Erweiterungsbauten des Campus Rütli eingeweiht

„Der Mensch, wenn er Mensch werden soll, muß gebildet werden.“ Wie ein inoffizielles Leitmotiv standen diese Worte des mährischen Philosophen, Theologen und Pädagogen Johann Amos Comenius am vergangenen Donnerstag über dem Festakt zur Einweihung der Erweiterungsbauten des Campus Rütli. Als Höhepunkt der Feier übergaben Bezirksbürgermeister Martin Hikel und Bildungsstadträtin Karin Korte symbolisch einen Schlüssel an die Schul- und Campus-Leiterin Cordula Heckmann. „‘Kein Kind, kein Jugendlicher geht verloren.‘ Dies ist seit 2007 der Anspruch der Einrichtungen auf dem Campus Rütli. Hierfür setzen sich viele in Weiterlesen

Freie Fahrt für Schülerlotsen auf den Neuköllner Maientagen

Eine große Dankeschön-Veranstaltung für die rund 1.300 Berliner Mädchen und Jungen der sechsten Klassen, die als Schülerlotsen den Kindern der unteren Jahrgangsstufen das gefahrlose Überqueren der Straßen ermöglichen, gab es auch in diesem Jahr wieder: Gestern Nachmittag richtete die Landesverkehrswacht zum vierten Mal in Folge mit Unterstützung der Schausteller auf den Neuköllner Maientagen im Volkspark Hasenheide den Schülerlotsen-Tag aus. Jacqueline Hainlein-Noack und Thilo-Harry Wollenschlaeger von der Interessengemeinschaft Berlin Brandenburgischer Schausteller (IBBS) luden alle jugendlichen Verkehrshelfer für zwei Stunden zur freien Weiterlesen

Auf dem Weg zur Komplettierung einer Bildungslandschaft

Ab heute Nachmittag flattern die bunten Bänder eines Richtkranzes im Reuterkiez oder – genau genommen – über dem Campus Rütli und markieren das Motto „Neukölln baut Bildung!“. Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey, Bil-dungsstadtrat Jan-Christopher Rämer sowie Schul- und Campusleiterin Cordula Heckmann laden zum Richtfest für den mit 14 Mio. Euro veranschlag-ten Erweiterungsbau der Grundstufe der Gemein-schaftsschule ein, der im Sommer 2018 fertig sein soll. Es werde ein Ort voller Chancen, der Talente fördert, prophezeit Bezirksbürgermeisterin Weiterlesen

Optimistische Zukunftsperspektiven mit Wermutstropfen: Bezirksamt Neukölln stellt Arbeitsschwerpunkte für 2017 vor

„Ein Jahrzehnt der Investitionen liegt vor uns“, frohlockte Neuköllns Bezirksbürger-meisterin, als sie und ihre Dezernenten gestern Mittag bei einer gemeinsamen eberenz_liecke_giffey_raemer_biedermann_bezirksamt-neukoellnPressekonferenz im Rathaus die Arbeitsschwer-punkte für das laufende Jahr vorstellten. Hinter Dr. Franziska Giffey und den Bezirksstadträten stand zur Veranschaulichung zwischen der Berliner und der Neuköllner Fahne eine Karte des Bezirkes mit vielen bunten Fähnchen, die die Orte der künftigen Investitionen markierten.

„Wir setzen uns für die direkte Anbindung des Hauptstadtflughafens BER an die U-Bahnlinie 7 mit einer Station am Liselotte-Berger-Platz im Frauenviertel ein. Wir brauchen die Verlängerung Weiterlesen

Multiple Choice: Neuköllner Bildungsmesse zeigt Möglichkeiten für die Zeit nach der Grundschule auf

nbh-bildungsmesse-neukoellnWenn Berliner Kinder die Grundschule nach der 6. Klasse verlassen, stehen ihre Eltern vor der Entscheidung, ob der Nachwuchs eine Gesamtschule, ein Gymnasium oder eine andere Oberschule besuchen soll. Um Eltern und Kindern bei fragenkasten_karlsgartenschule_bildungsmesse-schillerkiez_neukoellnder Beantwortung dieser Schicksalsfrage ein wenig zu helfen, gab es in der Neuköllner Karlsgarten-Grundschule kürz-lich unter dem Titel „6. Klasse und dann?“ erstmals eine Bildungsmesse.

Für rund 2.000 Schülerinnen und Schüler in Neukölln beginnt im Sommer mit dem Übergang in die 7. Klasse ein neuer Lebensabschnitt. Auch auf das Leben der Eltern wirkt sich die Schulwahl der Kinder aus. Weiterlesen

Campus Rütli – von der Skandal- zur Neuköllner Magnetschule

Weit mehr als 20 Gemeinschaftsschulen gibt es inzwischen in Berlin, aber der Neuköllner Campus Rütli CR2 hat das besondere Privileg, im Organigramm des Bezirksamtes rütli-schule_campus rütli_berlin-neuköllnnamentlich aufgeführt zu werden. Vergangenen Montag lud nun die Bundestags-fraktion von Bündnis 90/Die Grünen auf dem Rütli-Campus zu einer Fachtagung unter dem Titel „Zusammenhalten. Zukunftschancen durch gerechtere Bildung“ ein – und alle Redner lobten die Entwicklungen der letzten zehn Jahre in Neukölln einhellig. Bundesweit bekannt wurde der Name der Rütli-Schule im März 2006 mit einem Weiterlesen

