Zu Wasser und Lande: Erinnerungen an einen Rütli-Schüler

Zuerst war nur der Gedanke, dass es auch einfach eine Namensgleichheit sein könnte. Doch ein Anruf bei dem Schiffseigentümer, der Angel und Seetouristik GmbH, kutter-hanno-guenther_warnemuendebrachte die Gewissheit: Der 1949 erbaute Fischkutter „Hanno Günther“, der vom Alten Strom in Warnemünde aus regelmäßig zu Angel-Törns in See sticht, wurde tatsächlich nach dem Widerstandskämpfer aus Neukölln benannt.

Hanno Günther war in den 1920er Jahren Schüler der Neuköllner Rütli-Schule und gründete zur Nazizeit, während er eine Bäcker-Lehre machte, eine Widerstands-gruppe. Nach deren Aufdeckung wurde er im Dezember 1942, mit  Weiterlesen

Würdigung des mutigen Widerstands von unten: „Glaubt endlich mehr an euch selbst!“

portraits otto und elise hampel_hampel-ausstellung_stadtbibliothek neukoellnWeite Teile der Geschichte von Otto und Elise Hampel sind vielen bekannt, denn auf ihr basiert Hans Falladas Roman winterstein_hampel-ausstellung_stadtbibliothek neukoelln„Jeder stirbt für sich allein“. In dem Ende 1946 verfassten Werk des Schriftstellers heißen die Protagonisten allerdings nicht Hampel, sondern Quangel. „Außerdem ist das Ende im Roman von Fallada anders“, sagt Christian Winterstein.

Der Sozialpädagoge, dessen Ausstellung „Otto und Elise Hampel – Karte bitte wandern lassen“ vor einigen Tagen in der Neuköllner Stadtbibliothek eröffnet wurde, ist durch die Recherchen dafür zum Experten der Vita des Ehepaars aus dem Wedding geworden. „Aufmerksam auf die Hampels wurde ich durch mein Interesse an Interventionen im Weiterlesen

Ein neuer, würdiger Platz für eine neue Gedenktafel

weigandufer16_wildenbruchstr_neukoellnAm Weigandufer 16, gegenüber vom Wilden-bruchpark, wohnten von 1926 bis 1933 der sozialdemokratische Politiker Franz Künstler und sein Ehefrau Margarete in einer Wohnung im dritten Stock. Seit Freitag erinnert wieder eine Berliner Gedenktafel an Künstler, der am 13. Mai 1888 im Kreuzberger Kiez SO36 geboren wurde.

Eine Gedenktafel, die 1993 in Neukölln am Haus Elsenstraße 52 montiert wurde, wo Künstler von 1933 bis zu seinem Tod am 10. September 1942 wohnte, verschwand 2013 nach Renovierung der Weiterlesen

Eine Form des Erinnerns, die in die Zukunft wirkt

Es war am 3. Januar 1996, als der damalige Bundespräsident Roman Herzog den okt2010_stolpersteine fam neumann_karl-marx-strasse neukoellnGedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus proklamierte. „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt“, erklärte Herzog seinerzeit und legte fest, dass der Gedenktag künftig am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau, stattfinden solle.

193 Stolpersteine machen mittlerweile vor Neuköll-ner Haustüren auf Menschen aufmerksam, die Opfer der Nazis wurden. Zudem erinnern viele der 84 Ber-liner Gedenktafeln im Bezirk an Verfolgungen, Miss-handlungen und Ermordungen während des NS-Regimes. Anlässe, mal nicht nur nach vorne, sondern auch nach unten oder zur Seite und damit zurück zu gucken.

„Sie war eine coole Sau!“

tim renner_gedenktafel-enthüllung inge meysel_berlin-schönebergEs waren ungefähr 50, überwiegend ältere Menschen, die sich gestern Nachmittag vor dem Haus Heylstraße 29 im Bezirk Schö- neberg versammelten, um bei der Enthül- lung der Gedenktafel für Inge Meysel an- wesend zu sein. Als erster Redner würdig- te Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner die gebürtige Neuköllnerin. Dass während der kurzen Ansprache die vor der Gedenk- tafel angebrachte Hülle herunter fiel, sich die Tafel also selber enthüllte, kommen- tierte Renner spontan mit  „Dies hätte Inge Meysel sicher gefallen!“. Mit der Einschät- zung lag er sicher nicht falsch. Ob es der berühmten Schauspielerin aber gefallen hätte, vom Kulturstaatssekretär als „coole Sau“ bezeichnet zu Weiterlesen

Wer, was, wann, wo: Neues Portal führt durch Berlins Gedenktafeln-Dschungel

Es gibt so’ne und solche – das galt bisher auch für Gedenktafeln, die an Berliner will meisel-gedenktafel_neuköllnHauswänden angebracht wurden, um an Menschen zu erinnern. Da gab es so’ne wie die für Will Meisel oder Georg Kantorowsky, die – beide in Neukölln hängend – jacky spelter-gedenktafel, sanderstraße neuköllnzum Berliner Gedenktafeln-Programm des Senats  ge- hören, einheitlich designt und übersichtlich aufgelistet sind. Und dann ehemalige synagoge isarstraße 8 neukölln, berliner gedenktafel georg kantorowskygab es solche wie beispielsweise die für Jacky Spelter, die von Angehörigen oder Freunden der Verstorbenen finanziert wurden und keinen optischen Richtlinien unterliegen. Um sie im Stadtbild ausmachen zu können, musste man die genaue Adresse, wo sie angebracht wurden, in Erfahrung bringen. Oder zufällig darauf stoßen.

