolland geben kann.

1981. Der Christdemokrat Arnulf Kriedner hatte gerade den SPD-Mann Heinz Stücklen als Bezirksbürgermeister von Neukölln abgelöst. „Kulturell war der Bezirk wirklich eine einzige Wüste“, erinnert sich Kolland. Am Stadtbad habe es das nicht eben fachkundig geführte Emil-Fischer-Heimatmuseum gegeben: „Da wurden ein paar Knochen, eine aus- gestopfte Trappe, Tonscherben-Funde aus Buckow-Rudow und der Rixdorfer Galgen ausgestellt.“ Außerdem habe der Vorgänger auf dem Posten der Kulturamtsleitung, der Operettenregisseur gewesen war, einmal im Jahr eine Operettenvorführung im Naturtheater in der Hasenheide veranstaltet. Das sei es dann aber auch schon gewesen – fast. Denn da war ja noch die Keimzelle der Institution, die heute als Neuköllner Oper bekannt ist. „Winfried Radeke, damals Kirchenmusiker der Martin-Luther-Gemeinde, hatte mit seinen Konfirmanden schon Mitte der 1970er-Jahre angefangen, Stücke von Brecht, Weill und Hindemith aufzu- führen. Das hat mich interessiert und hab ich mir dann auch mal angeguckt. Ich glaub, das war einer meiner ersten Ausflüge nach Neukölln“, erzählt die Charlottenburgerin. „Die Neu- köllner Oper gab’s also gewissermaßen be- reits, aber das war nur ein winziger Haufen von Amateuren. Mit dem, was da heute ist, lässt sich das überhaupt nicht vergleichen.“

Der neuen Kulturamtsleiterin bot sich folglich ein breites Betätigungsfeld. „Das Problem war nur: Kultur braucht Räume. Man kann noch so viel über Kultur reden, wenn man keinen Raum hat, in dem man etwas machen kann, dann findet sie nicht statt.“ Im Saalbau, der heute vom Heimathafen Neukölln bespielt wird, erkannte Dorothea Kolland sofort Potenzial für die Lösung der Raummisere. „Ich zeig Ihnen jetzt mal was!“, hatte ihr Hausmeister und Verbündeter Dieter Schulz angekündigt und sie in das Gebäude geführt, das seinerzeit zum Vermögen des Kulturamts gehörte: „Alles war baupolizeilich ge- sperrt, nachdem es jahrelang ein bisschen durchs Dach geregnet und sich im beeindruckend konstruierten Dachstuhl ein riesiger Schwamm gebildet hatte, der fast zum Abbruch hätte führen müssen. Weil es keinen Strom gab, hatte Dieter eine Stablaterne dabei, damit wir überhaupt etwas sehen können. Ihm und auch mir war klar: Da ist ein absoluter Schatz, aber der ist unbenutzbar.“ Gleich am nächsten Tag sei sie zum zuständigen Stadtrat gegangen, um ihrem Unmut darüber, dass einerseits Platz benötigt werde und andererseits ein Prunkstück verfalle, Luft zu machen. „Der hörte sich das an – und einen Tag später erhielt ich das Ver- bot, über den Saalbau zu reden“, verrät Dorothea Kolland. Der Bezirk wollte nämlich das Gebäude, das damals noch nicht unter Denkmal- schutz stand, verkaufen und das Geld zur Teilfinanzierung eines Mehrzweck-gebäudes mit Versammlungssaal und Räumen für die Verwaltung der Volkshochschule nutzen. „Das sollte auf dem damals dem Bezirk gehörenden Grundstück entstehen, wo heute die Neukölln Arcaden sind. Deshalb wollten die keinen Wirbel um den verfallenden Saalbau haben.“ 1990 ist der in neuer Pracht als Kulturstätte wiedereröffnet worden.

