Kunst, die zu überraschen weiß, in der Galerie im Saalbau

Werfen Sie gelegentlich einen neugierigen Blick in die Fenster der Galerie im Saalbau, um sich spontan für oder gegen einen Ausstellungsbesuch zu entschei-den? In den nächsten knapp zwei Monaten gibt es in der Galerie am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße die Gelegenheit, die Ausstellung „Das Maß der Dinge“ mit Exponaten von Ingo Gerken (M.) und Florian Neufeldt (r.) zu besichtigen – von der Straßen aus betrachtet sieht es allerdings eher aus, als ob die Räume gerade umbaut werden. Lassen Sie sich aber davon nicht abschrecken, denn dieser Eindruck ist beabsichtigt: „Ingo Gerken und Florian Neufeldt greifen in die Substanz von Räumen ein und eröffnen so vor Ort neue Hand-lungsspielräume“, erklärte Kuratorin Dorothee Bienert (l.) in ihrer Weiterlesen

„Wir sind gut darin, für die Freiheit zu kämpfen. Aber wir haben Probleme damit, in einer Demokratie zu leben“

drohnen_galerie-im-saalbau_neukoelln„Uff wat für Ideen die hier komm‘n, die Künstler“, staunte ein Mann nicht schlecht, der sicherlich kein typischer Galeriebesucher ist, aber trotzdem jüngst ausstellungsplakat_galerie-im-saalbau-neukoellnden Weg in die Galerie im Saalbau fand, um die Ausstel-lung „Flucht aus dem Kino ‚Freiheit‘“ mit zeitgenössischer Kunst aus Polen zu besuchen. Seine Bewunderung galt unter anderem der Arbeit „Volvo 240“ von Zuzanna Janin. Dem Publi-kum berichtete die Künstlerin bei der Vernissage: „Eines Tages war mein altes Auto schrottreif und nicht mehr zu gebrauchen. Da habe ich es zu einem Kunstwerk transformiert.“ Das Weiterlesen

„Ordinary City“: Bilder gegen zähe Neukölln-Klischees

ordinary city_galerie im saalbau_neuköllnKaum etwas hält so dauerhaft wie ein einmal vergebenes Etikett: Kreuzberg wird wie selbstver-ständlich mit 1.Mai-Randale und Multikulti in Ver- bindung gebracht, Prenzlauer Berg mit Bionade und jungen Müttern. Neukölln muss seit rund zehn Jahren mit den Labels Integrationsverweigerung, Hartz IV und Hundekot umgehen lernen. „Mit dieser Ausstellung soll Neukölln in seiner Vielfalt franziska giffey_ordinary city_galerie im saalbau neuköllnsichtbar werden!“, versprach Bezirks- stadträtin Dr. Fran- ziska Giffey (l.) Freitag in der Galerie im Saalbau bei ihrer Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Ordinary City“ und gratulierte Sabine von Bassewitz zum gerade geborenen zweiten Kind. Die Bilder der Fotografin sollen Weiterlesen

Neues Wahrnehmen und Erleben in der Galerie im Körnerpark

urbanität1_galerie im körnerpark_neuköllnEine Ausstellung, die ihre Besucher sofort in den Bann zieht und fasziniert, ist sie nicht. „Urbanität mal anders“ zeigt weder groß- flächige Gemälde noch imposante Skulpturen, sondern rückt eher Kleinteiliges in den Fokus. urbanität3_galerie im körnerpark_neuköllnWobei manches so winzig ist, dass zum Entdecken der Feinheiten Lu- pen bereit liegen.

Ausgangspunkt für die Ausstellung mit Weiterlesen

Maria – zwischen Verehrung, Massenware und Event

6_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnVermutlich geht es vielen wie Bettina Busse, der kommissarischen Leiterin des Neuköllner Kultur- amts. Schließlich ist Berlin weit davon entfernt, eine Hochburg für Anhänger des christlichen Glau- bens – oder gar des Katholizismus – zu sein. „Ich finde das Thema zwar spannend, hab aber per- sönlich bettina busse_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllndamit gar nichts zu tun“, be- kennt die Inte- rims-Nachfolgerin von Dorothea Kol- land (l.) vorgestern bei der Eröffnung einer neuen Ausstellung in der Ga- lerie im Körnerpark. „Maria breit den Mantel aus …“ heißt sie und zeigt Eindrücke und Reliquien, die das Künstlerehepaar Kandl von Reisen zu Marienwall- 3_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnfahrtsorten mitgebracht hat. In verschiedenen Regionen der Welt wa- ren Johanna und Helmut Kandl unterwegs: Das bay- rische Altötting wurde ebenso bereist wie Lourdes, das slowakische Levoča, Medjugorje in Bosnien-Herzegowi- na und Guadalupe, ein Vorort von Mexiko-City, um dem Wunderglauben und rätselhaften Erscheinungen 7_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnzu begegnen.

