Rückgabe auf Zeit

sommerzeit_winterzeit_cafe selig neuköllnSelbst wenn morgen noch bzw. wieder Stühle, Tische oder Bänke vor Neuköllner Cafés, Kneipen und Restaurants stehen sollten: Heute Nacht endet durch Rück-gabe der vor sieben Monaten verliehenen Stunde die Sommer-zeit, d. h. die Uhren werden wie-der zurückgestellt und ticken bis zum 27. März im Winterzeit-Takt.

Viele Punkte angesprochen, aber längst nicht alle Fragen beantwortet

genezareth-kirche neuköllnRegen Zulauf verzeichnete Freitagabend die Gene- zareth-Kirche auf dem Herrfurthplatz im Neuköllner Schillerkiez: Erol Özkaraca, SPD-Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, dessen Bürgerbüro nicht weit entfernt in der Hermannstraße ist, hatte in Zusam-menarbeit mit dem Treffpunkt Religion und Gesellschaft (TRG) e. V. zu einer Gesprächsrunde mit dem Thema „Islam – zwischen Jugendkultur, Religion und Politik“ finger_kontschieder_buschkowsky_islam-podiumsdiskussion_izg neuköllnein. Die Kirche war voll, und nur die Plätze auf der Empore blieben unbesetzt. Prominentester Zuhörer des Abends: der ehemalige Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky. Von der Neuköllner BVV wurden die SPD-Abgeordneten Jutta Finger, Eugen Kontschieder und Wolfgang Hecht sowie Elfriede Manteuffel (CDU) gesehen, Weiterlesen

Das Kreuz mit den Kreuzen: Ja + Ja? Nein + Nein? Ja + Nein? Nein + Ja? Oder doch lieber enthalten?

Das Tempelhofer Feld in Sichtweite, die Einladung zur Podiumsdiskussion von einer Partei, die sich gegen den SPD/CDU-Gesetzentwurf beim Volksentscheid ausge- thf100-buttonsprochen hat: „Für mich ist das heute kein Heimspiel“, ahnte der SPD-Bundes- tagsabgeordnete Dr. Fritz Felgentreu zu Beginn der Veranstaltung, der die Linke Neukölln den Titel „Ja oder Nein zu 100% Tempelhofer Feld?“ gegeben hatte. Er war für die Rolle des Bösen besetzt wor- den, der Bebauung will und das Publikum gegen sich hat; Ruben Lehnert durfte als Repräsentant der Gastgeberin den Guten geben, der den Erhalt des Feldes in seiner jetzigen Form befürwortet und mit dieser Meinung die der meisten Weiterlesen

Ein Herz für Spätzle, aber nicht nur

Die besten Käsespätzle Neuköllns, so die Meinung vieler, macht Mohamed. Bei ihm werden sie nicht geschabt oder gehobelt sondern gepresst, erklärt der Koch, der vor 16 Jahren aus Guinea nach Deutschland kam und im Berliner Haute Cuisine-Res- taurant Dressler seinen Beruf erlernte. Vor knapp zwei Monaten übernahm er das Café Selig in Neukölln, auf dessen Karte auch die deutsche bzw. schwäbische Ant- wort auf Italiens Pasta-Vielfalt steht. „Die Käsespätzle sind eine Eigenkreation von mir, weil  ich sie  mit krossem Käse  statt mit der traditionellen zähen Käsemasse lie-

käsespätzle_cafe selig neukölln

ber mag“, verrät Mohamed Kaba. Auf die Zugabe von Fett verzichtet er außerdem. „Überhaupt“, erzählt der Koch, dessen besondere Leidenschaft der Pâtisserie gilt, „kommt im Selig  nur auf die Karte, was ich selber gerne esse.“ Die Käsespätzle sind also nur ein Lieblingsgericht von vielen. Künftig will Kaba („wie der Kakao“) auch mehr Desserts anbieten. Aber das ist ein anderes Kapitel, denn heute, am 25. Okto- ber, ist seit 1995 Weltnudeltag.

