Überall? Nirgendwo? Die Suche nach Neukölln geht weiter!

Ramon Schack ist Journalist, lebt seit einem Jahrzehnt in Berlin und seit gut zwei Jahren in Neukölln. Politischer Extremismus, die offene Gesellschaft samt ihrer Feinde sowie Nahost-Themen sind die Schwerpunkte seiner Arbeit. Nun hat der neukölln ist nirgendwo42-Jährige mit „Neukölln ist nirgendwo“ ein Buch geschrieben, für das er – statt in der Ferne – vor der eigenen Haustür re- cherchieren konnte. „Ich hatte bei Face- book einige Geschichten aus meiner Nach- barschaft erzählt und als Resonanz kam oft der Wunsch, dass man daraus ein Buch machen müsste.“ Dann hat ihn Matthias Dierssen vom Verlag 3.0 angesprochen und die Idee ihren Lauf genommen, erklärt er bei der Buchvorstellung Weiterlesen

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Viel Rummel um Neuköllns Sozialstadtrat Szczepanski

„Nur ’ne halbe Stunde, mehr Zeit hab ich nicht“, sagt Bernd Szczepanski, als er an einem der Biertische vor der Bühne der Neuköllner Maientage Platz nimmt. Kaffee ja, Kuchen nein, zu gemütlich soll es nicht werden. Er müsse noch seinen Unter- senioren-nachmittag_neuköllner maientagesuchungsbericht über den Einsatz von Bezirksamtsmitarbeitern bei der Erstellung des Buschkowsky-Buches „Neukölln ist überall“ abgeben. Die rund 200 Senioren, die sich auf Ein- ladung von Maientage-Organisator Thilo-Harry Wollenschlaeger und dem Neuköllner Bezirksamt zu Kaffee, Kuchen und einer anschließenden Rummelrunde eingefunden haben, können es wesentlich entspannter angehen. „Die Ersten waren schon um 1 hier, also zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung“, erzählt Wol- lenschlaeger (l.). „Da hatten wir noch gar nicht geöffnet, aber wir Schausteller sind ja thilo-harry wollenschlaeger+bernd szczepanski_neuköllner maientageflexibel.“

Das ist der Grünen-Politiker Szczepanski auch, muss er sein, denn vorherseh- und planbar ist nur ein Teil seines Alltags. Die Begrüßungsansprache ist kurz und der Situation angemessen, dass wohl kaum jemand gekommen ist, um sich lange Politikerreden anzuhören. Ein bisschen Rückschau in eine Zeit, als auch Bernd Szczepanski zu den begeisterten Rummel- gängern gehörte, und ein bisschen Vorschau: „Seien Sie vorsichtig, dass sie nicht so viel Kuchen essen, dass Sie hinterher in den Karussells eine Tüte brauchen, und sozialstadtrat bernd szczepanski_neuköllner maientageamüsieren Sie sich schön!“ Wer den Sozialstadtrat beim anschließenden Shakehands beobachtet, käme nicht auf die Idee, dass er es eilig hat. Das ist eine seiner Stärken, neben den fachlichen Kompetenzen.

Auf den Rummel, der heute für Szcze-panski ansteht, hätte er ebenso wie seine Fraktion am liebsten verzichtet. Den zettelten drei Mitglieder der Neu- köllner SPD-Fraktion an, die bei der letzten Bezirksverordnetenversammlung – entgegen vorheriger Absprachen – mit Nein statt mit Enthaltung abstimmten, als es um den Antrag auf Verlängerung der Amtszeit des Sozialstadtrats ging, der rein formell an seinem 65. Geburtstag in den Ruhestand geschickt werden würde. Nun soll heute ab 17 Uhr in einer Sonder- sitzung im BVV-Saal erneut über den Antrag abgestimmt werden. Es deute alles darauf hin, dass das Ergebnis diesmal in seinem Sinne ausfallen werde, sagt Bernd

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Szczepanski. Doch leise Zweifel sind nicht zu überhören. Schließlich hatte sich die Situation im Vorfeld der letzten Abstimmung nicht anders dargestellt.

