40 finanzierte Lernerplätze für etwa 28.000 Neuköllner Analphabeten

Lange stand das Alpha-Bündnis Neukölln, das durch seine Netzwerkarbeit für Alphabetisierung und Grundbildung ganz praktisch Menschen hilft, die Schwierigkeiten mitwehinger dem Lesen und Schreiben haben, selbst vor einer ungewissen Zukunft, doch seit September hat das Helferbündnis eine neue Projektkoordinatorin, und im Oktober fand wieder ein Netzwerktreffen statt.

„Ich wünsche mir, dass hier alle Fäden zusammen laufen“, sagt Ida Wehinger (r.), die an ihrem Computer im Büro der GesBiT mbH in der Karl-Marx-Straße 122 sitzt. Die Pädagogin und Erziehungswissenschaftlerin arbeitet als Netzwerkkoordinatorin für das Alpha-Bündnis Neukölln mit Weiterlesen

Lernen, dass das Lernen auch Spaß machen kann: 30 Jahre Alphabetisierung in Neukölln

1_30 jahre lesen +schreiben ev neuköllnDer Begegnung zweier Frauen ist es zu verdanken, dass letzten Freitag in Neukölln ein rundes Jubiläum gefeiert 30 jahre lesen +schreiben ev neukölln_haus des älteren bürgerswerden konnte: Eine der beiden war An-Alphabetin und zur Meisterin des Ver- tuschens geworden – bis sie das Leiden unter ihrem Defizit nicht mehr aushielt und sich das Leben nahm. Die andere heißt Marie-Luise Oswald, studierte damals, in den 1970er Jahren, Päda- gogik und kam durch die Verzweiflungstat der anderen Frau zu einer Lebensaufgabe: Die, Menschen zu helfen, die nicht lesen und schreiben können.

1980 erstellte Oswald als Co-Autorin für das Bundesmi- nisterium für Bildung und Wissenschaft eine der ersten Studien zur Alphabetisie- rung in Deutschland. 1983 gründete sie zusammen mit anderen in Neukölln den Verein  Lesen und Schreiben  (LuS e. V.), der sich seitdem dafür Weiterlesen

Vier Lesungen und drei Lebenspremieren

text thomas_lus neuköllnThomas ist nervös, immer wieder guckt er sich den Text an, den er selber geschrieben hat und gleich vortragen soll. „Das hier“, sagt er, „ist schon ganz warthe-mahl_neuköllnanders als sonst.“ Sonst ist alles vertrauter, die Menschen und die Umgebung. Hier im Warthe-Mahl ist Thomas noch nie zuvor gewesen, und von den etwa 40 Leuten, die gekommen sind, um ihm und sechs weiteren Teilnehmern der LuS-Schreibwerkstatt zuzuhören, kennt er etliche nicht. Außerdem hat er das Vorlesen in letzter Zeit etwas vernachlässigt. Das zerrt nun alles schreibwerkstatt-gruppe_LuS Neuköllnan den Nerven des Mannes, der sich erst als Erwachsener an das Beherr- schen des Schriftsprachlichen heran- tastete.

Für Siggi, Kay und Enrico, drei andere aus der Gruppe, für die die öffent- liche Lesung zugleich eine Lebens- premiere bedeutet, ist die Situation noch strapaziöser. Auch wenn es ihnen weniger anzumerken ist, weil eben jeder anders mit Stress umgeht. „Das ist für sie so, als wenn wir auf eine Bühne vor 500 Leuten gestellt werden und dann einen Vortrag über ein Thema halten müssen, mit dem wir uns eher wenig auskennen“, veranschaulicht die beim Neuköllner Alphabetisierungsverein Lesen und Schreiben (Lus) tätige Diplompädagogin Ingan Küstermann.

daniel+klaus_lus neuköllnZuerst stellt sich Daniel an der Seite des ehrenamtlichen Schreibwerkstatt-Betreuers Klaus (r.) der Herausforderung. Der schlaksige, junge Mann ist ein großer Fan Presley-Fan und so handelt auch seine Geschichte „Elvis ist Elvis“ vom thomas+klaus_lus neuköllnLeben des King of Rock ’n‘ Roll.

