Neukölln funkt S.O.S.

Rund 60.000 Besucher zählten die knapp 300 Veranstaltungsorte im letzten Jahr bei der 16. Auflage von 48 Stunden Neukölln. Seitdem hat das Kunstfestival abgespeckt: Diesmal sind es nur noch 220 Locations mit 385 Events, die am Wochenende die Potenziale der Kreativszene zeigen – und deren Sicht auf das Thema „S.O.S. – Kunst rettet die Welt“. Die zentrale Ausstellung ist abermals in den Neukölln Arcaden: Dort

48 stunden neukölln

sind Werke von 24 Künstlern zu sehen und wird morgen um 19 Uhr das Festival- programm von Bezirksbürgermeisterin Giffey und Kulturstadtrat Rämer eröffnet. Dann liegt das Opening des Ablegers Junge Kunst NK  bereits acht Stunden zurück, und an dessen Festivalbeitrag  „Es ist eine Wand“  wird schon ab 9 Uhr morgens gearbeitet.

Coaching für den Weg ins und die Zeit im Rampenlicht

hardy kistner_theaterschule rixdorf_neuköllnVor drei Jahren wurde am Neuköllner Richardplatz die Theaterschule Rixdorf eröffnet. Hardy Kistner, ihr Betreiber, bietet seitdem in den Räumen Schau-spielkurse mit verschiedenen Themenstellungen und Improtheaterkurse an, letztere einmal monatlich als Schnupperworkshop für nur 10 Euro. Zudem gibt es Coachingangebote für Führungskräfte.

Der Berliner und Anfangvierziger Kistner hat 1994 eine dreijährige Ausbildung an der privaten Fritz-Kirchhoff-Schule für Schauspiel in Berlin abgeschlossen und arbeitet seitdem im Theaterbereich. Die Berufswahl stand für ihn schon früh fest: „Ich wollte schon immer Schauspieler werden. Schon in der Schule habe ich viele Theatersachen gemacht.“ Nach der Ausbildung spielte er an verschiedenen Orten in Weiterlesen

Exkursionen zur Gegenwart und Zukunft des Reuterkiezes

punktekleben_1. kiezspaziergang_verstetigung qm reuterplatz_neuköllnSeit Januar bereitet sich das Quartiers-management (QM) Reuterplatz als erstes der 11 Neuköllner QM-Gebiete auf die Verste- tigung vor, sprich: das Ende der Gebietsför- derung durch Soziale Stadt-Mittel. Doch was bedeutet es tatsächlich, wenn die Tür des Vorortbüros in der Hobrechtstraße am 31. Dezember 2016 endgültig geschlossen wird und es dann nach 14 Jahren kein Quar- tiersmanagement mehr im Kiez zwischen Kottbusser Damm, Wildenbruchstraße und Sonnenallee gibt? Vergangenen Sonnabend lud das QM Weiterlesen

Nächstes Großereignis in Neukölln:

Einige Veranstaltungsorte des Kunstfestivals 48 Stunden Neukölln haben ihre Flag- gen  noch nicht  wieder eingeholt, da wird an einem Balkon im  Reuterkiez  schon  für

48 stunden neukölln_365 tage neukölln

das nächste Event geworben: 365 Tage Neukölln. Über 310.000 Menschen und un- zählige andere Lebewesen beteiligen sich mit ihren unkuratierten Aktionen an der multikulturellen, interdisziplinären und -generativen Mega-Veranstaltung.

Trotz Fußball-WM und Kunstfestival in Neukölln …

…  ist nicht überall  Public Viewing, wo  Sitzgelegenheiten  neben  Fernsehern stehen,

public viewing_vermüllung_neukölln streetart_unfalldokumentation_neukölln

und nicht alles  StreetArt, was mit kontrastierender  Kreide auf  Straßen gemalt wurde.

48 Stunden im Zeichen der Courage

48 h nk-festivalzentrale_neukoelln arcaden„Hier ist Kunst“. Ganz unangebracht ist dieser Hinweis nicht, denn was zunächst auf der Frei- fläche in der 1. Etage der Neukölln Arcaden auf- fällt, ist, dass dort Fußball ist. Dass hinter WM-Deko und grünem Kunstrasen, wo einst der Klamottenladen „Olymp & Hades“ eine Filiale 48 h nk-courage.zentrale_neukölln arcadenhatte, das Kunstfes- tival 48 STUNDEN NEUKÖLLN  mit sei- ner Courage.Zentrale eingezogen ist, er- schließt sich erst auf den zweiten Blick. Morgen um 19 Uhr wird hier das Festwochenende der Neuköllner Künstler- szene eröffnet, das bis Sonntagabend zum Er- kunden von etwa 300 Orten einlädt. Rund 200 davon präsentieren Kunst, die sich inhaltlich mit dem diesjährigen Festivalthema „Courage“ auseinandersetzt, weitere circa 100 Galerien und offene Ateliers zeigen als assoziierte Orte ihr Weiterlesen

Sommer-Sachen aus Neukölln – für alle Jahreszeiten

beginn der produktion_sommerkeramik berlin-neukoellnAm Anfang ist ein Klumpen, dunkelgrau, stumpf, kalt und ziemlich muffig riechend. Für Michael Sommer ist es der Stoff, aus dem die Träume sind.

Dabei dachte er zuerst, dass er eben die auf großen Bühnen verwirklichen will. „Nach dem Abitur hab ich Theaterwissenschaften an der Uni Leipzig studiert“, erzählt er. „Aber das war mir viel zu theoretisch und weltfremd.“ Also gab er den Plan, Dramaturg oder Regisseur zu werden, auf und werkstatt_michael sommer_sommerkeramik berlin-neukoellnbesann sich einer Tätigkeit, die er schon als Kind mit großer Leidenschaft hobby- mäßig betrieben hat- te: die Töpferei. Raus aus dem sauberen Uni-Alltag, rein in die Ausbildung zu einem Beruf, der – wie Ar- chäologen erforschten – seit etwa 18.000 Jahren aus- geübt wird. „Ich wollte unbedingt etwas Haptisches machen und Weiterlesen

Neues Leben auf einem alten Neuköllner Friedhof

Jetzt wird der ehemalige St. Thomas Friedhof bebaut. Wer die dort  momentan statt- findenden  Aktivitäten aus der Entfernung beobachtet, dürfte das vermuten: Ein monu-

aufbau junipark neukoelln

mentales Gerüst überragt die Bäume und Büsche am westlichen Ende des Fried- hofsgeländes, das vor nunmehr sieben Jahren geschlossen und Weiterlesen

Liebes Tagebuch!

Ist das Kunst oder kann das weg? Ja! Mit ihrem Journal à ciel ouvert, das anlässlich des Festivals 48 Stunden Neukölln entstand, wollen Hélène Pintier und Roberto Duarte nicht nur Gedanken von Anwohnern und Besuchern des Flughafenkiezes  öf-

journal a ciel ouvert_boddinplatz_neukölln journal a ciel ouvert_boddinplatz neukölln

fentlich zugänglich machen. Zugleich geht es ihnen auch um den Verfallsprozess des Tagebuchs unter freiem Himmel. Noch sind die mit Kreide auf das Pflaster vom Bod- dinplatz geschriebenen Texte gut zu lesen und könnten die Verweildauer manches Passanten auf dem Platz deutlich verlängern.

Mit dem Start im Blick ins Ziel

Rudern ist eine Kunst. Das bestätigt nicht nur die Aufnahme der 8. Ruderregatta Neu- köllner Unternehmen ins Programm des Kunstfestivals 48 Stunden Neukölln, son- dern ließ  sich gestern auch  in diversen  Könnensstufen auf  dem  Neuköllner  Schiff-

regattastrecke_8. ruderregatta neuköllner unternehmen frauen-vierer_8. ruderregatta neuköllner unternehmen halbfinale frauen_8. ruderregatta neuköllner unternehmen vierer_8. ruderregatta neuköllner unternehmen ziel_8. ruderregatta neuköllner unternehmen mixed-team moll marzipan_8. ruderregatta neuköllner unternehmen

fahrtskanal beobachten. Eindeutig aber wurde auf dem nassen Element vor dem Estrel Hotel dem Festivalthema Perspektivwechsel exzessiv gehuldigt: Denn beim Gros sportkünstlerischer Disziplinen geht es schließlich darum, vorwärts und nicht mit dem Rücken voran über die Ziellinie zu kommen.

