„Klima-Monologe“ lassen Opfer der Klimakatastrophe zu Wort kommen

Verheerende Waldbrände in Kalifornien, nie dagewesene Flutkatastrophen in Pakistan, zerstörerische Zyklone in Bangladesch und tödliche Dürren in Kenia. „In vielen Regionen der Welt ist die Erderwärmung kein Zukunftsszenario, sondern bereits knallharte Realität“, ist sich der Autor und Regisseur Michael Ruf (r.) gewiss. Sein neuestes dokumentarisches Theaterstück „Klima-Monologe“ hatte am Donnerstagabend letzter Woche im großen Saal des Heimathafens Neukölln Premiere. Die nächste Aufführung ist am kommenden Mittwoch zu sehen. „Wie bei meinen bisherigen Werken richtet sich mein Blick auf jene Geschichten, die wir viel zu wenig hören. Ich wollte die Dringlichkeit anschaulich und fassbar erzählen“, erklärte Ruf auf einer Pressekonferenz zwei Tage vor der Premiere. Der Autor, der seit 2013 regelmäßig im Theater an der Karl-Marx-Straße zu Gast ist, ist mit seinen schnörkellos inszenierten Dokumentationen „Asyl-Monologe“ , „Asyl-Dialoge“, „NSU-Monologe“ und den seit 2019 bis heute aufgeführten „Mittelmeer-Monologen“ bekannt geworden. In seiner fünften Inszenierung, die mich persönlich am stärksten betroffen gemacht hat, hat er seine Methode perfektioniert. Unmissverständlich ist das Stück mit der Aufforderung verbunden, den Klimawandel endlich ernst zunehmen und wirksam zu bekämpfen. Auf der Pressekonferenz unterstrichen Sabine Minninger (M.), Referentin Klimapolitik bei Brot für die Welt, und Pit Terjung (l.) von Fridays for Future diese Handlungsaufforderung. Am Ende jeder Aufführung der „Klima-Monologe“ gestalten Aktivistinnen und Aktivisten ein Publikumsgespräch. „Expliziter kann man eine Handlungsaufforderung nicht aussprechen“, sagte Ruf.

„Meine Werke basieren immer auf vielen und ausführlichen Interviews“, charakterisierte der Autor und Regisseur die Grundidee seines dokumentarischen Theaters. Auch für die „Klima-Monologe“ wurden die Interviews, die mehrere Stunden, teils mehrere Tage dauerten, vor ihrer Aufführung lediglich gekürzt und verdichtet. „Nichts wurde hinzuerfunden und die sprachliche Ausdrucksweise der Befragten wurde beibehalten, um die Authentizität der Berichte erhalten“, versicherte Ruf. Auf der großen Bühne des Heimathafens sprachen abwechselnd drei Schauspielerinnen und ein Schauspieler hinter Standmikrofonen ihre Textstücke. Die minimalistische Aufführung, die ohne Kostüme und Kulissen auskam, wurde musikalisch von Meike-Lou Schneider (Violine), Isabelle Klemt (Cello) und dem Pianisten Peer Kleinschmidt begleitet, der auch die Melodien schrieb.

Quabale aus dem Norden Kenias, gesprochen von Sara-Hiruth Zoude (M.), lebte früher als Viehhirtin mit 120 Kühen, zahlreichen Kamelen und vielen Ziegen in  relativem Wohlstand. Dürre, Not und Hunger kannte sie nicht. Der nächste Brunnen war gleich in ihrer Nähe. Doch seit den letzten Hitzeperioden sind ihr nur noch vier Kühe geblieben und nach den Tieren hungern nun die Menschen, die nur mit wenig Unterstützung ihrer Regierung rechnen können. Johora aus Bangladesch (Gülcan Maksude Cerdik) (2.v.l.) kennt Zyklone seit ihrer Kindheit, aber seit dem tropischen Wirbelsturm Aila 2009 ist nichts mehr so, wie es einmal war. Die Zyklone haben an Dauer und Intensität zugenommen. Mehr als eine Million Menschen verloren allein nach Aila ihr Zuhause, ein Teil von Johoras Familie ertrank in den Fluten, das Risiko für Krankheiten stieg nach der Katastrophe beachtlich. Der traditionelle Anbau von Reis und Gemüse war nach dem Zyklon Aila auf den versalzten Böden jahrelang unmöglich. „Früher gab es auch Waldbrände in Kalifornien, aber sie waren ein Randproblem“, berichtete Meri Koivisto (l.). Im November 2018 wäre die Krankenschwester Leigh-Ann, deren Geschichte sie erzählte, fast in den Flammen umgekommen als sie nach der geglückten Evakuierung ihres Krankenhauses in einen Flächenbrand nahe dem Ort Paradise geriet.

Danayal aus Pakistan, dargestellt von Damon Zolfaghari (r.), beobachtet seit Kindheitstagen die Gletscher seiner Heimat. Sachlich schilderte er die Veränderungen und erklärt, wie die verheerenden Überflutungen entstehen. „Wir müssen aus den fossilen Energien aussteigen!“, appelliert der junge Mann, der sich seit langem in einer Nicht-Regierungsorganisation gegen den Klimawandel engagiert. Am Premierenabend folgte dem Theaterstück ein Gespräch, das Michael Ruf mit Pit Terjung und Dr. Kira Vinke, Leiterin des Zentrums für Klima und Außenpolitik der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, führte. Vinke berichtete von ihren Reisen in außereuropäische Katastrophengebiete und beklagte, dass die Menschen dort oft nicht über die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels informiert seien. Erst im September 2022 veröffentlichte die Klimafolgenforscherin ihr Buch „Sturmnomaden“, in dem beschrieben wird, wie bereits heute der Klimawandel vielen Menschen die Heimat raubt und sie zur Migration in andere Länder und Regionen zwingt.

Zufall oder Symptom? Zur Uraufführung waren auffallend viele jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer in den gut besuchten Heimathafen gekommen, während ältere Menschen über 40 Jahren im Publikum fast komplett fehlten. Die Klima-Monologe sind meines Erachtens aber allen dringend ans Herz zu legen, die sich voreilig über Klimakleber und Essenswerfer echauffieren.

Klima-Monologe

Mittwoch, 7.12., 19:30 Uhr
Heimathafen Neukölln
Karl-Marx-Straße 141
12043 Berlin

Einlass ab 18:45h (Saal)
Ermäßigt: 13,00 Euro
Regulär: 18,50 Euro
Für Geflüchtete (Abendkasse): 0,00 Euro
Mit Berlin-Pass (Abendkasse): 3,00 Euro

Dauer: 120min (ohne Pause) / Publikumsgespräche im Anschluss / Mit englischer, arabischer und französischer Übertitelung

Weitere Aufführungen: Do. 15.12., Fr. 16.12. und Sa. 17.12 jeweils 19:30 Uhr im Studio des Heimathafens Neukölln (Einlass ab 19:15 Uhr)

= Christian Kölling=

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