Neues Angebot speziell für Menschen mit Lese- und Schreib-Schwierigkeiten

Schätzungsweise 28.000 Menschen in Neukölln haben – obwohl Deutsch ihre Muttersprache ist – Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Sie können keinen Wahlzettel lesen und kein Kochrezept. Sie verstehen oft nicht einmal die Fernsehzeitschrift mit Bildern. Doch Menschen, die Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben haben, schämen sich häufig dafür, denn Analphabetismus ist ein Tabu-Thema.

Um den Betroffenen zu helfen, die in der Fachsprache „funktionale Analphabeten“ heißen, gründete sich einst in Neukölln das erste bezirkliche Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung, dem ähnliche Bündnisse in anderen Bezirken inzwischen folgten. Ende Mai traf Weiterlesen

Abschied von Berlins Pionierin für Alphabetisierung

Mit über 50 Bündnispartnern trägt das Alpha-Bündnis Neukölln die Themen Alphabetisierung und Grundbildung in die Öffent-lichkeit, denn noch immer ist An-Alphabetismus ein großes Tabu-Thema. Schätzungsweise 28.000 Menschen in Neukölln haben – obwohl sie Deutsch sprechen – Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Sie können nicht gut genug lesen und schreiben, um am gesellschaftlichen Leben in angemessener Weise teilzuhaben und im Beruf zurecht zu kommen. Viele besitzen zudem keine ausreichende Grundbildung. Ihnen fehlen grundlegende Kenntnisse in Mathematik, PC-Kompetenz Weiterlesen

Info-Café der VHS Neukölln mit Angeboten auch für funktionale Analphabeten

Nützliche Informationen in einfacher Sprache zu den Themen Gesundheit, Weiter-bildung, Mieterhöhung und Jobcenter bietet die Volkshochschule Neukölln seit März einmal wöchentlich in ihrem Info-Café in der Werbellinstraße 77 an. Eine Beraterin und ein Berater der Berliner Mietergemeinschaft aus dem Büro in der Sonnenallee 101 waren am vergangenen Donnerstagnachmittag in das Lernhaus der VHS Neukölln gekommen, um Auskunft zu geben, was bei Problemen mit der Miete zu tun ist. „Das Beratungsangebot im Info-Café ist auch für Menschen mit Rechtschreibschwäche und funktionale Analphabeten gedacht“, sagte Lea-Marie Zymara, die Organisatorin der Weiterlesen

Was steht in der Vereinbarung, die die neue Zählgemeinschaft der Neuköllner BVV entworfen hat?

warteschlange bürgeramt donaustraße neuköllnMontag wurde, wie wir gestern berichteten, die Vereinbarung zur Bildung einer Zählgemeinschaft zwischen SPD und Grünen in Neukölln unter-zeichnet. Heute stellen wir einige Entscheidungen aus der Vereinbarung stichpunktartig und ohne Anspruch auf Vollständigkeit vor.

Lange Schlangen vor den Neuköllner Bürger-ämtern, wie auf dem Foto aus der Donaustraße im Frühjahr 2015? Die könnten in Zukunft etwas kürzer werden: „Zur Vermeidung von Warteschlangen in den Bürgerämtern sind der Ausbau des Termin-angebotes sowie weitere geeignete Maßnahmen zu prüfen“, lautet die Entscheidung 127 der Vereinbarung zur Bildung einer Zählgemeinschaft zwischen SPD und Grünen in Neukölln. Am Weiterlesen

Alpha-Bündnis Neukölln vor einer ungewissen Zukunft

plenum_alpha-bündnis neuköllnZum vielleicht letzten Mal traf sich das Plenum vom Alpha-Bündnis Neukölln am vergangenen Freitag. Es war diesmal beim Quartiersmanagement Ganghofer- straße zu Gast. Um weiter arbeiten zu können, braucht das Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung einen Träger, der die Projektverwaltung vom jetzigen übernimmt. Noch ist niemand gefunden.

Trotzdem ließen sich rund 40 anwesenden Bünd- nispartner ihre gute Stimmung nicht verderben: 280 Mitarbeiter aus Bürgeramt, Jugendamt, Berufsbil- dungs- und Jugendeinrichtungen sowie Stadtteil- mütter und Quartiersmanager haben inzwischen eine Alpha-Kompetenz-Schulung bzw. eine Sensibilisierungs-Schulung besucht. Bei nunmehr 15 Weiterlesen

Da geht’s lang!

Ohne Änderungen wurde beim Februar-Plenum der Bezirksverordnetenversammlung ein von den Neuköllner Grünen initiierter Antrag beschlossen, künftig Informationen über  Schule in leichter Sprache  zu erstellen. Ohne BVV-Votum wurde dagegen in der

osterhase_neukölln

Straße 645, dem Fuß- und Radweg zwischen Herrfurthstraße und Columbiadamm bzw. Volkspark Hasenheide, schon mal eine weitere Aktion angeschoben, die Men- schen, die nicht oder nicht gut lesen können, mit allgemeinverständlichen Informa- tionen die Orientierung und damit das Leben erleichtert.

ABC oje, oje: Hilfe für die, die helfen sollen

ingan küstermann_alpha-kompetenz-schulung_LuS berlin-neuköllnMehrere Berater und Beraterinnen von drei sozialen Einrichtungen in Neukölln trafen sich am vergangenen Dienstag zu einer kostenlosen Schulung für den Alpha-Kompetenz-Aufkleber: Sie wollten lernen, was sie beachten müssen, wenn sie Menschen beraten, die nicht so gut lesen und schreiben können. Die Idee der Schulung kommt vom Alpha-Bündnis Neukölln.