Doch es war nicht nur Dorothea Kolland, die der kommunalen Verwaltung und Politik beim Verfolgen ihrer Anliegen gehörig zusetzte, auch die bildenden Künstler in Neukölln, von denen es vor 30 Jahren etwa 40 gab, hielten sich kaum zurück. „Uns allen war klar, dass wir dringend einen Raum für Ausstellungen brauchen, und dann gab’s einen kleinen Eklat“, berichtet sie grinsend. „Die haben natürlich gehofft, dass nun kulturell mal etwas im Bezirk geschieht und trugen den Wunsch nach einer freien Neuköllner Kunstausstellung an mich heran.“ Ob- wohl sie manches „von der Qualität her als nicht zumutbar“ empfunden habe, habe sie sich darauf eingelassen und eine Ausstellung im Rathaus-Foyer organisiert. „Zwei der Künstler hatten ihr Atelier am Reuterplatz direkt neben einem noch völlig intakten Gründerzeithaus, das der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land gehörte und  erst besetzt worden war und dann abgerissen wurde.“ Für die Ausstellung hätten die beiden Künster ein Bild im Rathaus abgegeben, das schließlich von der Hängekom-mission ausgepackt und wie gewünscht aufgehängt worden war. „Auf dem stand: Gegen Verbrecher in Stadt und Land“, entsinnt Kolland sich. „Das war natürlich nichts explizit gegen die Wohnungsbaugesellschaft, aber jeder Neuköllner wusste, dass es zumindest zwei- deutig ist.“ Getobt habe der damalige Baustadtrat, als er das Werk am Tag vor der Vernissage zu sehen bekam. „Daraufhin hat er verfügt, dass das Bild abgehängt wird, woraufhin etwa 80 Prozent der Künstler vor der Ausstellungseröffnung aus Protest ihre Bilder umgedreht haben. Das fand ich als Reaktion ganz toll und hab mich deshalb auch auf die Seite der Künstler gestellt.“ Die Aufregung sei natürlich groß gewesen. Bezirksbürgermeister Kriedner, den Kolland als „sehr kunstsinnig“ be- schreibt, habe es gar nicht behagt, plötzlich mit Zensur in Verbindung gebracht zu werden: „Wenig später gab es dann ein großes Meeting und Güteverhandlungen des Bürgermeisters und des Baustadtrats mit dem Vorsitzenden des Berufsverbands bildender Künstler.“ Das Ergebnis war ein Gentlemen Agreement zwischen Kriedner und dem bbk-Vorsitzenden. „Sie verständigten sich darauf“, so Kolland, „dass sich der Bezirk bemühen werde, Räume zu finden, wo es nur um Kunst geht, das  Kulturamt das Sagen hat und sämtliche Essenzen der Freiheit der Kunst zu gelten haben.“ Mit der Orangerie im Körnerpark war ein erster Raum gefunden. Um ihn zu nutzen brauchte es, wie Dorothea Kolland es rückblickend sieht, den „Mut einer jungen, unverbrauchten Verrückten“.

Letzter Teil: morgen

Fehlstart par excellence

Dorothea Kolland – schon seit Monaten wird der Name in einem Atemzug mit „ehemalige“, „Ex“ oder „frühere“ genannt. Dabei ist 65-Jährige immer noch das, was sie seit 1981 ist: Leiterin des Neuköllner Kulturamts. Seit dem 25. Mai bummelt sie Überstunden und Urlaub ab; erst in 10 Tagen ist ihre Amtszeit rein formal vorbei.

Wie war es damals, als sie begann? Was hatte die Neuköllner Kultur zu bieten? Mit welchen Ambitionen trat die promovierte Musikwissenschaftlerin ihre Stelle an? Was hat sie und was hätte sie gerne noch erreicht? Was wünscht sie sich für ihre eigene Zukunft und was für Neukölln? Darüber, über die Fallstricke im Behördenalltag, Unterstützer und Bremser, einen Eklat bei einer Ausstellung im Neuköllner Rathaus und vieles mehr haben wir uns mit Dorothea Kolland im LadenAtelier von  William Francis Brennan  unterhalten.

Eigentlich war alles etwas anders geplant. Die Be- gegnung mit einem ihr unbekannten Künstler sollte die Kulturamtsleiterin von uns zum Abschied ge- schenkt bekommen. Brennan? „Nein, den kenne ich wirklich noch nicht“, war sie im Vorfeld sicher. Und auch der aus den USA stammende Maler, der seit fast drei Jahren in Neukölln arbeitet, war zuvor überzeugt, Kolland nie begegnet zu sein. Aber dann: „Doch“, stellt sie beim Betreten des LadenAteliers im Schillerkiez fest, „hier war ich schon.“ William Francis Brennan erkennt sie wieder und nickt. Bei einem der Kulturfestivals müsse das gewesen sein, vermutet er. Dass es sich bei der Frau, die sich damals seine Bilder angesehen hat, um den Motor der Neuköllner Kunst- und Kulturszene handelt, er- fährt er erst jetzt.