Danach ist Thomas dran. Er wechselt sich beim Vor- lesen seiner Erlebnisse bei den „Olympics in Mün- chen“ mit Klaus ab. Dass er nicht nur ein Fußball-Fan ist, sondern selber im Tor steht, hat ihn im letzten Jahr zu den Special Olympics, dem Sportevent für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung, in die bayerische Landeshauptstadt geführt. Was er nicht aufgeschrieben hat, erzählt er stolz: Zum Beispiel, dass er Teamchef der Kicker-Elf war, und dass er – der ehemalige funktionale An-Alphabet – bereits zwei Bücher mit jetta_lus neuköllnGeschichten gefüllt hat, die nun in der Neuköllner Stadtbibliothek ausgeliehen werden können.

Jetta macht es kürzer. Ihre Einführung in das, was sie anschließend vorträgt, dauert fast länger als ihre Lesung mit dem Titel „Letztens haben wir gereimt!“. Manchmal, warnt sie schmunzelnd, würden die Reime zwar inhaltlich keinen Sinn machen, aber dafür würde siggi_lus neuköllnsich alles reimen. Zudem wird ihr Spaß am spielerischen Umgang mit Sprache mehr als deutlich.

Mit Siggi, der seit 1 1/2 Jahren an der Schreib-werkstatt teilnimmt, beginnt die Serie der Lebenspremieren. Vorgelesen, sagt er, habe er schon oft, aber dass er eine eigene Geschichte vorliest, das sei das erste Mal. „Der Herbst“ hat er das nachdenklich stimmende Stück genannt, das er für sein Enkelkind geschrieben hat, und in dessen Zentrum der Verkehrsunfall mit einem Kind steht.

Auch die Geschichte von Kay, die „Das Leben ist kein Ponyhof“ heißt, nimmt – wie schon der Titel vermuten lässt – eher einen melodramatischen als heiteren Verlauf. Es sei die erste, erzählt er, die er sich selbstständig ausgedacht und alleine geschrieben hat. Letzteres gilt auch für „Der Leopard und sein Freund“, eine phantasievolle Shortstory von Marcus, die von zwei Raubkatzen handelt, die auf dem Tempelhofer Feld leben. Dazu, sie auch selber vorzulesen, fehlt dem Autor noch der enrico_lus neuköllnMut. Das übernimmt Sabine, die dienstälteste Ehren- amtliche im Betreuerteam der Schreibwerkstatt.

Enrico hat die Hemmungen inzwischen abgelegt, dazu zu stehen, dass auch er zu den Lese- und Schreibschwachen bzw. funktionalen An-Alphabeten gehörte. „Allerdings“, räumt er ein, „ist es heute das erste Mal, dass ich öffentlich etwas vorlese.“ Nein, gibt er zu, von ihm selber stamme „Die Geschichte vom Blumentopf und vom Bier“ nicht. Einen sehr persönlichen Bezug hat das sehr philosophische Stück dennoch: Es endet damit, dass der Protagonist ein Bier trinken geht. „Ich geh lieber ’ne Cola trinken“, nimmt Enrico Anlauf für sein zweites Outing des Abends, „denn ich bin trockener Alkoholiker.“ Davon, dass er es ebenfalls schaffen wird, irgendwann eigene Geschichten vorzutragen, ist auszugehen.

„Kommen Sie in die Welt der Menschen, die die Schrift jeden Tag für sich neu erobern“ – mit diesem Satz hatten die Teilnehmer der Schreibwerkstatt vom Lesen und Schreiben e. V. zu ihrer Lesung eingeladen. Die stilistische und thematische Vielseitigkeit der Geschichten überraschte und beeindruckte das Publikum. Dass die Zahl der funktionalen An-Alphabeten in Neukölln auf 28.000 geschätzt wird, dürfte niemanden mehr überraschen, denn die ist längst bekannt.

