„Das Buch vom Böhmischen Dorf“: Neukölln-Geschichte von Kindern für Kinder

Das Buch vom Böhmischen Dorf+Parthas VerlagGestern wurde am Richardplatz im Salon der Kreativen Gesellschaft Berlin das neu erschienene Buch „Das Buch vom Böhmischen Dorf“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Raum war schnell gefüllt – und nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von Kindern, die an dem Buch maßgeblich mitgearbeitet haben.

Die Idee eines Stadtführers von Kindern für Kinder, der sich schwerpunktmäßig mit der Ge- schichte der böhmischen Exulanten beschäftigt, ging von Dr. Dorothea Kolland, der langjährigen Leiterin des Kulturamts Neukölln, aus. Eigentlich hätte das Buch schon im letzten Jahr zum 275-jährigen Bestehen des Böhmischen Dorfes fertiggestellt werden sollen, erzählt sie, aber dann verzögerte es S.12+13_Das Buch vom Böhmischen Dorf_Parthas Verlagsich doch.

Kolland konnte für ihre Idee zunächst Marita Stolt, die Rektorin der Richard-Grundschule, begeistern: Ihre Schüle-rinnen und Schüler der Klassen 5a und 6a erkundeten in einer Projekt- woche den Richardplatz, zeichneten markante Orte am und um den Richardplatz wie das Denkmal Fried- rich Wilhelm I. oder die Bethlehems- kirche und fertigten mit Bleistift einen Straßenplan des Richardkiezes an. Diese beate klompmaker+anna faroqhi_buchpräsentation_kgb44 neuköllnZeichnungen sind nun neben vielen anderen im Buch wiederzufinden.

Als Autoren konnte die Ex-Chefin des Kultur- amts Anna Faroqhi (r.) und Haim Peretz ge- winnen, die schon den Neukölln-Comic „Welt- reiche erblühten und fielen“ erarbeitet hatten. Später kam noch Beate Klompmaker (l.) hinzu, die selbst am Richardplatz wohnt. Von ihr wurde im vergangenen Jahr das Buch „Das Böh- mische Dorf in Berlin – ein Rundgang“ ver- öffentlicht.

Der Projektfonds Kulturelle Bildung des Landes Berlins war es schließlich, der die Finanzierung des Buches ermöglichte. Auch Arnold Bischinger nahm als Vertreter des Projektfonds bei der Buchpremiere neben dorothea kolland+arnold bischinger+richard-grundschule_buchpräsentation kgb44 neuköllnDoro- thea Kolland sowie Jaanu Rajendran und Angelika Michonska von der Richard-Grundschule auf dem Podium Platz. Er gab dem Buch gar eine berlin- weite Bedeutung, indem er es in eine Reihe mit der „Route der Integration“ (2011) sowie „Stadt der Vielfalt“ (2012) des Berliner Senats stellte.

Diese kulturelle Vielfalt findet sich auch in dem Stadtführer wieder, der nicht allein auf die böhmische Geschichte oder Traditionsbetriebe am Richardplatz beschränkt bleibt. So schreiben die Kinder handschriftlich im Buch, was die Wörter „Stern“ und S.32+33_Das Buch vom Böhmischen Dorf_Parthas Verlag„Kelch“ in der Heimatsprache ihrer Eltern oder Großeltern heißen, und sie verglei- chen Migrationsgeschichten aus der fernen Vergangenheit mit denen ihrer eigenen Familien.

„Das Buch vom Böhmischen Dorf“ ver- mittelt aber nicht nur Wissenswertes in lebendiger und verständlicher Form, es enthält auch zahlreiche Einladungen, sel- ber kreativ zu werden: So dürfen Kinder ein Foto von sich ins Buch kleben, in ihm malen und sogar auf der letzten Seite das Bild der Bethlehemskirche ausschneiden, um es zu falten und damit ein S.55_Das Buch vom Böhmischen Dorf_Parthas Verlagdrei- dimensionales Modell von der Kirche zu erhalten. Ratespiele regen weiterhin dazu an, sich aktiv mit dem Buch und der Geschichte des Böhmischen Dorfes zu beschäftigen – und dies nicht zuhause, sondern draußen, direkt an den Orten und Gebäuden, die vorgestellt werden.