Dorothea Kolland wirkt entspannter denn je. Der Vorgeschmack aufs Rentnerdasein be- kommt ihr sichtlich gut. Lächelnd beginnt sie von dem zu erzählen, was in den letzten drei Jahrzehnten ihren Alltag bestimmte: „Mich interessiert die Vermittlung von Kunst, das war schon so als ich 16 war. Ich wollte anderen Leuten helfen, was vielleicht ein bisschen naiv war, den Spaß an Kunst zu haben, den ich schon immer hatte und immer noch habe. Ich dachte jedenfalls, dass ein Job wie im Kulturamt dafür das Richtige ist.“

Unter einem guten Einstand stellt man sich jedoch eher das Gegenteil von dem vor, was die damals 34-Jährige erlebte. Sicher sei die Lebensplanung mit ihrem Mann nie auf eine Zukunft als kinderloses Ehepaar hinaus- gelaufen, sagt sie „Aber dass es genau da geklappt hat, das war völlig unbeabsichtigt. Ich bin wirklich gleichzeitig schwanger geworden, als ich die Zusage für die Stelle bekam. Als ich dann im Kulturamt anfing, war ich im 5. Monat.“ Dazu kam, dass die junge Chefin, die zuvor bei einem Dachverband für Jugendkultur- arbeit tätig gewesen war, zwar reichlich Lust auf Neuerungen, aber keinerlei Erfahrungen im Umgang mit dem Amtsschimmel mitbrachte. „Nein, das haben wir immer anders gemacht!“, sei die Standardantwort ihrer beiden Sekretärinnen gewesen. „Erschwerend kam dazu, dass ich diese ganz banale Verwaltung nicht kannte und zum Beispiel nicht gewusst hab, dass man in unterschiedlichen Farben zu schreiben hat. Ich hab dann auch einfach mal, weil der Stift in meiner Nähe lag, mit Grün geschrieben – da brach die Hölle los. Die Farbe für meine Position im Amt war blau und die in der Etage unter mir mussten mit Schwarz schreiben. Grün und rot gingen jedenfalls gar nicht. Wie man Aktenvermerke schreibt, wusste ich natürlich auch nicht, und die meisten hatten einen Heidenspaß dran, dass ich bei solchen Dingen immer wieder reingerasselt bin. Außer Dieter Schulz, dem Hausmeister, war wirklich niemand da, der mir mal etwas gezeigt hat.“ Gewöhnt, gibt Dorothea Kolland zu, habe sie sich an die Verwaltungsabläufe nie: „Aber mit der Zeit hab ich gelernt, sie zu beherrschen, weil man auch sonst nicht voran kommt. Doch den Sinn einiger Vorgänge begreife ich bis heute nicht. Ich hab mich auch nie strikt an Hierarchien gehalten.“ Das sei ihr Erbe aus der 68er- und Hochschulzeit, ist sie überzeugt.

Teil 2: morgen

Dahinter geht’s nicht weiter

„Muss man denn immer wieder daran erinnern?“ Diese Frage wird oft gestellt, auch und gerade im Zusammenhang mit dem 9. November. Gemeint ist nicht der Jah- restag des Mauerfalls und auch nicht der der Ausrufung der Republik in Deutschland, sondern das Gedenken an die furchtbare Pogromnacht vor nunmehr 74 Jahren, in der auch der Versammlungsort des Israelitischen Brüder-Vereins zu Rixdorf, die 1907 eingeweihte Synaehemalige synagoge isarstraße 8 neuköllngoge in der Isarstraße 8 in Neukölln, zerstört wurde. Auch heute noch eine bemerkenswerte Adresse.

Das gelb angestrichene Wohnhaus aus der Gründerzeit steht zwar in der Isarstraße, aus den Fenstern des Vorderhauses sieht man aber zur Neckarstraße hinaus, die dadurch ihren Abschluss findet und so zur Sackgasse wird. Unmittelbar daneben sieht man eine gewaltige Stützmauer, ein Relikt der Rollberge, das vor Abbruch und Bodenerosion schützt. ehemalige synagoge isarstraße 8 neuköllnDieser Schutz setzt sich auf dem engen Hof in der Isarstraße fort und ist in handwerklich gut ausgeführter Klempner- arbeit mit Blechen abgedeckt. Der Hauseigentümer wird wohl wissen, dass diese Anschüttung nicht entfernt werden sollte; dahinter befinden sich die Tiefgeschosse der ehe- maligen Kindl-Brauerei.