Denn allein in Neukölln leben schätzungsweise 28.000 Menschen, die Hilfe beim Lesen und Schreiben brauchen, um im Leben zurecht zu kommen. Sie können keinen Wahlzettel lesen und kein Kochrezept. Sie verstehen oft nicht einmal die Fernsehzeitschrift mit vielen Bildern. Fachleute nennen diese Menschen funktionale Analphabeten. Obwohl funktionale Analphabeten vielleicht Weiterlesen

Hilfe anbieten, ohne Scham zu bewirken

aktion alpha-kompetenz_berlin-neuköllnMeist reichen schon Kleinigkeiten, damit  Unbehagen in Angst umschlägt: mit Schriftstücken übersäte Schau- fenster oder Kugelschreiber und Formulare direkt neben der Eingangstür. Es sind Signale, die abschreckend wirken – auf alle, die nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben können. Also auf etwa 28.000 Men- schen, die in Neukölln leben, oder mehr als 300.000 Berliner. Gedanken über die Wirkung solcher Alltäg- lichkeiten macht sich aber kaum jemand, weil das Thema Analphabetismus im Bewusstsein derer, die lesen und schreiben können, häufig die Relevanz einer Marginalie hat. Zu unvorstellbar ist ein Leben in einer Parallelwelt ohne diese Fertigkeiten.

So ergeht es zum Leidwesen der Betroffenen auch vielen, die bei ihrer Arbeit in sozialen oder kulturellen Einrichtungen, Ämtern, Arztpraxen und medizinischen Bera- tungsstellen häufig mit funktionalen An-Alphabeten zu tun haben. Insoweit unter- scheidet Neukölln sich nicht von anderen Berliner Bezirken – und Weiterlesen

Neuköllnisch-kreuzbergische Kooperation baut das Grundbildungszentrum Berlin auf

plenum alpha-bündnis neuköllnSchon vor fast eineinhalb Jahren gab Bildungssenatorin Sandra Scheeres bekannt, dass Berlin ein Grundbil-dungszentrum bekommen werde. Danach wurde es still um das für  rund 300.000 Berliner mit defizitärer Alpha- betisierung und Grundbildung  geplante Projekt. Im Okto- ber letzten Jahres erinnerte Scheeres wieder daran: Man strebe an, in Berlin ein Grundbildungszentrum (GBZ) einzurichten, warb sie beim 30-jährigen Jubiläum des Lesen und Schreiben e. V., der bereits 2012 das Alpha-Bündnis Neukölln ins Leben gerufen hatte, um den Problemen von An-Alphabetismus und Bildungsschwä- che auf Bezirksebene auf neuen Wegen zu begegnen.

Es war Sandra Scheeres‘ Mitarbeiterin Sabine Theuser, die Ende letzter Woche endlich mit spruchreifen Neuig- keiten über das stadtweite Engagement aufwarten konnte. „Im Mai dieses Jahres wird der Aufbau des Berliner Grundbildungszentrums beginnen“, Weiterlesen

Lernen, dass das Lernen auch Spaß machen kann: 30 Jahre Alphabetisierung in Neukölln

1_30 jahre lesen +schreiben ev neuköllnDer Begegnung zweier Frauen ist es zu verdanken, dass letzten Freitag in Neukölln ein rundes Jubiläum gefeiert 30 jahre lesen +schreiben ev neukölln_haus des älteren bürgerswerden konnte: Eine der beiden war An-Alphabetin und zur Meisterin des Ver- tuschens geworden – bis sie das Leiden unter ihrem Defizit nicht mehr aushielt und sich das Leben nahm. Die andere heißt Marie-Luise Oswald, studierte damals, in den 1970er Jahren, Päda- gogik und kam durch die Verzweiflungstat der anderen Frau zu einer Lebensaufgabe: Die, Menschen zu helfen, die nicht lesen und schreiben können.

1980 erstellte Oswald als Co-Autorin für das Bundesmi- nisterium für Bildung und Wissenschaft eine der ersten Studien zur Alphabetisie- rung in Deutschland. 1983 gründete sie zusammen mit anderen in Neukölln den Verein  Lesen und Schreiben  (LuS e. V.), der sich seitdem dafür Weiterlesen

Spenden aus Neukölln für zwei afrikanische Schulen

scheckübergabe albrecht-dürer-schule neukölln_afrikanische schulenGerannt sind sie, viele Runden gerannt, immer ums Tempelhofer Feld, und jede von den Schü- lerinnen und Schülern des Albrecht-Dürer-Gym- nasiums absolvierte Runde war bares Geld wert. Geld, das zuvor von der Neuköllner Schule bei Sponsoren eingeworben worden war, um später gespendet zu werden. „Am Ende waren etwa 12.000 Euro zusammen“, erzählte Schulleiter Rai- ner Kistermann (2. v. r.), „und ich bin unheimlich stolz, dass der Schülerrat beschlossen hat, ein Viertel des Geldes an zwei Schulen in Afrika zu spenden und damit unterstreicht, dass überall das gleiche Recht auf Bildung  herrschen sollte.“ Freitag haben Antonia Rau (3. v. r.) und Jonas Oth- mann (2. v. l.) stellvertretend für die Albrecht-Dürer-Schüler im Beisein von Neuköllns Schulstadträtin Dr. Franziska Giffey (r.) symbolische Spendenschecks Weiterlesen

