Der Vorgänger des Vorgängers

Es war am 8. Oktober 1923, also genau heute vor 90 Jahren, als auf einer planierten Fläche am nördlichen Rand des Tempelhofer Feldes der  Flughafen Tempelhof eröff- net  und der Flugbetrieb aufgenommen wurde. Viel  ist es heute nicht  mehr, was  auf

tempelhofer feld_berlin

dem Gelände an die Existenz des Alten Hafens erinnert, der schon am Eröffnungs- tag zwei Mitgliedern des Magistrats von Groß-Berlin das Leben kostete: Sie stürzten bei einem Rundflug über der Hasenheide ab. Bereits 13 Jahre später erklärten die Nazis den Alten Hafen zur Geschichte und begannen auf dem Tempelhofer Feld mit dem Bau eines neuen Flughafens.

10 von 13 von 27: Enthüllung neuer Infotafeln zur Geschichte des Tempelhofer Feldes

flughafengebäude_tempelhofer freiheitEs herrschte Segelwetter gestern Vormittag am Platz der Luftbrücke. Hier, vor dem Gebäude des ehemaligen Flughafens Tempelhof,  sollen zwei Tafeln des Infor- mationspfades feierlich enthüllt werden – stellvertretend für 10 Tafeln, die an diesem Tage der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Genau genommen sind es 13, für die rund 60.000 Euro in Weiterlesen

Wider das Vergessen: Heute beginnt das Berliner Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“

80 Jahre ist es heute her, dass die Nazis für mehr als eine Dekade die Macht in Deutschland übernahmen. Knapp sechs Jahre später, am 9. November 2013_LOGO_300X_www1938, schlug der Antisemitismus des Regimes in staatlich organisierte Gewalt um. Diese Eckdaten, der  80. Jahrestag der Machtergreifung der National-sozialisten und der 75. Jahrestag der Novemberpogrome, sind Anlass für das Berliner Themenjahr 2013. Unter dem Motto „Zerstörte Vielfalt“  wird ab heute stadtweit mit  über 500 Veranstaltungen insbesondere an Menschen erinnert, die zur Vielfalt Berlins beigetragen hatten und nach 1933 bedroht, verfolgt, deportiert und ermordet wurden.

gedenkstätte, ausstellung, ns-zwangsarbeiterlager friedhof hermannstraße, neuköllnAuch in Neukölln bereitet man sich auf die Teilnahme am Berliner Themenjahr 2013 vor: „Verschleppt. Ge- treten. Beschimpft. Bedroht“ steht als Titel über der Führung, die am 14. April um 14 Uhr von der Evan- gelischen Kirche Berlin-Brandenburg angeboten wird und über NS-Zwangsarbeiter im kirchlichen Lager auf dem Neuköllner St. Thomas-Friedhof informiert.

„Ende einer Idylle? – Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933“ heißt eine Ausstellung, die hufeisensiedlung britz, unesco welterbe, neukölln, hüsungdas Museum Neukölln ab 16. Mai zeigt. Zur Einstimmung hat das Museum in seinem Blog den Themenschwerpunkt „50 Türen in die NS-Zeit“ gesetzt und schildert in ihm Schicksale von Britzern street view neukölln, lilienthalstraße, neukölln, friedhof lilienthalstraßeim Nationalsozialismus.

Schon seit einem Vierteljahr und noch bis zum 30. April ist in der Feierhalle des ehemaligen Militärfriedhofs in Neukölln immer dienstags bis sonntags (10 – 17 Uhr) die Wanderausstellung „Die polnische Minderheit im KZ“ zu sehen, bei der es um Mitglieder polnischer Verbände im Deutschen Reich in den Konzentrations- lagern Sachsenhausen und Ravensbrück geht.

Des Themas „Die politischen Häftlinge des Konzen- trationslagers Columbia-Haus 1933 – 1936“ nimmt denkmal columbia-haus_columbiadamm neuköllnsich die GDW – Gedenk- stätte Deutscher Wider- stand ab 19. Juli an. Heute erinnert nur ein Denkmal am Columbiadamm, wenige Schritte von der Neuköll- ner Bezirksgrenze entfernt, an das KZ, dem eine besondere Bedeutung unter den Berliner Konzentra- tionslagern beigemessen wird. „Es ist das einzige Lager“, so GDW-Leiter Prof. Dr. Johannes Tuchel, „das von Beginn an unter Aufsicht der SS steht und zum Ausbildungszentrum für viele spätere KZ-Komman- danten wird.“ Im November 1936 wurde das Lager geschlossen, 1938 das Gebäude abgerissen. In der Ausstellung stehen die Häftlinge im Vordergrund. Ihr Alltag wird durch ausgewählte Biographien veranschaulicht und so ein individueller Zugang zu den Schicksalen der Menschen sowie den Haftbedingungen, denen sie ausgesetzt waren, infotafeln zur geschichte des tempelhofer felds, zwangsarbeiterlager, berliner forum für geschichte und gegenwartermöglicht.