Konsens, Kontroversen und eine Ehrung in Neuköllns BVV

rathaus neukölln_amtsgericht neuköllnDie Tagesordnung der Neuköllner Bezirksverordne-tenversammlung ist um zwei Buchstaben länger geworden, seit Heinz Buschkowsky von Dr. Franziska Giffey im Rathaus abgelöst wurde. „Die Bürgermeisterin hat das Wort“ heißt es nun zwischem Geschäftlichem und Entschließungen. Bei der BVV-Sitzung am vergangenen Mittwoch konnte Giffey (SPD) den Kommunalpolitikern unter diesem Programmpunkt gleich von zwei brand-aktuellen Ereignissen berichten: Am Vormittag war Neukölln von einer Gruppe ehemaliger Bundes- tags- und Europaparlamentarier besucht worden, und der Hauptauschuss des Abgeordentenhauses hat gerade Gelder für den Erweiterungsbau des Campus Rütli freigegeben, so dass die Bagger jetzt rollen können.

Stillstand stattdessen bei der Schaffung weiterer Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge im Bezirk. Um endlich den von der SoWo Berlin geplanten Bau einer Flüchtlingsunterkunft in der Karl-Marx-Straße 278 anzuschieben, Weiterlesen

Mit vereinten Kräften von der Skandal- zur Vorzeigeschule

rütli-schule_campus rütli_neukoelln2006 war nicht nur das Jahr des deutschen Sommermärchens, es war auch das Jahr, in dem die Neuköllner Rütli-Schule Schlag-zeilen machte. Mit einem Brandbrief, der die Zustände an der Schule skizzierte, hatte sich das Lehrerkollegium damals an diverse Institutionen und politische Entscheidungs-träger gewandt: „Wir sind ratlos“, schrieben sie und schlossen mit der Hoffnung, dass bis zum Jahr 2009, dem 100-jährigen Be- stehen des Schulgebäudes, „eine Schule geschaffen werden kann, in der Schüle-r/innen und Lehrer/innen Freude am Lernen bzw. Lehren haben.“ Was ist – weitere fünf Jahre später – aus dieser Hoffnung geworden? Welche Stimmungslage prägt heute den Alltag an der Schule, die inzwischen zum Leuchtturm-Bildungsprojekt Campus Rütli gehört und diesem auch ihren Namen gab? „Die Schülerschaft der Sekun- darstufen I und II ist im Wesentlichen noch so wie im Brandbrief Weiterlesen

Fairplay aus Fernost, mit Steinen statt Bällen

1_100. go turnier_martha-gemeinde berlin-kreuzbergEin sonniger Juni-Abend auf der Hobrecht- brücke, die Neukölln mit Kreuzberg verbindet: Zwei Go-Spieler sitzen sich über dem Land- wehrkanal vor einem Holzbrett mit 19 mal 19 Linien gegenüber und besetzen abwechselnd die insgesamt 361 Schnittstellen des Spiel- bretts mit schwarzen und weißen Steinen. Einer der beiden Spieler ist Kalli Balduin, der seit der Jahrtausendwende als freiberuflicher 2_100. go turnier_martha-gemeinde berlin-kreuzbergGo-Lehrer in Berlin arbeitet.

Seine ersten kos- tenlosen Probe- stunden gab er für Neuköllner Grund- schüler in der Helene-Nathan-Bibliothek. Ein Quartiersmanager aus dem Schillerkiez wurde damals auf sein Angebot aufmerksam und empfahl ihm, einen Projektantrag zu schreiben. „Die Jury war Weiterlesen

Viel Rummel … um nichts?

Als sich die CDU Neukölln am ersten März-Wochenende zu ihrer Klausurtagung traf, hatte sie auch – und nicht nur einmal – das Tempelhofer Feld im Fokus. Ein Areal also, dessen Zukunft bis zum Volksentscheid am 25. Mai so ungewiss ist wie der Termin für die  BER-Eröffnung. Nichtsdestotrotz hielten die kommunalen Christdemo-kraten in ihren für den Rest der laufenden Legislaturperiode vereinbarten Schwer- punkten  Asylpolitik und  Deutsch-Amerikanisches Volksfest retten schon mal zwei-

tempelhofer feld_berlin

erlei in einer Neuköllner Erklärung fest: 1. Das Tempelhofer Feld biete Weiterlesen

Gedenkstätte für ein vernichtetes Neuköllner Paradies

kleingartenanlage handinhand_2_neuköllnBagger rollten vor einem Jahr über die ehe- malige Kleingartenanlage Hand in Hand an der Pfüger-/Ecke Rütlistraße. Sie sollten auf dem bis dahin 33 Parzellen beherbergenden Gelän- de mehr Platz schaffen für das Neuköllner Vor- zeige-Bildungsprojekt Campus Rütli. Gestern lud der Campus zum Tag der offenen Tür. Am Rand wiesen Laubenpieper darauf hin, dass bis heute noch niemand der Öffentlichkeit sagen kann, was einmal auf dem geräumten Gelände ihrer ehemaligen Klein- gartenanlage entstehen wird. Aus Protest dagegen enthüllten sie für Weiterlesen

