SIWANA-Mittel für den Comenius-Garten und das Berlin Global Village

Berlins Wirtschaft entwickelte sich in den letzten Jahren im Bundesmaßstab überproportional und immer mehr Menschen zog es dauerhaft in die Stadt. Die Landesregierung legte deshalb bereits Ende 2014 das Investitionsprogramm „Sondervermögen Infrastruktur der Wachsenden Stadt (SIWA)“ auf, das 2017 um einen Nachhaltigkeitsfond erweitert wurde und seitdem mit der Abkürzung SIWANA bezeichnet wird. Der Hauptausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses beriet in der vergangenen Woche zum sechsten Mal über die Vergabe der SIWANA-Mittel und Weiterlesen

Eine „gute Geste zur Bewahrung des Berliner Erbes tschechischer Kultur“: Liberda auf dem Böhmischen Gottesacker in Neukölln wiederbeigesetzt

Auf einer Audienz bei König Friedrich Wilhelm I. konnte Johann Liberda im August 1732 die Ansiedlung böhmischer Exulanten in Berlin bewirken. Zu Liberdas 275. Todestag, dem 9. August 2017, wurden seine sterblichen Überreste von Nachfahren der Glaubensflüchtlinge – im Anschluss an eine feierliche Gedenkveranstaltung – auf dem Böhmischen Gottes-acker wiederbeigesetzt. Liberdas Gebeine waren im April 1994 im Zuge archäologischer Grabungsarbeiten unter dem Altar der böhmisch-lutherischen Kirche in Berlin – Mitte gefunden worden. Nach einer Weiterlesen

Wie nehmen Neuköllner ihren Bezirk wahr und wie wird er von anderen wahrgenommen?

Diese Selbst- und die Fremdwahrnehmung ist seit langem im Fokus der kommu-nalen Kulturarbeit. Der N+Fotowettbewerb, den die Bürgerstiftung Neukölln seit 2006 ausrichtet, trägt viel zu dieser Selbsterkun-dung bei, denn die zwölf besten eingesandten Bilder werden regelmäßig in einem Wandkalender veröffentlicht. In diesem Jahr lautete das Wett-bewerbs-Thema „Fokus Neukölln“, und ich gehörte für das FACETTEN-Magazin der Jury an, die am vergangenen Freitag die Sieger ehrte.

„Wo ist denn das? Das sieht ja aus wie am Meer!“, dieser Kommentar war häufig bei der Preisverleihung im Neuköllner Leuchtturm zu hören. Er galt Weiterlesen

25-jähriges Bestehen eines Neuköllner Kleinods

„Das Gespräch ist die Basis des Friedens“, begrüßte Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey gestern Mittag mit einem Zitat des Universalgelehrten Johann Amos Comenius die zahl-reich erschienenen Gäste im Rixdorfer Comenius-Garten. In Neukölln sind unter den gut 350.000 Einwohnern über 80 Religionsgemeinschaften und mehr als 150 Nationalitäten vertreten. An diesem Tag, an dem sich der Geburtstag des tschechischen Theologen, Philosophen und Pädagogen zum 425. Mal jährte und zugleich der nach ihm benannte Garten in Nord-Neukölln sein 25-jähriges Bestehen Weiterlesen

Überflieger Rixdorf

Eigentlich wurde die Tafel am Spielplatz zwischen Karl-Marx- und Richardplatz rixdorf_friedrichshain_prenzlauerberg_neukoellnaufgestellt, um über Umbauten im Comenius-Garten zu informieren. Doch insbesondere ihr unterer Teil ist mittlerweile zur öffentlichen, mit verschiedenen Stickern beklebten Pinnwand mutiert, auf der Veranstaltungen und Meinun-gen kundgetan werden. Wohnungsangebote findet man dagegen nur selten. Nicht, weil es sinnlos wäre und ohnehin keiner nach Rixdorf will, sondern weil kaum jemand da weg will.

Zwei, die eng miteinander verbunden waren: Manfred Motel und das Böhmische Dorf

manfred-motel_foto-neukoelln-info-centerNeuköllns früherer Bezirksbürgermeister Prof. Bodo Manegold hatte Manfred Motel einst anerkennend „unseren Oberböhmen“ genannt. Dr. Franziska Giffey, die amtierende Rathaus-Chefin, bescheinigte dem mit der Neuköllner Ehrennadel und dem Bundesverdienstkreuz Ausgezeichneten, dass er den Bezirk über Jahrzehnte geprägt habe.