Neues Spiel, endlich Glück?

cafe selig_neuköllnNomen est omen – im Falle des Café Selig gilt diese Redensart wahrlich nicht. 2004 wurde es in einem Seitentrakt der Neuköllner Genezareth-Kirche eröffnet, und morgen räumt mit der Ölbaum GmbH der inzwi- schen dritte Pächter das Feld. Während der zweijäh- rigen Vertragslaufzeit stellte sich weder bei Geschäfts- führerin Hansi-Mariann Bettgens ein tiefes Glücksge- fühl ein, noch empfand die Gemeinde als Vermieterin das Miteinander als seligmachend.

„Leider gab es auf Hansis Seite ein  paar Sachen, die nicht so gelaufen sind und nun in der Insolvenz en- den“, räumt Waldemar Schwienbacher Weiterlesen

Regelkonform

Die Einbahnstraßenregelung gilt zwar eigentlich nur für die Fahrbahn, die um den Herrfurthplatz führt. Doch auch die Draußensitzer des Café Selig halten sich daran und rücken die Tische, Stühle und Bänke auf dem Platz vor der Genezareth-Kirche immer brav bis zum Geht-nicht-mehr in die erlaubte Richtung – der Sonne wegen.

Regen, Hagel, Kälte, Böen und rare Lichtblicke

2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neukölln, wetter-kapriolenWodurch nur, fragen sich die Leute vom Pro Schillerkiez, haben wir es uns mit dem Wettergott so dermaßen versaut? „Bei unserem Adventsmarkt am 26. November war es wärmer“, meint Beate Hauke, die Vorsitzende des Vereins, und liegt damit richtig.  Damals schaffte es die Temperatur locker über die 5 Grad-Hürde, vorgestern 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neukölln, grognicht. So geriet der am Oster- samstag vom Pro Schillerkiez veranstaltete Ostermarkt auf dem Neuköllner Herrfurthplatz zu einer skurrilen Mischung aus Winter- und  Frühlings-Event.

Heißer Grog, leuchtende Primeln, Sonnenbrillen, Hand- schuhe, Regenschirme und Wetter in seiner ganzen Viel- falt – wer Gegensätze mag, 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neukölln, japanische kirschehatte reichlich Gründe, sich auf dem Markt wohlzufühlen. Doch viele waren es nicht, die das Kontrastprogramm zu schätzen wussten. „Der Markt war einfach kein Ort, an dem man sich gerne längere Zeit aufhalten wollte“, muss Beate Hauke einräumen. Noch härter als die Besucher, die nach eigenem Gutdünken kommen und gehen konnten, traf es aber die Menschen hinter den Marktständen, die Kunst, Handarbeiten, Gebasteltes und Selbstgebackenes oder -gekochtes unters Volk bringen wollten.

Während sich die professionellen Markthändler, die Woche für Woche auf dem Markt im Schillerkiez ihre Produkte anbieten, längst an Wetter-Kapriolen und die 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neuköllndortigen äußerst ungemütlichen Windverhältnisse gewöhnt haben, wurden sie für die Amateure zur Herausforderung. „Was wir vergessen haben, sind Styroporplatten zum Draufstellen, gegen die Kälte von unten“, bedauert Christian Hoffmann vom Pyrami- dengarten Neukölln. „Und das Bedrucken der Etiketten per Tintenpisser war auch 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, bio-honig pyramidengarten neukölln, neuköllnkeine gute Idee.“ Eini- ge der Chutney-, Honig- und Marmeladengläser haben ziemlich unter den Regen- und Hagelschauern gelitten, die vom Wind quer  durch die Stände gedrückt wurden. Andere packten gar nicht erst ihr komplettes Sortiment aus oder gaben vorzeitig entnervt, durchge- 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neuköllnfroren und mit von der Feuchtigkeit lädierten Bildern auf. Auch dem Pro Schillerkiez-Infostand musste zwischendurch wieder zu Stabilität ver- holfen werden – bis eine Böe ihn knapp zwei Stunden vor dem Ende des Markts völlig zerlegte.