Durch Dorothea Kollands Initiative und das Mitwirken aller Beteiligten gibt es nun eine wunderbare Möglichkeit, Neuköllner Kin- der an die Geschichte ihres Wohnorts heranzuführen. Angesichts des dörflichen Ambientes rund um den Richardplatz wäre aber Dorfführer fast ein passenderer Begriff als Stadtführer gewesen.

Das Buch ist im Parthas Verlag erschienen, hat 55 Seiten und kostet 9,80 €. Es ist bei der Kreativen Gesellschaft Berlin, direkt beim Verlag und im Buchhandel erhältlich.

=Reinhold Steinle=

Wurzeln hier und dort

Die Idee, der Chronik „Čermná v proměnách staletí“ deutschsprachig zu entsprechen, hatte der Freunde Neuköllns cermna-chronik tschechische. V. bereits 2004, als das Buch anlässlich der 700-Jahr-Feier des Ortes in Tsche- chien editiert wurde. Neu belebt wurde der Gedanke buchcover_cermna-chronik_freunde neuköllns e.vallerdings erst jetzt im Ge- denkjahr der Auswanderung der Böhmen vor 275 Jahren aus dieser Gegend wieder. Und so wurde nunmehr das Original vom Verein übersetzt, bearbeitet und mit dem Titel „700 Jahre Čermná – Ge- schichte eines ostböhmischen Dorfes“ herausgegeben. Letzten Freitag stellten Manfred Herrmann, Dieter Herr- mann und Christian Kölling als Vertreter des Freunde Neuköllns e. V. die deutsche Ausgabe des Buches bei einer Pressekonferenz im Comenius-Garten vor.

(v. l.: Veronika Patočková, Vladimír Hejl, Alena Vojtková, Lenka Ptáčková und Manfred Herrmann)

(v. l.: Veronika Patočková, Vladimír Hejl, Alena Vojtková, Lenka Ptáčková und Manfred Herrmann)

Manfred Herrmann vom Vereinsvor- stand moderierte die Buchpräsen- tation und machte zunächst die Gäste aus Čermná bekannt: Vero- nika Patočková, eine der drei Über- setzerinnen des Buches, die die Veranstaltung auch dolmetschte, Vladimír Hejl, den Kurator der Ge- meinde der Evangelischen Kirche in Horni Čermná, Alena Vojtková, die amtierende Stadträtin und ehe- malige Bürgermeisterin des Ortes, sowie  Lenka Ptáčková, einer Lehrerin der Elementarschule Základní škola. „Im Ver- gleich mit der tschechischen Ausgabe ist das deutsche Werk zum Einen leicht gekürzt, andererseits aber auch durch Erläuterungen ergänzt worden“, berichtet Manfred Herrmann, der die Redaktion des Buches vorgenommen hatte. Schließlich könne nicht bei allen Lesern vorausgesetzt werden, dass ihnen Namen wie Reinhard Heydrich oder Tomáš Masaryk geläufig sind.

Anhand von projizierten Bildern, von denen die Mehrzahl im Buch enthalten ist, beleuchtet Herrmann einige Details, und so ist zu erfahren, dass Čermná 1936 geteilt wurde in Horni (Ober-) und Dolní (Unter-) Čermná, damals auch „Böhmisch Rothwasser“ genannt. Grund für die Teilung waren die seit vielen Jahrzehnten gepflegten Querelen, z. B. um die Lage von kommunalen Einrichtungen wie Schule, Feuerwehrhaus und anderen. Dazu muss man wissen, dass sich der Ort über sieben Kilometer hinzog, sodass die für die Bürger zurückzulegenden Wege in damaliger Zeit schon eine gewichtige Rolle spielten. Ein weiterer Dissenspunkt ergab sich daraus, dass die Bewohner des unteren Teils überwiegend römisch-katholisch und die im oberen protestantisch waren. Dass die Rivalität auch heute noch vorhanden ist, macht er daran fest, dass für Dolní Čermná eine eigene Chronik Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Vladimir Hejl+Alena Vojtkováherausgebracht worden ist.