Nach langer schwerer Krankheit starb Manfred Motel am 8. September im Alter von 74 Jahren; letzten Sonnabend fand im Kirchsaal der Brüdergemeine die Trauerfeier statt. Für das Bezirksamt nahm Sozialstadtrat Bernd Szczepanski an der Zeremonie Weiterlesen

Schatzsuche mit Neuköllns Bezirksbürgermeisterin

giffey_steinle_neuköllner schätzeDie Frau, die Sonntagnachmittag mit Stadt-führer Reinhold Steinle und einer Gruppe von knapp 20 Leuten durch den Kiez rund um den Richardplatz spazierte, sah nicht nur aus wie Neuköllns Bezirksbürgermeisterin, nein, sie war es. Um Neuköllner Schätze vorzu-stellen, die es neben hinlänglich bekannten Problemen im Bezirk auch gebe, hatte Dr. Franziska Giffey zu einer Kiez-Expedition ein-geladen. Auf dem Programm standen die Be-sichtigungen des Böhmischen Gottesackers, des Familienunternehmens Kutschen-Schöne, der traditionsreichen Rixdorfer Schmiede, des vor 10 Jahren Weiterlesen

„Das Böhmische Dorf ist die Keimzelle der deutsch-tschechischen Beziehungen“

neueröffnung böhmisches dorf neuköllnAutofahrer, die gestern Mittag vom Richardplatz in die Richardstraße abbiegen wollten, hatten Pech. Auch in gesperrte richardstraße_neueröffnung böhmisches dorf neuköllnumgekehrter Richtung gab es für sie kein Durch-kommen. Denn die Straße, die seit einiger Zeit keine Großbaustelle mit Schika- nen für Fußgänger und gesperrte richardstraße_neueröffnung böhmisches dorf neukoellnden rollenden Verkehr mehr ist, war gesperrt – um am 20. Jahrestag der Städtepartnerschaft von Prag und Berlin ihre Neu- eröffnung zu feiern. „Neueröffnung des Böhmischen Dorfes“ hieß es gar in den Einladungen. Außerdem war davon die Rede, dass die elfte Generation von Nachfahren böhmischer Einwanderer das Weiterlesen

Eine Radtour – nicht nur für Neu-Neuköllner

start adfc-neukölln-radtourSchon seit etwa einem halben Jahrzehnt lädt die ADFC-Stadtteilgruppe Neukölln zweimal jährlich zur Kieztour für Neu- berliner und Entdecker per Fahrrad ein: Um die 25 Frauen und Männer waren es, die sich letzten Sonntag am Neuköllner Rathaus einfanden, um mitzuradeln. Eine kleine Umfrage unter ihnen zeigte, dass nur etwa die Hälfte Neu-Neuköllner wa- ren. Die anderen gaben an, schon länger im Bezirk zu leben und Lust zu haben, Neukölln in der Gruppe mit dem Fahrrad zu erkunden. Mona Bung und Boris Schäfer-Bung von der ADFC-Stadtteilgruppe Neu- kölln begleiteten den Ausflug und wiesen zuerst auf die wichtigsten Weiterlesen

Unterwegs mit Kamera und Mikrofon: Kinder aus Neukölln erkundeten ihren Kiez

daz-fotoworkshop_neuköllnHenning Vierck aus dem Comenius-Garten, ein freundlich lächelnder, weiß- haariger Mann mit Leiter und Weidenkorb im Arm, hält einen grünen Apfel vor das Kamera-Objektiv. Detailaufnahmen von einem der letzten öffentlichen Fernspre- cher, der in der Karl-Marx-Straße unweit der Uthmannstraße noch in Neukölln ver- blieben ist. Kinder, die mit Mikrofon, Kopfhörer und Aufnahmegerät ausgestat- tet sind, interviewen Menschen im Handy- Shop, beim Fleischer und anderswo im Kiez. Das sind einige der Motive, die wäh- rend eines einwöchigen Jugend-Foto-Workshops entstanden, den Weiterlesen

Jetzt als Buch: die typische bunte Neuköllner Mischung

stadtgespräche aus neukölln_gmeiner-verlagWas hat Neukölln mit München, Itzehoe, Rosen- heim, Hamburg, Balingen, Kempten und Wien gemeinsam? Auf den ersten Blick sicher nicht viel, auf den zweiten aber liefert das Programm des Gmeiner-Verlags aus der oberschwäbi- schen Kleinstadt Meßkirch eine Antwort: In dessen Stadtgespräche-Reihe steht Neukölln nun zwischen München und Rosenheim – oder, bei aufsteigender chronologischer Sortierung, ganz vorne.