Es ist ein wahrer Madonnen-Flash, der die Besucher der Ausstellung umgibt. Maria auf Bildern in unter-schiedlichsten Darstellungen, als Statue in einer Bandbreite 4_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnvon skurril bis ehrerbietig, auf Collagen und Reliefs. In einer völ- kerübergreifend plau- siblen Bildersprache, so Bettina Busse, werde der Huldigung Marias Aus- druck verliehen. Alles in allem, erzählt sie dann noch, würde die Ausstellung sie sehr an eine Patentante erinnern: „Mit ihrer Marienverehrung konnte ich schon damals nichts anfangen, aber ich fand dorothee bienert_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnimmer, wenn das für sie gut und wichtig ist, dann ist es auch gut, es zu respektieren.“

Distanz und Respekt, die Herangehensweisen, mit denen religiöse Themen gemeinhin künstlerisch be- arbeitet werden, ersetzen Johanna und Helmut Kandl in ihrer Ausstellung weitgehend durch Humor und Ironie. „Ihnen ging es vor allem um das kulturhis-torische Phänomen der Marienverehrung, um Ein- blicke in verschiedene Kulturkreise und die mediale Inszenierung von Wallfahrten„, erklärt Kura2_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllntorin Doro- thee Bienert (l.). Die hohe Zahl der Kir- chenaustritte sei ein Aspekt, dem gegen- über stehe jedoch ein wachsendes Inte- resse an Religion und Spiritualität: Der Jakobsweg ist europaweit ausgebaut worden, Pilger-Events zu heiligen Stätten haben Hochkonjunktur. Und jeder vierte Deutsche gibt an, auf- geschlossen für Wunder, Geistheilungen und die Wirkung spiritueller Objekte zu sein, die als 1_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnMassenware hergestellt werden.

Statt diese Phänomene zu kritisch zu hin- terfragen oder ihre Reiseerlebnisse zu be- werten, haben die Kandls sie dokumenta- risch für die Betrachter aufbereitet. Das Augenzwinkernde ergibt sich dabei im Grunde erst durch die Zusammenstellung der Exponate und ihre Menge. Die Quantität ist es auch, die in der Videobox im hinteren Bereich der Galerie herausfordert: Der musikalisch untermalte Kurzfilm „Pygmalion“ zeigt in einer Doppelprojektion ge- mächliche und rasantere Sequenzen. Um Maria geht es bei allen.

Die Ausstellung „Maria breit den Mantel aus …“ ist noch bis zum 28. Juli in der Galerie im Körnerpark zu sehen (Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr).

Am 15. Juni um 17 Uhr findet im Rahmen der 48 Stunden Neukölln ein Künstlergespräch zum Thema „Staunen: Geschichten über Wallfahrer, sechsfingrige Madonnen und fliegende Häuser“ statt.

=ensa=

Mutter-Sohn-Dialog mit künstlerischen Argumenten

7_f.shahroudi+a.feizabadi_gal körnerpark_neuköllnIhre Namen lassen es nicht vermuten: Farkhondeh Shah- roudi und Azin Feizabadi sind Mutter und Sohn. Schon deshalb sei ihre Ausstellung „(Un)written – (Re)written“ eine sehr besondere, sagte Neuköllns Kulturstadträtin Franziska Giffey bei der Vernissage in der Galerie im Körnerpark: „Werke von Mutter und Sohn in einer gemein- samen Ausstellung, das haben wir hier zum ersten Mal.“

v. l.: Dorothee Bienert (Kuratorin der Ausstellung), Bettina Busse (kommissarische Leiterin der Neuköllner Kulturamts), Dr. Franziska Giffey (Kulturstadträtin von Neukölln)

v. l.: Dorothee Bienert (Kuratorin), Bettina Busse (kommissarische Leiterin der Neuköllner Kulturamts), Dr. Franziska Giffey (Kultur-stadträtin von Neukölln)