In Horní Čermná gibt es zwei Kirchen, die Evangelische Kirche und die Wallfahrts- kirche auf dem Berg Mariánská Hora. Ein Antrag auf den Bau eines evangelischen Bethauses wurde bereits im Jahre 1785 an die Herrscher gestellt. Es sollte an einer geeigneten Stelle gebaut werden, die der katholischen Gemeinde nicht im Weg stehen und weit genug von der katholischen Kirche entfernt sein sollte. Der Eingang durfte nicht in Richtung des Hauptwegs zeigen, und es durfte keinen Turm und keine Glocke haben. Mit dem Bau wurde im Jahre 1787 begonnen. Das Kirchengebäude war sehr bescheiden. Es stand nicht an der Stelle der heutigen Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Bildvortrag+ev. KircheKirche, sondern einige Meter weiter in Richtung Feld.

Schon bald war es allerdings sowohl hinsichtlich der Räumlichkeiten als auch hinsichtlich des baulichen Zustands nicht mehr geeignet, so dass im Jahre 1836 der Grundstein für die neue Steinkirche gelegt wurde. Im Jahre 1839 wurde diese vollendet. Erst im Jahre 1884 erlaubte man, die Kirche um einen 23 Meter hohen Turm mit goldener Kuppel und Stern zu ergänzen.

Zur Wallfahrtskirche wird erzählt, dass der Fuhr- mann A. Keprta im Jahre 1814 eine Ladung von Mühl- steinen durch diese Gegend transportierte. Auf der holprigen Straße überschlug sich der Wagen und der Fuhrmann blieb unter dem Wagen eingeklemmt. Als er die Jungfrau Maria um Hilfe bat, erschien eine strahlende Dame, die ihm half. Im Jahre Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Bildvortrag+Rychta Kirche1864 wurden hier eine Kapelle und im Jahre 1875 die heutige Kirche gebaut, in deren Inneren die Kapelle erhalten blieb.

Auf dem historischen Foto ist neben der Kirche links das Haus „Rychta“ zu sehen. Ob es im Deutschen mit Bürgermeister-, Schultheißen- oder Richteramt wiederge- geben werden sollte, ist nicht eindeutig, gewiss ist, dass die dort tätigen Amtsträger nicht gewählt, sondern von der Herr- Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Henning Vierck+Manfred Herrmannschaft eingesetzt wurden.

Neben der zeitweilig vorhandenen Textilindustrie und der Ziegelei ist es Manfred Herrmann (r., mit Henning Vierck, dem Leiter des Comenius-Gar- tens) wichtig, auf die Sokol-Turnhalle hinzuweisen. Sie sei Symbol für eine Turnbewegung, ähnlich der Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Bildvortrag+Sokol-Turnhalleum Ludwig Jahn, die neben der Körperer- tüchtigung auch den nationalen Impetus beinhaltete. Aus den Mitgliedern, erklärt Herrmann, hätten sich dann auch Soldaten rekrutiert, die – obwohl sie der österreichischen Wehrpflicht unterlagen – auf Seiten der Russen oder Franzosen gegen die Österreicher kämpften, um einen Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Bildvortrag+Grenze Protektorat Sudetengebietunabhängigen Staat Czechoslowakei zu erlangen.