„Die Idee entstand schon vor etlichen Jahren, kurz nachdem ich nach Neukölln gezogen war“, erzählt Michaela Behrens, die Autorin der Neu- köllner Stadtgespräche. „Seitdem wollte ich im- mer gern ein Buch machen, in dem Bewohner des Bezirks von ihrem alltäglichen Leben erzählen: was sie umtreibt, was sie freut oder traurig macht.“ Als sie 2013 von der neuen Gmeiner-Reihe erfuhr, Weiterlesen

Jenseits von Mauern und Gartenzäunen

16_offene gärten 2014_kirchgasse_berlin-neukoellnUm die tausend Besucher waren es im letzten Jahr, die sich in Brigitta Polinnas Garten und denen ihrer Nachbarn umsahen. Wie viele es an diesem Wo- chenende sein werden, an dem die Aktion „Offene Gärten“ wieder die Tore zu zehn verborgenen Pa- brigitta polinna_offene gärten 2014_kirchgasse_berlin-neukoellnradiesen im Böhmischen Dorf aufschließt? „Das hängt viel vom Wetter ab“, ahnt Polinna mit einem Blick gen Himmel, der wie ein Chamäleon die Farben wechselt und schon am frühen Nachmittag mehr- fach bewiesen hat, dass das Blätterdach über der Terrasse nur bedingt als Regenschutz taugt. Mit jedem Schauer geht es schneller, eine Plane über dem Tisch mit Geschirr und Kaffeekannen auszubreiten und die Kuchen und Torten ins Weiterlesen

Das Kreuz mit den Kreuzen

einladungsplakat podi st. clara neuköllnEgal wie stark und aus welcher Richtung dann der Wind weht – in 18 Tagen wird gekreuzt. Im Wahl- BTW2013_Wahlzettel NKkreis 82 Berlin-Neukölln wollen 17 Parteien und 10 Direktkandidaten die Regatta für sich ent- scheiden, um mit dem Rückenwind der Wähler den deutschen Bundes- tag zu entern.

Aber wer sind überhaupt diese Wahlkreisabge- ordneten, die den direk- ten Weg nehmen und Impulse für Neukölln unter der Reichstagskuppel setzen wollen? Mit  Christina Schwarzer (CDU), Ruben Lehnert (Die Linke), Anja Kofbinger (Bündnis 90/Die Grünen) und Anne Helm (Piraten) stellten sich gestern Abend gleich vier der 10 einer Podiumsdiskussion im Weiterlesen

Für ’s Leben lernen

Dass die Besucher des Comenius-Gartens etwas lernen, ist ein zentrales Anliegen von Henning Vierck. In der von ihm initiierten grünen Oase Neuköllns gibt es massig Anschauungsmaterial, um mehr über Flora und  Fauna, Philosophisches, das Leben

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an sich und den Respekt vor Mitmensch und Natur zu erfahren. Eine erste Lektion zur Wissenserweiterung gibt es aber schon am Zaun des Gartens: Weiterlesen

Wurzeln hier und dort

Die Idee, der Chronik „Čermná v proměnách staletí“ deutschsprachig zu entsprechen, hatte der Freunde Neuköllns cermna-chronik tschechische. V. bereits 2004, als das Buch anlässlich der 700-Jahr-Feier des Ortes in Tsche- chien editiert wurde. Neu belebt wurde der Gedanke buchcover_cermna-chronik_freunde neuköllns e.vallerdings erst jetzt im Ge- denkjahr der Auswanderung der Böhmen vor 275 Jahren aus dieser Gegend wieder. Und so wurde nunmehr das Original vom Verein übersetzt, bearbeitet und mit dem Titel „700 Jahre Čermná – Ge- schichte eines ostböhmischen Dorfes“ herausgegeben. Letzten Freitag stellten Manfred Herrmann, Dieter Herr- mann und Christian Kölling als Vertreter des Freunde Neuköllns e. V. die deutsche Ausgabe des Buches bei einer Pressekonferenz im Comenius-Garten vor.