Ausgezeichnet: Neukölln hat sechs neue Ehrennadel-Träger

137 Träger der Neuköllner Ehrennadel gab es bis gestern. Seit gestern sind es sechs mehr: Bei einer Feierstunde im Schloss Britz verliehen Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky und Bezirksverordnetenvorsteher Jürgen Koglin die höchste neuköllner ehrennadel-verleihung 2012Auszeichnung für Menschen, die sich um den Bezirk verdient gemacht haben, an Soran Ahmed, Beate Hau- ke, Christian Korb, Lam-Thanh Ly, Brigitte Merten und Peter Renkl.

Aber wie kommt man überhaupt an diese Ehrung, wenn man sie denn will? „Geehrt werden besonders Per- sonen, die langjährig auf dem Gebiet des kulturellen, sozialen, religiösen, wirtschaftlichen, sportlichen, gesell- schaftspolitischen und partnerschaftlichen Bereichs im Sinne Neuköllns tätig gewesen sind“, erklärt Andrea Liedmann aus dem Büro des Bezirksbürgermeisters. Politische Funktionen und Mandate seien für eine Ehrung nicht hinreichend.

Vorschläge für Auszuzeichnende, die samt einer kurze Begründung sowie einer Biographie der betreffenden Person an das Bezirksbürgermeister-Büro zu richten sind, könnten von Vereinen, Vereinigungen oder anderen Organisationen gemacht neuköllner ehrennadelwerden. Wer letztlich die Neuköllner Ehrennadel bekommt, werde dann von einem Gremium entschieden, das sich aus dem Bezirksverordne-tenvorsteher, der stellvertretenden Bezirksver-ordnetenvorsteherin, dem Bezirksbürgermeister und dem stellvertretenden Bezirksbürgermeister zusammensetzt.

Begünstigungen sind mit der Mini-Trophäe fürs Revers, die seit 1984 einmal jährlich verliehen wird, nicht verbunden. Allein mit der Ehrennadel und einer feierlichen Zeremonie müssen sich die Ausgezeichneten aber auch nicht begnügen: Sie erhalten zusätzlich eine Urkunde, werden ins Ehrennadelbuch eingetragen und im Foyer der 2. Etage des Neuköllner Rathauses namentlich auf einer Messingtafel verewigt. So wie vor ihnen bereits Wolf Henri, der Schmied vom Richardplatz, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, Victor Kopp, der Eigentümer der Neuköllner Passage, die ehemaligen SG Neukölln-Schwimmerinnen Cathleen Rund und Britta Steffen, der Ex-Profiboxer Oktay Urkal, die Ricam Hospiz-Gründerin Dorothea Becker, der Schriftsteller Horst Bosetzky, Konrad Tack, der ehemalige Geschäftsführer des JobCenters Neukölln, der Sprach- woche-Initiator Kazim Erdogan und Christina Rau, die Schirmherrin des Campus Rütli – um nur einige zu nennen.

=ensa=

Absage ans Nebeneinander

Alle Proteste, Unterschriftensammlungen und Koope- rationsangebote haben nichts genützt: Gestern war Schluss für die Laubenpieper der Neuköllner Klein-gartenkolonie  Hand in Hand. Nun rollen die Bagger an und machen nicht nur 33 gehegte und gepflegte Parzellen platt, sondern auch ein Stück Kiezgeschich- te, denn das grüne Idyll wurde bereits 1935 angelegt und hat damit stolze 77 Jahre auf dem Buckel.

Zehn Jahre später wurde das Gebäude auf dem Nachbargrundstück  wieder als Schule in Betrieb genommen; 1960 erhielt die Bildungs- einrichtung den Namen Rütli-Oberschule, der 2006 nach einem Brandbrief der Rektorin in die Schlagzeilen geriet. Auch künftig soll die – inzwischen zum Vorzeigebildungs- projekt avancierte – Schule von sich reden ma- chen: als Campus Rütli. Rund 25 Millionen Euro werden gebraucht, um die schon jetzt alles andere als reibungslos verlaufenden Planungen zu reali- sieren. Und Platz, viel Platz – zum Beispiel den, der bis gestern das grüne Wohnzimmer von 33 Klein-gärtnern war.

Zwischen Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft

Spektakulär soll es werden. Eine „einzigartige Sinfonie aus Flugakrobatik, Licht-installation und Sounddesign“ erwartet die Schaulustigen  morgen  bei der  Fassa- denperformance am Ideal-Hochhaus, gropiusstadt berlin-neukölln, ideal-hochhausdem Höhe- punkt der Festivitäten rund um das 50-jährige Bestehen der Gropiusstadt. „Regen“, sagt Katja Richter, „würde die Show nicht gefährden.“ Schwierig könne es nur bei Sturm oder Gewitter werden. Aber die Sprecherin des aus Dramaturgen, Stuntleuten, Technikern sowie Licht- und Sound- designern bestehenden Team Wired ist zuver- sichtlich, dass derartige Wetterereignisse den Ak- teuren erspart bleiben. Und natürlich hofft sie, dass sich reichlich Zuschauer auf der Wiese vor dem Haus einfinden, um das Spektakel weit über ihren Köpfen gebannt zu verfolgen. Eines, das gewissermaßen erst durch den Bau der Mauer möglich gemacht wurde.