Neukölln als Parcours für Perspektivwechsler

v. l.: Festivalleiter Dr. Martin Steffens, Auguste Kuschnerow (Kulturnetzwerk Neukölln), Kulturstadträtin Dr. Franziska Giffey, Francesco Mammone (Reihe "Kunst und Kult"), Festivalleiter Thorsten Schlenger, Andrea Klahold (Neukölln Arcaden)

v. l.: Festivalltg. Dr. Martin Steffens, Auguste Kuschnerow (Kulturnetzwerk Neukölln), Kul- turstadträtin Dr. Franziska Giffey, Francesco Mammone (Reihe „Kunst und Kult“), Festivalltg. Thorsten Schlenger, Andrea Klahold (Neukölln Arcaden)

Gutes Schuhwerk, das ist es, was Neuköllns Kulturstadträtin Dr. Fran- ziska Giffey allen empfiehlt, die sich am Wochenende auf die Spuren der Kunst im Bezirk begeben. Denn heute geht 48 Stunden Neukölln in die 15. Runde – und das bedeutet: bis Sonntagabend etwa 400 Ver- anstaltungen, die das Jahresthe- ma „Perspektivwechsel!“ umset- zen, an 250 Orten. Immerhin seien es gut 30 Prozent weniger als noch im Vorjahr, erinnert Auguste Kusch- nerow vom Kulturnetzwerk Neukölln e. V., das das Festival veranstaltet.

Verschlankt kommt es nun also daher, und das betrifft nicht ausschließlich die Zahl der Veranstaltungen und Orte. Mit „Kultur- und“ hat es den Ballast von drei Silben und einem Bindestrich abgeworfen. martin steffens_auguste kuschnerow_48 stunden neukölln-pkDas Kunstfestival 48 Stunden Neukölln heißt es jetzt nur noch“, betont Dr. Martin Steffens und geht auf weitere Neuerungen ein: Die Beiträge der Künstler sollen stärker als bisher auf das jeweilige Jahresthema konzentriert sein, und Galerien ohne speziell auf das Festival- thema zugeschnittene Ausstellungen oder Events sind künftig keine Teilnehfranziska giffey_francesco mammone_thorsten schlenger_48 stunden neukölln-pkmer mehr, die im Pro- gramm bewor- ben werden, sondern nur noch „assoziierte Orte“. So sei es im letzten Herbst bei einer Zukunftswerkstatt mit diversen Beteiligten be- schlossen worden, sagt der langjährige Festival- leiter, der – auch das ist neu – in diesem Jahr zusammen mit Thorsten Schlenger als Doppel- spitze agiert. Erklärtes Ziel sei, das relativ alte, inzwischen mehrfach kopierte Format des Festivals in eine zeitgemäße Form zu bringen, um gegenüber den Nachahmern die Nase vorne zu behalten. Dazu gehört auch ein neues Corporate Design rund um info-stand neukölln arcaden_48 stunden neuköllndas etablierte 48 Stunden Neukölln-Logo.

„Hier ist Kunst“, allgegenwärtig ist der Schriftzug derzeit im Bezirk. „Da ist Kunst“ heißt es heißt es auf den außerhalb Neu- köllns ausliegenden Orientierungsplänen. Den Effekt, dass wegen des Festivals „Menschen kommen, die sonst nicht den Weg nach Neukölln finden“, schätzt auch Franziska Giffey. Damit sie sich nicht verirren und Einheimische im Event-Overkill ebenfalls den Überblick behalten, hat das junge Neuköllner Unternehmen Quar- terland eine Festival-App entwickelt. „Mit einer Echtzeitkarte“, erklärt Torsten Fischer, „werden den Usern von Smartphones 48 stunden neukölln-pkoder Tab- lets nur Veranstaltungen angezeigt, die gerade in unmittelbarer Nähe stattfinden.“

An die Nicht-ohne-mein-Smartphone-Generation ist also gedacht – und den so genannten Silver- Agern wird in diesem Jahr erstmals eine eigene Festivalreihe gewidmet: Im Labor Urbanes Altern, das in der 1. Etage der Neukölln Arcaden ein- barbara duisberg_labor urbanes altern_neukölln arcaden_48 stunden neukölln-pkgerichtet ist, sol- len die Senioren stärker in den Fo- kus genommen und einbezogen werden. Neben einer Ausstellung der Berliner Künstlerin Barbara Duisberg gibt es Audio-Installationen, ein Medien-Center, Performances und verschiedene Projekte, die auf die Förderung des intergenerativen Dialogs ausgerichtet sind und somit zum Perspektivwechsel einladen. „Dieses Anliegen“, informiert Thorsten Schlenger, der die Reihe betreut, „wird auch bei den nächsten Festivals fortgesetzt.“ Die Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land habe bereits das Sponsoring für 2014 labor urbanes altern_48 stunden neukölln-pkund 2015 zugesagt.

Einen weiteren 48 Stunden Neukölln-Schwer- punkt schafft die Veranstaltungsreihe Kunst und Kult – Stimmen der Religionen, die von Fran- cesco Mammone kuratiert wurde. „Hier liegt der Akzent auf dem Dialog zwischen Künstlern und Gemeinden“, erklärt er. Fünf Gotteshäuser in Neukölln beteiligen sich an der Reihe, ebenso fünf Künstler: „Bei der Zuordnung war es uns wichtig, dass sie nicht der entsprechenden Glaubensgemeinschaft angehören.“ Das Ergeb- nis seien intensive, künstlerisch-religiöse Aus- einandersetzungen einer Buddhistin mit der katholischen Sankt-Clara-Gemeinde, einer Ka- tholikin mit der Sehitlik-Moschee, einer Muslima mit der Herrnhuter Brüdergemeine, eines muslimisch-katholisch sozialisierten Künstlers mit der evangelischen Gene- zareth-Gemeinde und einer Künstlerin, die im griechisch-orthodoxen Umfeld auf- geheimnisvolle tür_48 stunden neukölln-pkwuchs, mit dem Sri-Ganesha-Hindutempel.

Heute um 19 Uhr wird das Kunstfestival, im Kesselhaus der ehemaligen Kindl-Braue- rei an der Werbellinstraße eröffnet. Bis Sonntagabend kann dann, so Auguste Kuschnerow, die Sichtweise auf Fremdes geschärft und das Wechseln von Stand- orten und Perspektiven erlernt werden. Wer das mit dem 28-seitigen Programm als Wegbegleiter tun will, sollte nicht nur an gutes Schuhwerk, sondern – bei nicht mehr ganz so guten Augen – auch an die Lese- brille denken. Sonst bleibt die Sichtweise auf weite Passagen des Heftes ver- schwommen und wird das Wechseln von Standorten und Perspektiven zur echten Herausforderung.

=ensa=

Ein Altersruhesitz für Praktisches und sinnloses Schönes

birgitt claus_eßkultur berlin_neuköllnNicht nur in Deutschland, auch in Neu- kölln hat sich manches verändert seit Birgitt Claus, die Ex-Krankenschwester und spätere Lehrerin für Ernährungs-wissenschaften, das Abenteuer Selbst-ständigkeit begann und ihre Ein-Frau- Firma beim Gewerbeamt anmeldete: An diesem 1. Juni 1998 hatte man bun- desweit schriftsprachlich noch Streß, wurde geküßt oder setzte einen Schluß– punkt – und  Neukölln hatte noch eine diplomatische Vertretung am Richardplatz. Erst Jahre später gab der Rechtsanwalt im Nachbarhaus des jungen Unternehmens mit dem programmatischen Namen kultur seine Tätigkeit als Honorarkonsul von Benin auf. Nur zwei Monate später handtuch-transparent_esskultur neuköllntrat die Rechtschreibreform in Kraft, die regelte, dass das ß nach einen kurzen Vokal fortan durch ein Doppel-s zu ersetzen sei. An dem Eigennamen kultur, unter dem seit nunmehr 15 Jahren Kochkurse, Caterings, kulinarische Lesungen und Reisen veranstaltet wer- henkelmann-sammlung_eßkultur berlin_schaudepot neuköllnden, konnte das nicht rütteln.