Beim Bühnenprogramm für die Neuköllner Senioren ist Entertainer Pauly nun von alten Berliner Liedern zu einem Quiz übergegangen. Wie heißt der Bezirksbür- germeister, wie die Neuköllner Ortsteile und welche ist die längste Straße im Bezirk? Wer zuerst die richtige Antwort ruft, bekommt Preise, die sonst nur mit etwas pauly+senioren-nachmittag_neuköllner maientageGlück an der Losbude zu gewinnen sind.

Morgen wird keine Einladung und kein blau- es Bändchen brauchen, wer Bernd Szcze- panski reden hören und sprechen will: Von 14 bis 15 Uhr bittet der Sozialstadtrat zur Bürgersprechstunde ins Haus des Älteren Bürgers. „Mal gucken, wer kommt“, sagt er. Sonderlich bekannt sei das Angebot noch nicht, groß jedoch der Bedarf, ein offenes Ohr für Sorgen im sozialen Bereich zu finden: „Häufig geht es um Mietprobleme.“ Aber auch bei unterschiedlichsten anderen Anliegen versucht er weiter zu helfen, das reiche von Gesundheitsthemen bis hin zu Anwohnerärgernissen um vermüllte Straßen und Wege. Er ist ja flexibel.

=ensa=

Abwärtstrend umgekehrt

In den Bestseller-Listen befindet sich „Neukölln ist überall“, des Bezirksbürger-meisters einstiger Verkaufsschlager, längst im Sinkflug. Secondhand-Exemplare des Buches, das neu knapp 20 Euro kostet, sind inzwischen für den Gegenwert von 10 buschkowsky-buch_ebay-versteigerung_jusos neuköllnFeinkost-Bouletten zu haben.

Dramatisch umgekehrt wurde der Abwärtstrend nun von den Neuköllner Jusos: In einer Gemein- schaftsaktion kommentierten sie das Buch kri- tisch, ergänzten es und versteigerten das so entstandene Unikat bei eBay. Gestern fiel nach 10-tägiger Gelegenheit zum Mitbieten zu Guns- ten des Alphabetisierungsverein Lesen und Schreiben der Auktionshammer: Für 97 Euro, also den fünffachen Wert des Originals, wechselt der 400-Seiten-Wälzer den Besitzer.

„Die Aktion hat gezeigt, dass unsere angeregte kritische Rezeption des Buches von Heinz Buschkowsky auf breite Zustimmung trifft“, freut sich Martin Hikel, BVV-Mitglied sowie Vorsitzender der Jusos Neukölln, und dankt allen Bietern. Sicher auch im Namen des Lesen und Schreiben e. V., der den ersteigerten Gewinn vollständig erhalten wird. Durch die Versteigerung konnte auch „auf ein anderes oft unterschätztes Problem in unserer scheinbar so gut gebil- deten Gesellschaft“ hingewiesen werden. „Funktionaler Analphabetismus“, so Hikel, „ist nicht nur in Neukölln, sondern in ganz Deutschland ein viel zu häufig auftretendes Phänomen. In dieser Hinsicht ist Neukölln tatsächlich überall.“

=ensa=

Ein Bezirksbürgermeister muss es ja wissen

Wut, Frust und Unverständnis liegen in der Luft. Die Emotionen gelten dem Buch „Neukölln ist überall“ und dessen Autor: Heinz Buschkowsky geißelt in seinem Buch das Versagen der Anderen – der Politik und der Migranten in seinem Bezirk. Er stilisiert sich damit zum einsamen Rufer in der Wüste. Engagierte Bürger Neuköllns, Migran- tenorganisationen und Projekte sprechen Neu- köllns Bürgermeister den alleinigen Deutungs-anspruch der „Wahrheit“ in Neukölln ab! Sie sagen: „Wir sind Neukölln! Neukölln ist an- ders“ erklären die acht Initiativen, die sich spontan zu einem Bündnis zusammenge- schlossen und mit einem Pressegespräch im Neuköllner Leuchtturm  zur Gegen- offensive geblasen haben, um wahrgenommen zu werden.

pressegespräch "neukölln ist anders", neuköllner leuchtturm, buschkowsky "neukölln ist überall"

v. l.: Elfi Witten (Paritätischer Wohlfahrtsverband Berlin), Deniz Eroglu, Idil Efe, Duygu Akay (Neuköllner Talente), Ghassan Hajjo (Arabische Eltern-Union e. V.), Yüksel Gök (Aufbruch Neukölln e. V.)