„Kein marginales, sondern ein tiefgreifendes Thema für die Gesellschaft“

unbelehrbar-plakat_eingang sputnik-kino kreuzberg„Der Film ist wirklich optimal“, findet Sigi, und er muss es wissen. Nicht weil er ein renommierter Filmkritiker ist, sondern weil in der Geschichte, die der Film „Unbelehrbar“ erzählt, sehr viel von sei- ner eigenen steckt. Vorgestern saß Sigi zusam- aussicht_sputnik-kino kreuzbergmen mit vielen anderen über den Dächern Kreuz- bergs im Sputnik-Kino, dem höchsten Kino Berlins, um sich die Leinwand-Version seiner Vergangenheit anzu- sehen. Und plötzlich schien der bittere Cocktail aus Unsicherheit, einem deso- laten Selbstwertgefühl, Verzweiflung und läh- mender Hilflosigkeit  wieder zum Greifen nah. Dass eine weite Etappe von Sigis Vita von einer Frau gespielt wird, macht keinen Unterschied. Die Emotionen, die Ellen in Anke Hentschels Film „Unbelehrbar“  durchlebt, kennen keine Geschlechtergrenzen. Nicht oder kaum lesen und schreiben zu können, ist für alle Betroffenen belastend – für etwa 7,5 Millionen Volljährige in Deutschland, also 14 Prozent aller Erwachsenen.

Die Schauspielerin Lenore Steller gibt ihnen mit ihrer Verkörperung der Ellen ein brillantes, zu Empathie animierendes Gesicht: Wie das Gros der funktionalen An- UNBELEHRBAR_Standfoto_CMYKAlphabeten mogelte sie sich irgend- wie durch ihre schulische Laufbahn. Als sie im Alter von 40 Jahren von ihrer Vorgesetzten dazu gedrängt wird, durch eine Weiterbildung ihre beruf- lichen Möglichkeiten zu verbessern, reagiert die Küchenhilfe zunächst trotzig: „Ich brauch keine Möglich- keiten!“ Aber dann reift in ihr doch zwischen Zweifeln und Ängsten ein Jetzt-oder-nie-Gefühl heran, und sie beschließt, den Ehemann und die beiden Kinder im Teenager-Alter in der bran- denburgischen Kleinstadt zurück zu lassen, um in Berlin einen Alphabetisierungs-Lehrgang zu machen. Völlig auf sich allein gestellt, wird aus der anfangs ver- unsicherten, zögerlichen, schüchternen Ellen eine mutige, optimische Frau, die bereit ist, die überall aufgestellten Hürden in der fremden Umgebung zu nehmen und die anke hentschel_unbelehrbar-regisseurin_sputnik-kino kreuzbergWelt der Schriftsprache zu erkunden.

Auch für Regisseurin Anke Hentschel (l.) war die filmische Umsetzung des Themas An-Alphabetismus eine Heraus-forderung. „Es war ein Zeitungsartikel darüber, der mich sehr bewegt und mir den Impuls gegeben hat, es probieren zu wollen“, erzählte sie nach dem Ende des Films bei einer Gesprächsrunde, an der mit Marion und Peter auch zwei ehemalige funktionale An-Alphabeten vom Neuköllner Verein Lesen und Schreiben sowie Dr. Ulrich Raiser (l.) von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung teilnahmen. Mit dem Film „Unbelehrbar“, sagte sie, sei eine Metapher für Orientierungslosigkeit unbelehrbar-expertengespräch_sputnik-kino kreuzbergentstanden. Durch die exzellente Besetzung und insbesondere die her- ausragende Leistung von Lenore Stel- ler funktioniert die perfekt. Um sich die Rolle zu erarbeiten, die so schwierig sei wie die, eine Blinde zu spielen, nahm die Hauptdarstellerin – wie schon die Regisseurin – im Vorfeld Kontakt zu Betroffenen auf.

Mit dem Ergebnis, dass auch Peter und Marion, bewegt vom Film bestä- tigten, sich in vielen Situationen wie- dererkannt zu haben. „Noch heute“, gestand der 53-Jährige, „hab ich ein mulmiges Gefühl, wenn ich einen Formular oder einen Bewerbungsbogen ausfüllen muss.“ Denn sich als Erwachsener das anzueignen, was man als Kind verpasst hat, sei ein langer, anstrengender Weg. Für Marion begann der, als sie selber Kinder hatte: „Da hab ich begriffen, dass ich jetzt endlich den Arsch hoch kriegen und lesen und schreiben lernen muss.“ Das Problem sei allerdings, unterstrichen beide, dass es filmrollen_sputnik-kino_berlin-kreuzbergviel zu wenige Hilfsangebote und Kurse gebe.

Dem konnte Dr. Ulrich Raiser nur zustimmen: „Man müsste viel mehr Geld für die Bereiche Alphabetisierung und Grundbildung in die Hand nehmen, aber es ist doch leider nicht so leicht, das zu kriegen.“ Der Film, sagte er, sei sehr wichtig, um zu auf breiter Ebene zu verdeutlichen, dass es sich um kein mar- ginales, sondern um ein tiefgreifendes Thema für die Gesellschaft handelt. Durch das Ansehen von „Unbelehrbar“ habe nun jeder die Chance nachzuvollziehen, worum es eigentlich geht, wenn von An-Alphabetismus die Rede ist.

„Unbelehrbar“ läuft zurzeit im hackesche höfe kino, im Lichtblick-Kino und im Sputnik-Kino; ab 18.4. ist er im filmkunst 66 und im Film Cafe zu sehen.

Heute steht die Regisseurin Anke Hentschel nach der 20 Uhr-Vorführung für Gespräche bereit, morgen nach der 18 Uhr-Vorführung (beide im Licht- blick-Kino) ist die Autorin Katharina Schlender ebenfalls dabei. Am 20. April gibt es eine Sondervorführung mit Anke Hentschel und der Hauptdarstellerin Lenore Stelle im filmkunst 66 (Uhrzeit erfragen).

