Pünktlich zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution: Neukölln reflektiert seine kommunistische und linksradikale Vergangenheit

„Neukölln ist ein perfektes Laboratorium für die Beschäftigung mit der Geschichte des Kommunismus“, erläuterte Katharina Hochmuth, Projektkoordinatorin der Stiftung Aufarbeitung, zur Eröffnung der Ausstellung „Der Kommunismus in seinem Zeitalter“, für die am Dienstagnachmittag – exakt der 100. Jahrestag der Oktoberrevolution vom 7. November 1917 – im Obergeschoss der Neuköllner Stadtbibliothek nur ein kleiner Besucherkreis zusammengekommen war. Die Ausstellung, die auf beide Etagen der Helene-Nathan-Bibliothek verteilt ist, will den Aufstieg und Niedergang der kommunistischen Bewegung umfassend beschreiben und so zu einem tieferen Verständnis der DDR-Diktatur beitragen. Sie Weiterlesen

Neukölln, Berlin und drum’rum

manfred bartz_gropiusstädter sonntagsmaler_alte dorfschule rudow neuköllnAus Anlass des 40-jährigen Jubiläums der Künstler-gemeinschaft Gropiusstädter Sonntagsmaler sind seit vorgestern Bilder der Gruppe in der Alten Dorfschule Rudow zu sehen. Der für Kultur zuständige Bezirks-stadtrat Jan-Christopher Rämer eröffnete die Aus-stellung; der Neuköllner Alt-Bezirksverordnetenvorste-her Manfred Bartz (r.) hielt im vollbesetzten Ausstel-lungsraum den Festvortrag zur Vernissage.

Bekannt sind die Sonntagsmaler, zu denen sich heute 15 Frauen und drei Männer zählen, die überwiegend aus der Gropiusstadt kommen, durch ihren Kalender „Kenn‘ Se Berlin und drum’rum?“ und einige Poster – u. a. zum Jubiläumsjahr 1987, als Berlin 750 Jahre, das Böhmische Dorf  250 Jahre und der Weiterlesen

„Ich will als erste Frau an der Spitze Neuköllns eine pragmatische, ehrliche und aufrechte Bürgermeisterin sein“

bzbm-ernennungsurkunde_rathaus neuköllnWie wacht man an einem Tag auf, den man als jüngste Bezirksbürgermeisterin Berlins beenden wird? „Ohne Wecker!“, sagt Franziska Giffey strah- lend und wohl wissend, dass es künftig noch weniger Tage als bisher geben wird, die mit diesem mor- gendlichen Luxus beginnen. Und der erste Gedanke danach? „Heute isses endlich soweit!“ Eine irre Anspannung sei das gewesen. „Aber“, findet sie, „wenn man die nicht hat, sollte man es gar nicht erst machen.“

Die Anspannung war der 36-jährigen Verwaltungs- und Politikwissenschaftlerin deutlich anzusehen, als sie zum letzten Mal als Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport den BVV-Saal im Neuköllner Rathaus betrat und Weiterlesen

Was nicht passt, wird passend gemacht

Die älteste, noch bestehende Partei Deutschlands ist die SPD unbestritten. Damit, dass sie in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen feiert, dürften aber Pedanten ihre ausstellungsplakat spd rixdorf-neuköllnProbleme haben. Denn die Partei konsti- tuierte sich erst 1875 durch den Zusam- menschluss des 1863 gegründeten Allge- meinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) und der 1869 ins Leben gerufenen Sozial- demokratischen Arbeiterpartei (SDAP) als Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). SPD, also Sozialdemokratische Par- tei Deutschlands, heißt sie sogar erst seit dem Herbst 1890. Aber wer will es schon so genau nehmen, wenn das Jubiläumsjahr passgenau in das Jahr einer Bundestags- wahl fällt, die gewonnen werden will?

Auch die Neuköllner Sozialdemokraten fei- ern kräftig mit: Vorgestern wurde im Kultur- stall auf dem Gutshof Britz die Ausstellung „Der Kampf um Einheit und Freiheit. Ge- schichte der Sozialdemokratie in Rixdorf und Neukölln“ eröffnet. Auf 16 Text-/Bild-tafeln wird hier die lokalhistorische Bedeutung der SPD skizziert, die im Februar 1874,