Ein besonderes Kuriosum aus der Besatzungszeit wird auf einem weite- ren Bild deutlich: Mitten durch Čerm- ná ging die Grenze zwischen Reichs- gebiet und Protektorat. Das histori- sche Foto zeige die Kontrollstelle inmitten des Ortes, erläutert Herr- Ortswappen Horni Cermnamann. Auch auf das Wappen von Horní Čermná geht er ein. Das Buch stehe für Bildung und die Linde sei das Symbol für Böhmen. Dass der Baum mit Wurzel dargestellt ist, solle die Entwurzelung der Emigrierten verdeutlichen. Diese wanderten übrigens nicht nur nach Sachsen und Preußen, sondern viele von ihnen nach Texas aus, und das nicht nur aus religiösen sondern später über- wiegend aus wirtschaftlichen Gründen.

Als Stadträtin und Ex-Bürgermeisterin Alena Vojtková um ein Statement gebeten wird, betont sie – wie Veronika Patočková (r.) übersetzt – die gute Zusammenarbeit mit den Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Veronika PatockováNeuköllnern, die enge Verbundenheit und dass das Buch weitere Gemeinsamkeiten in der Geschichte erfahren lasse. Sie habe gehört, dass mancher Neuköllner, wenn er nach Horní Čermná reist, sage: „Ich fahre nach Hause.“ Genau das, betont sie, sage sie selber auch, wenn sie Neukölln besuche. Es sei sehr wichtig, findet sie, dass die Menschen die Geschichte der jeweils anderen erfahren und schließt mit dem Zitat: „Wer die eigene Geschichte nicht kennt, kann nicht in der Gegenwart leben.“

Die nun in deutscher Sprache erschienene Čermná-Chronik schließt Lücken im geschichtlichen Wissen und lässt viel über den Ort erfahren, aus dem vor 275 Jahren Menschen kamen, die zu „Rixdorfer Böhmen“ wurden.

Das vom Freunde Neuköllns e. V. herausgegebene Buch „700 Jahre Čermná – Geschichte eines ostböhmischen Dorfes“ hat 208 Seiten mit diversen Karten und Fotos sowie einen Anhang über das Böhmische Dorf in Neukölln. Die Chronik kostet 9 Euro und ist im Buchhandel (ISBN 978-3-00-038870-5) oder per E-Mail-Bestellung an manfred.herrmann[at] freunde-neukoellns.de erhältlich.

=kiezkieker=

Hommage an das Böhmische Dorf in Neukölln

1_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnNach zwei ausgesprochen textlastigen Ausstel-lungen setzt die Galerie im Saalbau mit „Böh- mische Rhapsodie“ wieder mehr auf Bilder, Ob- 2_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnjekte und Instal-lationen.

Die von der Neu- köllner Künstle- rin Beate Klomp- maker kuratierte Ausstellung ist eine Hommage an das Böhmische Dorf und beendet das Kultur- programm der Jubiläumsreihe „Glaubensfreiheit – 275 Jahre Böhmisches Dorf“. Ob des zur Aus- stellung erschienenen Begleitbuches „Das Böh- mische Dorf in Berlin – ein Rundgang“ kann sie aber ebenso gut als Auftakt und 6_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnImpuls für das eigene Erkunden des historischen 7_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnViertels verstanden wer- den. Denn Böhmisch-Rixdorf hat den Spagat von der Vergangenheit in die Gegenwart geschafft und ist dabei wahrlich nicht zum musealen Relikt verkommen: Die Strukturen, die Architektur und  etliche, von den böhmischen Einwanderern mitgebrachte religiöse Besonderheiten sind dem Dorf erhalten geblieben, das noch heute teilweise von Nachfahren der Exulanten 4_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnbewohnt wird. Eben diesen Spagat unterstreicht die 5_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnAusstellung durch ver- schiedene künstlerische Stilmittel: Aktuelle Fotos aus dem Dorf oder von seiner Peripherie ähneln Kupferstichen. Eleonore Prochaska, die vermutlich in Potsdam, vielleicht aber auch in Rixdorf geboren wurde, ist umgeben von Merchandisingprodukten sowie einer  Dia- und Soundinstallation. Ein historischer Plan des Gebiets korrespondiert mit der von Margit Lessing illustrierten Karte, die auch dem deutsch-tschechischen Begleitbuch beiliegt, um Rixdorfer-Erkunder von einer Station zur nächsten zu führen 3_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnund sie in die Geschichte des Mikrokosmosses einzuführen, das Wiege des Bezirks war.