=ensa=

Vier Lesungen und drei Lebenspremieren

text thomas_lus neuköllnThomas ist nervös, immer wieder guckt er sich den Text an, den er selber geschrieben hat und gleich vortragen soll. „Das hier“, sagt er, „ist schon ganz warthe-mahl_neuköllnanders als sonst.“ Sonst ist alles vertrauter, die Menschen und die Umgebung. Hier im Warthe-Mahl ist Thomas noch nie zuvor gewesen, und von den etwa 40 Leuten, die gekommen sind, um ihm und sechs weiteren Teilnehmern der LuS-Schreibwerkstatt zuzuhören, kennt er etliche nicht. Außerdem hat er das Vorlesen in letzter Zeit etwas vernachlässigt. Das zerrt nun alles schreibwerkstatt-gruppe_LuS Neuköllnan den Nerven des Mannes, der sich erst als Erwachsener an das Beherr- schen des Schriftsprachlichen heran- tastete.

Für Siggi, Kay und Enrico, drei andere aus der Gruppe, für die die öffent- liche Lesung zugleich eine Lebens- premiere bedeutet, ist die Situation noch strapaziöser. Auch wenn es ihnen weniger anzumerken ist, weil eben jeder anders mit Stress umgeht. „Das ist für sie so, als wenn wir auf eine Bühne vor 500 Leuten gestellt werden und dann einen Vortrag über ein Thema halten müssen, mit dem wir uns eher wenig auskennen“, veranschaulicht die beim Neuköllner Alphabetisierungsverein Lesen und Schreiben (Lus) tätige Diplompädagogin Ingan Küstermann.

daniel+klaus_lus neuköllnZuerst stellt sich Daniel an der Seite des ehrenamtlichen Schreibwerkstatt-Betreuers Klaus (r.) der Herausforderung. Der schlaksige, junge Mann ist ein großer Fan Presley-Fan und so handelt auch seine Geschichte „Elvis ist Elvis“ vom thomas+klaus_lus neuköllnLeben des King of Rock ’n‘ Roll.

Danach ist Thomas dran. Er wechselt sich beim Vor- lesen seiner Erlebnisse bei den „Olympics in Mün- chen“ mit Klaus ab. Dass er nicht nur ein Fußball-Fan ist, sondern selber im Tor steht, hat ihn im letzten Jahr zu den Special Olympics, dem Sportevent für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung, in die bayerische Landeshauptstadt geführt. Was er nicht aufgeschrieben hat, erzählt er stolz: Zum Beispiel, dass er Teamchef der Kicker-Elf war, und dass er – der ehemalige funktionale An-Alphabet – bereits zwei Bücher mit jetta_lus neuköllnGeschichten gefüllt hat, die nun in der Neuköllner Stadtbibliothek ausgeliehen werden können.

Jetta macht es kürzer. Ihre Einführung in das, was sie anschließend vorträgt, dauert fast länger als ihre Lesung mit dem Titel „Letztens haben wir gereimt!“. Manchmal, warnt sie schmunzelnd, würden die Reime zwar inhaltlich keinen Sinn machen, aber dafür würde siggi_lus neuköllnsich alles reimen. Zudem wird ihr Spaß am spielerischen Umgang mit Sprache mehr als deutlich.

Mit Siggi, der seit 1 1/2 Jahren an der Schreib-werkstatt teilnimmt, beginnt die Serie der Lebenspremieren. Vorgelesen, sagt er, habe er schon oft, aber dass er eine eigene Geschichte vorliest, das sei das erste Mal. „Der Herbst“ hat er das nachdenklich stimmende Stück genannt, das er für sein Enkelkind geschrieben hat, und in dessen Zentrum der Verkehrsunfall mit einem Kind steht.

Auch die Geschichte von Kay, die „Das Leben ist kein Ponyhof“ heißt, nimmt – wie schon der Titel vermuten lässt – eher einen melodramatischen als heiteren Verlauf. Es sei die erste, erzählt er, die er sich selbstständig ausgedacht und alleine geschrieben hat. Letzteres gilt auch für „Der Leopard und sein Freund“, eine phantasievolle Shortstory von Marcus, die von zwei Raubkatzen handelt, die auf dem Tempelhofer Feld leben. Dazu, sie auch selber vorzulesen, fehlt dem Autor noch der enrico_lus neuköllnMut. Das übernimmt Sabine, die dienstälteste Ehren- amtliche im Betreuerteam der Schreibwerkstatt.

Enrico hat die Hemmungen inzwischen abgelegt, dazu zu stehen, dass auch er zu den Lese- und Schreibschwachen bzw. funktionalen An-Alphabeten gehörte. „Allerdings“, räumt er ein, „ist es heute das erste Mal, dass ich öffentlich etwas vorlese.“ Nein, gibt er zu, von ihm selber stamme „Die Geschichte vom Blumentopf und vom Bier“ nicht. Einen sehr persönlichen Bezug hat das sehr philosophische Stück dennoch: Es endet damit, dass der Protagonist ein Bier trinken geht. „Ich geh lieber ’ne Cola trinken“, nimmt Enrico Anlauf für sein zweites Outing des Abends, „denn ich bin trockener Alkoholiker.“ Davon, dass er es ebenfalls schaffen wird, irgendwann eigene Geschichten vorzutragen, ist auszugehen.