„Wir wollen das Bild von Neukölln, das der Bürgermeister in seinem Buch zeichnet, so nicht stehen lassen„, sagt Elfi Witten vom Pari- tätischen Wohlfahrtsverband Berlin, der das Bündnis unterstützt. Der Vorwurf an jene Medien, die dem Maler bei der Vermarktung seines Debüt-Werkes hilfreich unter die Arme greifen, klingt deutlich mit. Aber vorrangig gilt die Kritik der zwischen zwei Buchdeckeln er- schienenen Arbeit von Buschkows- ky und ihren Signalen. Dass ausgerechnet ein Bürgermeister verbal dermaßen auf seinen Bezirk und große Teile der Bewohner einknüppelt, kann hier niemand verstehen. „Er fordert präventive Arbeit, streicht aber die Mittel dafür und pflegt einen äußerst bedenklichen Umgang mit freien Trägern“, moniert Elfi Witten. „Warum“, fragt sie sich, „lässt er es zu, dass Neukölln in Berlin Schlusslicht bei der Kita-Versor- gungsquote ist? Weshalb schöpft er die Möglichkeiten des eigenen Han- delns nicht aus?“ Als Bürgermeister, findet auch Kornelia Hmielorz vom FIPP e. V., müsse es ihm doch darum gehen, im Bezirk Türen für Migranten zu öffnen. Doch Buschkowsky schlage die Türen nicht nur zu, sondern treibe zusätzlich einen Keil in die Gesell- schaft. „Sein Wir-Begriff schließt Einwanderer aus und verhindert damit Integration“, kritisiert Idil Efe vom Neuköllner Talente-Projekt der Bürgerstiftung Neukölln. Beispiele für eine gelungene Integration, die es reichlich gebe, würden fatalerweise in seinem Buch nicht vorkommen. Stattdessen wimmele es in dem vor Problembenennungen und verheerenden Schlussfolgerungen, vor statistischem Zahlenmaterial ohne Quellenangaben, vor anonymisierten Informanten, Pauschalisierungen und „ge- fühlten Wahrheiten“. Die eigentlich Hilfebedürftigen seien für Heinz Buschkowsky immer die Schuldigen, seine  Rhetorik  die  eines strafenden Vaters.

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r.: Asia Afaneh-Zureiki (JUMA), 3. v. r.: Prof. Barbara John (Paritätischer Wohlfahrtsverband Berlin), l.: Julia Pankratyeva (Integrations-Verein ImPULS e. V.)

Das sieht Asia Afaneh-Zureiki, Spre- cherin von JUMA, einem Empower-mentprojekt für junge Muslime in Berlin, nicht anders: „Die Beispiele für muslimische Jugendliche, die er verallgemeinernd benennt, sind Ein- zelfälle.“ Dem stimmt auch Ghassan Hajjo von der Arabischen Eltern- Union zu. Das Buch komme ihm nicht vor, als habe es jemand mit Hin- tergrundwissen geschrieben. Er ma- che bei seiner Arbeit jedenfalls immer wieder die Erfahrung, dass sich die dritte Generation arabischstämmiger Migranten zu integrieren versuche: „Leider ist aber der Wille oft größer als die Möglichkeiten, es zu schaffen.“ Ein solches Buch, fürchtet Hajjo, verbaue die Aussicht auf positive Zukunftsperspektiven, was wiederum seelische Probleme forciere. „Diese so wichtige psychische Kom- ponente“, wirft Yüksel Gök vom Aufbruch Neukölln e. V. dem Autor vor, „findet sich aber im Buch mit keiner Silbe wieder.“

pressegespräch "neukölln ist anders", neuköllner leuchtturm, buschkowsky "neukölln ist überall"Auch andere Tatsachen blende der Be- zirksbürgermeister in „Neukölln ist überall“ vollkommen aus, ergänzt Julia Pankratyeva, die 2005 in der Gropiusstadt den Integra-tionsverein ImPULS e. V. gründete, dessen Angebote vor allem für Zuwanderer aus den GUS-Ländern ausgerichtet sind: „Wie kann Buschkowsky sagen, dass Migranten faul sind und sich nicht engagieren? Un- ser ganzes Vereinsleben funktioniert vor allem über die ehrenamtliche Mitarbeit von Migranten.“ Beim Aufbruch Neukölln sei es genauso, aber statt mit russischen mit türkischen Migranten, bestätigt Yüksel Gök: „Dass Buschkowsky ein sehr  veraltetes Bild von Arbeit hat, wird auch im Buch klar.“