Auf dem Tempelhofer Feld wird anlässlich des The- menjahrs „Zerstörte Vielfalt“ ein Open-Air-Geschichts- pfad zur NS-Historie des Flughafengeländes angelegt: Dazu werden zunächst  im Frühjahr zu den drei bereits bestehenden Infotafeln zehn weitere installiert. Insge- samt soll der vom Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart (BFGG) e. V. erarbeitete Infopfad einmal 27 Tafeln umfassen und so den Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses umsetzen, am Columbiadamm einen Gedenk- und Informationsort einzurichten.

stolpersteine für berlin 8.10.2011, gunter demnigIn das Internetportal des Themenjahres, das über alle „Zerstörte Viel- falt“-Veranstaltungen informiert, wurde auch der Datenpool des Projektes „Stolpersteine“ einge- bunden, der nun mittels einer interaktiven Stadtkarte die über 1.500 Stolpersteine in Berlin darstellt. Seit Oktober letzten Jahres liegen 123 davon vor Häu- sern in Neukölln.

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An die Tafeln!

Der Anfang ist gemacht: Letzten Mittwoch enthüllten Michael Müller, Berlins Senator für Stadtentwicklung, und der Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten, André Schmitz, die  ersten drei Infotafeln zur Geschichte des Tempelhofer Felds. Eine klärt infotafeln zur geschichte des tempelhofer felds, zwangsarbeiterlager, berliner forum für geschichte und gegenwartüber das ehemalige Zwangsarbeiterlager auf dem Gelände auf, die beiden anderen über das KZ Columbia-Haus. „Am Ende werden es  etwa 20 Tafeln sein, die  an geschichtsträchtigen Stellen Einblicke in die Historie geben“, kündigt Daniela Augenstein von der Pressestelle der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an. Da- bei solle ein  zeitlicher Bogen von der Rodung des Feldes bis zur zivilen Luftfahrt  im geteilten Berlin gespannt und der Zeit zwischen 1933 und 1945 besondere Aufmerksamkeit gewid- met werden.

Aber nicht nur deshalb traf man die Ent- scheidung, mit den ersten Stationen Themen der NS-Vergangenheit aufzugreifen. Ein weite- rer Grund war, dass  vom KZ Columbia-Haus wie auch vom Zwangsarbeiterlager oberirdisch längst nichts mehr zu sehen  ist.  Folglich müsse, so Michael Müller, das Leiden vieler KZ-Häftlinge und Zwangs- arbeiter an diesem Ort erst wieder in Erinnerung gerufen werden. „Die Informations- tafeln“, hofft der Senator, „werden dazu beitragen.“ Andererseits steckt auch die Forschung über das Zwangsarbeiterlager auf dem Tempelhofer Feld noch in einem Stadium, das  Fragen nach den Ausmaßen des Lagerkomplexes offen  lässt. radarturm flughafen berlin-tempelhofBodenspuren, hält die Infotafel nahe dem TIB- Softball-Feld fest, würden „erst demnächst ge- nauer untersucht“  werden.

Weitgehend erforscht ist hingegen die Ge- schichte des  Konzentrationslagers Columbia- Haus. 1896 erbaut, diente es knapp 30 Jahre als Gefängnis. In den frühen Jahren der national- sozialistischen Herrschaft, ist den Edelstahltafeln vor dem Hangar 2 des Flughafengebäudes zu entnehmen, war das Columbia-Haus eine der schlimmsten Folterstätten und das einzige offizielle KZ der SS auf Berliner Stadtgebiet. Insgesamt  seien im Columbia-Haus mindestens 8.000 Männer ein- gesperrt gewesen. Im infotafeln zur geschichte des tempelhofer felds, columbia-haus, berliner forum für geschichte und gegenwartNovember 1936 wurde das KZ Columbia-Haus schließlich aufgelöst, im Zuge des Flughafenneubaus erfolgte zwei Jah- re später der Abriss.

Das Tempelhofer Feld sei  Brenn- punkt Berliner und Deutscher Zeit- geschichte, sagte Staatssekretär An- dré Schmitz anlässlich der Enthüllung der ersten drei Infotafeln und erin- nerte: „Bevor es mit der Luftbrücke zum Symbol der Freiheit wurde, war es  lange Jahre ein Ort der Unterdrückung, und der Unfreiheit. Wir werden unserer widersprüchlichen Geschichte im 20. Jahrhundert nur dann gerecht, wenn wir sie in ihrer Gesamtheit in den Blick nehmen, gewichten und bewerten.“

Wann und wo die nächsten der deutsch-englischen Text-Bild-Tafeln aufgestellt werden, die inhaltlich vom Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart (BFGG) in enger Kooperation mit Historikern erarbeitet wurden, lässt sich laut Daniela Au- genstein momentan noch nicht sagen. Sicher sei jedoch, dass der Gedenkpfad zur Geschichte des Tempelhofer Felds peu à peu wachsen werde.