Vor fünf Jahren sicherte sich Birgitt Claus mit der Gründung des Sammlung Esskultur e. V. auch die heutzutage orthografisch korrekte Schreibweise des Begriffs. Damals, blickt sie zurück, habe sie angefangen, Objekte zu sammeln, die die Kulturgeschichte des eröffnung_schaudepot neuköllnEssens erzählen: „Irgendwann soll mal ein richtiges Museum daraus werden.“

Bei der Feier des 15-jährigen Firmenjubi- läums legte sie mit der Eröffnung des Neu- köllner Schaudepots den Grundstein dafür. „Jahrelang mussten wir die vielen Küchen- sachen, die uns bisher gespendet wurden, im Keller aufbewahren, bis der völlig über- birgitt claus_rührbesen_schaudepot neuköllnfüllt war“, erzählt die 48-Jährige. Eine umfangreiche Henkelmänner-Kollek- tion, das auf einer Kohle- oder Gasflamme zu betreibende Backwunder, Rührutensilien unterschiedlichster Epochen, Aufbewahrungsbehältnisse, ein stromlos funktionierender kühlschrank_schaudepot neuköllnKühlschrank – all das kann nun in ebenerdigen Räumen im Hof des Firmensitzes präsentiert werden. „Früher waren das Stallungen“, sagt Birgitt Claus, immer noch glücklich darüber, dass schaudepot neukölln_sammlung esskulturihr die Stadt und Land als Eigentümerin das ungenutzte, unter Denk- malschutz stehende Gebäude zu einem außerordent- lich fairen Mietzins überließ:  „Es muss zwar noch viel improvisiert werden, weil noch einiges zu machen ist, neue Fenster zum Beispiel, aber es ist absehbar, dass wir bald Räume haben, wie wir sie uns vorstellen.“ Schön im landläufigen Sinne sind die wahrlich nicht, doch sie haben Charme und Geschichte und passen damit perfekt zu den Exponaten. Und sie bieten auch größeren Objekten, die unabdingbar zum Essen gehören, Platz. „Zum Beispiel für eine alte Kücheneinrichtung aus der Hufeisensiedlung. Die zu bekomsalzstangen-halter_sammlung esskultur neuköllnmen, wünsche ich mir sehr.“

Andere Wünsche der kultur-Chefin, die inzwi- schen über 30 Mitarbeiter beschäftigt, sind kleiner: „Die älteste Konservendose der Welt und einen Sonja-Kaffeefilter aus der DDR suche ich noch.“ Ebenfalls immer willkommen sind Salzstangen-halter, die zur Erweiterung der vielen bereits vor- handenen Exemplare beitragen und langfristig die größte Salzstangenhalter-Sammlung der Welt er- piccolo-sammlung_sammlung esskultur neuköllngeben sollen. „Wir sammeln eben nicht nur Praktisches, sondern auch sinnloses Schönes.“

Was ein solcher Aufruf bewirken kann, ist Birgitt Claus durchaus bewusst. Sie führt in den Keller, der immer noch vor küchenkulturellen Schätzen überquillt, und deutet auf das Regal mit der Piccolo-Sammlung. Das Haushaltsgerät, das im Grunde nur aus einem Motor bestand, der mit verschiedensten Aufsätzen vom Entsafter bis zum Staubsauger eingesetzt werden konnte, sei früher als „der kleine Freund der Hausfrau“ vermarktet worden, erzählt sie. „Nachdem ich in der SWR-Fernsehsendung ‚Sag die Wahrheit‘ von unserem  Museum für Esskultur und der  Suche nach dem  Blattläuse-Aufsatz für

plätzchen-ausstecher_sammlung esskultur neukölln kaffeekannen_sammlung esskultur neukölln

einweckglas_sammlung esskultur neuköllnden Piccolo berichtet hatte, wurden wir förmlich mit Piccolos überhäuft.“ Ein Mit- arbeiter sei daraufhin erstmal kreuz und quer durch Deutschland gefahren, um Küchenmaschinen bei den Spenderin- nen abzuholen. Die Geschichten über oft jahrzehntelange treue Dienste des multi-funktionalen Helfers brachte er eben- falls mit: „Schließlich geht es uns nicht nur die Objekte, sondern wir wollen auch die  Geschichten  dahinter  erfahren und

ungeklärtes_sammlung esskultur neukölln unausgepacktes_sammlung esskultur neukölln

ddr-picknickkoffer_sammlung esskultur neuköllnweitererzählen können.“ Auch die sollen als Teil der Esskultur erhalten bleiben statt in Vergessenheit zu geraten.

Birgitt Claus zieht einen Koffer aus einem der Regale und öffnet ihn. Mit dem ver- bindet sie eine äußerst persönliche Ge- schichte: „Das war der Picknick-Koffer meiner Eltern und zugleich der Flucht-Koffer, mit gartenfest_15 jahre eßkultur berlin_neuköllndem sie acht Tage vor der Maueröffnung die DDR verlassen haben.“ Der Inhalt sei folglich nicht mehr authentisch.

An fünf Tagen pro Jahr wird das Neuköllner Schau- depot künftig geöffnet sein: Während der 48 Stunden Neukölln und des Rixdorfer Weihnachtsmarkt können sich die Besucher dann die gesammelten Zeitzeugnisse der Ess- und Küchenkultur ansehen, kündigt Birgitt Claus an. Nur mit der Öffnung beim diesjährigen Kunstfesti- val wird es leider noch nichts werden.

=ensa=

Maria – zwischen Verehrung, Massenware und Event

6_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnVermutlich geht es vielen wie Bettina Busse, der kommissarischen Leiterin des Neuköllner Kultur- amts. Schließlich ist Berlin weit davon entfernt, eine Hochburg für Anhänger des christlichen Glau- bens – oder gar des Katholizismus – zu sein. „Ich finde das Thema zwar spannend, hab aber per- sönlich bettina busse_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllndamit gar nichts zu tun“, be- kennt die Inte- rims-Nachfolgerin von Dorothea Kol- land (l.) vorgestern bei der Eröffnung einer neuen Ausstellung in der Ga- lerie im Körnerpark. „Maria breit den Mantel aus …“ heißt sie und zeigt Eindrücke und Reliquien, die das Künstlerehepaar Kandl von Reisen zu Marienwall- 3_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnfahrtsorten mitgebracht hat. In verschiedenen Regionen der Welt wa- ren Johanna und Helmut Kandl unterwegs: Das bay- rische Altötting wurde ebenso bereist wie Lourdes, das slowakische Levoča, Medjugorje in Bosnien-Herzegowi- na und Guadalupe, ein Vorort von Mexiko-City, um dem Wunderglauben und rätselhaften Erscheinungen 7_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnzu begegnen.