Im schmucklosen Quergebäude haben laut Klingeltableau die Historischen Siebenten-Tags-Adventisten ihren Ge- meindesaal. „Die sind seit vier Jahren hier und vorher die Zeugen Jehovas, aber die sind in die Naumburger Straße gezogen. Das war eine gute Nachbarschaft mit denen“, ist von einer Hausbewohnerin zu erfahren, die seit 46 Jahren hier wohnt. Von der ehemaligen Synagoge an dieser Stelle weiß auch sie nur vom Hörensagen, beziehungsweise von den Angaben auf der Berliner Gedenktafel, die an der Haus- ehemalige synagoge isarstraße 8 neukölln, berliner gedenktafel georg kantorowskyfront angebracht ist.

Georg Kantorowsky, der 1917 Rabbi- ner der Neuköllner Synagoge  wurde,  deutete die Maßnahmen, die bereits 1933 gegen die jüdische Bevölke- rung gerichtet waren, richtig und schaffte das bis dahin obligatorische Gebet für den Landesherrn ab. Zeit- gleich begannen sich die Reihen in der zuvor stark frequentierten Ge- meinde zu lichten.

Scheinbar spontan, doch in Wirklichkeit gut geplant wurden in der Nacht vom 9. zum 10. November im gesamten Reich jüdische Gotteshäuser in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte wurden verwüstet oder fielen Plünderungen zum Opfer, viele Juden wurden misshandelt, verhaftet oder verschleppt. Wegen der vielen zu Bruch gegangen Fensterscheiben und der vielen Feuer wurde dieses Pogrom als Reichskristallnacht bezeichnet. Auch die Synagoge in der Isarstraße wurde in Schutt und Asche gelegt. Die Gemeinde traf sich seitdem in der Jugendsynagoge am heutigen Fraenkelufer. Wer konnte, emigrierte; denen, die blieben, fehlten entweder die finanziellen Mittel oder die Beziehungen. Es gab allerdings auch welche, die gern bleiben wollten, die sich nicht vorstellen konnten, dass es noch schlimmer kommen könne. So auch Georg Kantorowsky, der bei entsprechenden Empfehlungen immer gefragt hatte: „Was soll ich in Amerika, was soll ich in Shanghai?“ Es war wohl die Ironie des Schicksals, dass er nach der Deportation seines Sohnes dann doch floh und zwar via ehemalige synagoge isarstraße 8 neuköllnShanghai in die USA.

Von der alten Synagoge sind lediglich ein paar Stützmauern und damit der Grund- riss des Gebäudes erhalten geblieben. Auch eine Außentreppe, die zu Zeiten der Synagoge zur Frauenempore führte, ist noch da. Wie es im Inneren der Synagoge aussah, die religiöses Zentrum von an- ehemalige synagoge isarstraße 8 neukölln, foto: museum neuköllnfangs mehr als 2.000 Rixdorfer Juden war, zeigt Bildmaterial aus dem Archiv des Museums Neukölln.

In den Folgejahren der Pogromnacht erlosch jeg- liches jüdische Leben in Neukölln. Und so darf die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nur lauten: „Ja, es muss!“

Wer mehr aus dieser Zeit und den jüdischen Mitbürgern in Rixdorf/Neukölln erfahren möchte, dem sei das von Dorothea Kolland heraus- gegebene Buch “Zehn Brüder waren wir ge- wesen … Spuren jüdischen Lebens in Neu- kölln”  empfohlen.

Auch sei darauf hingewiesen, dass Gunter Demnig am  29. November nach Neukölln kommen wird, um  weitere 18 Stolpersteine im Bezirk  zu verlegen.

=kiezkieker=

„Typobau“: eine Vernissage, die auch Anfang vom Ende ist

typobau-ausstellung rayan abdullah, galerie im körnerpark neuköllnAuf den ersten nur flüchtigen Blick wirkt die Galerie im Körnerpark schon so gut wie bereit für die nächste Vernissage. Riesige helle Stoff- bahnen, mit Wörtern, Buchstaben und Frag- menten von Schriftzeichen bedruckt, hängen im Raum und brechen dessen typobau-ausstellung rayan abdullah, galerie im körnerpark neuköllnLänge. Sie ver- bergen aber auch, was man erst auf den zweiten Blick sieht: dass eben doch noch alles ziemlich unfertig ist. Überall stehen leere Bilderrahmen und liegen großformatige Drucke herum. An den Wänden kleben Skizzen mit Notizen, die  morgen Abend verschwunden sein werden, wenn die Ausstellung typobau-ausstellung rayan abdullah, galerie im körnerpark neukölln„Typobau“ eröffnet wird  und die ersten Besu- cher in die Galerie strömen.