Ergänzt wird die Ausstellung durch den Kubus „Fritz | Dorf | Stadt“, der die Historie von Böh- misch-Rixdorf in den Kontext dreier weiterer Dörfer setzt, sie portraitiert und so den Blick vom Fokus auf das große Ganze lenkt: das Koloni- sationsprojekt von Friedrich II., zu dem auch Neuköllns Böhmisches Dorf gehörte.

„Böhmische Rhapsodie“ ist noch bis zum 18. Dezember in der Galerie im Saalbau zu sehen; Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr.

„Das Böhmische Dorf in Berlin –  ein Rundgang / Ceská vesnice v Berlíne – procházka“, das Begleitbuch zur Ausstellung, ist für  13,80 Euro direkt in der Galerie oder beim trafo Verlag erhältlich.

=ensa=

Endspurt

Nur noch drei Tage, dann ist es vorbei mit der  Ausstellung „Das Leben ist anders- wo“  in der Galerie im Körnerpark in Neukölln. Die bezieht sich auf das Projekt „Glaubensfreiheit heute“  anlässlich des 275-jährigen Bestehens des Böhmischen Dorfs und beschäftigt sich mit den Themen  Glauben, Vielfalt und Toleranz oder auch Intoleranz. In Videos, Installationen und Fotografien zeigen  11 internationale Künstler  einerseits die  Interaktion zwischen Glaubensfragen und  Identität.  Anderer-

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ausstellung "das leben ist anderswo", chan sook choi, galerie im körnerpark neukölln ausstellung "das leben ist anderswo", maya schweizer, galerie im körnerpark neukölln

seits machen sie auf die weltweite Bedrohung und Zerstörung von Diversität aufmerksam und unterstreichen so das Schutzbedürfnis ihres fragilen Wesens.

Die  Ausstellung „Das Leben ist anderswo“  ist  heute und morgen von 10 – 18 und Sonntag von 10 – 20 Uhr  geöffnet.

Vorne und hinten Neukölln

Wäre sie ähnlich berühmt wie das Holstentor, der Kölner Dom, Bremens Roland oder Neuschwanstein, dann wäre vielleicht eine 2-Euro-Gedenkmünze der Gropiusstadt geprägt worden. So aber muss sich die Trabantenstadt im Neuköllner Süden, die in diesem Jahr das 50-jährige Jubiläum ihrer Grundsteinlegung feiert, mit einem  bezirkstaler 50 jahre gropiusstadt neukölln, münze berlinBe- zirkstaler „50 Jahre Gropiusstadt“  begnügen.

Doch auch diese Sondermünze bedeutet schon reichlich Ehre für die Großsiedlung und den Bezirk: Sieben Medaillen mit Stadtteil-Bezug hat die  Staatliche Münze Berlin bislang aufgelegt,  erst mit der nun erschienenen achten kam ein Neuköllner Motiv in die Kollektion. „Dafür bieten sich möglichst runde Jubiläen an. Das Thema  muss eine gewisse Breitenwirkung entfalten. Ein weiteres Kriterium ist, ob es im Bezirk ent- sprechende Aktivitäten gibt, das Jubiläum auch zu begehen„, erklärt Dr. Andreas Schikora, Vorstand der Staatlichen Münze Berlin, die Entscheidung für den Gropiusstadt-Taler. „Von den Kandidaten für 2012 war das Thema das attraktivste.“ Unbekannt sei hingegen gewesen, dass in diesem Jahr in bezirkstaler 50 jahre gropiusstadt neukölln, münze berlinNeukölln auch  275 Jahre Böhmisches Dorf  ge- feiert werden.