Es ist ein wahrer Madonnen-Flash, der die Besucher der Ausstellung umgibt. Maria auf Bildern in unter-schiedlichsten Darstellungen, als Statue in einer Bandbreite 4_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnvon skurril bis ehrerbietig, auf Collagen und Reliefs. In einer völ- kerübergreifend plau- siblen Bildersprache, so Bettina Busse, werde der Huldigung Marias Aus- druck verliehen. Alles in allem, erzählt sie dann noch, würde die Ausstellung sie sehr an eine Patentante erinnern: „Mit ihrer Marienverehrung konnte ich schon damals nichts anfangen, aber ich fand dorothee bienert_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnimmer, wenn das für sie gut und wichtig ist, dann ist es auch gut, es zu respektieren.“

Distanz und Respekt, die Herangehensweisen, mit denen religiöse Themen gemeinhin künstlerisch be- arbeitet werden, ersetzen Johanna und Helmut Kandl in ihrer Ausstellung weitgehend durch Humor und Ironie. „Ihnen ging es vor allem um das kulturhis-torische Phänomen der Marienverehrung, um Ein- blicke in verschiedene Kulturkreise und die mediale Inszenierung von Wallfahrten„, erklärt Kura2_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllntorin Doro- thee Bienert (l.). Die hohe Zahl der Kir- chenaustritte sei ein Aspekt, dem gegen- über stehe jedoch ein wachsendes Inte- resse an Religion und Spiritualität: Der Jakobsweg ist europaweit ausgebaut worden, Pilger-Events zu heiligen Stätten haben Hochkonjunktur. Und jeder vierte Deutsche gibt an, auf- geschlossen für Wunder, Geistheilungen und die Wirkung spiritueller Objekte zu sein, die als 1_kandl-vernissage_galerie im körnerpark_neuköllnMassenware hergestellt werden.

Statt diese Phänomene zu kritisch zu hin- terfragen oder ihre Reiseerlebnisse zu be- werten, haben die Kandls sie dokumenta- risch für die Betrachter aufbereitet. Das Augenzwinkernde ergibt sich dabei im Grunde erst durch die Zusammenstellung der Exponate und ihre Menge. Die Quantität ist es auch, die in der Videobox im hinteren Bereich der Galerie herausfordert: Der musikalisch untermalte Kurzfilm „Pygmalion“ zeigt in einer Doppelprojektion ge- mächliche und rasantere Sequenzen. Um Maria geht es bei allen.

Die Ausstellung „Maria breit den Mantel aus …“ ist noch bis zum 28. Juli in der Galerie im Körnerpark zu sehen (Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr).

Am 15. Juni um 17 Uhr findet im Rahmen der 48 Stunden Neukölln ein Künstlergespräch zum Thema „Staunen: Geschichten über Wallfahrer, sechsfingrige Madonnen und fliegende Häuser“ statt.

=ensa=

Heiße Eisen am Richardplatz

1_rixdorfer schmiede_neukölln„Bezirksamt Neukölln setzt mich und meinen Betrieb nach 8 Jahren Auf- bauarbeit für das kulturelle Bildungs- und Handwerkszentrum vor die Tür der Rixdorfer Schmiede.“ Mit dieser Nachricht schockte Gabriele Sawitzki Ende letzter Woche ihre Facebook-Freunde. Fassungslosigkeit und Ent- setzen schwappten durch die Com- munity, zu Petitionen und Protest- schreiben an das Bezirksamt wurde aufgerufen. Reaktionen, als hätte Sawitzki verkündet, dass in der historischen Schmiede demnächst eine Spielhalle eröffnet oder das Gebäude auf dem Ri- chardplatz gleich ganz abgerissen werde, um dort ein Shoppingcenter zu bauen. 3_rixdorfer schmiede_neuköllnDem ist jedoch nicht so!

Was also genau ist passiert? Im Juni 2004 hatte die Schmiedin einen Vertrag mit fünfjähriger Laufzeit für die Nutzung des Anwesens mit dem Neuköllner Bezirksamt abgeschlossen. Seit 2009 wurde der stets automatisch für ein jeweils weiteres Jahr verlängert, auch weil es keine anderen Interessenten gab. Das änderte sich in diesem Sommer. Ausge- rechnet Martin Böck, der als Kunst- und Messer- schmied bislang Sawitzkis Untermieter in der Rix- dorfer Schmiede war, bewarb sich um den Haupt-mietvertrag. Schon das legte neuen  Zündstoff ins bereits seit gut zwei Jahren kriselnde Miteinander. Dass Böck den Vergabe- kriterien sowie den neuen Konditionen des vom Bezirksamt vorgelegten Pacht- vertrags zustimmte, ihn – im Gegensatz zur Mitbewerberin – unterschrieb und so in einem freihändigen Vergabeverfahren zum neuen Hauptmieter wurde, zündete die Lunte martin böck_rixdorfer schmiede_neuköllnzwischen der Frau fürs metallverarbeiten- de Grobe und dem Mann für die schmiede- rischen Feinheiten.

„Am 21.12.2012 geht bestimmt nicht die Welt unter, aber einer wichtigen Berliner Begegnungs- und Bildungsstätte hat das Bezirksamt Neukölln zum Jahresende den Untergang beschert. (…) Wird Berlin sich auf diese Weise einen weiteren Fauxpas leisten? Wird das Feuer und das Flair vom Richardplatz, so so viele und so vieles begeistert, angezündet und bewegt hat, künftig wieder auf Sparflamme  brennen?“ Schon diese Sätze aus der Einladung, mit der Gabriele Sa- witzki gestern zur Pressekonferenz in die Rix- dorfer Schmiede geladen hatte, ließen nichts Gutes vermuten. Wer sich davon nicht abschrecken lassen hat, landete mitten in einer Gemengelage aus Enttäuschung, Unverständnis, Verletzungen, Wut und prognostizierten Eventualitäten auf der einen Seite. Auf der anderen stand Martin Böck, der wirkte, als wünsche er sich augen- blicklich den vom Maya-Kalender angekündigten Weltuntergang herbei, um diese für alle Beteiligten unwürdige Schlammschlacht  zu beenden.

Sie habe die Schmiede gemeinwesenorientiert ausgerichtet und dem Ort durch Kulturveranstaltungen und soziales Engagement eine Strahlkraft verliehen, die weit über den Bezirk Neukölln hinaus reichte, erinnerte 4_rixdorfer schmiede_neuköllnSawitzki an ihren zweifellos großen sozialen und unternehmerischen Ein- satz, für den sie vor vier Monaten mit der Franz-von Mendelssohn-Medaille ausgezeichnet wurde. Böck hingegen habe einen eher privatwirtschaftlichen Fokus. Nun werde er durch die Ver- gabekriterien des Bezirksamts ge- zwungen, die Schmiede als Museum und Kulturort mit gewerblichem An- teil zu führen. Das könne doch nicht klappen. Auch frage sie sich, wie er das alles finanziell stemmen wolle. Bisher habe die Miete rund 50 Prozent unter der gelegen, die ab Januar fällig wird, und Böcks Kostenbeteiligung habe gerade mal ein Fünftel des gesamten finanziellen Aufwands ausgemacht. Der Löwenanteil von 80 Prozent sei von ihr aufgebracht worden, was nicht zuletzt durch das als berufliches Standbein geführte Metallbau-Unternehmen möglich war.

Das mit der 80/20-Kostenaufteilung stimme definitiv nicht, meldete sich endlich auch Martin Böck zu Wort. Was jedoch richtig sei, ist, dass er keine zweite Werkstatt habe, die den Betrieb der Schmiede notfalls subventionieren könnte. Das unterneh- 2_rixdorfer schmiede_neuköllnmerische Risiko laste folglich kom- plett auf ihm und der Entwicklung des Ortes. Natürlich werde sich die Aus- richtung des gewerblichen Seg- ments ändern, kündigte Böck an: „Ich bin Messerschmied, habe seit 12 Jahren den Meisterbrief und produzie- re alles, was kleiner als ein Kühl- schrank ist, auch als Zuarbeit für an- dere Metallbauer.“ Selbstverständlich werde er auch das von Gabriele Sa- witzki begonnene Anliegen fortführen, in der Schmiede Auszubildende für das Schmiede-Handwerk einzustellen. Schließlich habe er schon bei der Schmiede- ausbildung von Henriette Abitz einen Großteil übernommen.