Es sind außergewöhnliche Werke, die sie er- warten, was schon daran liegt, dass Rayan typobau-ausstellung rayan abdullah, galerie im körnerpark neuköllnAbdullah ein außerge- wöhnlicher Künstler ist. Der gebürtige Iraker mit der Professorenstelle an der Leipziger Hochschu- le für Grafik und Buch- kunst bemalt weder Lein- wände mit Öl- oder Pas- tellfarben, noch stellt er Collagen oder Skulpturen her. Die Materialien, mit denen Abdullah arbeitet, sind lateinische Buchstaben und arabische Schrift- zeichen, seine Ausdrucksformen Typografie, Kalligrafie und das Spiel mit der Wahr- typobau-ausstellung rayan abdullah, galerie im körnerpark neuköllnnehmung und dem Wesentlichen.

Diese Qualitäten machten den 54-Jähri- gen, dessen berufliche Laufbahn mit einer Feinmechaniker-Lehre begann, bekannt und zu einer der Corporate Design-Kory- phäen in Deutschland. Allgegenwärtig sind seine Kunstwerke hierzulande – allem voran das prominenteste: der Bundes- adler, das Logo der Bundesregierung. Aber es sind nicht nur renommierte oder große Institutionen und Firmen, denen Rayan Abdullah zu Wiedererkennungswert verhilft. Auch die Bürgerstiftung Neukölln kam – dank Abdullahs Verbindung zum Arabischen typobau-ausstellung rayan abdullah, galerie im körnerpark neuköllnKulturinstitut (AKI) e. V. und dessen Kontakt zur Bürgerstiftung – in den Genuss, mit einem professionell gestalteten, prägnanten Erschei-nungsbild an den Start gehen zu können. Die Berührungspunkte zwischen dem Schriftkünst- ler und Neukölln mussten also im Hinblick auf die „Typobau“-Ausstellung nicht erst geknüpft typobau-ausstellung rayan abdullah, galerie im körnerpark neuköllnwerden, son- dern bildeten bereits vorher ein tragendes Netz.

Doch die morgige Vernissage bedeutet nicht nur den Auftakt zur Präsentation von Rayan Abdullahs Werken in Neukölln, sie ist zugleich Anfang vom Ende  einer beispiellosen Neuköllner Karriere: 1981 war es, als Dorothea Kolland die Leitung des Kulturamts Neukölln übernahm. Zwei Jahre spä- ter, im Februar 1983, wurde die erste Ausstellung unter ihrer Ägide eröffnet. „Die hieß ‚Widerstand in Neukölln‘ und war in der damals noch unreno- vierten Galerie im Saalbau“, erinnert sich Kolland. Die Ergebnisse des seinerzeit von ihr initiierten Langzeit-Forschungsprojekts über Neuköllner, die dem Nazi-Regime mit Zivilcourage begegneten, waren der Grundstein für den Multimedia-Gedenkort im Rathaus. Mit der „Typobau“-Ausstellung verabschiedet sich Dorothea Kolland von der Kulturbühne des Bezirks. Ende Mai geht die promovierte Musikwissenschaftlerin in Rente.

=ensa=

Drei Pfund voller Spuren jüdischen Lebens in Neukölln

Glücklicherweise gibt es im Neuköllner Rathaus größere Räume als das Köln- Zimmer. Das wäre nämlich vorgestern Abend aus allen Nähten geplatzt, so groß war der Andrang derer, die an der Präsentation des Buches „Zehn Brüder waren wir buchpräsentation "zehn brüder waren wir gewesen ... spuren jüdischen lebens in neukölln", verlag hentrich & hentrichgewesen … Spuren jüdischen Lebens in Neukölln“ teilnehmen wollten. Deshalb wurde die Veranstal- tung kurzerhand in den BVV-Saal verlegt.