(v. l.: Veronika Patočková, Vladimír Hejl, Alena Vojtková, Lenka Ptáčková und Manfred Herrmann)

(v. l.: Veronika Patočková, Vladimír Hejl, Alena Vojtková, Lenka Ptáčková und Manfred Herrmann)

Manfred Herrmann vom Vereinsvor- stand moderierte die Buchpräsen- tation und machte zunächst die Gäste aus Čermná bekannt: Vero- nika Patočková, eine der drei Über- setzerinnen des Buches, die die Veranstaltung auch dolmetschte, Vladimír Hejl, den Kurator der Ge- meinde der Evangelischen Kirche in Horni Čermná, Alena Vojtková, die amtierende Stadträtin und ehe- malige Bürgermeisterin des Ortes, sowie  Lenka Ptáčková, einer Lehrerin der Elementarschule Základní škola. „Im Ver- gleich mit der tschechischen Ausgabe ist das deutsche Werk zum Einen leicht gekürzt, andererseits aber auch durch Erläuterungen ergänzt worden“, berichtet Manfred Herrmann, der die Redaktion des Buches vorgenommen hatte. Schließlich könne nicht bei allen Lesern vorausgesetzt werden, dass ihnen Namen wie Reinhard Heydrich oder Tomáš Masaryk geläufig sind.

Anhand von projizierten Bildern, von denen die Mehrzahl im Buch enthalten ist, beleuchtet Herrmann einige Details, und so ist zu erfahren, dass Čermná 1936 geteilt wurde in Horni (Ober-) und Dolní (Unter-) Čermná, damals auch „Böhmisch Rothwasser“ genannt. Grund für die Teilung waren die seit vielen Jahrzehnten gepflegten Querelen, z. B. um die Lage von kommunalen Einrichtungen wie Schule, Feuerwehrhaus und anderen. Dazu muss man wissen, dass sich der Ort über sieben Kilometer hinzog, sodass die für die Bürger zurückzulegenden Wege in damaliger Zeit schon eine gewichtige Rolle spielten. Ein weiterer Dissenspunkt ergab sich daraus, dass die Bewohner des unteren Teils überwiegend römisch-katholisch und die im oberen protestantisch waren. Dass die Rivalität auch heute noch vorhanden ist, macht er daran fest, dass für Dolní Čermná eine eigene Chronik Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Vladimir Hejl+Alena Vojtkováherausgebracht worden ist.

In Horní Čermná gibt es zwei Kirchen, die Evangelische Kirche und die Wallfahrts- kirche auf dem Berg Mariánská Hora. Ein Antrag auf den Bau eines evangelischen Bethauses wurde bereits im Jahre 1785 an die Herrscher gestellt. Es sollte an einer geeigneten Stelle gebaut werden, die der katholischen Gemeinde nicht im Weg stehen und weit genug von der katholischen Kirche entfernt sein sollte. Der Eingang durfte nicht in Richtung des Hauptwegs zeigen, und es durfte keinen Turm und keine Glocke haben. Mit dem Bau wurde im Jahre 1787 begonnen. Das Kirchengebäude war sehr bescheiden. Es stand nicht an der Stelle der heutigen Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Bildvortrag+ev. KircheKirche, sondern einige Meter weiter in Richtung Feld.

Schon bald war es allerdings sowohl hinsichtlich der Räumlichkeiten als auch hinsichtlich des baulichen Zustands nicht mehr geeignet, so dass im Jahre 1836 der Grundstein für die neue Steinkirche gelegt wurde. Im Jahre 1839 wurde diese vollendet. Erst im Jahre 1884 erlaubte man, die Kirche um einen 23 Meter hohen Turm mit goldener Kuppel und Stern zu ergänzen.

Zur Wallfahrtskirche wird erzählt, dass der Fuhr- mann A. Keprta im Jahre 1814 eine Ladung von Mühl- steinen durch diese Gegend transportierte. Auf der holprigen Straße überschlug sich der Wagen und der Fuhrmann blieb unter dem Wagen eingeklemmt. Als er die Jungfrau Maria um Hilfe bat, erschien eine strahlende Dame, die ihm half. Im Jahre Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Bildvortrag+Rychta Kirche1864 wurden hier eine Kapelle und im Jahre 1875 die heutige Kirche gebaut, in deren Inneren die Kapelle erhalten blieb.

