Oft werden rohe Gewalt und selbst Tötungsdelikte als Familiendrama bagatellisiert

„Gewalt kommt nicht in die Tüte“, hieß eine Kampagne, die vor einigen Jahren nicht nur in Neukölln für Aufsehen sorgte und auf das Problem häuslicher Gewalt aufmerksam machte. Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey kündigte kürzlich ein Aktionsprogramm gegen Gewalt an Frauen an.

Cordula Klein, die SPD-Fraktionsvorsitzende in der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung, verfolgt das Thema kontinuierlich und fordert, häusliche Gewalt wirkungsvoll zu bekämpfen und die Opfer zu unterstützen. „Die von Franziska Giffey vorgestellten Zahlen des Bundeskriminalamtes zu Gewalt in der Partnerschaft machen wütend und betroffen“, erklärte Klein Weiterlesen

Gewusst wo

Wenn sich Neuköllns Sozialstadtrat Bernd Szczepanski (Bündnis 90/Die Grünen) und die neue  Bundestagsabgeordnete Christina Schwarzer  (CDU) hinter der  Theke des

bernd szczepanski_aktionstag gewalt an frauen_neukölln  christina schwarzer

Kaiser’s Backshops im Hermann-Quartier betätigen, ist das kein Test, Weiterlesen

Was tun, wenn es knallt?

Wenn mein Nachbar seiner Frau – mal wieder – das Gesicht mit den Fäusten neu verziert und ich sie schreien und weinen höre, stehe ich seit Jahren vor derselben Frage: Was tun? Diskussionen mit anderen Nachbarn offenbarten auch deren Ratlosigkeit. Ist es richtig sich einzumischen? Und wenn ja: wie? Schön, dass es die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG), gibt. Hier kümmert man sich um Frauen und Kinder, die häusliche Gewalt erleben müssen, und bietet auch Menschen, die nicht wissen wie sie helfen sollen, Rat.

Jenni Rotter+Forumtheater Häusliche GewaltHarald Hahn+Forumtheater Häusliche GewaltMittwoch stellten Jennifer Rotter vom BIG e. V. und der Theaterpädagoge Harald Hahn im Studio des Heimat- hafen Neukölln das jüngste Ergebnis ihrer Arbeit vor: „Keine Angst vor Hilfe“, eine mit Laiendarstellerinen in einem dreitägigen Workshop als Forumtheater erarbeitete Inszenierung. Forumtheater ist das von dem Brasilianer Augusto Boal entwickelte „Theater der Unter- drückten“, eine Theaterform, bei der die  Zuschauer nicht passiv bleiben müssen, sondern aktiv mitwirken können. Denn oftmals stellen wir uns theoretisch Situationen vor und wie wir handeln würden, bewegen uns in der Praxis dann aber ganz anders. Vor allem in unbeForumtheater Häusliche Gewalt+Heimathafen Neuköllnrechenbaren Extremsituationen. Diese Theaterform bietet eine Übungsfläche.

Die acht Darstellerinnen im Alter zwi- schen etwa 20 und etwa 50 Jahren spielten zwei Alltagssituationen häus- licher Gewalt durch. Und das Publi- kum wurde aufgefordert sich einzu- mischen, den Platz einer Darstellerin einzunehmen und so zu agieren, wie man es selbst gern im Ernstfall tun würde. Es war beeindruckend und bedrückend. Die Situationen realistisch dargestellt. Die Menschen in ihrer Ratlosigkeit oder auch Ignoranz gut getroffen.

Mir war es ein wenig zu sozialpädagogisch im Zuschauerraum. Aber die Atmosphäre war gut. Manche der Frauen und Männer im Publikum erzählten von ihren Erfah- Heimathafen Neukölln+Forumtheater Häusliche Gewaltrungen mit Gewalt, und am Ende der Szenen zeigte Jennifer Rotter auf, was es noch für Reaktionsmöglichkeiten gibt. Denn wichtig ist natürlich der Selbst- und Opferschutz in eskalie- renden Situationen.

Harald Hahn führte souverän durch diesen außergewöhnlichen und lehr- reichen Theaterabend, für den leider keine Wiederaufführung geplant ist. Dabei müsste das Thema „Häusliche Gewalt“, von dem statistisch jede vierte Frau in Deutschland betroffen ist, dringend mehr in den Mittelpunkt gerückt werden, damit mehr Opfer und mehr, die helfen wollen, sich trauen etwas zu unternehmen.

Ich rief immer wieder die Polizei, wenn es nebenan wieder losging. Inzwischen reicht es auch schon, wenn ich darauf aufmerksam mache, dass ich Ohrenzeugin und bereit bin, die Ordnungshüter zu rufen. Da aber meine Nachbarin ihren Gatten nicht verlassen möchte, kann ich mehr leider nicht tun. Denn auch das offenbarte der Abend: Wenn ein Opfer nicht bereit ist, sich helfen zu lassen, hat man nur eine sehr geringe Handhabe. Aber hilflos ist man nicht. Ich wünsche mir mehr Zivilcourage – und das nicht nur in Neukölln.

=Anna Sinnlos=

„Gewalt ist kein ethnisches Problem“: Gedenken am Tatort

kundgebung_flughafenstraße neuköllnMontag, am späten Nachmittag: Die Polizei hat die Zufahrt von der Hermann- in die Flughafenstraße  gesperrt, weil vor dem Haus mit der Nummer 35, wo vor einem Monat zwei Frauen erschossen wurden, eine Anti-Gewalt-Kundgebung stattfindet.

Aufgerufen zu ihr hat der Aufbruch Neukölln e. V., der sich mit seiner türkischen Väter- kundgebung_aufbruch neukölln_flughafenstraßesowie der Mütter- und Frauengruppe und verschiedenen anderen Projekten gegen Gewalt ein- setzt. Rund 80 Menschen, unter ihnen auch doppelmord_flughafenstraße neuköllndie Neuköllner Gleichstellungsbeauftragte Sylvia Edler, sind gekommen, um zu demonstrieren, dass sie Gewalt ächten, und am Tatort mit einer Schweigeminute der ermordeten Frauen zu gedenken.

„Gewalt ist kein ethnisches Problem“, sagt Kazim Erdogan, der Vorsitzende des rührigen Vereins. Richtig, es sei ein Män- ner-Problem, findet eine Mutter, die zu gern wüsste, wie sie ihrem Sohn die Faszination an Ballerspielen nehmen kann. Natürlich ist ihr klar, dass nicht jeder, der als Kind oder Jugendlicher virtuell wild um sich schießt, später zum realen Gewalttäter wird. Aber sie kann sich auch nicht vorstellen, dass einschlägige PC-Spiele keine Spuren hinterlassen. Mit den Kids in Kontakt bleiben, offene Ohren für das haben, was sie bewegt, und reden, reden, reden – das sei das Wichtigste, was Eltern tun können. Oder müssen. Nicht nur die von Söhnen.

Unter dem Motto „Keine Angst vor Hilfe“ lädt die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG e. V.) am 27. Februar um 19.30 Uhr zu einem parti- zipativen Theaterabend im Heimathafen Neukölln ein.

=ensa=