Einen Durchmesser von 40 Millimetern und ein Gewicht von etwa 22 Gramm hat die Kupfer-Nickel-Münze mit der Skyline der Gropiusstadt auf der Vorderseite. Die Rückseite der von Laura Nicklaus gestalteten Medaille zeigt das Neu- köllner Bezirkswappen nebst dem Spruch „Im Herzen ist jeder Neuköllner!“. Noch besser hätte in dem Fall aber eigentlich Heinz Busch- kowskys Lieblingsspruch „Neukölln ist vorne. Und wenn Neukölln mal hinten ist, dann ist hinten vorne!“ gepasst. Denn wen – abge- sehen von Numismatikern – interessiert bei einer als Zahlungsmittel wertlosen Münze schon, wo vorne und wo hinten ist?

=ensa=

Auf die Richardstraße kommt was zu!

Orangefarbene BSR-Mülleimer mit Kippen- einwurf-Loch gehören wahrlich nicht zu den Dingen, die durch übermäßige Präsenz in Neuköllns Richardstraße glänzen. Was tut also der clevere Raucher, der ge- rade keinen Ta- schenascher da- bei hat, die Ri- chardstraße aber nicht durch seinen Zigarettenstummel verschandeln will? Er entsorgt ihn in einem der zahlreichen Schlaglöcher, die sich alles andere als unauffällig in das holperige Kopf- steinpflaster geschmuggelt haben. Damit ist es nun bald vorbei. Frei nach dem Motto „Was lange gärt, wird endlich gut“ soll in diesem Jahr, wie bei der letzten Sitzung des Ausschusses für Verkehr und Tiefbau bekannt wurde, tatsächlich mit dem Face- lifting der Richardstraße begonnen werden.

Bereits vor vier Jahren hatte das vom Bezirksamt Neukölln beauftragte Stadt- planungsbüro Spath + Nagel mit seinem Gestaltungskonzept „Deutsches und Böh- misches Dorf“ den Grundstein dafür gelegt. Freuen wird der lange Vorlauf ins- besondere die Hausbesitzer mit Anwesen auf der östlichen Seite der Richardstraße: Denn die hätten bei einem Baubeginn in der letzten Legislaturperiode ob des 2006 vom rot-roten Berliner Senat eingeführten Straßenausbaubeitragsgesetzes kräftig zuzahlen müssen. 2011 wurde das Gesetz von der rot-schwarzen Koalition wieder gekippt. Somit gilt nun auch für Grundstückseigentümer Ost, was bereits vorher für die auf der westlichen Straßenseite, die zum zuzahlungsfreien Sanierichardstraße neukölln, geplante bauarbeiten richardstraßerungsgebiet Karl-Marx-Straße gehört, galt: Sie werden nicht zur Kasse gebeten.

Genau zwei Monate sind es noch bis zum ersten Spatenstich in der Richardstraße: Er erfolgt, so die Planungen, vor dem Betsaal der Evangelisch-reformierten Bethlehems- gemeinde, und das exakt am 275. Jahrestag des Einzugs der ersten Glaubensflüchtlinge ins damals neu errichtete Böhmisch-Rixdorf, dem 15. Juni.

Die Historie spielt auch bei den mit 1,8 Mil- lionen Euro bezifferten Baumaßnahmen eine Rolle: Die von vielen Anwohnern und Radfahrern erhoffte Asphaltierung wird es folglich nur teilweise geben. Der Abschnitt zwischen Kirchgasse und Bethlehemsgemeinde erhält dagegen zur Hervorhebung seiner geschichtlichen Bedeutung  das Großkopfpflaster, das auch am Richardplatz verlegt wurde. Für die verkehrsmäßige Entlastung der Richardstraße soll eine neue Einbahnstraßenregelung sorgen, die auf Höhe des Herrnhuter Wegs greift und durch diesen den zur Dauer-Großbaustelle Karl-Marx-Straße abfließenden Verkehr leitet. Der nördliche Bereich der Richardstraße bis zur Berthelsdorfer Straße  steht nach den Umbauarbeiten, die spätestens 2014 abgeschlossen sein sollen, nur noch für den Anwohner-PKW-Verkehr zur Verfügung.