Auf dem historischen Foto ist neben der Kirche links das Haus „Rychta“ zu sehen. Ob es im Deutschen mit Bürgermeister-, Schultheißen- oder Richteramt wiederge- geben werden sollte, ist nicht eindeutig, gewiss ist, dass die dort tätigen Amtsträger nicht gewählt, sondern von der Herr- Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Henning Vierck+Manfred Herrmannschaft eingesetzt wurden.

Neben der zeitweilig vorhandenen Textilindustrie und der Ziegelei ist es Manfred Herrmann (r., mit Henning Vierck, dem Leiter des Comenius-Gar- tens) wichtig, auf die Sokol-Turnhalle hinzuweisen. Sie sei Symbol für eine Turnbewegung, ähnlich der Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Bildvortrag+Sokol-Turnhalleum Ludwig Jahn, die neben der Körperer- tüchtigung auch den nationalen Impetus beinhaltete. Aus den Mitgliedern, erklärt Herrmann, hätten sich dann auch Soldaten rekrutiert, die – obwohl sie der österreichischen Wehrpflicht unterlagen – auf Seiten der Russen oder Franzosen gegen die Österreicher kämpften, um einen Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Bildvortrag+Grenze Protektorat Sudetengebietunabhängigen Staat Czechoslowakei zu erlangen.

Ein besonderes Kuriosum aus der Besatzungszeit wird auf einem weite- ren Bild deutlich: Mitten durch Čerm- ná ging die Grenze zwischen Reichs- gebiet und Protektorat. Das histori- sche Foto zeige die Kontrollstelle inmitten des Ortes, erläutert Herr- Ortswappen Horni Cermnamann. Auch auf das Wappen von Horní Čermná geht er ein. Das Buch stehe für Bildung und die Linde sei das Symbol für Böhmen. Dass der Baum mit Wurzel dargestellt ist, solle die Entwurzelung der Emigrierten verdeutlichen. Diese wanderten übrigens nicht nur nach Sachsen und Preußen, sondern viele von ihnen nach Texas aus, und das nicht nur aus religiösen sondern später über- wiegend aus wirtschaftlichen Gründen.

Als Stadträtin und Ex-Bürgermeisterin Alena Vojtková um ein Statement gebeten wird, betont sie – wie Veronika Patočková (r.) übersetzt – die gute Zusammenarbeit mit den Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Veronika PatockováNeuköllnern, die enge Verbundenheit und dass das Buch weitere Gemeinsamkeiten in der Geschichte erfahren lasse. Sie habe gehört, dass mancher Neuköllner, wenn er nach Horní Čermná reist, sage: „Ich fahre nach Hause.“ Genau das, betont sie, sage sie selber auch, wenn sie Neukölln besuche. Es sei sehr wichtig, findet sie, dass die Menschen die Geschichte der jeweils anderen erfahren und schließt mit dem Zitat: „Wer die eigene Geschichte nicht kennt, kann nicht in der Gegenwart leben.“

Die nun in deutscher Sprache erschienene Čermná-Chronik schließt Lücken im geschichtlichen Wissen und lässt viel über den Ort erfahren, aus dem vor 275 Jahren Menschen kamen, die zu „Rixdorfer Böhmen“ wurden.

Das vom Freunde Neuköllns e. V. herausgegebene Buch „700 Jahre Čermná – Geschichte eines ostböhmischen Dorfes“ hat 208 Seiten mit diversen Karten und Fotos sowie einen Anhang über das Böhmische Dorf in Neukölln. Die Chronik kostet 9 Euro und ist im Buchhandel (ISBN 978-3-00-038870-5) oder per E-Mail-Bestellung an manfred.herrmann[at] freunde-neukoellns.de erhältlich.

=kiezkieker=

Neuköllns Comenius-Garten geht stiften

Irgendwie ist es bisher immer weitergegangen mit dem Comenius-Garten. Das ändert sich nun, allerdings nicht in der Form, dass der Garten geschlossen wird. comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.Nein, es ist das Wort „irgendwie“, das bei der Fortschreibung der Geschichte des einzigartigen Neuköllner Kleinods ver- zichtbar sein soll.

comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.