Lob für das schriftstellerische Erstlingswerk des Neuköllner Bezirksbürgermeisters hat niemand aus der Runde der versammelten Initiativen übrig. Das Niveau eines Groschenromans über Integration habe es, sagt Barbara John, die Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands: „Das Schlimme an dem Buch ist seine Wirkung. Weil der Bezirksbürgermeister es geschrieben hat, ist der Inhalt nun wie eine Expertise in den Köpfen der Menschen.“ Die Folge sei, so John, dass das Dickicht von Vorurteilen über Neukölln und Migranten immer dichter werde. Schließlich würden Außenstehende per se davon ausgehen, dass so ein Bezirksbürgermeister es ja wissen müsse. Was er den „Neukölln ist überall“-Lesern nicht verrät, ist, dass viele Akteure im Bezirk viele Lösungsansätze anbieten. „Wie ignorante Gutmen- schen dazustehen, ist bestimmt nicht in unserem Interesse“, versichert Neuköllner Talente-Projektleiter Deniz Eroglu, „sondern wir wollen Probleme angehen. Leider ist es aber so, dass das Buch Türen zuschlägt, die wir seit Jahren zu öffnen versuchen.“

=ensa=

„Neukölln ist überall“ und der Vorher-Nachher-Effekt

„Neukölln ist überall“: Wo fängt man an bei einem Buch, über das sich seit seinem Erscheinen schon viel aufgeregt wurde? Ich würde so gern einen einfachen Verriss mit dem Tenor „Buschkowsky ist ein Prollpolitiker, der alle Ausländer für doof und faul hält und den von ihm regierten Bezirk am liebsten auf den Mond schießen will“ schrei- ben. Aber wäre das dem Autor wirklich ge- recht? Nein!, steht für mich nach der Lektüre der 400 Seiten fest, die mich hin und her gerissen und auch überrascht haben, weil sie doch sehr zum Denken anregen, wenn man es denn zulässt.

Vielleicht fange ich der Einfachheit halber mit der Einleitung an, in der der oft als Verbal-Haudrauf bekannte Neuköllner Bezirksbürger-meister Heinz Buschkowsky erstmal alles relativiert, was noch im Buch folgt. Leute, die ihn zitieren oder meinen, Diskussionen in seinem Namen zu führen, relativieren eher selten und stecken gern Menschen in Schubladen. Buschkowsky meint sich aber im Vorwort von diesem Verhalten distanzieren zu können. Verwirrend ist es definitiv, erinnert es doch an den Klassiker der Stammtischdiskussionen „Ich bin ja kein Rassist, aber …“ gefolgt von rassis- tischen Aussagen. Dieser leicht bittere Vorgeschmack mag kurz nachklingen, wird aber im Verlauf der Lektüre zum Glück abgelegt. Man schleppt sich also durch eine Aufzählung diverser Missstände und Milieubeschreibungen, die ich dem Autor als erfahrenem Bürgermeister durchaus abnehme: Es ist nötig, derartige gesamt-gesellschaftliche Probleme angesprochen zu sehen; es ist schade, was in den weiterführenden Diskussionen meist daraus wird. Buschkowskys Gegner unter-stellen ihm regelmäßig Populismus – und ja, die Themen sind definitiv populistisch, jedoch scheint der plakativ in einschlägigen Medien dargestellte Buschkowsky nicht der zu sein, der in diesem Buch durchscheint.