„Das mit dem Wind ist auf der östlichen Seite des Herrfurthplatzes ein großes Problem“, sagt Beate Hauke. Kommt der vom Tempelhofer Feld, drückt er sich  an der Genezareth-Kirche vorbei durch die Herrfurth- in Richtung Hermannstraße. Noch kritischer ist es, wenn – wie Samstag – mehr als ein laues Lüftchen aus Nordwest weht und mit der Schillerpromenade eine weitere Schneise ins Spiel kommt. Das Ergebnis sind kräftige Turbulenzen auf dem Marktplatz. Der vorgestern erstmals von der Markt- verwaltung Perske gestartete Versuch, den Wind durch einen parkenden LKW zu stoppen, kann wohl nur als gescheitert betrachtet werden. Effektiver wäre es sicher, wenn der Markt ganz auf die gegenüberliegende Seite umzöge, wo es meist 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neuköllnerheblich windstiller und zudem länger sonnig ist – wenn die Sonne scheint.

Dass der Ostermarkt bei besseren äuße- ren Bedingungen für die Händler lukra- tiver  und die Besucher attraktiver ge- wesen wäre, wissen die Organisatoren des Pro Schillerkiez. Schließlich haben sie es beim ersten Ostermarkt im letzten Jahr 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neuköllnerlebt, bei dem T-Shirt-Wetter herrschte, die Sonne mit den Mienen der Marktbesucher um die Wette strahlte, die Hasen in ihren Plüschkostümen schwitzten statt froren und die Mühen der wochenlangen Vorberei- tungen mit einem schönen Fest belohnt wurden.

Auch den Stress der Organisation eines kleinen Kulturprogramms hätten sich die Veranstalter rück- blickend für die zweite Ostermarkt-Auflage sparen können. Für die Tontechnik, die  die Sängerin Milistu für ihre Chansons und die Teilnehmer einer Schreibwerkstatt für ihre Lesung gebraucht hätten, war es unter freiem Himmel zu nass. Für die Outfits der Familie Khajuria, die auf dem Markt indische Tänze präsentieren wollte, zu nass und zu kalt. „Hätte es nicht kurzfristig die Möglichkeit gegeben, die Auftritte nach nebenan ins Café Selig zu verlegen“, so Hauke, „hätten wir sie ganz absagen müssen.“ Dem Streben der Veranstalter, die Attraktivität des Schillermarktes durch künstlerische und kulturelle Angebote zu steigern, half es dort aber gewiss nicht.

Im nächsten Jahr fällt der Ostersamstag auf den 30. März. Damit steht also schon jetzt fest, dass der dritte Ostermarkt  launischem April-Wetter knapp entgehen wird.

=ensa=

Neustart des Café Selig

Nun ist es offiziell: Am kommenden Dienstag wird das Café Selig wiedereröffnet. „Um 10 Uhr“, sagt Memis Vurulkan, der zusammen mit einer Geschäftspartnerin die Lokalität neben der Genezareth-Kirche am Herrfurthplatz übernom- men hat.

Die Wände sind nun in einem freundlich-warmen Terracotta- Ton gestrichen. Auch beim Interieur und Ambiente des licht- durchfluteten, groß- zügigen Raumes wird alles auf einen Neuanfang hindeuten – wenn die letzten Arbeiten und das Feintuning erledigt sind: „Da ist noch einiges zu tun, bis alles so ist, wie wir es uns vorstellen.“ Die Rahmenbedingungen sollen stimmen, wenn das auf der Achse zwischen Tem- pelhofer Feld und Hermannstraße liegende Café nach einem Pächterwechsel (wir berichteten) und dreimonatiger Pause wieder Gäste empfängt.

Innerhalb dieses Rahmens will der erfahrene Gastronom Memis Vurulkan viel Platz für die  Wünsche der Kunden lassen und auf Flexibilität setzen. Ein starres Konzept gibt es nicht. Eine kleine Mittagstischkarte schwebe ihm vor, sagt er, vorwiegend regionale Produkte sollen verarbeitet werden und Öffnungszeiten von 10 bis 22 Uhr seien angedacht. Sollte die Praxis jedoch zeigen, dass ersteres nicht goutiert wird und letzteres nicht zu den Bedürfnissen der Gäste passt, werde er darauf reagieren. „Aber“, räumt er ein, „ein Tagescafé soll das Selig schon bleiben.“

Rauchfrei definitiv auch. Wer zum Bier, das die Neupächter von der Privatbrauerei am Rollberg beziehen werden, eine Zigarette mag, muss das draußen auf der Terrasse trinken. „Wir hoffen natürlich sehr, dass  der August und der Herbst besseres Wetter bringen“, sagt Memis Vurulkan. Das würde bestimmt auch dem Olivenbaum gefallen, der den neuen mediterranen Stil des Café Selig auch in den Kiez sichtbar macht.