Hochhaus an Hochhaus, eines neben, vor und hinter dem anderen – so hatte sich Walter Gropius die Großsiedlung im Neuköllner Süden eigentlich nicht vorgestellt. Sicher, es ging dem Architekten darum, Wohnraum für zehntausende Menschen zu schaffen, aber  „bei den ersten Planungen von Gropius ging es nur um etwa 14.000 Wohnungen und eine erheblich niedrigere Bebauung“, erinnert Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing. Fünfgeschossig, höher sollten die Häuser nicht werden, und alle sollten von großzügen Grünflächen umgeben sein. Doch dann kam im August 1961 der  Bau der gropiusstadt, berlin-neuköllnMauer. Von einem Tag auf den ande- ren musste umdisponiert werden. Das ans Gebiet der Gropiusstadt an- grenzende Bundesland Brandenburg, das anfangs als Ausdehnungsfläche in Kalkül gezogen worden war, war plötzlich ein anderer Staat. Folglich musste höher und enger gebaut werden.

Nichtsdestotrotz bedeute das Woh- nen in der Gropiusstadt immer noch ein  Wohnen im Grünen, sagt Frank Bielka vom Vorstand der degewo, die einen gropiusstadt berlin-neuköllnBestand von rund 4.500 Wohnungen in der Groß- siedlung hält. „Der Grünflächenanteil“, so seine Er- fahrung, „wird aber oft unterschätzt.“ Vielleicht ist es aber auch ein Fakt, der nicht ins Klischee der Gro- piusstadt passt, das von Schlagwörtern wie Beton- wüste, Anonymität und Ghetto dominiert  wird. Wie so oft stehen sich auch hier die Außenwahrneh- mungen und die Empfindungen und Meinungen der Bewohner über ihren Stadtteil unvereinbar diametral gegenüber.

pk 50 jahre gropiusstadt, berlin-neukölln

(v. l.: Dr. Martin Steffens, Heike Thöne, Michael Abraham, Thomas Blesing, Frank Bielka, Falko Liecke, Dr. Franziska Giffey, Prof. Jörg Stollmann

Was beim Blick von außen ebenfalls häufig vergessen werde, sei, dass die Gropius- stadt nicht nur aus Wohntür- men bestehe, sondern auch Reihenhäuser, Einfamilien- häuser und Wohnblocks da- zugehören. Diese architekto- nische Vielfalt sei in Groß- siedlungen äußerst selten und mache die Gropiusstadt zum attraktiven Exkursionsziel für Architekten, ergänzt Michael Abraham, Mitglied des Vorstands der Ideal eG. Insbesondere das Modell des genossenschaftlichen gropiusstadt, neuköllnWohnens habe sich im Viertel als wichtiger  Sta- bilisator im sozialen Bereich  bewährt. Aspekte, die die Trabantenstadt vor allem für Familien attraktiv machen, lägen vor allem in  vielfältigen Angeboten für Kinder und Jugendliche sowie einer ambitionierten Bildungs- und Kulturlandschaft, verweisen Jugend- stadtrat Falko Liecke und Bildungs-, Kultur- und Schulstadträtin Franziska Giffey. So habe mit dem Bildungsverbund Gropiusstadt ein effektives Instrument zur Vernetzung lokaler Kitas und Schulen initiiert werden können. Zugleich solle mit dem Campus Efeuweg per- gropiushaus, gropiusstadt neuköllnspektivisch im Süden von Neukölln das Gegenstück zum Campus Rütli geschaffen werden.

Die Weichen für die Gropiusstadt sind also eindeutig in Richtung Zukunft gestellt und daran ist das 50-jährige Jubiläum alles andere als unbeteiligt. Die Vorbereitung des Festprogramms habe bei allen Akteuren  spannende Prozesse ausgelöst, die Ge- schichte und Perspektiven des Stadtteils neu zu denken, schwärmt Quar- tiersmanagerin Heike Thöne. Eine wichtige Rolle wird bei den Visionen der Akademie einer neuen Gropiusstadt zukommen. Die solle, erklärt Prof. Jörg Stollmann, nicht nur Klammer zwischen Architektur, Sozialem und Historischem sein, sondern auch zur Optimierung der Bürgerbeteiligung beitragen und sich mit der Frage  „Wie kann Stadtentwicklung stattfinden?“  beschäftigen. Also mit einer, die für ganz Berlin von enormer Wichtigkeit ist.