Natürlich wird der aktuelle und vergangene Zustand als gescheitert beschrie- ben, und dies stößt den engagierten Mitbürgern in unserem schönen Neukölln zu Recht auf. Aber es wird auch gesagt, wo und woran es hapert: Nicht an denen, die sich engagieren; ich habe zumindest nicht das Gefühl, dass Buschkowsky deren Arbeit für unsere Gesellschaft geringschätzt. Was für mich regelmäßig im Text zu erkennen war, ist, dass Heinz Buschkowsky vor allem ein besseres Staatsbür- gertum  fordert, und zwar nicht nur von Menschen mit Migrationshintergrund. Er fordert immerfort ein offenes Bekenntnis aller Menschen zu unseren demokratischen Grundregeln und prangert an, was sich an Parallelgesellschaften und gesamtgesell- schaftlicher Ignoranz und Entsolidarisierung entwickelt hat.

„Neukölln ist überall“ ist ein Buch, das vom Leser eigentlich einen gekonnten Umgang mit Medien verlangt. Selbstkritisches Begutachten der vorliegenden Thesen und auch ein Nachjustieren des eigenen Standpunktes sind gefragt. Ist alles, was hier geschrieben ist, wahr? Ist die Interpretation der Zahlen, die hier vorliegt, die einzig mögliche? Dies sind alles Themen, die man sehen kann, wenn man sie sehen will und in der Lage ist, sich in der Metaebene mit dem Buch auseinander zu setzen. Wenn man einen in der Springer-Presse zitierten Buschkowsky mit dem hier im Buch selber zu Worte kommenden vergleicht, kommen einem kurz Überlegungen dazu, ob es wirklich ein und derselbe ist. Ich glaube nach der Lektüre des Bestsellers, dass Heinz Buschkowsky in der Debatte um die Themen, die er anstößt. teilweise unrecht getan wird. Er selbst  sieht vieles differenzierter als es ihm in den Debatten zugetraut wird. Schnell sieht man nur den Haudrauf, eben weil der Hau- drauf heraufgeschworen und zurechtzitiert wird. Er hat eigentlich eine differenzierte Diskussion verdient. Und ja, da gehört es eben auch dazu mal zu überlegen, was man von dieser Gesellschaft will und was man selber in sie hereinbrin- gen will.

Ich erkenne viel in diesem Buch, mit dem ich sympathisieren kann: ein wertkonservatives Heranwachsen, Gesetzestreue und auch den Glauben an Bildung und die demokratische Gesellschaft und die Hoffnung, in dieser Welt könne man mit eigener Hände Arbeit irgendwie ein selbstbestimmtes Leben sichern. Man merkt, wie sehr Buschkowsky von uns allen als Gesellschaft enttäuscht ist, weil wir nicht anders mit den Problemen umgehen können als sie entweder zu ignorieren, auf- zublasen oder kleinzureden. So wirklich machen will kaum jemand etwas, zumindest nicht auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene. Ich erkenne auch, dass hier versucht wird, Lösungansätze abseits des Kleinkleins anzubieten, jedoch bleibt es bei einem relativ kurzen versöhnlichen Teil am Ende. Dies mag einer gewissen Realpolitikverdossenheit bürgermeisterseits geschuldet sein. Jahrelang große Versprechungen und Forderungen von Landes- und Bundes- politik zu hören und nichts geliefert zu bekommen, kann betroffen machen.

Was also rate ich nun? Lesen! Wem die ersten 100 Seiten sauer aufstoßen, dem rate ich zu etwas mehr Durchhaltevermögen. Das Kapitel „Islamophobie und Überfrem- dungsangst“ folgt, mit einem wunderbaren Diskurs über den Umgang der Medien mit dem Islam und den daraus resultie- renden haarsträubenden Vorurteilen in unserer Gesellschaft. Irgendwie hatte ich so etwas in diesem Buch nicht erwartet … Interessanterweise folgt danach eine Auseinanderset- zung u.a. mit Thilo Sarrazin, welche, wenn auch erkennbar eingefärbt, relativ gut die Schwachstellen der Diskussionen und insbesondere der Teilnehmer dieser Diskussionen hervorhebt. Es wird in beiden Lagern viel geredet, wenig gewusst und auch wenig Bereitschaft mitgebracht, einander gedanklich zu befruchten und vielleicht eine Lösung zu finden. Danach folgen politische Reise- berichte, die sich zwar gut lesen, aber insgesamt wenig neue Erkentnisse bringen. Doch wenn Neukölln überall sein soll, dann muss man eben auch in dieses Überall hinein. Ich persönlich will mehr von dem Buschkowsky aus diesem Buch hören, weniger vom zitierten oder in Bild und B.Z. dargestellten. „Neukölln ist überall“ zielt vermutlich im Endeffekt darauf ab, dass die gesellschaftlichen Probleme, die so gern als Einzelfall für „Problembezirke“ wie Neukölln abgeschrieben werden, überall da sind, wo die Menschen mehr oder weniger geballt auftreten. Und diese sollten wir, im Interesse eines besseren Zusammenlebens und einer Zukunft, in die man zuversichtlich sehen kann, anpacken.