Doch es seien nicht die engen Familien- bande allein, die die Ausstellung zu etwas Besonderem machen, betonte Giffey. Farkhondeh Sharoudi und Azin Feizabadi würden ihre „Rucksäcke des Welt- bürgertums“, wie sie viele Neuköllner tragen, in der Galerie im Körnerpark präsentieren und so überraschen, Stoff für Inspiration liefern, man- che Frage beantworten, anderes aber auch im 9_f.shahroudi+a.feizabadi_gal körnerpark_neuköllnUnklaren lassen.

Entstanden ist ein spannender Dia- log der Generatio- nen, des Verarbei- tens von Erfah- rungen und der künstlerischen Genres. Shahroudi, die 1962 in Teheran geboren wurde und seit 2008 in Neukölln lebt, führt den vor allem mit Stoff-Objekten Skulpturen und Installationen. Feizabadi, 20 Jahre nach seiner Mutter in Teheran geboren und  1990 mit ihr nach Deutschland gekommen, antwortet mit seinem mehrteiligen Filmprojekt „A Collectiv Memory“  und seiner  performativen  Fahnen-Serie, bei der er  mittels  Scha-

6_f.shahroudi+a.feizabadi_gal körnerpark_neukölln2_f.shahroudi+a.feizabadi_gal körnerpark_neukölln1_f.shahroudi+a.feizabadi_gal körnerpark_neukölln

blonendrucken ideologische Sätze zu den Themen Körper, Verletzung und Heilung verarbeitete.

„Den engen künstlerischen Austausch vor und in der Ausstellung sahen beide als Experiment“, erklärte Kuratorin Dorothee Bienert. Eine Schnittstelle des kreativen 8_f.shahroudi+a.feizabadi_gal körnerpark_neuköllnWirkens von Künstlerin und Künstler hatte es aber schon früher gegeben: Aus einem Foto, das das Gesicht der Mutter zeigt, hatte Azin Feizabadi eine Schablone angefertigt.  2004 sprühte er das Konterfei als Graffiti auf Kreuzberger Wände, um Farkhondeh Shahroudis politisches Engage- ment während der iranischen Revolution 1979 zu ehren. Seit 2006 sind Fotos des Graffitis in diversen Magazinen und Zeitungen erschienen, um die Multikulti-Debatte zu bebildern. Feizabadi sammelte alle gedruckten Zweckentfremdungen, signierte die Veröffentlichungen 5_f.shahroudi+a.feizabadi_gal körnerpark_neuköllnund erklärte sie so wieder zu Bestandteilen seines Portfo- lios. In einer Vitrine vis-à-vis des Eingangs zur Gale- rie sind die Werke nun zu sehen.

Farkhondeh Shahroudis Arbeiten haben meist Dimensionen, die nicht schaukastentauglich sind. Ihr aus schwarzem Stoff handgearbeiteter Rhizom-Drache (2. Foto rechts) hängt über den Köpfen der Ausstellungsbesucher. Einige seiner vielen, mit orientalischen Schriftzeichen versehenen Hände reichen fast bis zum Boden, andere baumeln in Schulterhöhe und verleiten zum Zugreifen und genaueren Betrachten. Ihr Doppel-Poet thront auf einem Podest mitten in der langgestreckten Galerie und erinnert daran, die Beschäftigung mit der poetischen Aussage aller Werke 4_f.shahroudi+a.feizabadi_gal körnerpark_neuköllnnicht zu vergessen. Die spiele bei beiden Künstlern trotz unter- schiedlichster Ansätze eine große Rolle, sagte Dorothee Bienert.

Auch in anderer Hinsicht sei „(Un)written – (Re)written“ eine sehr besondere Ausstel- lung, fiel der Kuratorin noch ein, bevor sie zum Rundgang durch die Galerie bat: „Ein großer Dank geht an das Technik-Team, das nur drei Tage Zeit zum Aufbau der Werke hatte, weil erst ein Wandstück der Galerie saniert werden musste.“

Die Ausstellung „(Un)written – (Re)written“ wird noch bis zum 17. März in der  Galerie im Körnerpark  gezeigt; Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr.