=ensa=

Das Hoffen auf den Alpha-Schock

Im Neuköllner Estrel Hotel, wo Übernach-tungs- und Tagungsgästen derzeit ob des güldenen, illuminierten Adventsschmucks noch mehr Lichter als sonst aufgehen, trafen sich gestern und heute über 250 Fachleute aus Politik, Wirtschaft und Bil- dungseinrichtungen anlässlich des Ab- schlusses der UN-Weltdekade zur Alpha- betisierung zum zweitägigen Symposium „Weiterbildung im Dialog“. Bei einer hoch- karätig besetzten Podiumsdiskussion zur Halbzeit ging es um die Fragen, zu wel- chem Status quo die 2003 begonnene Weltdekade in Deutschland geführt hat und wie der künftige Umgang mit den Themen Alphabetisierung und Grundbildung  ge- staltet werden muss, um hierzulande die gesamtgesellschaftliche Situation und die der  etwa 7,5 Millionen erwachsenen Betroffenen nachhaltig verbessern zu können.

tagung "weiterbildung im dialog", un-weltdekade zur alphabetisierung, estrel berlin-neukölln

v. l.: Peter Hubertus (Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung), Ulrich Aengenvoort (Deutscher Volkshochschul-Verband), Dr. Roland Bernecker (Deutsche UNESCO-Kommission), Dr. Simone C. Ehmig (Institut für Lese- und Medienforschung, Stiftung Lesen), Rudolf Hahn (Volkshochschule Trier), Achim Himmelrath (Moderator)

Schon hinsichtlich des bereits Erreichten ließen sich die Diskutanten nicht auf einen gemeinsamen Nenner brin- gen. „Wir haben erreicht, dass die Größe des Problems er- kannt wurde“, bilanzierte Dr. Roland Bernecker, der Gene- ralsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission. „Die UN-Dekade hat nicht ge- schafft, was wir erhofft hat- ten“, hielt Peter Hubertus vom Bundesverband Alphabetisie- rung und Grundbildung dage- gen. Während es auf poli- tischer Ebene bei den Inte- grationskursen klare Zuständigkeiten gebe, hinke man dem mit der Alphabetisierung und Grundbildung noch ein ganzes Stück hinterher. „Da gilt es Lösungen zu finden und klare Ziele zu definieren“, forderte Hubertus. Grundlage dafür könne aber nur sein, dass in Deutschland ein Klima herrscht, das den Problemkomplex regie- tagung "weiterbildung im dialog", un-weltdekade zur alphabetisierung, estrel berlin-neuköllnrungsunabhängig als Langzeitaufgabe be- greift.“ Das sei aber insbesondere in der Politik auf Länderebene noch nicht ange- kommen.

Letzteres wollte Rudolf Hahn nicht bestä-tigen. Der Leiter der Volkshochschule Trier ist Initiator eines Alpha-Bündnisses in sei- ner Stadt, das – ebenso wie das Alpha-Bündnis Neukölln – auf die Vernetzung aller vom Kontakt mit funktionalen An-Alpha- beten tangierten Einrichtungen setzt: „Zu unseren Unterstützern zählen alle relevanten Parteien, und als Schirmherr konnten wir den Trierer Oberbürgermeister gewinnen.“ Das sei auch nötig, um das Thema dauerhaft in den lokalen Medien platzieren zu können. „Leider ist es uns nicht gelungen, das bundesweit zu schaffen“, bedauerte Ulrich Aengenvoort, der Direktor des Deutschen Volkshochschul-Verbands: „Warum hat es einen Pisa-Schock gegeben, aber keinen Alpha-Schock?“ Die dramatischen Zahlen seien schließlich hinlänglich bekannt. Ob die meist nur strohfeuerartige Be- tagung "weiterbildung im dialog", un-weltdekade zur alphabetisierung, estrel berlin-neuköllnrichterstattung der Tatsache geschul- det sei, dass für Alphabetisierungs- und Grundbildungsdefizite im Gegen- satz zu den Pisa-Ergebnissen kein eindeutiger Schuldiger dingfest ge- macht werden könne, frage er sich. Sind die Schulen und das Bildungs- system für die Misere verantwortlich? Ist es die Gesellschaft? Oder liegt die Schuld bei jedem Betroffenen selber?

