Eine „gute Geste zur Bewahrung des Berliner Erbes tschechischer Kultur“: Liberda auf dem Böhmischen Gottesacker in Neukölln wiederbeigesetzt

Auf einer Audienz bei König Friedrich Wilhelm I. konnte Johann Liberda im August 1732 die Ansiedlung böhmischer Exulanten in Berlin bewirken. Zu Liberdas 275. Todestag, dem 9. August 2017, wurden seine sterblichen Überreste von Nachfahren der Glaubensflüchtlinge – im Anschluss an eine feierliche Gedenkveranstaltung – auf dem Böhmischen Gottes-acker wiederbeigesetzt. Liberdas Gebeine waren im April 1994 im Zuge archäologischer Grabungsarbeiten unter dem Altar der böhmisch-lutherischen Kirche in Berlin – Mitte gefunden worden. Nach einer Weiterlesen

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Zwei, die eng miteinander verbunden waren: Manfred Motel und das Böhmische Dorf

manfred-motel_foto-neukoelln-info-centerNeuköllns früherer Bezirksbürgermeister Prof. Bodo Manegold hatte Manfred Motel einst anerkennend „unseren Oberböhmen“ genannt. Dr. Franziska Giffey, die amtierende Rathaus-Chefin, bescheinigte dem mit der Neuköllner Ehrennadel und dem Bundesverdienstkreuz Ausgezeichneten, dass er den Bezirk über Jahrzehnte geprägt habe.

Nach langer schwerer Krankheit starb Manfred Motel am 8. September im Alter von 74 Jahren; letzten Sonnabend fand im Kirchsaal der Brüdergemeine die Trauerfeier statt. Für das Bezirksamt nahm Sozialstadtrat Bernd Szczepanski an der Zeremonie Weiterlesen

Schatzsuche mit Neuköllns Bezirksbürgermeisterin

giffey_steinle_neuköllner schätzeDie Frau, die Sonntagnachmittag mit Stadt-führer Reinhold Steinle und einer Gruppe von knapp 20 Leuten durch den Kiez rund um den Richardplatz spazierte, sah nicht nur aus wie Neuköllns Bezirksbürgermeisterin, nein, sie war es. Um Neuköllner Schätze vorzu-stellen, die es neben hinlänglich bekannten Problemen im Bezirk auch gebe, hatte Dr. Franziska Giffey zu einer Kiez-Expedition ein-geladen. Auf dem Programm standen die Be-sichtigungen des Böhmischen Gottesackers, des Familienunternehmens Kutschen-Schöne, der traditionsreichen Rixdorfer Schmiede, des vor 10 Jahren Weiterlesen

„Mein Vater verstand sich als Handwerker und nicht als Künstler“

böhmischer gottesacker, neuköllnAn den Grabsteinen im Bereich der Herrnhuter Brüder-gemeine auf dem Böhmischen Gottesacker ist nicht ablesbar, ob die Verstorbenen reich oder arm waren. Denn diese sind traditionell einheitlich in ihrer Größe und liegen fast flach auf dem Boden. Selbst grabstein eckart hachfeld_böhmischer gottesacker neuköllnbei der Grabgestaltung gilt ein einheitliches Prinzip. Auch Eckart Hachfeld sei dort begraben, erfuhr ich von Dr. Bernd Krebs, dem ehemaligen Pfarrer der reformierten Bethlehems-gemeinde in Neukölln.

Vielen wird vermutlich der Name Eckart Hachfeld nichts sagen, doch haben sicher fast alle einmal Texte von Hachfeld gelesen oder gehört. Tilman Hachfeld, einer seiner drei Söhne, war freund-licherweise bereit, von der künstlerischen Tätigkeit und dem Leben Weiterlesen

Neuköllner Osterprozession im Schnee: misslungenes Zusammenspiel von Tradition und Aktualität

herrnhuter brüdergemeine_kirchgasse_neuköllnOstersonntag in Neukölln. Es ist kurz nach 7. Auf den Straßen sind über- wiegend Taxen, BVG-Busse und die Firmenwagen ambulanter Pflege-dienste unterwegs. Die Bürgersteige gehören fast ausschließlich Gassi-gängern und Leuten, denen das Schlafen nach durchfeierter Nacht noch bevorsteht.

Eine entschieden andere Art Leben regt sich in der Kirchgasse im Böh- 1_osterprozession herrnhuter brüdergemeine_neuköllnmischen Dorf: Gesang dringt aus dem Betsaal der Herrnhuter Brüdergemeine. So wie an jedem Oster- sonntag wird die Gemeinde danach – angeführt vom Bläserchorzum Böhmischen Gottesacker ziehen. Niemand kann sich daran erinnern, es je- mals bei einem Wetter wie diesem getan zu haben: Aus leichtem Schneegriesel sind inzwischen nasse, posaune_osterprozession neuköllnwirbelnde Flocken ge- worden. Manches Gemeindemitglied, das nicht mehr gut zu Fuß ist, verzichtet schweren Herzens auf die Teil- nahme an der Osterprozession. Seit 1754 findet die regelmäßig statt und zählt damit zu den ältesten Tra- ditionen, die in Berlin gepflegt werden. An der Liturgie der Feier hat sich seitdem kaum etwas geändert: Man versammelt sich schweigend, begrüßt sich lediglich mit Blicken und Gesten und verschiebt Osterwünsche und Gespräche auf später. Auch die Route ist seit jeher dieselbe. In der Kirchgasse geht es – vorbei am Denkmal des Preußenkönigs – bis zur Richardstraße, in der bis zum Richardplatz und von dem biegt die Prozession links in die Kirchhofstraße ab, wo sie

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ihr Ziel erreicht: den Böhmischen Gottes- acker, wo seit 1751 die Verstorbenen der Ge- meinde beerdigt wer- den.