„Ich hab überhaupt keine Zweifel, dass die Zukunft der Schmiede im gleichen Stil wie bisher weitergeht“, bemerkt ein Anwohner. „Kulturveranstaltungen während des Festivals 48 Stunden Neukölln, beim Alt-Rixdorfer Weihnachtsmarkt, bei der Langen Nacht der Museen und beim Tag des offenen Denkmals wird es auch in Zukunft geben“, versichert Martin Böck. „Und daran, dass die Rixdorfer Schmiede sonntags für Besichtigungen geöffnet ist, wird sich ebenfalls nichts ändern.“ Das klingt weder nach Sparflamme, noch nach einem Untergang zum Jahresende.

=ensa=

Freiwillig in den Knast

Schon während des Kulturfestivals 48 STUNDEN NEUKÖLLN haben viele die Gele- genheit  genutzt, sich  zwanglos  etwas genauer im ehemaligen  Neuköllner Gerichts-

ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neukölln ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neukölln ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neukölln

gefängnis in der  Schönstedtstraße  umzusehen. Das kann man auch  am kom- menden Samstag wieder tun: Dann ist im „Café Schönstedt“ genannten Ex-Knast von 15  bis 18  Uhr  letztmalig  die  Ausstellung  „Positioning  Osmotic  Impulses“  zu

ausstellung "positioning osmotic impulses", ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neukölln, maya schweizer ausstellung "positioning osmotic impulses", ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neukölln, michael zheng ausstellung "positioning osmotic impulses", ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neukölln, yassine balbzioui

sehen. Zwar nicht mehr in einem Umfang wie vor zwei Wochen beim Kulturspektakel, als  22 internationale Künstler 30 Zellen  in Installationen verwandelten, aber beeindrucken  kann auch das dezimierte  Restangebot, das sich über die 1. Etage im

ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neukölln ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neukölln ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neukölln

Trakt A erstreckt. Ebenfalls in die Verlängerung (Zeiten s. o.) geht die beeindruckend bedrückende Ausstellung  „Lebenszellen“  im Erdgeschoss des Backsteinbaus. Sechs  Künstler haben für die die  Lebenswege von  Menschen recherchiert und skiz-

ausstellung "lebenszellen", ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neuköllnausstellung "lebenszellen", ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neuköllnausstellung "lebenszellen", ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neukölln, hadmut bittigerausstellung "lebenszellen", ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neuköllnausstellung "lebenszellen", ehemaliges gefängnis schönstedtstraße neukölln

ziert, die als Asylhäftlinge in der Schönstedtstraße einsaßen und ihnen mit der Ausstellung temporäre Denk- und Mahnmale gesetzt.

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Zu Lande, zu Wasser und in der Luft

baobab 2012 neukölln, afrika-fußballmeisterschaft berlin 

Auch für Kulturbanausen hatte Neukölln am letzten Wochenende vor den Som- merferien mehr als genug zu bieten: das BAOBAB!-Turnier um die 8. Afrika-Fuß- ballmeisterschaft Berlin, den Langen Tag der Stadtnatur und diverse Straßenfeste.

Zwischen Endstation und Paradies

„Endstation Paradies“ – so heißt das Motto des diesjährigen Kunst- und Kultur- festivals 48 STUNDEN NEUKÖLLN, das heute um 19 Uhr eröffnet wird und bis Sonntagabend  600 Veranstaltungen in 340 Locations  auf dem Programm hat. Damit ist zwar im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Events konstant, hielt Festivalleiter Martin Steffens pressekonferenz 48 stunden neukölln, betsaal evang. brüdergemeine berlinbei der Pressekonferenz im Ge- meindesaal der Ev. Brüder- gemeine fest, „aber wir haben  40 Orte mehr, man muss also mehr laufen.“ Doch das ist blo- ße Theorie, da die konkreten Zahlen bestenfalls als Renom- mee für die Veranstalter taugen. Jeder einzelne Besucher schafft ohnehin nur einen Bruchteil der Events.

Ein anderer Schuh wird aus der  Perspektive der Anwohner da- raus: Mit der größeren Ausbreitung des Festivals steigt für sie die Möglichkeit, ein Event mit all seinen unliebsamen Nebenwirkungen vor der eigenen Haustür zu haben. Steffens weiß um den schmalen Grat, auf dem sich die kulturelle Leistungsschau bewegt, die Jahr für Jahr mehr Besucher anzieht und mehr Anwohner abstößt: „Uns ist sehr daran gelegen, die Akzeptanz der 48 STUNDEN NEUKÖLLN zu erhalten und ein bewoherkompatibles Festival  zu veranstalten.“ Deshalb werde es beispielsweise erstmals keine Open Air-Bühnen geben.

straßentheater invisibles, pressekonferenz 48 stunden neuköllnWas es dagegen erstmals reichlich gibt, sind Events mit eindeutig politischer Attitüde wie z. B. das Straßentheater Calaca, das morgen und Sonntagnachmittag auf dem Platz der Stadt Hof Szenen über „Invisibles  – Menschen ohne Papiere“ spielt. „Das Motto wurde auch mit Bedacht gewählt“, sagt Kulturstadträtin Franziska Giffey und führt aus, was Steffens mit  „Blaupause für wei- tere Zuwanderungsbewegungen“ zusam-menfasst: Vor 275 Jahren seien es die Böhmen gewesen, die sich in Neukölln an- siedelten. „Jetzt erleben wir wieder, dass Menschen nach Neukölln kommen, um hier ein besseres Zuhause zu finden.“ Sogar für den Spiegel, der im Oktober 1997 mit der Schlagzeile  Endstation Neukölln“  aufmachte und damit gewissermaßen den Im- puls für das  Kunst- und Kulturfestival als Gegenpol zum Negativ-Image gab, habe sich der Kreis geschlossen: In der Ausgabe vom 2. April d. J. titelte das Magazin nun mit  Paradies Neukölln“.

podium pressekonferenz 48 stunden neukölln

(v. l.: Auguste Kuschnerow, Dorothee Bienert, Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Yasemin Samdereli, Dr. Franziska Giffey, Dr. Martin Steffens

Von paradiesischen Zustän- den ist das Kulturspektakel indes auch im 14. Jahr noch ein ganzes Stück entfernt. Die Finanzierung ist ein Problem mit Déja-vu-Faktor, ein ande- res benannte Franziska Giffey: „Der  Bekanntheitsgrad der Neuköllner Kulturszene ist in den Schulen des Bezirks und bei Jugendlichen nicht sehr hoch.“ Man müsse sich folg- lich für die Zukunft fragen, wie man es schaffen kann, die Kulturlandschaft mit kultureller Bildung zusammen zu bringen. Und noch weitere Überlegungen sollen durch diese 48 STUNDEN NEUKÖLLN-Auflage angestoßen werden. Für den Herbst, so Martin Steffens, sei eine Zukunftswerkstatt geplant, deren Grundlage beim Festival geschaffen werde: Nicht nur mit einer  Online-Umfrage, sondern auch unter den Besuchern sollen Meinungen ermittelt werden, um diese später in größerer Runde  zu diskutieren. Über Fragen wie  „Was brauchen wir für Kultur in Neukölln?“ müsse man ständig reflektieren, auch um die Menschen mit dem Festival anzusprechen und es so zu organisieren, dass es zu Neukölln passt.

Für die amtierende 48 STUNDEN NEUKÖLLN-Schirmherrin Yasemin Samdereli gibt es an der Passgenauigkeit keine Zweifel. Die im Bezirk lebende Regisseurin findet Neukölln spannend und das Festival auch.