Erwiesen ist, dass die hohe Zahl funktionaler An-Alphabeten, die folglich auch die Standards der Grundbildung nicht erreichen können, zu massiven Problemen führt. Auch in den volks- und privatwirtschaftlichen Bereich hinein. Mehr als die Hälfte der Betroffenen sind – trotz meist fehlender Berufsausbildung – nach einer Erhebung vom Alphabund erwerbstätig und verrichten einfache manuelle Tä- tigkeiten. Spezielle Weiterbildungen gebe es für sie jedoch kaum. „Was wir brauchen, sind passgenaue Angebote, die An-Alphabeten das Lernen in der eigenen Lebens- tagung "weiterbildung im dialog", un-weltdekade zur alphabetisierung, estrel berlin-neuköllnwelt ermöglicht“, appelliert denn auch Dr. Simone C. Ehmig, die das Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen leitet. Dafür müssten Lerner in die Konzeptionen eingebun- den werden. Zudem, weiß Ehmig, spiele der Peer-Gedanke in der Grup- pe der Betroffenen eine große Rolle, will heißen: Ehemalige An-Alphabeten, die sich erst als Erwachsene das Lesen und Schreiben aneignen, sind als Vorbilder mit Motivationsfaktor nicht zu unterschätzen.

Davon, dass die Themen Alphabetisierung und Grundbildung als bewältigt ad acta gelegt werden können, ist Deutschland – so die einhellige Meinung der Diskutanten – noch weit entfernt. Nicht einig waren sich die Experten auf dem Podium aber darüber, ob es sinnvoll wäre, nun eine nationale an die globale Dekade zu hängen.

=ensa=

Was ist ein Wort? Warum schreibt man nicht „NT“ statt „Ente“? Wie finde ich etwas im Lexikon?

Der Weltalphabetisierungstag ist zwar erst morgen, aber in Neukölln beim Lesen und Schreiben e. V. wird schon heute an ihn erinnert. Gefeiert wird er nicht, denn dazu gibt weltalphabetisierungstag, tag der offenen tür, lesen und schreiben e.v. berlin-neuköllnes wahrlich keinen Grund angesichts 7,5 Millionen Volljähriger unter 65, die laut Level-One Studie (leo) in Deutschland leben und als funktionale An-Alphabeten ihren Alltag meistern. Die bestenfalls einfachste Sätze lesen und oft nur wenige Wörter schreiben können. Dass  58 Prozent der 7.500.000 Menschen mit Deutsch als Muttersprache aufwuchsen, ist ein weiterer alar- mierender Fakt, den die Studie zur Literalität aufdeckte.

In Berlin, schätzt man, liegt die Zahl der funktionalen An-Alphabeten bei 300.000 – das heißt: etwa jeder elfte erwachsene Hauptstädter kann mit dem, was ihn hinter der Tür zur Welt des Schriftsprachlichen erwartet, nur wenig bis gar nichts anfangen. Ob das Defizit vom Umfeld  unentdeckt bleibt oder bemerkt wird, hängt einerseits von der Geschicklichkeit des Betroffenen ab, andererseits aber auch von der Sensibilität des Gegenübers für die Problemlage. Schließlich lässt sich An-Alphabetismus nicht wie ein Schnupfen an der triefenden Nase oder ein ver- knackster Knöchel am Humpeln erkennen. Und es gibt auch keine Checkliste mit 10 Punkten, die man nur abgleichen muss, um zu wissen: Aha, das ist einer von denen, alphabetisierung, alpha-bündnis neuköllndie nicht/kaum lesen und schreiben können.