1_spd neukölln-ausstellung_mobiles museum neukölln 2_spd neukölln-ausstellung_mobiles museum neukölln 3_spd neukölln-ausstellung_mobiles museum neukölln 4_spd neukölln-ausstellung_mobiles museum neukölln

zur Zeit von Kaiser Wilhelm I., mit der Gründung des ersten sozialdemokratischen Agitationsvereins begann. 40 Jahre später hatte der fast 18.000 Mitglieder. Imposante Wahlerfolge und Massenversammlungen verbanden Rixdorf jahrzehntelang mit der Farbe rot.  Nach dem Ende der NS-Zeit, in der die SPD verboten war, konnte Neukölln seinen Ruf als Hochburg der Sozialdemokratie schnell zurück erobern. 1981 war es damit vorbei: Der CDU-Mann Arnulf Kriedner wurde für acht Jahre Bezirks- bürgermeister; von 1992 bis 2001 waren es mit Hans-Dieter Mey und Bodo Manegold ebenfalls CDU-Politiker, die im Rathaus den Ton angaben. Erst 2001 war die SPD wieder am Zug, den Posten des Bezirksbürgermeister besetzen zu können. Am Anhängerschwund konnte aber auch das nichts ändern: 2007, informiert die Aus- stellung, war die Zahl der Mitglieder der SPD Neukölln von knapp 5.000 in 1980 auf 1.240 geschrumpft.

Viele von ihnen feierten gestern auf dem Karl-Marx-Platz den Abschluss der Woche der Neuköllner SPD, sich selber und ihren Genossen  Fritz Felgentreu (2. v. r.), der  für

2_jubiläumsfest spd neukölln 1_jubiläumsfest spd neukölln_sommer+felgentreu+steinle 3_jubiläumsfest spd neukölln 4_jubiläumsfest spd neukölln

5_jubiläumsfest spd neuköllndie Partei nach der Wahl am 22. Septem- ber in den Bundestag einziehen soll. Falls das nicht gelingen sollte und das Buhlen um Wählerkreuze durch Kinder- bespaßung, ein Bühnenprogramm, Ge- grilltes und Informationsstände nicht greift, dann ja vielleicht 2025: Dann kann die SPD wieder ihr 150-jähriges Jubi- läum feiern und wird wieder Bundestags- wahl sein. Fritz Felgentreu wäre mit 57 Jahren immer noch im besten Politikeralter.

Die Ausstellung „Der Kampf um Einheit und Freiheit. Geschichte der Sozialdemokratie in Rixdorf und Neukölln“ ist noch bis zum 7. Juli im Kulturstall Gutshof Britz  zu sehen; Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 18 Uhr.

=ensa=

Erstes Leben in der Kulturwüste Neukölln

Die Nachmittagssonne zeichnet scharfe Schattenrisse auf den Dielenboden des LadenAteliers von William Francis Brennan. Dorothea Kolland rührt in ihrem Kaffeebecher. „Ach, ich hätte jetzt doch gerne ein Stück Kuchen“, be- schließt sie und kommt damit auf das Angebot zurück, das sie kurz vorher abgelehnt hatte. Etwas Süßes als Proviant für die Reise in die Vergan- genheit des Neuköllner Kul- turlebens, für die es keine bessere Begleitung als Do- rothea Kolland geben kann.

1981. Der Christdemokrat Arnulf Kriedner hatte gerade den SPD-Mann Heinz Stücklen als Bezirksbürgermeister von Neukölln abgelöst. „Kulturell war der Bezirk wirklich eine einzige Wüste“, erinnert sich Kolland. Am Stadtbad habe es das nicht eben fachkundig geführte Emil-Fischer-Heimatmuseum gegeben: „Da wurden ein paar Knochen, eine aus- gestopfte Trappe, Tonscherben-Funde aus Buckow-Rudow und der Rixdorfer Galgen ausgestellt.“ Außerdem habe der Vorgänger auf dem Posten der Kulturamtsleitung, der Operettenregisseur gewesen war, einmal im Jahr eine Operettenvorführung im Naturtheater in der Hasenheide veranstaltet. Das sei es dann aber auch schon gewesen – fast. Denn da war ja noch die Keimzelle der Institution, die heute als Neuköllner Oper bekannt ist. „Winfried Radeke, damals Kirchenmusiker der Martin-Luther-Gemeinde, hatte mit seinen Konfirmanden schon Mitte der 1970er-Jahre angefangen, Stücke von Brecht, Weill und Hindemith aufzu- führen. Das hat mich interessiert und hab ich mir dann auch mal angeguckt. Ich glaub, das war einer meiner ersten Ausflüge nach Neukölln“, erzählt die Charlottenburgerin. „Die Neu- köllner Oper gab’s also gewissermaßen be- reits, aber das war nur ein winziger Haufen von Amateuren. Mit dem, was da heute ist, lässt sich das überhaupt nicht vergleichen.“