(v. l.: Thomas Blesing (Baustadtrat von Neukölln), Dr. Jiri Benes (Prager Institut für Philosophie), Henning Vierck (Geschäftsführer Comenius-Garten)

„Um den Come- nius-Garten dau- erhaft erhalten zu können, wollen wir eine Stiftung grün- den“, erklärte Geschäftsführer Henning Vierck vorgestern bei einem Pressege- spräch. Insbesondere für den Mittsech- ziger erfüllt sich damit ein Lebenstraum. Denn das Bedürfnis nach einer langfristigen Perspektive für die grüne Oase an der Richardstraße, die heute vor 20 Jahren gegründet wurde, ist kaum jünger als sie selber. „Jetzt“, sagte Vierck, „passt es einfach, den Schritt  zu echter Nachhaltigkeit zu machen.“ Einerseits sei er noch fit genug, um sich des Aufbaus der Stiftung anzunehmen. Andererseits hätten mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und dem Institut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik wichtige Kooperationspartner gewonnen werden können.

comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.

(v. l.: Prof. Cornelia Müller (Garten- und Landschaftsarchitektin), SE Dr. Rudolf Jindrak (Botschafter der Tschechischen Republik), Prof. Dr. Jürgen Renn (Direktor Max-Planck-Institut Berlin)

Letzterer symboliert zudem einen Spa- gat von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. „Früher waren es die Glaubensflüchtlinge, die die Protestanten in ihrer böhmischen Heimat unterstützt haben, indem sie in Böhmen verbotene Bücher hier in Rixdorf druckten“, erinnerte Dr. Jiri Benes vom Institut für Philosophie in Prag. Er sei immer wieder beeindruckt, in welchem Maß in diesem Gebiet Neuköllns die Historie gepflegt werde, ergänzte Dr. Rudolf Jendrak, der  Botschafter der Tschechischen Repub- lik: „Das Böhmische Dorf und der Comenius-Garten sind Teile Böhmens in Berlin. Daher ist es mir wichtig, das Engagement zur Gründung einer Stiftung zu unterstützen.“ Auch das Neuköllner Bezirksamt wird dazu einen Beitrag leisten. „Geld können wir ja nicht beisteuern“, sagte Baustadtrat Thomas Blesing. Stattdessen sei es „ein Filetstück aus der Verfügungsmasse des Liegenschaftsfonds“, die der Bezirk gemeinsam mit dem comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.Berliner Senat  als Stiftungskapital einbringe, um die Weichen für die Zukunft des Comenius-Gartens zu stellen: ein 7.332 Quadratmeter gro- ßes Areal mit zwei Gebäuden, dem comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v., werkstatt des wissenskleinen Seminar-Haus und der Werk- statt, die nun nach jahrelan- gem Leer- stand als Werkstatt des Wissens reichlich Platz für sehr spezielle Begegnungen bietet.

„Wir sind sehr glücklich, dass wir diesen Raum haben“, schwärmte Prof. Dr. Jürgen Renn. Der amtierende Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte kennt Henning Vierck bereits seit rund 30 Jahren: „Die Vision eines philosophischen Gartens hatte er schon damals, und es gab wohl niemanden, der sie nicht sehr gewagt fand.“ Dass solche kühnen studentischen Träume wahr werden, sei ja doch eher ungewöhnlich. Nicht minder comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v., werkstatt des wissensatypisch ist auch das, was mit der Werkstatt des Wissens entstand: ein Ort, an dem sich Kinder und Wissenschaftler auf Augenhöhe begegnen. Hat die Welt ein Ende? Wo ist auf der Erde oben und unten? Alle Fragen würden ernst genom- men werden, versicherte Renn. „Für uns ist das gemeinsame Forschen mit den Kindern äußerst wichtig, weil es die Insichgeschlossenheit der Wissenschaft aufbricht“, so der Wissenschaftshistoriker. „Es ist ein gemeinsamer Erkennt- nisprozess, sich der Unschuld des Erkenntnisvorgangs bei Kindern zu stellen.“ comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v., werkstatt des wissens, jan dillingDass die Wissenschaft ein offenes Ohr für diesen Kontext hat, sei langfristig unabdingbar.