„Kommen Sie in die Welt der Menschen, die die Schrift jeden Tag für sich neu erobern“ – mit diesem Satz hatten die Teilnehmer der Schreibwerkstatt vom Lesen und Schreiben e. V. zu ihrer Lesung eingeladen. Die stilistische und thematische Vielseitigkeit der Geschichten überraschte und beeindruckte das Publikum. Dass die Zahl der funktionalen An-Alphabeten in Neukölln auf 28.000 geschätzt wird, dürfte niemanden mehr überraschen, denn die ist längst bekannt.

=ensa=

Das Hoffen auf den Alpha-Schock

Im Neuköllner Estrel Hotel, wo Übernach-tungs- und Tagungsgästen derzeit ob des güldenen, illuminierten Adventsschmucks noch mehr Lichter als sonst aufgehen, trafen sich gestern und heute über 250 Fachleute aus Politik, Wirtschaft und Bil- dungseinrichtungen anlässlich des Ab- schlusses der UN-Weltdekade zur Alpha- betisierung zum zweitägigen Symposium „Weiterbildung im Dialog“. Bei einer hoch- karätig besetzten Podiumsdiskussion zur Halbzeit ging es um die Fragen, zu wel- chem Status quo die 2003 begonnene Weltdekade in Deutschland geführt hat und wie der künftige Umgang mit den Themen Alphabetisierung und Grundbildung  ge- staltet werden muss, um hierzulande die gesamtgesellschaftliche Situation und die der  etwa 7,5 Millionen erwachsenen Betroffenen nachhaltig verbessern zu können.

tagung "weiterbildung im dialog", un-weltdekade zur alphabetisierung, estrel berlin-neukölln

v. l.: Peter Hubertus (Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung), Ulrich Aengenvoort (Deutscher Volkshochschul-Verband), Dr. Roland Bernecker (Deutsche UNESCO-Kommission), Dr. Simone C. Ehmig (Institut für Lese- und Medienforschung, Stiftung Lesen), Rudolf Hahn (Volkshochschule Trier), Achim Himmelrath (Moderator)

Schon hinsichtlich des bereits Erreichten ließen sich die Diskutanten nicht auf einen gemeinsamen Nenner brin- gen. „Wir haben erreicht, dass die Größe des Problems er- kannt wurde“, bilanzierte Dr. Roland Bernecker, der Gene- ralsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission. „Die UN-Dekade hat nicht ge- schafft, was wir erhofft hat- ten“, hielt Peter Hubertus vom Bundesverband Alphabetisie- rung und Grundbildung dage- gen. Während es auf poli- tischer Ebene bei den Inte- grationskursen klare Zuständigkeiten gebe, hinke man dem mit der Alphabetisierung und Grundbildung noch ein ganzes Stück hinterher. „Da gilt es Lösungen zu finden und klare Ziele zu definieren“, forderte Hubertus. Grundlage dafür könne aber nur sein, dass in Deutschland ein Klima herrscht, das den Problemkomplex regie- tagung "weiterbildung im dialog", un-weltdekade zur alphabetisierung, estrel berlin-neuköllnrungsunabhängig als Langzeitaufgabe be- greift.“ Das sei aber insbesondere in der Politik auf Länderebene noch nicht ange- kommen.

Letzteres wollte Rudolf Hahn nicht bestä-tigen. Der Leiter der Volkshochschule Trier ist Initiator eines Alpha-Bündnisses in sei- ner Stadt, das – ebenso wie das Alpha-Bündnis Neukölln – auf die Vernetzung aller vom Kontakt mit funktionalen An-Alpha- beten tangierten Einrichtungen setzt: „Zu unseren Unterstützern zählen alle relevanten Parteien, und als Schirmherr konnten wir den Trierer Oberbürgermeister gewinnen.“ Das sei auch nötig, um das Thema dauerhaft in den lokalen Medien platzieren zu können. „Leider ist es uns nicht gelungen, das bundesweit zu schaffen“, bedauerte Ulrich Aengenvoort, der Direktor des Deutschen Volkshochschul-Verbands: „Warum hat es einen Pisa-Schock gegeben, aber keinen Alpha-Schock?“ Die dramatischen Zahlen seien schließlich hinlänglich bekannt. Ob die meist nur strohfeuerartige Be- tagung "weiterbildung im dialog", un-weltdekade zur alphabetisierung, estrel berlin-neuköllnrichterstattung der Tatsache geschul- det sei, dass für Alphabetisierungs- und Grundbildungsdefizite im Gegen- satz zu den Pisa-Ergebnissen kein eindeutiger Schuldiger dingfest ge- macht werden könne, frage er sich. Sind die Schulen und das Bildungs- system für die Misere verantwortlich? Ist es die Gesellschaft? Oder liegt die Schuld bei jedem Betroffenen selber?

Erwiesen ist, dass die hohe Zahl funktionaler An-Alphabeten, die folglich auch die Standards der Grundbildung nicht erreichen können, zu massiven Problemen führt. Auch in den volks- und privatwirtschaftlichen Bereich hinein. Mehr als die Hälfte der Betroffenen sind – trotz meist fehlender Berufsausbildung – nach einer Erhebung vom Alphabund erwerbstätig und verrichten einfache manuelle Tä- tigkeiten. Spezielle Weiterbildungen gebe es für sie jedoch kaum. „Was wir brauchen, sind passgenaue Angebote, die An-Alphabeten das Lernen in der eigenen Lebens- tagung "weiterbildung im dialog", un-weltdekade zur alphabetisierung, estrel berlin-neuköllnwelt ermöglicht“, appelliert denn auch Dr. Simone C. Ehmig, die das Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen leitet. Dafür müssten Lerner in die Konzeptionen eingebun- den werden. Zudem, weiß Ehmig, spiele der Peer-Gedanke in der Grup- pe der Betroffenen eine große Rolle, will heißen: Ehemalige An-Alphabeten, die sich erst als Erwachsene das Lesen und Schreiben aneignen, sind als Vorbilder mit Motivationsfaktor nicht zu unterschätzen.

