Albert Schönleber: Abschied von einem politischen Pfarrer und großen Europäer

Weit über hundert Menschen erwiesen Ende letzten Monats Albert Schönleber (r.) die letzte Ehre, darunter Bezirksbürgermeister Martin Hikel, der ehemalige Sozialstadt Bernd Szczepanski, Pfarrer Ondřej Halamar und die Pädagogin Jana Uhlířová , Enkeltochter des Widerstandskämpfers Jan Uher. Letztere waren eigens aus Tschechien angereist. Schönleber war von 1974 bis 1993 Pfarrer der Evangelischen Brüdergemeine Rixdorf. Kürzlich war er im Alter von 83 Jahren nach langer schwerer Krankheit verstorben.

Pfarrer Volker Mihan würdigte wie verschiedene andere Redner das breite gesellschaftliche Engagement des Verstorbenen: „Bei ihm gehörten Spiritualität und Solidarität zusammen.“ Er habe Brücken zwischen fremden oder gar verfeindeten Gruppen bauen können. So habe er sich lange Jahre für die Zusammenarbeit der christlichen Konfessionen im Ökumenischen Rat Berlin-Brandenburg eingesetzt.

1981 führte der Geistliche im Auftrag des Bezirksamtes Neukölln – wie Archivar Stefan Butt am Rande der Trauerfeier anmerktedie Verhandlungen mit den Besetzern von mehreren leerstehenden Wohnhäusern in Neukölln über eine Legalisierung. Diese gelang bei einem Haus, dem Richardplatz 8. Ältestenratsvorsitzender Roland Künzel schilderte, wie er im selben Jahr eine Podiumsdiskussion im Kirchsaal der Brüdergemeine mit dem Innensenator Heinrich Lummer (CDU) sowie den Abgeordneten Hans-Jochen Vogel (SPD) und Ursula Schaar (AL) moderierte; diese wurde sehr turbulent, mehrere Farbeier flogen durch den Saal. Zugleich engagierte sich der Verstorbene entscheidend für den baulichen Erhalt des Böhmischen Dorfes und später für die Errichtung des 1995 eröffneten Comenius-Gartens und des dortigen Comenius-Denkmals. Wegen seiner vielfältigen Aktivitäten und seiner Mitgliedschaft in der SPD schimpften ihn manche – so Mihan(M.)den „roten Albert.“

Nicht zuletzt hatte Schönleber den Osten Europas im Blick. 1939 in Ostpreußen geboren, war er im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie über das gefrorene Haff geflüchtet. Er wurde Wegbereiter der 1989 geschlossenen Städtepartnerschaft zwischen Neukölln und der ostböhmischen Kreisstadt Ústí nad Orlicí . Der tschechische Botschafter Tomáš Kafka kondolierte der Witwe Hannelore Schönleber schriftlich mit den Worten: Wir alle verlieren eine große Persönlichkeit von europäischem Rang.

Jana Uhlířová (l.), Enkeltochter des 1942 in Berlin-Plötzensee hingerichteten Pädagogikprofessors Jan Uher, erinnerte daran, dass ihr Vater Boris bei seinen Besuchen in Plötzenseedie ihm erstmals 1972 genehmigt worden warenauf eine Empfehlung hin Schönleber aufsuchte. Dieser bat Uher um Vergebung für all das Unrecht, was Deutsche den Tschechen angetan hatten. Daraus habe sich im Zeichen der Versöhnung eine lebenslange Freundschaft entwickelt.

=Manfred Herrmann=

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