Bei einer Rahmenveranstaltung können 9- bis 13-Jährige am 9. März in einem Workshop (14 – 17 Uhr) aus Bilder und Texten Schablonen erstellen und mit diesen Stoffe bedrucken (Anmeldung: Tel. 030 – 56 82 15 45). Am 16. März um 17 Uhr findet eine Finissage mit Künstlergespräch und Per- formance statt.

=ensa=

Machen Kleider Leute?

galerie im saalbau neukölln_ping qiu„Welcome to Berlin Fashion Week“: Überall in der Stadt weisen Plakate auf das morgen beginnende Mega-Event der Mode- und Lifestyle-Szene hin.

Passend zum Thema, zumindest vordergründig, wurde in der Galerie im Saalbau nun die Aus- stellung „Kleider machen Leute?“ eröffnet. Sieben Künstler haben den Umgang mit Kleidung und ping qiu_galerie im saalbau neuköllnVerkleidung als Aufhänger ge- nommen und geben mit Fotos, Skulpturen, Videos, Installatio- nen und Mixed-Media-Arbeiten Einblicke in ihre Experimente zu Rollenbildern in der Gesell-schaft.

Mit „Kleider machen Leute?“ christian mayrock_galerie im saalbau neuköllnbeginne eine Ausstellungsrei- he, die einen Fokus auf die Schaufenster der Galerie lenkt, kündigt Kuratorin Dorothee Bienert an. Und in der Tat: Ping Qius Rote-Hände-Kleid sowie Christian Mayrocks genähter Papieranzug ziehen die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Gleichwohl hat das auch Tücken, weil die Eye- catcher nicht ohne Auswirkungen auf die kleider machen leute_galerie im saalbau neuköllnErwar-tungshaltung sind, die jedoch beim Be- such der Ausstellung rasch erlahmt. Die Hoffnung, in der Ga- lerie weitere Kreatio- nen der Kategorie „untragbar, aber künstlerisch originell“ präsentiert zu bekommen, sollte man besser draußen lassen.

Sie zu erfüllen, ist nicht Ambition der Künstler: Christian Mayrock setzt sich mit seinem Fotoprojekt „City Gents“ (l.) mit dem Anzug auseinander und hat sich dafür in London umgesehen. „Sisters of the Garden“ (M.) heißen die Stoffreliefs der ira- nischen, seit 2001 in Berlin lebenden Künstlerin Farkhondeh Shahroudi. Die Expo- nate vereinen Elemente  unterschiedlicher  Kleidertraditionen, haben jeweils nur eine

galerie im saalbau neukölln_christian mayrockfarkhondeh shahroudi_galerie im saalbau neuköllnbettina allamoda_galerie im saalbau neukölln

Öffnung und überlassen dem Betrachter die Frage, wo und wie man wohl hineinschlüpfen kann. Indes geht es der in Chicago geborenen Künstlerin Bettina Allamoda mit ihren Collagen, Videosequenzen und auch der Skulptur „Streetwear“ (r.) um das Verhältnis von Mode, esra ersen_galerie im saalbau neuköllnPolitik und Urbanität.

Das behandelt auch Esra Ersens Projekt „Rehabilitation“, dessen Ergebnis vier Le- derjacken mit Statements zur Gesellschaft in portugiesischer Sprache sind. Die tür- kische Künstlerin stellte sie 2006 mit delinquenten Jugendlichen in Sao Paulo her. Bereits ein Jahr zuvor war das Projekt in Utrecht mit straffälligen Jugendlichen durchgeführt worden. Davon ist nur noch eine Foto-Dokumentation übrig: Die Leder- jacken wurden nach der Vernissage geklaut.

„Davon hatte ich mir mehr versprochen“, bemerkt ein Mann, der sich durch die Schaufenster-Dekoration spontan zum Besuch der Ausstellung verleiten ließ. Nicht mal eine Viertelstunde dauerte der. Seine Antwort auf die Frage, ob Kleider Leute machen, habe schon vorher festgestanden: Ja!

Die Ausstellung „Kleider machen Leute?“ ist  noch bis zum 24. Februar in der Galerie im Saalbau zu sehen. Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr

=ensa=