Wie das gemeinsame Forschen in der Praxis aussieht, stellten Kinder der Klassen 1 bis 6 der benachbarten Richard-Grundschule bei einem Rundgang durch den maßgeblich durch Prof. Cornelia Müller nach dem Weltbild von Comenius gestalteten Garten vor: „Wie viele Heliumballons braucht man, um eine kleine Holzpuppe zum Abheben zu comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v., wissensworkshop,richard-grundschulebringen?“ lautete die Frage, aus der sich viele weitere ergaben. Was Helium ist. Welchen Einfluss die Größe der Ballons haben. Wie man jemandem, der das Wort Kilo nicht kennt, den Begriff Gewicht erklären kann. Am Ende fehlte der Ballon, der einem comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.Kind aus der Hand geflutscht war, um das Experi- ment erfolgreich beenden zu können. Einerseits ein Missgeschick, andererseits aber auch dramaturgisch passend – trägt doch das aktuelle Forschungsprojekt von Kindern und Max-Planck-Wissenschaftlern in der Werk- statt des Wissens den Titel  „Zum Himmel“.

=ensa=

Neukölln – New York: So fern und doch so nah

Neun Flugstunden liegen zwischen Berlin und New York. Neukölln und Manhattan sind 6.390 Kilometer voneinander entfernt. Am Nachmittag des 11. September 2001 world trade center new york, foto: aaron loganschrumpfte die Distanz auf we- nige Meter. Manhattan und die Twin Towers des World Trade Centers waren plötzlich so nah wie der Fernseher. Wir haben einige Neuköllner nach ihren Erinnerungen an 9/11 gefragt:

Melina N. war sieben Jahre alt. Sie erinnere sich an den 11. Sep- tember 2001 genauso wie an den Tag, an dem ihre Eltern ihr sagten, dass sie sich scheiden lassen, und an den, als ihr Opa starb, sagt sie: „Ich hab mittags bei meiner Freundin Aynur gegessen, danach waren wir noch im Comeniusgarten. Als ich nach Hause kam, saß meine Mutter weinend vor dem Fernseher, der zwei brennende Wolkenkratzer zeigte. Ich weiß noch, dass ich dachte, dass das ein Film ist. Deshalb hab ich gar nicht verstanden, dass meine Mutter weinte. Das hatte sie sonst immer nur bei rührenden Filmen gemacht. Sie hat dann gesagt, dass das kein Spielfilm sondern echt ist und dass das gerade in Amerika passiert. Böse Menschen hätten zwei Flugzeuge in die Hochhäuser ge- steuert, hat sie mir noch erklärt, bevor sie mich in mein Zimmer geschickt hat.“ Erst viele Jahre später hat Melina ihrer Mutter gesagt, wie doof sie das fand und wie allein gelassen sie sich fühlte. „Sie hat sich entschuldigt und gestanden, dass sie selber total überfordert mit dem Ereignis war.“

Werner B. hatte damals keinen Fernseher und auch sonst nicht viel: „Ich lebte von Mitte 2001 bis zum Frühjahr 2002 auf der Straße.“ 9/11 sei ein Schlüsselerlebnis für ihn gewesen, ein weiterer Wendepunkt in seinem Leben. „Bevor ich abgerutscht bin, hatte ich eine Im- und Export-Firma. In New York war ich oft und hab immer davon geträumt, da mal zu wohnen.“  Am 11. September 2001 sei er zum ersten Mal in einer Teestube für Obdachlose gewesen: „Ich wusste, dass die einen Fernseher haben und brauchte unbedingt Bilder von dem, was in Manhattan passiert ist“ Dass dort etwas unvorstellbar Furchtbares geschehen war, hatte er von einem Bekannten erfahren und zuerst gedacht, dass es sich um eine Geschichte handeln muss, die nur ein besoffener Kopf erfinden kann. „Die Fernsehbilder haben mich dann vollkommen ausgehebelt. Die waren wirklich ein Schock.“ In den Tagen danach habe er noch mehr als vorher getrunken, Wochen später beschlossen, dass er selber wieder nach New York müsse, um die Skyline ohne Zwillingstürme mit eigenen Augen sehen zu können. „Ja“, bestätigt der 53-Jährige, „man kann wirklich sagen, dass der bestialische Terroranschlag mir den Kick gegeben hat, mich aus dem Pennersumpf zu ziehen.“  Andere glückliche Zufälle seien dazu gekommen. Seit dem Winter 2003/2004 lebt Werner B. in einer WG, im Oktober 2004 reichte das Ersparte von seinen Gelegenheitsjobs für eine Reise nach New York.  Rotz und Wasser habe er geheult, als er das erste Mal am Ground Zero stand.