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Irgendwas ist immer

sommerfest sehitlik-moschee berlin-neukölln„Erst die schwierige Parkplatzsuche und dann die Enge hier.“ Die Rentnerin, die extra aus Potsdam mit ihrem Mann, ihrem Sohn und dessen Tochter nach Neukölln gekommen ist, um zum ersten Mal die Sehitlik-Moschee am Columbia- damm zu besuchen, ist sommerfest sehitlik-moschee berlin-neuköllnetwas genervt. Aber eigentlich finde sie alles ganz wunder- bar und faszi- nierend, sagt sie. Eine Moscheeführung habe die Familie schon mitgemacht, bei der Ebru– und Henna-Malerei zuge- sehen und bestens gegessen, während der Comedian Murat Topal nur wenige Meter entfernt auf der kleinen Bühne für kurzweilige Unterhaltung sorgte, anmoderierte, Kindern  Quizfragen  stellte und als  Auktionator  Kunst ans

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Publikum brachte. „Bisher kannten wir den jungen Mann, genauso wie die Moschee, nur aus dem Fernsehen“, sagt die Potsdamerin. Auch mit Muslimen habe sie im Alltag nur selten zu tun. Hier ist sie ihnen ganz nah – und verwundert, dass anscheinend recht wenige Nicht-Muslime sommerfest sehitlik-moschee berlin-neuköllndas Sommerfest zur Kontaktaufnahme nutzen. Das habe sie sich doch anders vorgestellt.

Auch Ender Cetin, Vorstandsvorsitzender der Sehitlik-Moschee, kann mit dem Fest nicht rundum zufrieden sein, das außer einer Feier- lichkeit zugleich eine Reaktion auf Drohbriefe und Anschläge auf die Gemeinde war. Mit  „über 5.000 Gästen“  und vielen Besuchern, die nicht der Gemeinde angehören und Interesse und Solidarität beweisen, hatte er im Vorfeld gerechnet. Klar war ihm auch, dass der Samstag der stärkere Tag werden würde: „Durch das Radrennen am Sonntag über den Columbiadamm wurden nicht nur wir zu Kompromissen gezwungen, sondern auch unsere Besucher müsssen Unannehmlichkeiten hinnehmen.“ Dass das Neuköllner Ordnungsamt keine Sondergenehmigung erteilte, auf dem Bürgersteig vor der Moschee Stände auf- zubauen, um das Platzproblem auf dem Grundstück ein wenig zu entspannen, sei skoda-velothon berlin, sperrung columbiadamm, sommerfest sehitlik-moschee berlin-neuköllneine Sache. Dass der Straßenab- schnitt am Sonntag komplett für den Autoverkehr und somit auch das Parken gesperrt sei, werde nicht ohne Auswirkungen auf die Gästezahl blei- ben, ahnte Ender Cetin. Insgesamt waren es letztendlich nur rund 3.000 Besucher, teilte das Büro der Sehitlik-Moschee heute mit.

Wegen des Radrennens hätten auch sie sich für den Sonnabend entschieden, sagt die Potsdamerin und fragt: „Warum hat die Moschee ihr Sommerfest denn dann nicht aufs nächste Wochenende gelegt?“ An dem ist das Kulturfestival 48 Stunden Neukölln, das zwar keine Straßensperrungen, dafür aber 600 Konkurrenz-Veran- staltungen bedeutet.

=ensa=

„Welch ein Reichtum“: Glaubensfreiheit und 275 Jahre Böhmisches Dorf

„Abkunft – Niederkunft – Herkunft – Ankunft – Auskunft – Unterkunft – Übereinkunft – Zukunft“  Diese Abfolge hätte als Motto zur Einladung zu einem „besonderen“ bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorfPressegespräch in der Bethlehemskirche am Richardplatz dienen können, bei dem das Pro- gramm „Glaubensfreheit – 275 Jahre Böhmisches Dorf“ vorgestellt wurde. Nichts Besonderes war, dass es auch bei der von  Horst Evertz  von der [Aktion! Karl-Marx-Straße] moderierten Veranstaltung nicht ohne das akademische Viertel ging.

Nach der obligatorischen Verspätung heißt Viola Kennert, Superintendentin des evangelischen Kir- chenkreises Neukölln, die anwesenden Presse- vertreter willkommen, nimmt Bezug auf den Ort und erinnert, dass der Kirchbau älter sei als das bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, viola kennertEreignis, nämlich die Ankunft der Böhmen vor 275 Jahren, das in diesen Tagen gefeiert wird.

Die Kirche wurde Ende des 15. Jahrhunderts gebaut und 1884 der lutherischen Bethlehems- gemeinde zur Nutzung übergeben. Seit 1912 hat sie den Namen Bethlehemskirche in Erinnerung an die Ursprungskirche, die Bethlehemskirche in Prag. Der Ort erzähle vom Ankommen, vom Heimat-Finden, vom Sich-Arrangieren mit denen, die schon da sind,  sagt Viola Kennert. 275 Jahre Böhmisches Dorf sei auch die Geschichte von Flucht. Flucht derjenigen Böhmen, die einen Ort suchten, an dem sie weder römisch-katholisch noch lutherisch sein mussten und ihre reformierte Konfession leben durften. Eine Konfession, für die Jan Hus bereits hundert Jahre vor Martin Luther gestritten hatte und dafür sterben musste.

Es war aber auch die Erfahrung, dass Integration und Zusammenleben zwar Raum gegeben, aber nicht angeordnet werden kann. Integration sei ein Stückchen Arbeit. Die Voraussetzung dafür sei, dass die Freiheit gewährt wird, den eigenen Glauben zu leben, zu gestalten und in die Gesellschaft einzubringen. Wenn das möglich wäre, würden Fremde zu loyalen Bürgern und Bürgerinnen, und das Zusammenwachsen von ganz Unterschiedlichen würde möglich, die Unterschiede würden aufgehoben, es entstünde etwas Neues. Abschließend weist Viola Kennert auf ein – wie sie findet – bedeutsames Zeichen der Zusammenarbeit der Brüdergemeine und der Rixdorfer Gemeinde hin, nämlich innerhalb der Reformationsdekade im Oktober im Gedenken an Jan Hus das Oratorium von Carl Loewe zur Aufführung zu bringen. „Vielfalt gelingt, wenn Unterschiede geachtet, vielleicht sogar geliebt werden. Ich denke, davon zeugt diese Geschichte – 275 Jahre – und die wollen wir mit unseren bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorfunterschiedlichen Gaben fortsetzen. Ich freue mich über den Austausch, den wir haben werden über das weiter- gehende Programm, das entstanden ist.“ Mit diesen Worten beschließt die Superintendentin ihren Begrüßung.

Launig beginnt Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing: „Das letzte Mal, dass ich – glaube ich – in einer Kirche was sagen durfte, war am Tag meiner Konfirmation.“ Weiter geht es im vom ihm angekündigten „normalen Neu- kölln-Deutsch“. So gäbe es bei vielen, wenn sie Böhmen hören, die Assoziation mit böhmischem Bier, böhmischer Musik, böhmischem Schweinsbraten und böhmischen Knödeln – nicht so bei denen, die sich sowohl in Rixdorfer wie Neuköllner Zeit den Böhmen freundschaftlich verbunden fühlten und fühlen. Er selbst sei seit sechs Jahren in seiner beruflichen Eigenschaft dicht an diesem Thema dran und hätte u. a. vieles vom Comeniusgarten-Initiator Henning Vierck erfahren und gelernt, aber auch mit ihm auf den Weg gebracht. Das Vorhandensein des Böhmischen Dorfes sei zur Normalität geworden und zum Neuköllner Alltag geraten, Fremdlinge seien zu Mitbürgern geworden. Bei den Überlegungen, wer die Vorbereitungen für die Feiern zu diesem Jubiläumsjahr begleiten solle, seien Bezirksbürgermeister und -amt zu dem Schluss gekommen, bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, thomas blesingihm diese Aufgabe zu übertragen, damit sichergestellt sei, dass auch der Bezirk seinen Anteil an dem Gesamtvorhaben habe.

Damit leitet er über zu den Absichten, die Richardstraße umzugestalten, diese u. a. mit Vorgärten und Bäumen zu versehen. Auftakt dazu wird ein 1. Spatenstich zusammen mit dem tschechischen Botschafter am 15. Juni vor dem Haus Richardstraße 97 sein. Bauarbeiten, so Blesings Credo, sind Ausdruck von Veränderung, und sollten unter diesem Gesichtspunkt akzep- tiert werden.