=ensa=

Ende und Anfang in der Neuköllner Manege

jugendfreizeiteinrichtung manege, rütlistraße neuköllnEs war eine Erfolgsgeschichte. Vorgestern endete sie. Der  ge- meinsame Weg der Manege und des Fusion e. V., der vor 14 Jah- ren die Manege erfand und seit- dem zu dem machte, was sie wurde,  ist abgeschnitten. Für die Manege, eine der erfolgreichsten Jugendeinrichtungen mit kunst- und bildungsorientiertem Ansatz in Neukölln, geht es zwar weiter – aber unter der Leitung eines neuen Trägers. Heute nimmt der seine Arbeit auf. Wie aus bestens informierten Kreisen zu erfahren war, ist es die Technische Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft (tjfbg) gGmbh, die vom Neu- köllner Bezirksamt vor 2 1/2 Wochen im Hauruck-Verfahren zum Nachfolger des Fusion e. V. ernannt wurde.

„Selber denken! Machen!“, das waren schon immer die Leitmotive des Projekts. Und die Jugendlichen, die bis dato nicht eben durch konstruktives Handeln aufgefallen waren, machten. Das einst abgerockte Haus jugendfreizeiteinrichtung manege, rütlistraße neuköllnWetzlar wurde für sie zum zweiten Zuhause, erhielt ein frisches Innenleben nebst einer spektakulären Fassade. Die vermüllte Rütlistraße wurde entrümpelt und als Jugendstraße angelegt. Im Sommer 2003 zogen die beiden riesigen, in einem Gemein- schaftsprojekt erstellten Frösche an die Ecke Rüt- li-/Weserstraße. „Der Bezirk Neukölln“, so der Fu- sion e. V., „gab uns die Möglichkeit, neue Ideen zu erproben und  neue Methoden und Standards in die Jugend- und Sozialarbeit praktisch einzubringen, in einem Feld, wo traditionelle Methoden nicht mehr weiter kamen.“ Über 600.000 Euro akquirierte der Verein in den letzten neun Jahren an zusätzlichen Mitteln, um seine vielfältigen Projekte durchführen zu können, die von den Jugendlichen begeistert angenommen wurden.

Trotz jahrelanger erfolgreicher Arbeit flatterte dem Fusion e. V. im letzten Sommer – wie auch sämtlichen anderen freien Trägern der Jugendhilfe – die  Kündigung ins Haus. Bereits im Frühjahr 2011 war die direkt gegenüber vom Campus Rütli gelegene Manege aus dem Zuständigkeitsbereich der Bezirksamt-Abteilung Jugend in das Ressort Bildung/Schule übergegangen. Ein wegweisender Akt, der technokratisch die künftige Ausrichtung der Jugendeinrichtung zementiert und deutlich macht, dass diese sich mehr denn je an den Bedürfnissen des jugendfreizeiteinrichtung manege, rütlistraße neuköllnLeuchtturmprojekts in der Neuköllner Bildungslandschaft orientieren wird. Die ausgesprochene Kündigung des Fusion e. V. wurde zurückgezogen und der Vertrag erst bis zum April und später bis zum 30. Juni verlängert. Parallel wurde im April vom Bezirks- amt Neukölln wie angekündigt ein  Interessenbekundungsverfahren auf den Weg  gebracht, das die Träger- schaft für die Manege neu aus- schrieb. „Natürlich hätten wir uns darauf auch bewerben können“, sagt Wolfgang Janzer vom Fusion e. V., der zusammen mit seiner Frau Maria Galves de Janzer die Manege leitete, „aber das wollten wir aus mehrerlei Gründen nicht.“ Einer sei die Respektlosigkeit für die geleistete Arbeit und das Engagement, die sich „aus dem ganzen Verfahren und der Tatsache, dass es durchgeführt wird“, erkennen lasse. „Zweitens, weil wir den Verlust jeglicher Autonomie in der asymmetrischen Konstruktion des Campus Rütli–Projekts für kontraproduktiv halten. Wenn die Ineffizienz des Bildungssystems Ursache und Initialzündung des Campus Rütli–Projekts war, dann wird durch die Dominanz von Schule und die Unterordnung der anderen Module unter das Schulsystem, der Bock zum Gärtner gemacht.“ Und außerdem mache der Bezirk in seinem Interessenbekundungsverfahren ein finanzielles Angebot, das ein kleiner freier Träger nicht annehmen kann. Mit der angebotenen Summe ließen sich die Standards, die in der Manege etabliert wurden, nicht halten: „Eine Reduktion der Qualität aufgrund der begrenzten Mittel kommt für uns aber nicht infrage.“ Millionen würden für die Hardware des Cam- pus Rütli in Beton gegossen, kri- tisieren die Janzers, doch für die zum Betreiben der Hardware erforderliche Software gehe das Bezirksamt auf Schnäppchenjagd.

Dass der Fusion e. V. überhaupt eine Chance gehabt hätte, das Interes- senbekundungsverfahren für sich zu entscheiden, darf auch aus einem anderen Grund bezweifelt werden. Die Frage, ob der Campus Rütli ein Musterprojekt sei, beantwortete Marta Galvis de Janzer im August letzten Jahres in einem Interview mit dem Online-Schülermagazin Tonic mit einem klaren „Nein!“. Daraufhin, so die Janzers, seien sie von der Verwaltung zu einer Stellungnahme aufgefordert worden, die sie auch abgaben – ohne jemals eine Reaktion darauf erhalten zu haben. „Wo kommen wir denn hin, wenn man als Träger einer bezirklichen Einrichtung sein Recht auf freie Meinungsäußerung abgeben muss?“, fragt sich Wolfgang Janzer.  Irgendjemand müsse es doch einfach mal sagen, unterstreicht er das Statement seiner Frau.