Mit diesem Ungleichgewicht ist es nun vorbei. Heute wurde das neue Internetportal Gedenktafeln in Berlin vorgestellt. Die von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand herausgegebene Website listet aktuell 2.829 Orte des Gedenkens im gesamten Stadtgebiet – davon 83 in Neukölln – auf, die nach Personen, Ereignissen oder Adressen abgerufen werden können. Neben der Möglichkeit, nach nicht mehr vorhandenen Gedenktafeln zu recherchieren, gibt es außerdem die, neue zu melden oder Informationen zu bereits archivierten Tafeln zu ergänzen.

=ensa=

Dahinter geht’s nicht weiter

„Muss man denn immer wieder daran erinnern?“ Diese Frage wird oft gestellt, auch und gerade im Zusammenhang mit dem 9. November. Gemeint ist nicht der Jah- restag des Mauerfalls und auch nicht der der Ausrufung der Republik in Deutschland, sondern das Gedenken an die furchtbare Pogromnacht vor nunmehr 74 Jahren, in der auch der Versammlungsort des Israelitischen Brüder-Vereins zu Rixdorf, die 1907 eingeweihte Synaehemalige synagoge isarstraße 8 neuköllngoge in der Isarstraße 8 in Neukölln, zerstört wurde. Auch heute noch eine bemerkenswerte Adresse.

Das gelb angestrichene Wohnhaus aus der Gründerzeit steht zwar in der Isarstraße, aus den Fenstern des Vorderhauses sieht man aber zur Neckarstraße hinaus, die dadurch ihren Abschluss findet und so zur Sackgasse wird. Unmittelbar daneben sieht man eine gewaltige Stützmauer, ein Relikt der Rollberge, das vor Abbruch und Bodenerosion schützt. ehemalige synagoge isarstraße 8 neuköllnDieser Schutz setzt sich auf dem engen Hof in der Isarstraße fort und ist in handwerklich gut ausgeführter Klempner- arbeit mit Blechen abgedeckt. Der Hauseigentümer wird wohl wissen, dass diese Anschüttung nicht entfernt werden sollte; dahinter befinden sich die Tiefgeschosse der ehe- maligen Kindl-Brauerei.

Im schmucklosen Quergebäude haben laut Klingeltableau die Historischen Siebenten-Tags-Adventisten ihren Ge- meindesaal. „Die sind seit vier Jahren hier und vorher die Zeugen Jehovas, aber die sind in die Naumburger Straße gezogen. Das war eine gute Nachbarschaft mit denen“, ist von einer Hausbewohnerin zu erfahren, die seit 46 Jahren hier wohnt. Von der ehemaligen Synagoge an dieser Stelle weiß auch sie nur vom Hörensagen, beziehungsweise von den Angaben auf der Berliner Gedenktafel, die an der Haus- ehemalige synagoge isarstraße 8 neukölln, berliner gedenktafel georg kantorowskyfront angebracht ist.

Georg Kantorowsky, der 1917 Rabbi- ner der Neuköllner Synagoge  wurde,  deutete die Maßnahmen, die bereits 1933 gegen die jüdische Bevölke- rung gerichtet waren, richtig und schaffte das bis dahin obligatorische Gebet für den Landesherrn ab. Zeit- gleich begannen sich die Reihen in der zuvor stark frequentierten Ge- meinde zu lichten.

Scheinbar spontan, doch in Wirklichkeit gut geplant wurden in der Nacht vom 9. zum 10. November im gesamten Reich jüdische Gotteshäuser in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte wurden verwüstet oder fielen Plünderungen zum Opfer, viele Juden wurden misshandelt, verhaftet oder verschleppt. Wegen der vielen zu Bruch gegangen Fensterscheiben und der vielen Feuer wurde dieses Pogrom als Reichskristallnacht bezeichnet. Auch die Synagoge in der Isarstraße wurde in Schutt und Asche gelegt. Die Gemeinde traf sich seitdem in der Jugendsynagoge am heutigen Fraenkelufer. Wer konnte, emigrierte; denen, die blieben, fehlten entweder die finanziellen Mittel oder die Beziehungen. Es gab allerdings auch welche, die gern bleiben wollten, die sich nicht vorstellen konnten, dass es noch schlimmer kommen könne. So auch Georg Kantorowsky, der bei entsprechenden Empfehlungen immer gefragt hatte: „Was soll ich in Amerika, was soll ich in Shanghai?“ Es war wohl die Ironie des Schicksals, dass er nach der Deportation seines Sohnes dann doch floh und zwar via ehemalige synagoge isarstraße 8 neuköllnShanghai in die USA.

Von der alten Synagoge sind lediglich ein paar Stützmauern und damit der Grund- riss des Gebäudes erhalten geblieben. Auch eine Außentreppe, die zu Zeiten der Synagoge zur Frauenempore führte, ist noch da. Wie es im Inneren der Synagoge aussah, die religiöses Zentrum von an- ehemalige synagoge isarstraße 8 neukölln, foto: museum neuköllnfangs mehr als 2.000 Rixdorfer Juden war, zeigt Bildmaterial aus dem Archiv des Museums Neukölln.

In den Folgejahren der Pogromnacht erlosch jeg- liches jüdische Leben in Neukölln. Und so darf die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nur lauten: „Ja, es muss!“

Wer mehr aus dieser Zeit und den jüdischen Mitbürgern in Rixdorf/Neukölln erfahren möchte, dem sei das von Dorothea Kolland heraus- gegebene Buch “Zehn Brüder waren wir ge- wesen … Spuren jüdischen Lebens in Neu- kölln”  empfohlen.

Auch sei darauf hingewiesen, dass Gunter Demnig am  29. November nach Neukölln kommen wird, um  weitere 18 Stolpersteine im Bezirk  zu verlegen.

=kiezkieker=