Mit dem Wunsch, es mögen viele Menschen anlässlich der vielen Veranstaltungen rund um das Jubiläum des Böhmischen Dorfs in diesen Bezirk finden, um feststellen zu können, wie viel Kultur – nicht nur beim Festival 48 Stunden-Neukölln – in Neukölln geboten wird, richtet er abschließend den Dank an die Initiatoren, und den Appell an die Presse, das entsprechend zu publizieren und wie in der Kirche üblich, die „Frohe Botschaft“ nach außen zu tragen.

Nun richtet der Kameramann vom tschechischen Fernsehen sein Equipment auf die nächste Rednerin, auf Lenka Štetková. Die Botschaftssekretärin vertritt den tschechischen Botschafter Rudolf Jindrák und schildert mit einigem emotionalem Ausdruck ihre Erfahrungen, die sie als Kind in Ostböhmen, in Litomyšl und dem Pflichtausflug zur „Rosenwiese”, im Nachbarort Ružový paloucek, machte. An diesem Ort, sollen sich die Glaubensflüchtlinge von ibethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, lenka stetkovahrer Heimat verabschiedet haben, bevor sie für immer ins Ausland gingen. Auch Jan Ámos Komenský war unter ihnen. Angeblich haben die Böhmischen Brüder an diesem Ort sogar einen goldenen Kelch vergraben. Dass dieser jedoch niemals gefunden worden sei, erheitert die Zuhörenden. Damals, während dieser Pflichtausflüge, hätte sie gespürt, sagt Štetková, dass es auf Ružový paloucek um etwas Trauriges gegangen sei, um den Anfang einer langen Reise. Wohin aber, warum und wie diese Reise ausging, das hätte sie damals nicht verstanden. Erst viel später, als sie begann, mehr über die Auswanderung der Exulanten in die Welt und auch nach Berlin zu lesen und als sie bei ihrem ersten Besuch des Böhmischen Gottesackers Ortsnamen ihrer Heimat entdeckte, wurde ihr damaliges Kindheitsgefühl der Traurigkeit durch ein neues Empfinden bereichert, der Gewissheit, dass es für die Böhmischen Brüder, die 1737 oder auch später nach Berlin gingen, ein Ankommen nach einer langen Reise gab, dass die genossenen Vergünstigungen und der eigene Fleiß ihnen schließlich die nötige Anerkennung verschafften.

Henning Vierck, der Initiator des Projekts „Glaubensfreiheit“, nimmt das Thema Rosenwiese seiner Vorrednerin auf  und weist auf die sich derzeit wunderschön präsentierende Rosenwiese im Comeniusgarten hin. Dann gerät er vor seinem Hintergrund als Politikwissenschaftler ins Schwadronieren. Bereits um 1968, einer Zeit, in der man über „Basisdemokratie“ nachdachte, bekam er von seinem erzkonservativen Professor Hans Maier, dem späteren Kultusminister in Bayern, bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, henning vierckfolgenden Hinweis: „Wenn Sie etwas über Basisdemokratie wissen wollen, dann müssen Sie sich über die Brüder und Schwestern des Gesetzes Christi informieren, und das sind die Böhmischen Brüder.“ Ab da hat sich Vierck mit der Rosenwiese beschäftigt. Die Rosenwiese stehe im Übrigen für Johann Valentin Andreae, ein Nachfahre von ihm arbeite übrigens im Jugendamt Neukölln. Andreae sei derjenige, der die Rosenkreuzermär verfasst und dazu aufge- fordert habe, dass alle Wissenschaftler ihre Werke nach Tübingen schicken, sollten, damit es Gemeingut wird.

Die Rosenwiese, so Henning Vierck, stehe für Vielfalt, für Vitalität und für das Zusammenkommen ganz unterschiedlicher Blüten. Wenn Tschechen ihr Land verlassen mussten, weil sie in ihrem Land ihrem Glauben nicht nachgehen konnten, dann haben sie geweint und aus den Tränen der Trauer sei die Rosenwiese entstanden. „Als die Exulanten am 25. März 1737 hier in Rixdorf ankamen, habe der König das Schulzengericht gekauft und dort innerhalb kürzester Frist ein preußisches Kolonistendorf errichten lassen.“ Wie Soldaten hätten die Häuser an der Straße gestanden, zwei Familien in einem Haus. Das Ackergerät habe man sich geteilt. So habe die Architektur das Zusammenleben unterstützt. Das Dorf Cervená Voda, deren Bewohner geflohen waren und hier angesiedelt wurden, sei heute noch in letzten Resten sozial existent. Eigentlich, meint Vierck, müsse Manfred Motel hier stehen; er habe eine Chronik verfasst, die irgendjemand weiterführen müsse. In der 10./11. Generation leben hier Böhmen, was es seines Wissens so nur in Neukölln gäbe: „Welch ein Reichtum.“

Neukölln hätte in den letzten Jahren nicht viel an ökonomischem Reichtum, dafür aber immer viel an kulturellem Reichtum gehabt, und es gelte die kulturelle Vielfalt gerade jetzt in dem sozialen Wandel zum Nutzen der Menschen zu unterstützen, fordert Henning Vierck.

Horst Evertz merkt an, dass es insbesondere zu diesem Redebeitrag im Anschluss bestimmt viele Nachfragen gäbe – er sollte sich irren. Dann übergibt er an Dorothee Bienert, die Koordinatorin des Kulturprogramms. Einige Veranstaltungen – wie beispielsweise das Forschen von Kindern und Wissenschaftlern zum Thema „Himmel“ – würdenbethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, dorothee bienert schon laufen, erklärt sie, andere erst beginnen. Bienert verweist auf die  morgige Eröffnung der Ausstellung „Das Leben ist anderswo“  in der Galerie im Körnerpark, auf  vielfältige Führun- gen, wissenschaftliche Exkursionen und „Begehun- gen toleranter Orte“. Hingewiesen wird Auch beim Kulturfestival in zwei Wochen werde man sich dem Thema „275 Jahre Böhmisches Dorf“ widmen:  Für den 17. Juni organisiere der Ökumenische Arbeitskreis einen ökumenischen Gottesdienst mit anschließender Festveranstaltung am Denkmal Friedrich Wilhelm I. und langer Kaffeetafel. Bis zum Ende des Jahres gebe es viele weitere Veranstaltungen, die ins Programm- heft Einzug gehalten hätten: das Ramadanfest im August, das Rixdorfer Strohballenrollen Anfang Sep- tember und diverse thematische Diskussionsrunden.

Nächste Rednerin ist die in einem der Büdnerhäuser der böhmischen Brüder- gemeine aufgewachsene Dr. Cordelia Polinna. Das Engagement für ihr Projekt erklärt sie einerseits mit dieser persönlichen Situation und anderseits mit ihrer Fachkompetenz als Planungs- und Architektursoziologin. In letzterer Funktion habe bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, cordelia polinnasie sich schon mehrfach mit benachteiligten Stadtteilen und mit Stadtteilen, die von Migran- ten geprägt sind, befasst.

Zum Programm „Glaubensfreiheit – 275 Jahre Böhmisches Dorf“ trägt Polinna die Ausstel- lung „Keine Urbanität ohne Dörflichkeit“ bei, die am 30. Juni in der Galerie im Saalbau zu sehen sein wird. Kern der Arbeit sei es gewesen, anhand des Böhmischen Dorfes zu analysieren, wie die dörflichen Strukturen am Rande einer großen Stadt den Ankömmlingen geholfen haben, sich hier heimisch zu fühlen. Wie ist die Beziehung von Dorf und Großstadt? Welche Orte machen das Böhmische Dorf zu einem Stadtlabor, in dem ausgetestet wird, wie Menschen verschiedenster ethnischer, kultureller und sozialer Hintergründe miteinander leben können? Welches sind historische Orte des Glaubens, Orte des Lernens, Orte des Arbeitens und Orte der Gemeinschaft? Das waren die Kernfragen für Cordelia rixdorf 1755, foto: -jkb-Polinna.