„Unser Projekt in Neukölln ist damit beendet. Vielleicht pas- sen wir wirklich nicht in die  neue Bildungslandschaft, die hier entsteht und die sich in Zukunft im Einklang mit der Gentrifizierung des Bezirks justieren muss“, konstatierte der Fusion e. V.-Vorstand bereits im Mai in seiner hier veröffentlichten Erklärung. Sie schließt mit dem Satz: „Den Kindern und Jugendlichen der Manege wünschen wir, dass es ihnen gelingen möge, den  Ort, an dem sie aufgewachsen sind und der sie geprägt hat, als ihr Haus zu erhalten.“ Und es sind nicht nur die Janzers, die sich wünschen, dass auch unter der tjfbg-Trägerschaft eine partizipative Ebene für die Manege-Kids besteht und sie ihr Motto  „Gebt ihr uns keine Chance, geben wir uns eine!“  weiterhin leben, um die Erfolgsgeschichte fortzusetzen.

=ensa=

Lebhafte Diskussion um die „Kampfzone Straße“

karlheinz gaertner, fadi saad, buchpräsentation "kampfzone straße" (herder-verlag), campus rütli neuköllnDafür, dass ein Buch vorgestellt wurde, ist  vor- gestern Nachmittag recht wenig gelesen wor- den. Das war mein erstes Fazit, als ich aus der Buchpremiere „Kampfzone Straße – Jugend- liche Gewalttäter jetzt stoppen“ kam. Aber nicht, dass die Präsentation des ersten Werks des Autoren-Duos Fadi Saad und Karlheinz Gaertner deshalb langweilig gewesen wäre.

Fadi Saad, hauptberuflich als Quartiersmana- ger tätig, rannte bis zum Beginn der Ver- anstaltung gestresst hin und her, um Freunde und Familie auf ihre Plätze zu geleiten und dem ein oder anderen Reporter schon mal auf Fragen zu antworten. Karlheinz Gaertner,  Hauptkommissar und Dienstgruppenleiter des Polizeiabschnitts 55 in Neukölln, sah dem Treiben vom Rand aus zu. Die Mensa vom Campus Rütli war mit rund 200 buchpräsentation "kampfzone straße" (herder-verlag), campus rütli neuköllnZuschauern sehr gut gefüllt und dem- entsprechend warm. Jugendlich wa- ren nur wenige, das Bild war haupt- sächlich von älteren Herrschaften geprägt, die größtenteils verdächtig nach Lehrern aussahen.

Das musikalische Opening eines Ney-Spielers ließ kurz das Drumherum vergessen, die Begrüßung von Herder-Verlagsleiter Stephan Meyer holte alle ins Thema zurück und leitete zur Ansprache unseres Neuköllner Bürgermeisters Heinz Buschkowsky über.

fadi saad, gerd nowakowski (tagesspiegel), karlheinz gaertner, heinz buschkowsky, buchpräsentation "kampfzone straße" (herder-verlag), campus rütli neukölln

(v. l.: Fadi Saad, Gerd Nowakowski (Tagesspiegel), Karlheinz Gaertner, Heinz Buschkowsky)

Der ließ sich mal wieder eingehend über den glorrei- chen Werdegang der Rütli-Schule aus, prangerte an, dass das Hauptproblem der Jugendgewalt darin liege, dass niemand zugeben wolle, dass es ein Problem gibt. Denn dann müsse man sich ja unweigerlich der Folgefrage stellen, wie das Problem zu lösen sei. Auch sein schon oft bemühtes Rechenexempel hatte Buschkowsky wieder parat: Mit 220.000 Euro pro Jahr könne man fünf Knackies durchfüttern oder aber 650 Schüler durchs Abi bringen. Die Gesellschaft müsse sich entscheiden. So recht Buschkowsky mit solchen Thesen immer noch haben mag, langsam klingen sie wie eine Platte mit Sprung, die ebenso wenig Veränderung bewirkt. Am Ende verschwand der Bezirksbürgermeister umgehend und hinterließ das Gefühl seiner Unwissenheit über das Buch und die Autoren. Nunja.

Gerd Nowakowski vom Tagesspiegel, der die Veranstaltung moderierte, tat der Stimmung im Saal um einiges besser und sorgte immer wieder für Gelächter – auch mit einer kleinen Aufzählung des nicht unerheblichen Strafregisters, das Fadi Saad als fadi saad, buchpräsentation "kampfzone straße" (herder-verlag), campus rütli neuköllnMitglied einer Jugendgang angesammelt hatte. Saad wiederum lockerte das Publikum auf, indem er sich nicht eisern an Absprachen hielt, sondern ein wenig vor sich hin improvisierte. So kam es denn wohl auch, dass mehr erzählt als gelesen wurde. Dass mehr diskutiert als zitiert wurde und die Veranstaltung so sehr lebendig blieb.