Auch Siggi, der in Nordrhein-West- falen aufwuchs und lebte, bis er nach Berlin kam, mogelte sich lange durch. Dass er irgendwann beim Arbeitsamt auf eine Sachbearbeiterin stieß, die ahnte, welches Problem er hat, und ihn auf die gangtägigen Alphabetisierungskurse beim Lesen und Schreiben e. V. aufmerksam machte, sei sein großes Glück gewesen, sagt er. Überzeugt, dass ein VHS- Lehrgang, bei dem in Abendkursen in der Kindheit versäumter Stoff nachgeholt wird, lesen und schreiben e.v. neukölln, alphabetisierung, grundbildungnichts für ihn gewesen wäre.

Heute ist Siggi  Botschafter für Alpha-betisierung und quasi beratend dabei, wenn sich das  Alpha-Bündnis Neukölln  zum Plenum trifft. Vorrangige Ziele des Projektes, das unter der Schirmherrschaft von Bildungsstadträtin Franziska Giffey steht, sind die  interdisziplinäre Vernetzung  im Bezirk tätiger Einrichtungen, die mit An-Alphabeten in Kontakt kommen, und die Vorbereitung von ihren Mitarbeitern auf solche Situationen. Sprich: Es geht um das Erkennen, es mit Menschen mit eklatanten Literalitätslücken zu tun zu haben und deren Vermittlung in Alpha- lus lesen und schreiben e.v. berlin-neukölln, alphabetisierung und grundbildungbetisierungskurse. Doch es ist nicht das Erlernen des Lesens und Schrei- bens allein, auf dem das Augenmerk liegt. „Es geht ganz grundsätzlich um die Förderung der Grundbildung der Betroffenen“, hält Theresa Hamilton fest, die das Projekt gemeinsam mit Claire Paturle-Zynga leitet. Erst das Gesamtpaket aus Alphabetisierung, Allgemeinbildung, mathematischer, personaler, methodischer, digitaler sowie sozialer Kompetenz ermögliche eine angemessene Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Damit, dass die Einen lernen und ihre Fähigkeiten auf Vordermann bringen, ist es allerdings nicht getan. Auch die Gesellschaft um sie herum ist gefordert. Die  Igno- ranz für das Thema An-Alphabetismus aufzugeben, wäre ein erster Schritt, sind sich die Betroffenen einig.

=ensa=

„villen dank für ihr versetenis“

Die Chance, täglich mit mindestens einem von ihnen zu sprechen, ist rein rech- nerisch selbst bei einem nicht übermäßig ausgeprägten Kommunikationsgebaren lesen und schreiben e.v., neukölln,weltalphabetisierungstag, aktionsbündnis alphabetisierung und grundbildung neuköllngroß: Über 316.000 Berliner gehören zu denen, die nicht oder nicht aus- reichend lesen und schreiben kön- nen, die totale oder funktionale An- Alphabeten sind. Das ist knapp jeder zehnte Hauptstädter. In Neukölln  sind mindestens 28.000 Erwachsene be- troffen. Über sie wird jedoch eher sel- ten gesprochen.

Einmal im Jahr, am Weltalphabeti- sierungstag, der heute sein 45. Jubi- läum feiert, ist das anders. Danach flaut das öffentliche Interesse an Menschen wie Frauke und ihrem Alltag meist rasch wieder ab – die Probleme, die nicht nur die Betroffenen sondern auch die Gesellschaft an sich tangieren, aber bleiben.

Anlässlich des Weltalphabetisierungstags lädt der Neuköllner Verein Lesen und Schreiben heute von 14.30 bis 18 Uhr zum Tag der offenen Tür ein. Eine gute Gelegenheit, sich über Alphabetisierungsangebote sowie das von LuS e. v. und Lokale Agenda 21 initiierte Aktionsbündnis Alphabetisierung und Grundbildung Neukölln zu informieren, das auch vom FACETTEN-Magazin ausdrücklich unterstützt wird.