Am Vormittag hätten in dem noch Kinder einer Neuköllner Schule gesessen, um etwas über den Bezirk und die Kommunalpolitik zu erfahren, be- richtete Kulturstadträtin Franziska Giffey: „Für die Schülerinnen und Schüler ist vollkommen unvor- stellbar, was damals in der NS-Zeit auch in unserem Bezirk passiert ist.“ Entsprechend nötig sei es, immer wieder von diesem Kapitel der Geschichte zu erzählen. „Die Erziehung zu Demo- kratie, Respekt und Toleranz“, so Giffey, „muss unser wichtigstes Ziel sein.“ Neukölln betreibe daher eine sehr aktive Gedenkarbeit, die sich einerseits durch Stolpersteine als  Stück bürgerschaftlicher Erinnerungskultur im öffentlichen Raum zeige, ande- rerseits aber auch durch das von Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland für das buchpräsentation "zehn brüder waren wir gewesen - spuren jüdischen lebens in neukölln", hentrich & hentrich, bvv-saal rathaus neuköllnBezirksamt herausgegebene Buch über die Spuren jüdischen Lebens in Neukölln.  Als eines der wichtigsten Bücher der Bezirkshistorie bezeich- nete Giffey das von 28 Autoren erstellte 608-Seiten-Werk, das glei- chermaßen eine Quelle an Wissen sei wie auch Geschichte sichtbar mache. Es erinnere in beeindrucken- der Weise daran, in welchem Ausmaß Menschenleben und Kultur von den Nazis vernichtet wurden.

„Ich lese seit Freitag unaufhörlich in dem Buch“, bekannte dann auch Hermann Simon, nachdem er ans Rednerpult getreten war. Neukölln habe, so der Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin, mit der Publikation, die den Fokus auf die Juden in verlag hentrich & hentrich berlin, "zehn brüder waren wir gewesen ... spuren jüdischen lebens in neukölln"der Bezirksgeschichte legt, eine Vorreiter- rolle eingenommen. Schon vor fast einem Vierteljahrhundert war die erste Auflage des Bandes erschienen, die seit vielen Jahren vergriffen ist. Die nun veröffentlichte überarbeitete und erweiterte Neuauflage werde garantiert nicht die letzte sein, meinte Hermann Simon, während Archiv- Fotos der zerstörten Synagoge in der Isarstraße auf eine Leinwand projiziert wurden. „Wir sehen uns also 2036 bei der Präsentation der 3. Auflage wieder“, kündigte der heute 62-Jährige schmunzelnd an.

Dorothea Kolland lächelte skeptisch zurück: Im Herbst wird sie 65 und nach 31-jähriger Tätigkeit als Leiterin des Neuköllner Kulturamts pensioniert. Restlos verlag hentrich & hentrich berlin, "zehn brüder waren wir gewesen ... spuren jüdischen lebens in neukölln"überzeugt ist sie jedoch vom Wert der von ihr herausgegebenen Publikation: Wie wichtig das Erinnern an das ist, was Menschen erlebt haben, habe kürzlich Marcel Reich-Ranicki mit seiner großartigen Rede im Bundes- tag verdeutlicht. „Dieses Erinnern ist deshalb auch die wichtigste Aufgabe des Buches. Es soll Menschen und ihre Geschichten in die Köpfe der Leserinnen und Leser bringen“, so Dorothea Kolland. Ihr Wunsch sei es, dass „Zehn Brüder waren wir gewesen … Spuren jüdischen Lebens in Neukölln“ als Basiswissen in den Neuköllner Schulen verankert wird. Es täte dem Bezirk gut, wenn sich dieser Wunsch erfüllen würde.

Das bei Hentrich & Hentrich erschienene Buch kann über den Online-Shop des Verlags bezogen werden. Es wiegt 1.520 Gramm und kostet 29,90 Euro.

=ensa=

„Arbeit in Neukölln“: Eine Ausstellung zeigt Schritte auf dem Weg von Möglichkeiten zu tatsächlichen Chancen

Als Galerie bezeichnet man Räum- lichkeiten, die für die Präsentation von Werken der Bildenden Kunst genutzt werden. In der Galerie im Saalbau in Neukölln ist das grundsätzlich nicht anders. Oft steht bei den dortigen Ausstellungen aber ein anderer As- pekt mindestens gleichwertig neben dem künstlerischen: der soziokultu- relle. Ein Paradebeispiel dafür ist die aktuelle Ausstellung mit dem Titel „Arbeit in Neukölln – Neue Einsichten und Aussichten“, die Freitag eröffnet wurde und gewissermaßen mit Fotos, Statements, Objekten und Audio-Interviews das gleichnamige Projekt des Lesen und Schreiben  (LuS) e. V. dokumentiert, das  ge- ringqualifizierte Langzeitarbeitslose in Kontakt mit neun Neuköllner Arbeitgebern bringt – vom Marzipanhersteller Moll über die Blechschilder-Fabrik Plakat-Industrie bis hin zum Beherbergungsbetrieb Hüttenpalast.