Immer wieder ging es dabei um die Erziehungs- frage und den Punkt, wer wieviel Verantwortung dafür trägt. Auch unter den Autoren gibt es hier Kontroversen: Während Fadi Saad die Lehrer im Boot sieht, ist Karlheinz Gaertner der Meinung, dass karlheinz gaertner, buchpräsentation "kampfzone straße" (herder-verlag), campus rütli neukölln– insbesondere vor dem Hintergrund der perso- nellen und finanziellen Schieflage in den Schulen – die Zuständigkeit eindeutig bei den Eltern liegt.

Am Ende sprachen alle angeregt miteinander und es blieb die Hoffnung, dass Menschen wie Fadi Saad und Karlheinz Gaertner wirklich etwas verändern können. Viel Lob bekamen die beiden für das, was sie in ihren Brotjobs machen, allemal: Einige Sozialarbeiter und Gewaltpräventions- experten von der Polizei berichteten kurz von ihrem Arbeitsalltag mit Jugendlichen und  untermauerten so das vorher Gesagte. Patentrezepte mit Erfolgsgarantie zum Stoppen der Jugendgewalt wollte niemand geben, aber Empfehlungen wie zum Beispiel die, das Waffengesetz zu ändern und ein generelles Messerverbot zu erheben. Wie das praktisch umgesetzt werden könnte, erfuhr ich leider nicht.

=Anna Sinnlos=

Benachteiligte Quartiere

Was wird aus der Mitte? Was wird aus den ehemaligen Arbeiterquartieren, was aus den ehemaligen Stadtbrachen? – Mit diesen Aspekten beschäftigte sich die Initiative Think Berl!n bei ihrer Strategietagung, zu der mit der provokativen Frage „Ist Stadt- entwicklung nach der Wahl egal?“ eingeladen wurde. Nun erschien anlässlich der Tagung die Publikation „Berlin hat mehr verdient!“, in der auch der folgende Text von Dr. Cordelia Polinna erschien:

Die Herausforderungen, vor denen innerstädtische benachteiligte Stadtquartiere wie Nord-Neukölln, Kreuzberg, Moabit oder Wedding stehen, werden von verschiedenen Ressorts der Politik umfangreich diskutiert.

Die Probleme sind mehrdimensional, bestehen u. a. in den Bereichen Bildung, Arbeitslosigkeit, Integration, Wirtschaftskraft, Wohnungs- und Mietenpolitik und haben Auswirkungen, die sich in der städte- baulichen Struktur der Gebiete widerspiegeln, etwa durch Segre- gation, überforderte Einrichtungen der sozialen und kulturellen Infra- struktur, verwahrloste öffentliche Räume aber auch wirtschaftlich geschwächte und nicht funktionie- rende Stadtteilzentren. Gleichzeitig ist zumindest in einigen dieser Gebiete ein wachsender Entwick- lungsdruck unverkennbar – etwa durch die Zunahme von Touristen und den vermehrten Zuzug von Studenten und „Kreativen“. Diese Entwicklung ist prinzipiell sinnvoll und gewollt, denn die Quartiere zeichnen sich durch eine attraktive Bausubstanz aus, sind gut erschlossen und eignen sich als Wohn- und Arbeitsquartiere für alle gesellschaftlichen Schichten. Sie löst jedoch bei Teilen der Bevölkerung Ängste aus – vor Gentrifizierung und vor Touristifizierung. Diese Ängste müssen Ernst genommen werden. Es müssen Ideen entwickelt werden, wie in den „alternativen Szenekiezen“ mit den negativen Auswirkungen des Zuzugs von Besserverdienenden oder mit den wachsenden Touristenströmen, etwa Lärm- belästigung oder die Umwand- lung von Wohnungen in Ferien- wohnungen, umgegangen wer- den kann.

Gleichzeitig bieten sich durch das wachsende Interesse an diesen Quartieren auch viele Chancen für die polyzentrale Stadt – die Stärkung der lokalen Ökonomie und des dezentralen Tourismus in den Bezirken oder die Qualifizierung der inner- städtischen Wohnquartiere im Sinne der klimagerechten, kompakten Stadt mit Mischnutzung und kurzen Wegen.

 In den vergangenen Jahren sind umfangreiche Fördergelder in die benachteiligten Quartiere geflossen, in Form der Programme Quartiersmanagement bzw. soziale Stadt, Aktive Stadtzentren, Stadtumbau West und Aktionsräume plus; durch Vorzeigeprojekte wie den Campus Rütli sowie zuletzt im Rahmen der Festsetzung neuer Sanierungsgebiete, die zu einem großen Teil in den benachteiligten Innenstadtquartieren liegen. Mit Hilfe dieses wichtigen stadtplanerischen Instruments werden in den nächsten 15 Jahren rund 216 Millionen Euro vorrangig für die Verbesserung von Schulen, Kitas, Straßen und Grünflächen investiert. In den benachteiligten Stadtquartieren überlagern sich also mehrere Förderkulissen. Welche Erfolge mit den bisherigen Maß- nahmen erzielt wurden, wird jedoch nicht wirklich deutlich, im Gegenteil, das „Monitoring soziale Stadt“ doku- mentiert seit Jahren einen immer weiter voranschreitenden Negativtrend.