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Von der grauen Maus zum Rebell

Irgendwann war er da: Der Moment, in dem Frauke beschloss, dass sich in ihrem Leben etwas ganz Entscheidendes ändern muss. „Ich wollte einfach nicht mehr von anderen abhängig sein, wenn es darum geht, etwas lesen oder schreiben zu müs- sen“, sagt sie. Natürlich habe sie es in der Schule gelernt, aber eben nicht richtig, und im Laufe der Jahrelus lesen und schreiben e.v., alphabetisierung, neukölln, aktionsbündnis alphabetisierung grundbildung neukölln hätten sich die Defizite immer weiter ver- festigt. So lange, bis irgend- wann nur noch Unsicherheit, Scham und Minderwertigkeits- gefühle übrig waren. „Bis vor anderthalb Jahren war ich eine graue Maus, jetzt bin ich ein Rebell“, verrät Frauke, die ei- gentlich einen anderen Vor- namen hat, schmunzelnd.

Viel Stolz darauf klingt mit, dass sie nun nicht mehr zu den – laut LEO-Studierund 316.000 Berlinern zwischen 18 und 64 Jahren gehört, die kaum oder nicht ausreichend lesen und schreiben können. In Neukölln, so die Schätzungen, gebe es mehr als 28.000 funktionale An-Alphabeten. Frauen und Männer, die sich das Aussehen von U-Bahn-Stationen einprägen müssen, um im ÖPNV vorwärts kommen zu können, die theoretische Führerscheinprüfung mündlich ablegen und sich in ihrer Parallelwelt  fern des Schriftsprachlichen irgendwie durchmogeln.

Du kannst nicht lesen und schreiben? Die Aussage „Du kannst nix“, hören lese- und lesen und schreiben e.v., alphabetisierung, analphabeten, neukölln, city vhsschreibungeübte Menschen sehr oft.

Erwachsene sind für die Schule zu alt, denkt man. Man ist nicht zu alt, um Lesen und Schreiben zu lernen. Eine Möglichkeit ist es, sich auf die Suche zu ma- chen. Da kommt man in Berlin zu „Lesen und Schreiben e. V.“. Hier sehen uns Mitarbeiter nicht als dumm an. Sie machen einen Schreibtest, was wir vom Schreiben so noch wissen. Die erste Stunde hat man geschafft. Es ist nicht leicht, sich an die Stunden mit Rechnen, Schreiben und Lesen zu gewöhnen, wenn man das all die Jahre seinen Kindern überlassen hat.

Die Holzwerkstatt, der Garten, der PC, das alles gehört auch zum Tag im Verein. Mit Holz arbeiten macht Spaß. Der Garten ist im Sommer und im Herbst was Gutes. Auch dort ist das Lesen und Schreiben angesagt, wie in der Holzwerkstatt. So lernt man auch Lesen und lesen und schreiben e.v., alphabetisierung, analphabeten, neuköllnSchreiben. Rechnen ist mit acht Stunden in der Woche dabei. Rechnen ist für die Holzwerkstatt wichtig.

Die ersten zwei Wochen waren die Hölle für mich. Das frühe Aufstehen, das lange Lernen, einen Text lesen oder schreiben war nicht so einfach. Der Garten ist eine Abwechslung zum Un- terricht, so wie die Holzwerkstatt. Pause haben wir auch: 20 Minuten Frühstück, Mittagessen gibt es um 12 Uhr. Donnerstags ist eine Sitzung. An diesem Tag können wir nach der 4. Stunde unsere Termine erledigen.

Die Angst zu versagen wurde kleiner, wir lernten uns besser kennen, die Gruppe wuchs zusammen.

Frauke war seit gut einem Monat beim Verein Lesen und Schreiben, als sie diesen Text mit tatkräftiger Unterstützung  und aufmerksamem Korrektorat zu Papier brachte. „Heute“, sagt sie, „würde er ganz anders aussehen.“ Nicht vom Inhalt her, doch die Formulierungen wären geschliffener, die Übergänge runder. Sie habe eben viel gelernt in den 1 1/2 Jahren Alphabetisierungsunterricht – nicht nur über den Umgang mit Sprache, sondern auch über den mit anderen Menschen und sich selber.

=ensa=