„Tolle, spannende Fotos“ seien es, die nun in der Galerie im Saalbau zu sehen sind, sagte Kulturamt-Chefin Dorothea Kolland bei der Vernissage – und dem ist un- bedingt zuzustimmen. Nicht minder spannend als die Ergebnisse, die der Fotograf Nick Großmann und die Projektteilnehmer als Amateur-Fotografen lieferten, sind jedoch die Vorgeschichten. Eine spielte sich im 1904 gegründeten Neuköllner Familienunter- nehmen Plakat-Industrie ab:

„Klar“, gibt Geschäftsführer Heiko Buettner zu, „ist der Kontakt mit An-Alphabeten erstmal eine Begegnung mit einer fremden Welt.“ Youssef N. war es, der sie ihm näherbrachte und im Ge- genzug einen Blick hinter die Kulissen des re- nommierten Blechemballagen-Herstellers wer- fen durfte. Seine Eindrücke geben nun sehr gelungene Fotos und ein Interview mit Heiko Buettner wieder. „Zeugnisse waren für mich schon immer Schall und Rauch“, sagt der Herr über 30 Arbeitsplätze. Seine eigenen seien auch oft nicht so doll gewesen. „Entscheidend ist das Zwischenmenschliche“, findet er. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und ordentliches Arbeiten erwarte er von seinen An- gestellten: „Und wenn man wie Youssef Offsetdrucker oder Druckvorlagenhersteller werden will, braucht man selbstverständlich auch ein gutes Auge.“ Buettner will dem jungen Mann unbedingt die Chance geben, den Wunschberuf einem Realitäts-Check zu unterziehen. Der nächste Schritt sei ein dreiwöchiges Praktikum, für das Youssef sogar ein kleines Taschengeld bekomme. „Wenn er sich da bewährt und feststellt, dass ihm die Branche gefällt, steht einer Ausbildung in unserem Betrieb nichts im Weg“, versichert Heiko Buettner. Problematisch könne es natürlich in der Berufsschule mit Youssefs Defiziten im Bereich des Lesens und Schreibens werden, ahnt er, doch da werde sich bestimmt eine Lösung finden lassen.

Auf Erfolgsgeschichten wie diese hatte Ingan Küstermann gehofft, die das durch PEB-Fördermittel finanzierte Projekt „Arbeit in Neukölln“ für den Alphabetisierungsverein LuS ins Leben rief und leitet. „Dass Firmen die Tore für unge- lernte Langzeitarbeitslose öffnen, ist schon ungewöhnlich“, so ihre Erfahrung. Für An- Alphabeten und Menschen mit lückenhafter Grundbildung sei die Chance für einen Einstieg ins Arbeitsleben noch schwie- riger. Entsprechend herzlich fiel ihr Dank an die neun Unternehmen aus, die bislang zur Kooperation gewonnen wer- den konnten, zu Betriebsführungen ein- luden und sich von Arbeitsuchenden interviewen ließen. Diese Erstkontakte einschließlich der Sensibilisierung für die Probleme und Fähigkeiten von An-Alpha- beten seien eine Zwischenstation ge- wesen: „Angestrebt wird durch das Projekt aber, einen Übergang von Praktika in Arbeit zu schaffen.“ Darum, Möglichkeiten in tat- sächliche Chancen zu verwandeln, gehe es bei dem im März nächsten Jahres endenden Projekt.

Die Ausstellung „Arbeit in Neukölln – Neue Ein- sichten und Aussichten“ ist noch bis zum 16. Ok- tober in der Galerie im Saalbau in der Karl-Marx-Straße in Neukölln zu sehen. Geöffnet ist von Dienstag bis Sonntag zwischen 12 und 20 Uhr; der Eintritt ist frei.

=ensa=

Der Luxus des Neuköllner Kultur-Dschungels

581 Veranstaltungen in 48 Stunden an über 330 Orten – im Norden Neuköllns bricht heute wieder die kulturelle Gigantomanie aus. Dass mit 1.700 Akteuren weniger Mitwirkende als im letzten Jahr dabei sind, ist bei solchen Größenordnungen unerheblich. Die Besucher der 48 Stunden Neukölln erleben ohnehin nur einen Bruchteil davon. Vielleicht haben die ganz Eifrigen unter ihnen Sonntagabend, wenn das Kunst- und Kulturfestival endet, mehr als 10 Events hinter sich, bei den meisten dürften es aber weniger sein.