Davon, dass die Themen Alphabetisierung und Grundbildung als bewältigt ad acta gelegt werden können, ist Deutschland – so die einhellige Meinung der Diskutanten – noch weit entfernt. Nicht einig waren sich die Experten auf dem Podium aber darüber, ob es sinnvoll wäre, nun eine nationale an die globale Dekade zu hängen.

=ensa=

Was ist ein Wort? Warum schreibt man nicht „NT“ statt „Ente“? Wie finde ich etwas im Lexikon?

Der Weltalphabetisierungstag ist zwar erst morgen, aber in Neukölln beim Lesen und Schreiben e. V. wird schon heute an ihn erinnert. Gefeiert wird er nicht, denn dazu gibt weltalphabetisierungstag, tag der offenen tür, lesen und schreiben e.v. berlin-neuköllnes wahrlich keinen Grund angesichts 7,5 Millionen Volljähriger unter 65, die laut Level-One Studie (leo) in Deutschland leben und als funktionale An-Alphabeten ihren Alltag meistern. Die bestenfalls einfachste Sätze lesen und oft nur wenige Wörter schreiben können. Dass  58 Prozent der 7.500.000 Menschen mit Deutsch als Muttersprache aufwuchsen, ist ein weiterer alar- mierender Fakt, den die Studie zur Literalität aufdeckte.

In Berlin, schätzt man, liegt die Zahl der funktionalen An-Alphabeten bei 300.000 – das heißt: etwa jeder elfte erwachsene Hauptstädter kann mit dem, was ihn hinter der Tür zur Welt des Schriftsprachlichen erwartet, nur wenig bis gar nichts anfangen. Ob das Defizit vom Umfeld  unentdeckt bleibt oder bemerkt wird, hängt einerseits von der Geschicklichkeit des Betroffenen ab, andererseits aber auch von der Sensibilität des Gegenübers für die Problemlage. Schließlich lässt sich An-Alphabetismus nicht wie ein Schnupfen an der triefenden Nase oder ein ver- knackster Knöchel am Humpeln erkennen. Und es gibt auch keine Checkliste mit 10 Punkten, die man nur abgleichen muss, um zu wissen: Aha, das ist einer von denen, alphabetisierung, alpha-bündnis neuköllndie nicht/kaum lesen und schreiben können.

Auch Siggi, der in Nordrhein-West- falen aufwuchs und lebte, bis er nach Berlin kam, mogelte sich lange durch. Dass er irgendwann beim Arbeitsamt auf eine Sachbearbeiterin stieß, die ahnte, welches Problem er hat, und ihn auf die gangtägigen Alphabetisierungskurse beim Lesen und Schreiben e. V. aufmerksam machte, sei sein großes Glück gewesen, sagt er. Überzeugt, dass ein VHS- Lehrgang, bei dem in Abendkursen in der Kindheit versäumter Stoff nachgeholt wird, lesen und schreiben e.v. neukölln, alphabetisierung, grundbildungnichts für ihn gewesen wäre.

Heute ist Siggi  Botschafter für Alpha-betisierung und quasi beratend dabei, wenn sich das  Alpha-Bündnis Neukölln  zum Plenum trifft. Vorrangige Ziele des Projektes, das unter der Schirmherrschaft von Bildungsstadträtin Franziska Giffey steht, sind die  interdisziplinäre Vernetzung  im Bezirk tätiger Einrichtungen, die mit An-Alphabeten in Kontakt kommen, und die Vorbereitung von ihren Mitarbeitern auf solche Situationen. Sprich: Es geht um das Erkennen, es mit Menschen mit eklatanten Literalitätslücken zu tun zu haben und deren Vermittlung in Alpha- lus lesen und schreiben e.v. berlin-neukölln, alphabetisierung und grundbildungbetisierungskurse. Doch es ist nicht das Erlernen des Lesens und Schrei- bens allein, auf dem das Augenmerk liegt. „Es geht ganz grundsätzlich um die Förderung der Grundbildung der Betroffenen“, hält Theresa Hamilton fest, die das Projekt gemeinsam mit Claire Paturle-Zynga leitet. Erst das Gesamtpaket aus Alphabetisierung, Allgemeinbildung, mathematischer, personaler, methodischer, digitaler sowie sozialer Kompetenz ermögliche eine angemessene Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Damit, dass die Einen lernen und ihre Fähigkeiten auf Vordermann bringen, ist es allerdings nicht getan. Auch die Gesellschaft um sie herum ist gefordert. Die  Igno- ranz für das Thema An-Alphabetismus aufzugeben, wäre ein erster Schritt, sind sich die Betroffenen einig.

=ensa=

Auf keinem guten Weg

„So leer war es noch nie bei einem Parkgespräch“, konstatiert Heidi Göbel. Nicht mal die Hälfte der Stühle fürs Publikum ist vor der Pause besetzt, nach der Pause haben sich die Reihen noch wei- ter gelichtet. Göbel, die die Talkreihe im Körnerpark mit Martin Steffens mode- riert, vermutet, dass die Parallelität verschiedener anderer Veranstaltungen im Umkreis weniger Minuten Fußweg Ursache für den bescheidenen Zuspruch ist. Bei der Planung fürs nächste Jahr müssten sie darauf achten Termine zu finden, an denen nichts anderes los ist, sagt Heidi Göbel. Ihr Kollege Tasin Özcan, für die Technik und die Bewirtung des Publikums zuständig, äußerst Bedenken, ob es einen solchen Termin überhaupt geben wird. Außerdem: Vorherige Parkgespräche waren gut besucht, obwohl auch sie nicht bar jeglicher Konkurrenz über die Bühne gingen.