Mustafa A. arbeitete im Herbst vor 10 Jahren in einem Internet-Café an der Sonnenallee. „Der Fernseher lief ständig, meistens ohne beachtet zu werden. Am 11. September 2001 war das anders. Da guckte ab kurz vor 3 niemand mehr auf die Monitore der PC-Plätze, sondern alle nur noch auf den Fernseher.“ Die Wirklichkeit war für Stunden spannender als Ballerspiele, E-Mails und Recherchen für die Hausaufgaben. „Obwohl man ja gar nicht richtig glauben konnte, dass das wahr ist, was man sieht“, erinnert sich Mustafa. Genauso präsent wie der Tag, der der Welt veränderte, sind für ihn die Gedanken an die Zeit danach. „Als Mensch mit dunklerer Haut, schwarzen Haaren und der falschen Religion hatte man sogar hier in Berlin schlechte Karten. Wir wurden doch alle in Sippenhaft genommen“, fasst er die Diskriminierung zusammen. Am liebsten hätte er sich blaue Kontaktlinsen eingesetzt und die Haare blond gefärbt: „Wäre Sommer gewesen, hätte ich mir ein T-Shirt mit dem Satz ‚Ich verurteile die Terroranschläge auf die USA zutiefst!‘ bedrucken lassen.“ Geholfen hätte aber auch das wahrscheinlich nicht, zu groß war die Verunsicherung.

Friedel Z. hat ihren Vater an den 1. Weltkrieg verloren, ihr Mann kehrte aus dem 2. Weltkrieg nicht wieder, ihre Tochter ist seit einem Autounfall querschnittgelähmt und ihr Sohn nahm sich mit Mitte 40 das Leben: „Wenn man über 80 ist und so viele Schicksalsschläge erleben musste, denkt man, dass einen nichts mehr erschüttern kann.“ Doch dann kam der 11. September 2001. „Ich hatte den Fernseher an, war in die Küche gegangen, um Kaffee zu kochen und als ich wieder in die Stube kam, lief plötzlich ein ganz anderes Programm“, erinnert sie sich. Zuerst habe sie gedacht, dass der Fernseher kaputt ist und sich selber umgestellt hat, doch dem war nicht so. „Ich hab mir das etwa eine Stunde lang angeguckt, dann konnte ich es nicht mehr ertragen.“ In den Tagen danach, sagt die heute 93-Jährige, habe sie nur noch Radio gehört, um sich die Bilder der in die Twin Towers rasenden Flugzeuge, der in den Tod springenden Menschen und der einstürzenden Türme zu ersparen: „Noch heute fällt es mir schwer, mir die anzusehen.“

=ensa=

Versteckspiel im Comeniusgarten

comeniusgarten, berlin-neukölln, henning vierckHenning Vierck gehörte schon als Kind nicht zu den Kleinen. Inzwischen ist er Chef  des Neuköllner Comeniusgartens, über 60 und etwa 2 Meter groß.

Bereits mit dem nach der Lehre des tschechischen Philosophen Johann A. Comenius angelegten Kleinod an der Richard- straße hat sich Vierck einen Herzenswunsch erfüllt. Derzeit kann er dort – nachdem die Natur es verdammt comeniusgarten, neukölln, johann amos comenius, henning vierckgut mit dem Garten ge- meint hat – noch einem anderen Kindheitstraum frönen. „Ich hab mir früher immer gewünscht, durch Gras zu laufen, das so hoch ist, dass mich nie- mand mehr sieht“, sagt er.

Dieses Erlebnis ist ihm zwar jetzt auch nicht ver- gönnt, doch wenn er sich bückt ist – wie das Foto oben beweist – wirklich nicht mehr viel von ihm zu sehen. Etwa zwei Wochen, meint Henning Vierck, wird das noch so sein. Dann kommt der Rasenmäher zum Einsatz.

=ensa=