Sie zeigt  u. a.  ein Bild vom Relief am Sockel des Friedrich Wilhelm I.- Denkmals. Die aufgereihten Häuser im Vordergrund entsprächen durch- aus der Realität, die Hügel im Hintergrund würden jedoch nicht die Rollberge, sondern eine Reminis- zenz an die Heimat darstellen, weiß Polinna. Um die Orte der Migration heute herausfinden zu können, wurden Stadtbegehungen und Interviews mit heute hier Lebenden durchgeführt. Aus einigen der Begehungen wurden Stadtteilführungen.

Zwei dieser Stadteilführerinnen stellen sich vor, es sind Rascha und Rima Akil, die seit 2008 Stadtspaziergänge begleiten. Die einzelnen Stationen, an denen sie ihre bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, rascha akil, rima akilpersönlichen Eindrücke über diesen Kiez an die Teilnehmer vermitteln, hätten sie selbst ausgesucht. Stolz berichten sie, dass sie ihre Führungen in deutscher, englischer, französischer und arabischer Sprache anbieten. Als sie bei der Aufzäh- lung der zahlreichen Herkunftsorte ihrer Teilnehmer auch Neukölln erwähnen, wird das mit Lachen honoriert. Sie verraten bei der persönlichen Vorstellung, mit denen sie auch ihre Touren jeweils beginnen, dass Rascha 23 ist und Informatik studiert und die 22-jährige Rima ein Jura-Studium absolviert. Ihre Eltern, erzählen sie, seien strohballenrollen, wandbild frauenschmiede neukölln1989 aus dem Libanon hierher gekom- men. „Unsere Heimat ist Rixdorf“, sind sich die beiden Schwestern einig.

Die in der Ausstellung präsentierten Orte sollen im Quartier kenntlich gemacht werden, ergänzt Moderator Horst Evertz noch. Seiner Einladung, nunmehr nach- zufragen, will niemand folgen; offenbar waren alle Beiträge hinreichend informativ.

=kiezkieker=

Große Investitionen für eine große Bildungsoffensive

eröffnung young arts nk, jugendkunstschule neukölln, werkstatt kinder eltern bildung neukölln, heinz buschkowsky, falko liecke, bernd müller, franziska giffey, wolf schulgenNun hat auch Neukölln eine Jugend- kunstschule: die Young Arts NK. Vor- gestern wurde sie eröffnet. Aber nicht nur sie, denn zusammen mit ihr wurde die Werkstatt Kinder Eltern Bildung ins Leben gerufen, und die gibt das inhaltliche Dach, das wie- derum dazu führt, dass eine goldene Schleife um das Projektpaket ge- schlungen werden kann. Es sei alles in allem „ein gesellschaftlicher Auf- eröffnung young arts nk, jugendkunstschule neukölln, werkstatt kinder eltern bildung neuköllntrag, der sich in die Zukunft richtet“, betonte Be- zirksbürgermeister Heinz Buschkowsky bei der Er- öffnungszeremonie. Es zeige Prioritäten für den weiteren Weg des Bezirks auf und verbinde sie in beispielhafter Art ressortübergreifend, ergänzte Wolf Schulgen von der Senatsverwaltung für Stadtent- wicklung, die das  bildungsorientierte Modellvor- haben  bis 2014 mit über 1,3 Millionen Euro aus dem Aktionsräume plus-Programm finanziert. „Ein Erfolg ist es aber erst“, so Schulgen, „wenn sich feststellen lässt, dass die Neuköllner das Projekt annehmen.“

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v. l.: Bernd Müller (Leiter des Amtes für Weiterbildung und Kultur im BA Neukölln), Dr. Franziska Giffey (Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport) und Falko Liecke (Bezirksstadtrat für Jugend und Gesundheit)

Wie das geschehen soll, erläuterten Franziska Giffey, Falko Liecke und Bernd Müller im Vorfeld der Eröffnung vor Pres- severtretern. Grundlage sei, wie Liecke es formulierte, eine „konzertierte Aktion“ zwischen seiner und Giffeys Abteilung. Vereinfacht ausgedrückt stellt die Werk- statt Kinder Eltern Bildung (Homepage ist noch nicht freigeschaltet) eine inter- disziplinäre Vernetzung zwischen fünf Modulen bezirklicher Bildungs- und Kultureinrichtungen dar:  Die Neuköllner Stadtbibliothek bringt ihr Lesemobil ein, der Jugendhilfe-Träger Kleiner Fratz sein Interkulturelles Begegnungszentrum Haus der Familie, die Musikschule Paul Hineröffnung young arts nk, jugendkunstschule neukölln, werkstatt kinder eltern bildung neukölln, lesemobil stadtbibliothek neuköllndemith ihr musikpädagogisches Angebot namens Musik-Spra- che-Bewegung, die Volkshochschule die Erziehungs- hilfe-Offerte Elternkompass und das Kulturnetzwerk Neukölln die neu gegründete Jugenderöffnung young arts nk, jugendkunstschule neukölln, werkstatt kinder eltern bildung neuköllnkunstschule Young Arts NK. Durch die enge Kooperation der Institutionen habe man nun die Möglichkeit bei der Begleitung von Familien früh anzusetzen und die Offenheit innerhalb der Familien  auf eine gesundheitliche wie auch kul- turelle Bildung zu lenken, prognostiziert Liecke.

Indes skizzierte Bernd Müller den Idealfall: Eltern, die über Kitas oder Schulen mit dem im Neuköllner Ortsteil Britz angesiedelten Haus der Familie in Berührung kommen, lernen dort auch die anderen Projektmodule kennen, nehmen selber am Elternkompass teil und schicken Kind A in die Musikschule, besuchen mit Kind B das Lesemobil und begeistern Kind C für die Jugendkunstschule Neukölln. Das Einbeziehen der Eltern und die Verbesserung ihrer Kompetenzen, betonte auch Franziska Giffey, sei ein äußerst wichtiges Anliegen des Projekts: „Das Ziel ist, dass Eltern den Spaß ihrer Kinder an Bildung unterstützen.“ Vielleicht ließe sich durch die Erfahrungen mit den innovativen außerschulischen Lernangeboten sogar das Neukölln vorherrschende Ausmaß an eröffnung young arts nk, jugendkunstschule neukölln, werkstatt kinder eltern bildung neuköllnSchuldistanz eindämmen.

„Schon als ich vor 10 Jahren nach Neukölln kam, dachte ich, dass es toll wäre, wenn Neukölln eine Jugendkunstschule hätte“, erzählte Giffey. Jetzt ist sie da und setzt mit Workshops und Seminaren für kreative oder künstlerisch ambitionierte Grund- schüler und Jugendliche auf das Angebot des benachbarten KinderKünsteZentrums auf. Die Trä- gerschaft der Young Arts NK hat das Bezirksamt dem Kulturnetzwerk Neukölln, vielen vor al- lem als Ausrichter des Kunst- und Kulturfes-tivals 48 Stunden Neukölln bekannt, übertragen.

Bereits im letzten Jahr, berichtete Geschäftsführerin Ilka Normann, hätten erste Projekte mit Jugendlichen im neuen, 380 Quadratmeter großen Young Arts NK- Standort stattgefunden – nach umfangreichen Renovie-rungsarbeiten, die das düstere einstige Fernmeldeamt in der Donaustraße dringend nötig hatte. Denn obwohl Neuköllns neuestes Leuchtturmprojekt im Kultur- und Bildungsbereich gerne  in einem Atemzug mit der Alten Post genannt wird: In eben dem Gebäude, das Neuköllner als „Alte Post“ bezeichnen, ist es nicht untergebracht. „Wir hoffen aber“, sagte Franziska Giffey auf Nachfrage, „dass bald ein potenter Nutzer kommt und dann auch ein Zugang durch die Alte Post zur Jugendkunstschule möglich wird.“ Vielleicht erfüllt sich diese Hoffnung ja 2013 zum 10-jährigen Leerstandsjubiläum.

=ensa=