=ensa=

Neue Heimat Böhmisch-Rixdorf

Heute, wirklich genau heute vor 275 Jahren, am 25. März 1737, erreichten die ersten böhmischen Zuwanderer Berlin. Sie wurden in der südlichen Friedrichsstadt und in Rixdorf untergebracht. Eingeladen waren sie vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. höchstpersönlich.

Was war geschehen? Auf der einen Seite hatte sich in weiten Landstrichen Preußens die Bevölkerung vom Aderlass des 30-jährigen Krieges noch nicht erholt, als sie von der Pest weiterhin zahlenmäßig reduziert wurde. Auf der anderen Seite gab es nach der gewaltsamen Rekatholisierung in Böhmen in den nördlich angren- zenden Gebieten Hunderte von Glaubenflüchtlingen: Manch Böhme ward – das ist bekannt – dem Kelch zuliebe Exulant.

So war es weniger ein Akt der Huma- nität als vielmehr ein wirtschaftliches Kalkül, das den Soldatenkönig bewog, in Rixdorf neun Doppelhäuser für je zwei Familien und neun Scheunen mit Kammern für sogenannte Einlieger errichten zu lassen. Dazu erhielt jeder Ackerwirt zwei Pferde, zwei Kühe und das nötige Ackergerät.

Das Leben der Parallelgesellschaft in Böhmisch-Rixdorf begann, und die Ureinwohner in nunmehr Deutsch-Rixdorf waren über diese Entwicklung herzlich wenig begeistert. Die „Neuen“ – sie stammten übrigens fast alle aus Böhmisch-Rothwasser – wurden argwöhnisch beäugt, sprachen sie doch eine fremde Sprache (Tschechisch), brachten ihre Musik und Trachten mit und hatten auch sonst ganz andere Sitten und Gebräuche. Und sie dachten nicht im Traum daran, sich zu integrieren oder gar zu assimilieren.

Ihre Gottesdienste – es gab die der Evangelisch-reformierten Bethlehemsgemeinde, der Evangelisch-böhmisch-lutherischen Bethlehemsgemeinde und der Evangelischen (Herrnhuter) Brüdergemeine – wurden bis zum ersten Weltkrieg in ihrer Muttersprache gehalten. Jede der drei Gemeinden hatte ihre eigene böhmischer gottesacker, neuköllnKirche, bzw. ihren eigenen Betsaal. Sie hatten auch einen (dreigeteilten) eigenen Friedhof, den Böhmischen Gottesacker. Hier wurden die Grabsteine immerhin bis 1820 zweisprachig, danach erst in Deutsch beschriftet. Das Grundstück für den Friedhof wurde ihnen übrigens 1751 von den deutschstämmigen Rixdorfern zugewiesen, weil diese es für nicht „anständig“ hielten, dass auf dem ihrigen weiterhin die Fremden bestattet wurden.

Ein weiteres Sprachrelikt ist auf dem Straßenschild der Kirchgasse zu finden. Ein Zusatzhinweis soll belegen, dass diese Gasse bis 1909 Mala ulicka, also Enge Gasse hieß.

Wurde auch lange Zeit der Entscheid des Hohenzollern von den Deutsch-Rixdorfern missbilligt, so schmückt sich Neukölln inzwi- schen mit seinem Böhmischen Dorf, ge- rade weil sich hier viel von dem Besonderen der ehemaligen Exu- lanten erhalten hat und gepflegt wird. Auch das im September 2005 eröffnete Museum im Böhmischen Dorf ist aus dem Bezirk längst nicht mehr wegzudenken.

Anlässlich des heutigen Jubiläums findet um 11 Uhr in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt ein Gottesdienst (u. a. mit Pfarrer Bernd Krebs von der Ev.-ref. Bethlehemsgemeinde) zum Gedenken an die böhmische Einwanderung statt. Teile davon werden in tschechischer Sprache gehalten.

=kiezkieker=