Der Friedhof liegt unter einer dichten Schneedecke. Wenn die Bläser nicht gerade spielen, wärmen sie gemeinde_osterprozession_böhmischer gottesacker_neuköllnihre Hände und wischen die wei- ßen Flocken von ihren Instrumenten. Die Notenblätter stecken in Laminierfolien. Dass richtig gespielte Stücke bläserchor_osterprozession neukölln_böhmischer gottesackertrotzdem zu- weilen etwas schräg klin- gen, liegt an der Kälte. Die kommt den Bläsern ebenso unge- legen wie der Gemeinde samt Pfarrer Günther gemeinde_böhmischer gottesacker_osterprozession neuköllnKreusel. Eine knappe Vier- telstunde dauert die Zeremonie, bei der auch der seit dem letzten Osterfest Verstorbenen ge- dacht wird. Dann bittet Kreusel die Gläubigen zu Osterlesungen und -frühstück ins Gemeinde- gedenktafeln_böhmischer gottesacker_neuköllnhaus, wo es warm und tro- cken ist.

Durch die immer noch recht menschenleeren Straßen geht es zurück, plaudernd und ohne Rücksicht auf eine Liturgie nehmen zu müssen. „Was sind das denn für Vögel?“, fragt einer, der mit einer Bierflasche in der Hand am Straßenrand steht und das Treiben beobachtet. „Wird hier schon wieder ’n Film gedreht?“ Eine Erklärung will er nicht hören, sondern einfach nur so schnell wie möglich ins Bett. Da sei man doch morgens um 7 am besten aufgehoben, meint er nach einem Blick auf seine Armbanduhr, die offenbar noch auf Winter eingestellt ist. Wie das Wetter.

=ensa=

Neue Heimat Böhmisch-Rixdorf

Heute, wirklich genau heute vor 275 Jahren, am 25. März 1737, erreichten die ersten böhmischen Zuwanderer Berlin. Sie wurden in der südlichen Friedrichsstadt und in Rixdorf untergebracht. Eingeladen waren sie vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. höchstpersönlich.

Was war geschehen? Auf der einen Seite hatte sich in weiten Landstrichen Preußens die Bevölkerung vom Aderlass des 30-jährigen Krieges noch nicht erholt, als sie von der Pest weiterhin zahlenmäßig reduziert wurde. Auf der anderen Seite gab es nach der gewaltsamen Rekatholisierung in Böhmen in den nördlich angren- zenden Gebieten Hunderte von Glaubenflüchtlingen: Manch Böhme ward – das ist bekannt – dem Kelch zuliebe Exulant.

So war es weniger ein Akt der Huma- nität als vielmehr ein wirtschaftliches Kalkül, das den Soldatenkönig bewog, in Rixdorf neun Doppelhäuser für je zwei Familien und neun Scheunen mit Kammern für sogenannte Einlieger errichten zu lassen. Dazu erhielt jeder Ackerwirt zwei Pferde, zwei Kühe und das nötige Ackergerät.

Das Leben der Parallelgesellschaft in Böhmisch-Rixdorf begann, und die Ureinwohner in nunmehr Deutsch-Rixdorf waren über diese Entwicklung herzlich wenig begeistert. Die „Neuen“ – sie stammten übrigens fast alle aus Böhmisch-Rothwasser – wurden argwöhnisch beäugt, sprachen sie doch eine fremde Sprache (Tschechisch), brachten ihre Musik und Trachten mit und hatten auch sonst ganz andere Sitten und Gebräuche. Und sie dachten nicht im Traum daran, sich zu integrieren oder gar zu assimilieren.

Ihre Gottesdienste – es gab die der Evangelisch-reformierten Bethlehemsgemeinde, der Evangelisch-böhmisch-lutherischen Bethlehemsgemeinde und der Evangelischen (Herrnhuter) Brüdergemeine – wurden bis zum ersten Weltkrieg in ihrer Muttersprache gehalten. Jede der drei Gemeinden hatte ihre eigene böhmischer gottesacker, neuköllnKirche, bzw. ihren eigenen Betsaal. Sie hatten auch einen (dreigeteilten) eigenen Friedhof, den Böhmischen Gottesacker. Hier wurden die Grabsteine immerhin bis 1820 zweisprachig, danach erst in Deutsch beschriftet. Das Grundstück für den Friedhof wurde ihnen übrigens 1751 von den deutschstämmigen Rixdorfern zugewiesen, weil diese es für nicht „anständig“ hielten, dass auf dem ihrigen weiterhin die Fremden bestattet wurden.

Ein weiteres Sprachrelikt ist auf dem Straßenschild der Kirchgasse zu finden. Ein Zusatzhinweis soll belegen, dass diese Gasse bis 1909 Mala ulicka, also Enge Gasse hieß.

Wurde auch lange Zeit der Entscheid des Hohenzollern von den Deutsch-Rixdorfern missbilligt, so schmückt sich Neukölln inzwi- schen mit seinem Böhmischen Dorf, ge- rade weil sich hier viel von dem Besonderen der ehemaligen Exu- lanten erhalten hat und gepflegt wird. Auch das im September 2005 eröffnete Museum im Böhmischen Dorf ist aus dem Bezirk längst nicht mehr wegzudenken.

Anlässlich des heutigen Jubiläums findet um 11 Uhr in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt ein Gottesdienst (u. a. mit Pfarrer Bernd Krebs von der Ev.-ref. Bethlehemsgemeinde) zum Gedenken an die böhmische Einwanderung statt. Teile davon werden in tschechischer Sprache gehalten.

=kiezkieker=