Gut möglich, dass das relative Desinteresse am Thema selbst oder daran lag, wie es auf Plakaten und Flyern angekündigt wurde: „Literatur in Neukölln“. War das doch ein zu nüchterner Titel für eine Materie, die ohnehin entweder interessiert oder eben nicht? Fehlte manchem potenziellen Besucher angesichts der Runde der Disku- parkgespräche neukölln, martin steffens, kazim erdogan, gunnar kunz, hanna baynetanten womöglich die Aussicht auf verbale Kontroversen?

Zweifellos, auf dem Podium saßen – flankiert von Martin Stef- fens (l.) und Heidi Göbel – drei, die sich im Bereich der Literatur, in Neukölln oder bei beidem auskennen: Hanna Bayne (r.) leitet das Sprach- und Lern- zentrum der Neuköllner Stadt- bibliothek, Gunnar Kunz (M.) ist Schriftsteller und wohnte von 1987 bis 1997 in Neukölln und   Kazim Erdogan (2. v. l.) rief das Erfolgsprojekt „Woche der Sprache und des Lesens“ ins Leben, arbeitet im Norden des Bezirks und wohnt im Süden Neuköllns. Die Literaturaffinität kann also durchaus als ihr gemeinsamer Nenner bezeichnet werden, die Werbung für das eigene Tun stellte sich als weiterer heraus.

Bei Hanna Bayne offenbarte es sich in einer so starken Ausprägung, dass sie bereits bei der Einstiegsfrage „Warum ist das Lesen wichtig?“ weitestgehend an der Frage vorbei antwortete. Kunz gab zu, schon als Kind Bücher verschlungen zu haben, und Erdogan erklärte Bücher zum Reichtum der Menschheit und wichtigsten Kommunikationsmittel. Dafür, dass die Runde sich wieder weit vom Thema Literatur entfernte, sorgte das von Karteikarten gegeißelte Moderatoren-Duo mit der Anschlussfrage. „Wie sieht Ihr Schreibtisch aus?“, wollte es erfahren – und mehr noch, ob auf dem auch ein PC stehe.

Danach durfte die Bibliothekarin (dienstlicher Schreibtisch „sehr organisiert“ und mit PC, häuslicher Schreibtisch „anders“) von ihrem Arbeitsalltag berichten, der vor allem aus der Vermittlung von Medien an Schüler der Jahrgangsstufen 7 bis 12 bestehe. Hauptsächlich gehe es dabei um Literatur für die Schule, privat werde von Jugendlichen „eindeutig zunehmend weniger“ gelesen, so Bayne. Die Bibliothek versuche den Trend jedoch auch durch ein belletristisches Angebot mit Büchern für Leseungewohnte zu bremsen, mit Büchern über brisante Themen in Großschrift. parkgespräche - talk im körnerpark, neukölln, kazim erdogan, gunnar kunz, hanna bayneKinder würden bereits ab dem Kita-Alter durch verschiedene Projekte und Aktionen an das Lesen herangeführt.

Um das Schaffen von Mög- lichkeiten zur Begegnung mit Literarischem geht es auch Ka- zim Erdogan (Büro-Schreibtisch „schlimm, obwohl ich eigentlich ein sehr ordentlicher Mensch bin“) mit seiner „Woche der Sprache und des Lesens“. 2006 fand sie erstmals in Neukölln statt und soll im nächsten Jahr auf ganz Berlin ausgeweitet werden. Das Besondere des Events sei, dass es von der Basis organisiert werde und ein Programm biete, das Menschen aller Altersgruppen und Herkunftsländer anspreche: Autoren mit Vorbildpotenzial lesen in Schulen oder auf öffentlichen Plätzen, Vorleser in Bussen, Wartezimmern und an anderen ungewöhnlichen Orten aus Werken verschiedenster literarischer Genres. Um eine Wertschätzung der Sprachenvielfalt in der Stadt gehe es dabei selbstverständlich auch. „Deutsch“, sagt Erdogan, „ist aber definitiv die Erstsprache.“ Wie überaus wichtig eine gemeinsame Sprache ist, das erlebe er ständig: „Und ich selber habe es sehr unmittelbar erfahren, als ich 1974 – ohne ein Wort Deutsch zu können – aus der Türkei nach Deutschland einreiste.“

Einer Frage an Gunnar Kunz (Schreibtisch im Arbeitszimmer „extrem aufgeräumt“) soll die Maschen um das Thema „Literatur in Neukölln“ wieder etwas enger ziehen. Die, wie denn die Vernetzung der Neuköllner Literaturszene in den 1980er- und 1990er-Jahren gewesen sei, taugt dafür nur bedingt. Er habe nicht viel mit der Szene zu tun gehabt, sagt Kunz. Auf die Frage nach seinem Alltag als Literat hat er mehr zu erzählen: Der sei sehr strukturiert und teile sich in die Kreativarbeit in der ersten und Recherchen sowie Organisatorisches in der zweiten Tageshälfte. „Für mich ist die Schriftstellerei der schönste Beruf der Welt“, sagt Gunnar Kunz – auch vor dem Hintergrund zu denen zu gehören, die davon leben kön- nen. Ob es von dem Krimi-Autor auch irgendwann ein lustiges Neukölln-Buch à la Uli Hanne- mann geben wird, will Martin Steffens noch wissen. „Nö“, er- klärt der 50-Jährige, „das inte- ressiert mich nicht.“

„Was wünschen Sie dem Nor- den Neuköllns literarisch?“ lau- tet die Frage, mit der die dritte Ausgabe der Parkgespräche in Richtung Pause trudelt. „Wir sind auf einem guten Weg“, findet Kunz und lobt die „total interessanten“ Fragen, die Jugendliche ihm oft bei Lesungen stellen. Hanna Baynes Wünsche zielen in erster Linie auf den Umgang der Neuköllner mit der Bibliothek: „Mehr Selbst- verständnis, sie zu benutzen, wäre schön.“ Kazim Erdogan wünscht sich Akzeptanz und Anerkennung, aber auch Beschämung, zum Beispiel angesichts der hohen Analphabeten-Quote. Das bringt ihm Applaus ein.