Vor allem mangelt es an innovativen Konzepten für die Gebiete. Das im Rahmen des Programms Aktive Stadtzentren entwickelte Motto “[Aktion! Karl-Marx-Straße] – jung, bunt, erfolgreich” klingt recht banal und austauschbar. Was die „Aktionsräume plus“ leisten und ob sie nicht in erster Linie Ressourcen binden, wird ebenfalls nicht deutlich, auch hier sind die bislang vorgestellten Konzepte schwammig und erschreckend visionslos.

Als zentrales Vorzeigeprojekt im nördlichen Neukölln ist der Campus Rütli geplant, die Aufwertung einer „Problemschule“. Der städtebauliche Entwurf für den Campus konnte jedoch nicht überzeugend darstellen, wie sich der Campus öffnen und das mittlerweile sehr lebendige Quartier einbeziehen wird. Im Gegenteil, hier ist immer noch eine Abschottung nach Außen geplant. Kann sich das Projekt mit dem vorhandenen Nutzungs- und Gestaltungs- konzept wirklich zu einem lebendigen, attraktiven Anziehungspunkt des Stadtteils entwickeln?

Und grundsätzlich: Welche neuen Funktionen müssen Einrichtungen der sozialen und kulturellen Infrastruktur in den benachteiligten Stadtquartieren übernehmen, um mit den Herausforderungen der Gebiete umgehen zu können? Und welche Rolle sollte die Gestaltung spielen, wenn eine Erneuerung oder der Neubau von Infrastruktureinrichtungen geplant werden?

Mit den neu ausgewiesenen Sanierungsgebieten fließt viel Geld in die benachteiligten Stadtquartiere und die öffentliche Hand hat mit der Ausweisung eine große Chance bekommen, städtebauliche Impulse zu setzen. Wie mit diesen zusätzlichen Geldern die Probleme gelöst werden sollen, bleibt jedoch unklar. Gibt es für diese „Sanierung“ überhaupt schon eine Leitidee, die über Allgemeinplätze hinausgeht? Muss nicht, bevor jetzt umfangreiche Maßnahmen in den Sanie-rungsgebieten geplant werden, erst mal eine völlig neue Definition von Sanierung und Aufwertung entwickelt und diskutiert werden, die den heutigen Anforderungen an die Gebiete gerecht wird? Können wir mit den Instrumenten der Sanierung von vor 30, 20, 10 Jahren den neuen Fragestellungen überhaupt noch begegnen? Müssen hier nicht neue Ansätze entwickelt werden, die auf Fragestellungen wie das Thema der multiethnischen Stadt oder die Angst vor der Verdrängung, den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel eingehen? Und sind die Bezirke und vor allem die lokalen Planungsämter dieser Chance, aber gleichzeitig auch dieser neuen Herausforderung überhaupt gewachsen?

Was für neue Instrumente müssen entwickelt werden, um „Sanierung“ durch- zuführen? Die Konsequenz aus der Befürchtung, durch städtebauliche Maßnahmen immobilienwirtschaftliche Aufwertungsprozesse auszulösen, kann ja nicht lauten, in diesen Quartieren auf städtebauliche Projekte zu verzichten. Wie muss also der Begriff der Aufwertung neu definiert werden? Wie kann die private Wirt- schaft stärker in diese Prozesse eingebunden werden?

Mit anderen Worten: Es wurde versäumt, vor der Ausweisung der neuen Sanierungsgebiete eine breite gesellschaftliche Diskussion anzu- stoßen, was denn überhaupt die Merkmale einer neuen Generation von Sanierungsgebieten sein sollen. Welche Rolle soll in diesen Gebieten das Thema der Baukultur, der städtebaulichen Qualität spielen. Muss nicht die städtebauliche und architektonische Gestaltung der Projekte stärker ins Blickfeld rücken – weg von „so billig wie möglich“ zu Projekten, auf die die Bewohner der Gebiete stolz sein und mit denen sie sich identifizieren können?

Doch der Blick auf die innerstädtischen Sanierungsgebiete reicht nicht aus. Wenn Menschen verdrängt werden, dann oft an den Stadtrand, in die Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus. Um diese Siedlungen kümmern sich nur wenige Spezialisten. Diese Siedlungen rücken nur dann ins Blickfeld von Politikern, wenn dort radikale Parteien große Zuwächse bei Wahlen verbuchen. Das aber ist zu wenig. Wenn wir nicht aufpassen, ballen sich dort die Probleme von morgen.

=Cordelia Polinna=

Cordelia Polinna wurde in Neukölln geboren, wuchs im Böhmischen Dorf im Richardkiez auf und lebt auch heute wieder – nach Stationen in Edinburgh, London und New York – in Neukölln. Sie studierte Stadt- und Regio- nalplanung und promovierte vor vier Jahren an der TU Berlin.