Für die generalstabsmäßige Orientierung, wann wo was stattfindet, gibt es ein 24-seitiges, eng bedrucktes pressekonferenz 48 stunden neukölln, v. l.: katharina rohde, franziska giffey, auguste kuschnerow, christoph böhmer (biotronik), martin steffensProgrammheft im halbrheini- schen Format, außerdem infor- mieren alle  sieben teilneh- menden Kieze mit eigenen Fly- ern über die Veranstaltungen in ihren Gebieten. Und dann ist da noch der von den Organisato- ren, dem Kulturnetzwerk  Neu- kölln, auch bei der Presse- konferenz massiert beworbene und bei vielen Künstlern glei- chermaßen umstrittene High- lights-Flyer: Er stelle, so Auguste Kuschnerow (M.) vom Kulturnetzwerk-Vorstand, 48 „besonders interessante Projekte vor, die von einer Jury ausgewählt wurden“.

Er unterteile die Akteure in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, halten die Kritiker dem entgegen. Besondere Brisanz gewinnt der Vorwurf dadurch, dass bei dieser 13. Auflage des Festivals erstmals ein dotierter Publikumspreis unter 42 Events mit dem Prädikat Highlight ausgelobt wird. Somit stellt die, laut Pressesprecher Clemens Kuhnert „demokratisch nach einem Kriterienkatalog“ agierende Jury, die aus Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland, Andreas Altenhof und Denise S. Puri (beide Vorstandsmitglieder des Kulturnetzwerks), Ilka Normann (Geschäftsführerin des Kulturnetzwerks) und Klaus Bortuluzzi (Akteur bei 48 Stunden Neukölln) besteht, nicht nur die Weichen für eine exponierte Vermarktung, sondern auch die für die Ambitionen auf eine zumindest partielle Refinanzierung des monetären Aufwands.

Denn von den von Kulturstadträtin Franziska Giffey (2. v. l.) mit rund 55.000 Euro bezifferten Förderungen, die das Festival erhält (15.000 Euro davon steuert das Bezirksamt als Basisunterstützung bei), sieht das Gros der Akteure nicht viel bis nichts. Schon die Teilnahme an der alljährlichen Leistungsschau der Neuköllner Kreativszene ist für sie der pure Luxus, in den Geld und noch mehr Zeit gebuttert wird. Dessen ist sich auch Christoph Böhmer (2. v. r.) bewusst. Er ist Geschäftsführer des in Neukölln ansässigen Unternehmens Biotronik, das nunmehr zum fünften Mal die Position des privatwirtschaftlichen Hauptsponsors des Kunst- und Kulturfestivals übernimmt. „Neukölln“, so die Überzeugung des Herrn über derzeit 2.500 Arbeitsplätze, „bietet den Luxus vieler kreativer intelligenter Menschen.“ Die Unterstützung des Kulturwochenendes sieht er als „Teil der Verantwortung, dem wir gerecht werden sollten.“

Einen Schritt weiter bei der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Festival-Motto Luxus geht der diesjährige 48 Stunden Neukölln-Schirmherr Wolfgang Joop: Luxus, schreibt er in sei- nem Grußwort, ist für ihn eine Bewusstseinsebene, ein Begriff, der nicht dinglich sondern me- taphysisch zu verstehen sei. Gut möglich, dass sich diverse Neu- köllner Künstler besser mit dem identifizieren könnten, was Herbert Grönemeyer in seinem Lied „Luxus“ besingt: „… die Träume werden leider immer kleiner …“

Der Traum, Wolfgang Joop in den Straßen Neuköllns zu begegnen, wird allen Besuchern unerfüllt bleiben. Der Schirmherr gönnt sich den Luxus der Abwesenheit. Aber vielleicht bringen ja die kostenlosen Skoda-Limousinen-Shuttles, die  morgen von 14 bis 21 Uhr erstmals auf der Route von der Neuen Nationalgalerie in Mitte nach Neukölln unterwegs, den einen oder anderen Promi in den Bezirk. Über das, was sie am Ziel erwartet, können sich Passagiere dieser Neuköllner Variante des Bussings mit Luxus-Touch  hier informieren. Und alle anderen natürlich auch.

=ensa=