Nach der Pause verrät Erdogan noch, dass er momentan das Wowereit-Buch liest und demnächst selber unter die Autoren gehen wird. Er habe das Angebot eines Verlags angenommen, der ein Buch zum Thema Integration von ihm veröffentlichen möchte. Insofern schließt sich der Kreis um das Thema „Literatur in Neukölln“ dann doch wieder.  Hätten Schriftsteller, die aktuell in Neukölln leben, oder Inhaber kleiner Neuköllner Buchhandlungen auf dem Podium gesessen, hätte das Publikum dieses Erlebnis höchstwahrscheinlich öfter haben können. Moderatoren, die sich statt für das Oder für Fisch oder Fleisch entschieden hätten, wären auch von Vorteil gewesen.

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Von der grauen Maus zum Rebell

Irgendwann war er da: Der Moment, in dem Frauke beschloss, dass sich in ihrem Leben etwas ganz Entscheidendes ändern muss. „Ich wollte einfach nicht mehr von anderen abhängig sein, wenn es darum geht, etwas lesen oder schreiben zu müs- sen“, sagt sie. Natürlich habe sie es in der Schule gelernt, aber eben nicht richtig, und im Laufe der Jahrelus lesen und schreiben e.v., alphabetisierung, neukölln, aktionsbündnis alphabetisierung grundbildung neukölln hätten sich die Defizite immer weiter ver- festigt. So lange, bis irgend- wann nur noch Unsicherheit, Scham und Minderwertigkeits- gefühle übrig waren. „Bis vor anderthalb Jahren war ich eine graue Maus, jetzt bin ich ein Rebell“, verrät Frauke, die ei- gentlich einen anderen Vor- namen hat, schmunzelnd.

Viel Stolz darauf klingt mit, dass sie nun nicht mehr zu den – laut LEO-Studierund 316.000 Berlinern zwischen 18 und 64 Jahren gehört, die kaum oder nicht ausreichend lesen und schreiben können. In Neukölln, so die Schätzungen, gebe es mehr als 28.000 funktionale An-Alphabeten. Frauen und Männer, die sich das Aussehen von U-Bahn-Stationen einprägen müssen, um im ÖPNV vorwärts kommen zu können, die theoretische Führerscheinprüfung mündlich ablegen und sich in ihrer Parallelwelt  fern des Schriftsprachlichen irgendwie durchmogeln.

Du kannst nicht lesen und schreiben? Die Aussage „Du kannst nix“, hören lese- und lesen und schreiben e.v., alphabetisierung, analphabeten, neukölln, city vhsschreibungeübte Menschen sehr oft.

Erwachsene sind für die Schule zu alt, denkt man. Man ist nicht zu alt, um Lesen und Schreiben zu lernen. Eine Möglichkeit ist es, sich auf die Suche zu ma- chen. Da kommt man in Berlin zu „Lesen und Schreiben e. V.“. Hier sehen uns Mitarbeiter nicht als dumm an. Sie machen einen Schreibtest, was wir vom Schreiben so noch wissen. Die erste Stunde hat man geschafft. Es ist nicht leicht, sich an die Stunden mit Rechnen, Schreiben und Lesen zu gewöhnen, wenn man das all die Jahre seinen Kindern überlassen hat.

Die Holzwerkstatt, der Garten, der PC, das alles gehört auch zum Tag im Verein. Mit Holz arbeiten macht Spaß. Der Garten ist im Sommer und im Herbst was Gutes. Auch dort ist das Lesen und Schreiben angesagt, wie in der Holzwerkstatt. So lernt man auch Lesen und lesen und schreiben e.v., alphabetisierung, analphabeten, neuköllnSchreiben. Rechnen ist mit acht Stunden in der Woche dabei. Rechnen ist für die Holzwerkstatt wichtig.

Die ersten zwei Wochen waren die Hölle für mich. Das frühe Aufstehen, das lange Lernen, einen Text lesen oder schreiben war nicht so einfach. Der Garten ist eine Abwechslung zum Un- terricht, so wie die Holzwerkstatt. Pause haben wir auch: 20 Minuten Frühstück, Mittagessen gibt es um 12 Uhr. Donnerstags ist eine Sitzung. An diesem Tag können wir nach der 4. Stunde unsere Termine erledigen.

Die Angst zu versagen wurde kleiner, wir lernten uns besser kennen, die Gruppe wuchs zusammen.

Frauke war seit gut einem Monat beim Verein Lesen und Schreiben, als sie diesen Text mit tatkräftiger Unterstützung  und aufmerksamem Korrektorat zu Papier brachte. „Heute“, sagt sie, „würde er ganz anders aussehen.“ Nicht vom Inhalt her, doch die Formulierungen wären geschliffener, die Übergänge runder. Sie habe eben viel gelernt in den 1 1/2 Jahren Alphabetisierungsunterricht – nicht nur über den Umgang mit Sprache, sondern auch über den mit anderen Menschen und sich selber.

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