Wieder ein Wohnzimmer weniger

Sie war ein Paradebeispiel für das, was der Fotograf Peter Liptow vor fast drei Jahren auch in Neukölln zeigte: Berliner Eckkneipen – 25 Wohnzimmer. Vier Jahrzehnte lang war  „Zum Stammtisch“  ein solches. Nun hat die Alt-Berliner Gaststätte, in der  täglich

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außer montags „gepflegte Getränke“ über die Theke geschoben wurden, geschlos- sen. Für immer. Damit ist der Friedhof der Neuköllner Molle-und-Korn-Kneipen um einen weiteren Grabstein angewachsen, und in den Eckladen an der Kreuzung Alten- braker-/Schierker Straße  kann etwas Neues einziehen.

Hommage an ein aussterbendes Stück Berliner Kultur

berliner eckkneipen - 25 wohnzimmer, peter liptow, galerie im saalbau, neuköllnRauchen ist verboten, die Beleuchtung ist hell statt schummrig und eine Jukebox, aus der Hits der letzten 30 Jahre plärren, sucht man ebenso vergeblich wie alkoholisierte Gäste: Es sind also Welten, die zwischen einer Kneipe und der Galerie im Saalbau an der Neuköllner Karl-Marx-Straße liegen – nor- malerweise.

Momentan ist das jedoch ein wenig anders, denn mit der Ausstellung „Berliner Eck- kneipen – 25 Wohnzimmer“ hat das eine Universum beim anderen Unterschlupf ge- funden. Auf rund 100 Bildern zeigt der Fo- tograf  Peter Liptow, was allen verborgen bleibt, die sich in anderen gastronomischen Welten bewegen, dem Futschi für 1,50 Euro hinter nikotingelben Fenstern in rauchge- schwängerter Luft nichts abgewinnen können und lediglich ein Wohnzimmer als Wohnzimmer  bezeichnen würden – das in den eigenen vier Wänden. Dabei  hat Lip-

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tow der Versuchung widerstanden, einen ironischen oder gar abschätzigen Blick auf das zu werfen, was ihm vor die Kamera kam. Seine Bilder, die in 25 Berliner Eckkneipen zwischen Spandau und Köpenick, Steglitz-Zehlendorf und Pankow und berliner eckkneipen - 25 wohnzimmer, peter liptow, galerie im saalbau, neuköllnnatürlich auch in Neukölln entstanden, dokumentieren statt zu bewerten: das Interieur der Wirtshäuser ebenso wie die Menschen, die an den Theken zwi- schen holzvertäfelten Wänden ein zweites Wohnzimmer und vielleicht sogar Freun- de gefunden haben.

Viele dieser gastronomischen Institu- tionen, die „Boddin-Stuben“, „Thiemann Eck“, „Zur Traube“, „Thomas-Klause“ und „Heide 11“ heißen und lange wie die Goldelse zu Berlin gehörten, gibt es nicht mehr. Die Gäste vieler Eckkneipen wurden aus ihren Wohnzimmern vertrieben, weil die Ein-Euro-Shops, Spielhallen oder stylischen Cafés Platz gemacht haben.

Die Ausstellung „Berliner Eckkneipen – 25 Wohnzimmer“ in der Galerie im Saalbau endet am 5. Juni. Heute um 19 Uhr lädt der Schauspieler Oliver Trautwein im Rahmenprogramm mit seiner „Kneipengeflüster“-Lesung  zu einer literarischen Kneipentour ein.

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