Der neuen Kulturamtsleiterin bot sich folglich ein breites Betätigungsfeld. „Das Problem war nur: Kultur braucht Räume. Man kann noch so viel über Kultur reden, wenn man keinen Raum hat, in dem man etwas machen kann, dann findet sie nicht statt.“ Im Saalbau, der heute vom Heimathafen Neukölln bespielt wird, erkannte Dorothea Kolland sofort Potenzial für die Lösung der Raummisere. „Ich zeig Ihnen jetzt mal was!“, hatte ihr Hausmeister und Verbündeter Dieter Schulz angekündigt und sie in das Gebäude geführt, das seinerzeit zum Vermögen des Kulturamts gehörte: „Alles war baupolizeilich ge- sperrt, nachdem es jahrelang ein bisschen durchs Dach geregnet und sich im beeindruckend konstruierten Dachstuhl ein riesiger Schwamm gebildet hatte, der fast zum Abbruch hätte führen müssen. Weil es keinen Strom gab, hatte Dieter eine Stablaterne dabei, damit wir überhaupt etwas sehen können. Ihm und auch mir war klar: Da ist ein absoluter Schatz, aber der ist unbenutzbar.“ Gleich am nächsten Tag sei sie zum zuständigen Stadtrat gegangen, um ihrem Unmut darüber, dass einerseits Platz benötigt werde und andererseits ein Prunkstück verfalle, Luft zu machen. „Der hörte sich das an – und einen Tag später erhielt ich das Ver- bot, über den Saalbau zu reden“, verrät Dorothea Kolland. Der Bezirk wollte nämlich das Gebäude, das damals noch nicht unter Denkmal- schutz stand, verkaufen und das Geld zur Teilfinanzierung eines Mehrzweck-gebäudes mit Versammlungssaal und Räumen für die Verwaltung der Volkshochschule nutzen. „Das sollte auf dem damals dem Bezirk gehörenden Grundstück entstehen, wo heute die Neukölln Arcaden sind. Deshalb wollten die keinen Wirbel um den verfallenden Saalbau haben.“ 1990 ist der in neuer Pracht als Kulturstätte wiedereröffnet worden.

Doch es war nicht nur Dorothea Kolland, die der kommunalen Verwaltung und Politik beim Verfolgen ihrer Anliegen gehörig zusetzte, auch die bildenden Künstler in Neukölln, von denen es vor 30 Jahren etwa 40 gab, hielten sich kaum zurück. „Uns allen war klar, dass wir dringend einen Raum für Ausstellungen brauchen, und dann gab’s einen kleinen Eklat“, berichtet sie grinsend. „Die haben natürlich gehofft, dass nun kulturell mal etwas im Bezirk geschieht und trugen den Wunsch nach einer freien Neuköllner Kunstausstellung an mich heran.“ Ob- wohl sie manches „von der Qualität her als nicht zumutbar“ empfunden habe, habe sie sich darauf eingelassen und eine Ausstellung im Rathaus-Foyer organisiert. „Zwei der Künstler hatten ihr Atelier am Reuterplatz direkt neben einem noch völlig intakten Gründerzeithaus, das der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land gehörte und  erst besetzt worden war und dann abgerissen wurde.“ Für die Ausstellung hätten die beiden Künster ein Bild im Rathaus abgegeben, das schließlich von der Hängekom-mission ausgepackt und wie gewünscht aufgehängt worden war. „Auf dem stand: Gegen Verbrecher in Stadt und Land“, entsinnt Kolland sich. „Das war natürlich nichts explizit gegen die Wohnungsbaugesellschaft, aber jeder Neuköllner wusste, dass es zumindest zwei- deutig ist.“ Getobt habe der damalige Baustadtrat, als er das Werk am Tag vor der Vernissage zu sehen bekam. „Daraufhin hat er verfügt, dass das Bild abgehängt wird, woraufhin etwa 80 Prozent der Künstler vor der Ausstellungseröffnung aus Protest ihre Bilder umgedreht haben. Das fand ich als Reaktion ganz toll und hab mich deshalb auch auf die Seite der Künstler gestellt.“ Die Aufregung sei natürlich groß gewesen. Bezirksbürgermeister Kriedner, den Kolland als „sehr kunstsinnig“ be- schreibt, habe es gar nicht behagt, plötzlich mit Zensur in Verbindung gebracht zu werden: „Wenig später gab es dann ein großes Meeting und Güteverhandlungen des Bürgermeisters und des Baustadtrats mit dem Vorsitzenden des Berufsverbands bildender Künstler.“ Das Ergebnis war ein Gentlemen Agreement zwischen Kriedner und dem bbk-Vorsitzenden. „Sie verständigten sich darauf“, so Kolland, „dass sich der Bezirk bemühen werde, Räume zu finden, wo es nur um Kunst geht, das  Kulturamt das Sagen hat und sämtliche Essenzen der Freiheit der Kunst zu gelten haben.“ Mit der Orangerie im Körnerpark war ein erster Raum gefunden. Um ihn zu nutzen brauchte es, wie Dorothea Kolland es rückblickend sieht, den „Mut einer jungen, unverbrauchten Verrückten“.

Letzter Teil: morgen