=ensa=

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Ausge(t)räumt

cafe selig, neukölln„Ab sofort reduzierte Preise“ steht seit Tagen auf einigen Fenstern des Café Selig am Herrfurthplatz. Heute Mittag um 12 hat Martina Fandrich, derzeit noch Pächterin des Selig, das Café zum letzten Mal geöffnet, um Gäste zu bewirten. Zu Supersonder- preisen, denn „je mehr abends weg ist, desto besser“, sagt sie und meint damit nicht nur alles, was gegessen oder getrunken werden kann. Auch für das komplette Interieur vom Teelöffel über Tische und Stühle bis zum Kühlschrank werden Abnehmer gesucht. Nur die Theke bleibe drin.

Für Martina Fandrich endet damit ein fünfjähriges Abenteuer als Gastronomin: Sie habe den Kampf um die Verlängerung des bis zum 31.5. laufenden Pachtvertrags mit der Genezareth-Gemeinde verloren. Von verhärteten Fronten spricht sie, von Differenzen, die irgendwo zwischen Emotionalem und Rationalem angesiedelt scheinen, und von einem fruchtlosen Mediationsgespräch im November letzten Jahres. Alles in allem mehr Indizien für ein zerrüttetes Verhältnis als für eine harmonische geschäftliche Beziehung.  Denkbar schlecht waren folglich Martina Fandrichs Chancen, als Pächterin die Etablierung des Cafés direkt neben der Genezareth-Kirche fortsetzen zu dürfen.

Da nützte ihr auch eine dicke Kladde voller Unterschriften von Anwohnern und Gästen nichts, die ihr den Rücken stärken wollten. „Die Kirche“, so Martina Fandrich, „wollte aber einen Betreiberwechsel.“ Als erste, durch  Missverständliches befeuerte cafe selig, neukölln, genezareth-gemeindeGerüchte im Kiez began- nen die Runde zu machen, das Café Selig werde geschlossen, reagierte sie ihrerseits durch das Aus- hang einer Mitteilung im Schaukasten des Ge- meindebüros. Doch die scheint eine Spur zu de- zent zu sein, um allge- meine Aufmerksamkeit zu finden.

Eine Frau rüttelt empört an der verschlossenen Tür des Büros, fragt, wo man denn jemanden von der Kirche sprechen könne. Sie wohne im Kiez und habe gehört, dass das Café Selig geschlossen werden soll. „Das ist doch ein Unding“, echauffiert sie sich. Das dürfe doch nicht sein, schließlich habe sich Frau Fandrich so sehr um das cafe selig, neuköllnCafé bemüht. Neben derartigen persönlichen Protesten hat sich auch eine Initiative gebildet, die ihren Unmut durch Zettel zum Ausdruck bringt, die rund um das Epizentrum der Aufruhr angebracht wurden.  Außer Wut und Enttäuschung symbolisieren die freilich auch ein gewisses Maß an Naivität und Verpeiltheit. Das Ansinnen der Initiative, sich basisdemokratisch in marktwirtschaftliche Belange einmischen zu können, wird jedenfalls am Betreiberwechsel für das Café Selig nichts ändern.

„Der Traum ist ausgeträumt“, sagt Martina Fandrich mit Tränen in den Augen. Aus- gerechnet jetzt, bedauert sie, wo sich das Café durch die Öffnung des Tempelhofer Feldes im Aufwind befinde und die Flaute vorbei sei. Ihre persönliche Zukunft sieht sie weniger optimistisch: „Insolvenz und Arbeitslosigkeit. Was soll schon sonst kommen?“

=ensa=