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Man sieht nur, was man weiß – die Quadratur des Kreises auf dem Tempelhofer Feld

führung historische spuren des alten hafens, flughafen berlin-tempelhof, tempelhofer feldWer an einer Führung teilnimmt, tut das normalerweise, um etwas ge- zeigt zu bekommen und Neues zu erfahren. Umgekehrt haben Stadt-, Kiez- oder auch Museumsführer ge- meinhin an sich den Anspruch, genau diese Erwartungen ihrer Mitläufer zu erfüllen. Was das betrifft unterschei- det sich Beate Rossié nicht von anderen Tourguides. Wenn sie für das Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart mit Neugierigen zur  historischen Spurensuche auf dem Tem- pelhofer Feld  aufbricht, hat sie es allerdings vergleichsweise schwer, den Wünschen gerecht zu werden. Denn von dem, was die Historikerin nahebringen will, ist nicht führung historische spuren des alten hafens, flughafen berlin-tempelhof, tempelhofer feldmehr viel zu erkennen.

„Der alte Flughafen ist fast vollständig aus dem Gedächtnis der Stadtgeschichte ver- schwunden“, hat Beate Rossié bei ihren Recherchen festgestellt. Kaum jemand wisse noch, dass nicht erst mit dem 2008 ge- schlossenen Zentralflughafen Berlin-Tem- pelhof Luftfahrtgeschichte geschrieben wur- de, sondern dass das Kapitel schon viel früher begann: „Am 8. Oktober 1923 wurde hier auf dem Gelände, das seit 1772 als Exerzierplatz diente, der erste Flugplatz eröffnet.“ Beate Rossié zeigt zum Turm der führung historische spuren des alten hafens, flughafen berlin-tempelhof, tempelhofer feldKirche am Südstern. Dort habe Zu- fahrtstraße begonnen; sie wurde nach dem Luftfahrtpionier Otto Lilien- thal  benannt und existiert noch heute. „Wir stehen jetzt auf dem alten Fahrweg, der zum Hauptgebäude führte“, erklärt die Historikerin und deutet auf zwei mächtige Platanen rechts und links vom Weg. Über 90 Jahre seien die alt und damals zur Begrünung des Vorplatzes ange- pflanzt worden. Der betonierte Pfad und die Kanaldeckel seien weitere Zeitzeugnisse.

Querfeldein über eine Wiese geht es weiter bis zum nächsten Halt. „Wo wir jetzt stehen, war das von 1926 bis 1929 erbaute Hauptgebäude“, sagt Beate Rossié und führung historische spuren des alten hafens, flughafen berlin-tempelhof, tempelhofer feldzeigt alte Fotos, die beweisen, wie schlicht der Bau von außen und wie pompös er innen- architektonisch war. Eine Dachterrasse habe er gehabt, die den Berlinern den Blick aufs Vorfeld und startende oder landende Flug- zeuge ermöglichte. Komplett unterkellert sei das Hauptgebäude gewesen: „Wenn man hier graben würde, würde man also mit Sicherheit auf den Keller stoßen.“ Und auf die Reste unterirdischer Tankanlagen, ergänzt die Expertin, bevor sie schmunzelnd ankündigt, dass man gleich auch endlich wieder etwas vom alten Flughafen sehen könne. „Hier“, sagt sie und macht auf von Moosen und Gräsern bewachsene Beton- und Asphaltflecken aufmerksam, „haben wir noch Teile des Vorfelds.“ Von anderem hingegen sei nichts mehr übrig: vom für damalige Verhältnisse spektakulären Scheinwerferturm, von der Funk- und Telegrafenstation, der Dopplerantenne und dem führung historische spuren des alten hafens, flughafen berlin-tempelhof, tempelhofer feldals Windrichtungsanzeiger dienenden Rauchofen.

Beate Rossié deutet auf eine Gras- fläche und hält ein Foto in die Runde: „Dort, zwischen den beiden ehema- ligen Rollbahnen, hatte man aus riesigen Lettern auf einer Länge von 90 Metern den Schriftzug BERLIN in den Boden eingelassen.“ Zumindest Reste der Buchstaben müsste man noch finden, vermutet sie: „Deshalb haben wir der Tempelhof Projekt GmbH auch dringend Grabungen an der Stelle empfohlen.“ Angesichts der Tatsache, dass der Vorgänger des ausgedienten Flughafens Tempelhof kaum Spuren hinterlassen hat, meint Beate Rossié, sollte man – Bauvorhaben hin oder her – doch wenigstens die erhalten, die noch da sind.

Beim morgigen „Parkfest auf der Tempelhofer Freiheit“ werden zwischen 10 und 18 Uhr verschiedene thematische Führungen angeboten, auch die zu den „Geschichtlichen Spuren im Alten Hafen“. Alle Führungen starten am Infopavillon nahe dem Haupteingang am Columbiadamm; die Teilnahme ist   kostenlos. Wann genau welche Touren starten, war leider in der Pressestelle der Tempelhof Projekt GmbH nicht bekannt.

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