Herrje, da setzt man sich an ein Buch und meint vorher eine Meinung zu haben, und dann werden die Vorurteile zu einem gewissen Grad relativiert, irgendwie schön. Ich frage mich dennoch nach der Lektüre von  „Neukölln ist überall“, warum Heinz Buschkowsky es zulässt, dass man ihn boulevardjournalistisch derart darstellt, vieles als O-Ton deklariert und so das Bild des Undifferenzierten weiter verstärkt.

Am 8. November liest Neuköllns Bezirksbürgermeister um 20.30 Uhr in der Buchhandlung SoSch in den Gropius Passagen: Karten für die Veranstal- tung sind nicht mehr erhältlich, sie ist  ausverkauft!

=Ze evil Kohl=

Neuköllner sind überall

literaturbahnhof, buchmesse frankfurt/main, frankfurt hbfOb Neukölln überall ist, sei mal dahingestellt. Auf sichererem Eis bewegt man sich da aller Wahrscheinlichkeit nach mit der These, dass frankfurt/mainNeuköllner überall sind. In Frankfurt/Main bei- spielsweise, wo seit vor- gestern und noch bis übermorgen die Buch- messe stattfindet. Heute hat dort Neuköllns Be- zirksbürgermeister Heinz Buschkowsky am Ull- stein-Stand seinen gro- ßen Auftritt. Was er von Mainhattan alles nicht sehen  wird – die Zeil mit  ihren Baustellen und futuristischen  Shoppingtempeln, die

zeil, frankfurt/mainbaustelle zeil, frankfurt/mainmy zeil, frankfurt/main

konstablerwache, frankfurt/mainmaritim hotel, frankfurt/main messegeländemy zeil, frankfurt/main

bockenheimer warte, messeturm, frankfurt/mainSkyline aus Perspektiven fernab des Messegeländes und die Kaffee-Rösterei Wissmüller in einem Hinterhof der Leipziger Straße im Stadtteil Bockenheim bei- kaffee-rösterei wissmüller, bockenheim, frankfurt/mainspielsweise – zei- gen wir hier, Busch- kowsky bei seinem Buchmesse-Promo-Marathon aber nicht. Denn es reicht ja, wenn heute ein Neuköllner bei der Buchmesse ist.

=ensa=

Alarm!

In Neukölln ist Hopfen und Malz verloren: Das kann bestenfalls nur eine Halbwahrheit sein – wie ein Blick in den  Gerlachsheimer Weg  zeigt, wo dieses Foto entstand. Was

in Neukölln noch alles verloren ist und sogar für ganz Deutschland auf der Streichliste steht, hat der seit 11 Jahren amtierende Bürgermeister des Bezirks in einem 400 Seiten-Wälzer namens „Neukölln ist überall“  seziert. Der erscheint am kommenden Freitag und wird noch vor der offiziellen Buchpremiere (am 4. Oktober in der Urania) im TV-Talk von Sandra Maischberger vorgestellt. Erst am 8. November präsentiert sich der Autor mit seinem Buch, in dem er – so der Ullstein-Verlag – „Alarm schlägt“ und die „Realität in Berlins Problembezirk Nr. 1“ zu Papier bringt, in Neukölln – aber nicht in dessen Norden, sondern weit  im Süden in den Gropius-Passagen. Wer nicht mehr so lange warten will, kann sich schon heute Exklusiv-Auszüge in der neuen BILD-Serie „Die bittere Wahrheit über Multi-Kulti“  zu Gemüte führen.