Hakan Demir auf Informationsbesuch in der Kita-Wildenbruchstraße

„Es ist mir wichtig, die unterschiedlichen Lebens- und Arbeitswelten von Neuköllnern direkter kennenzulernen. Diese Erfahrungen werde ich in meine politische Arbeit einfließen lassen“, lautet ein guter Vorsatz des Neuköllner SPD-Bundestagsabgeordnete Hakan Demir. Ähnlich wie sein Vorgänger Dr. Fritz Felgentreu nimmt Demir (r.) deshalb bei verschiedenen Organisationen und Betrieben gelegentlich an sogenannten Tagespraktika teil. Am Donnerstag vorletzter Woche konnte ich den sozialdemokratischen Sozial- und Innenpolitiker, der auch Mitglied der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di ist, bei seinem Arbeitsbesuch in der Südost-Kindertagesstätte Wildenbruchstraße 25  begleiten. Kita-Leiterin Inka Zeidler (l.) gab dem Politiker zunächst in seiner persönlichen „Praktikantenmappe“ einen allgemeinen Überblick über ihre Einrichtung sowie über den Einzugsbereich, aus dem die Kinder, die alle zwischen ein und fünf Jahre alt sind, stammen.

Die Kindertagesstätte ist für 160 Kinder ausgelegt, kann wegen Personalmangels augenblicklich aber nur 128 Kinder aufnehmen. In der Krippe ist Platz für 30 der Kleinsten. Die zwei Etagen des Elementarbereiches können bis zu 130 Kinder nutzen. Das Haus ist mit zahlreichen Funktionsräumen zum Spielen, Lernen, Bewegen, Basteln und Experimentieren ausgestattet, die sich an den Bereichen des Berliner Bildungsprogramms orientieren. Die Kita nimmt am Bundesprogramm „Sprache-Schlüssel zur Welt“ teil und setzt ihre pädagogischen Schwerpunkte zudem auf Natur und Umwelt. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich die Kinder- und Jugend-Freizeiteinrichtung „Wilde Rübe“.

Die Familien der Kita-Wildenbruchstraße stammen aus über einem Dutzend Herkunftsländern und kommen aus unterschiedlichsten sozialen Schichten. „Unsere Kita ist so bunt gemischt wie der Kiez“, sagte Zeidler. Das klassische Schubladendenken über die Zustände im Neuköllner Norden sei nicht mehr zeitgemäß, um die Situation angemessen zu beschreiben. Einerseits würden Eltern mit geringem oder ohne Einkommen nicht zwangsläufig ihre Kinder vernachlässigen. Andererseits gebe es auch in gutsituierten Familien, bei denen es eigentlich niemand erwartet, teilweise enorme Belastungen, mit denen die Eltern allein nur schwer fertig werden könnten.

Besonderes Augenmerk richtete Demir während seines Besuchs auf das Thema der frühkindlichen Sprachförderung. Schon vor dem Antritt seines Tagespraktikums am frühen Morgen überreichten ihm Erzieherinnen der landeseigenen Kindertagesstätten Südost einige Plakate, die sie für die Initiative „Sprachkitas-retten“ angefertigt hatten. In der Kita-Wildenbruchstraße sind zwei von insgesamt 24 Mitarbeiterinnen mit je einer halben Stelle als „Zusatzfachkraft für Sprache“ über das Bundesprogramm „Sprache-Schlüssel zur Welt“beschäftigt. Allein in Neukölln nehmen derzeit rund 60 Kitas an dem Programm teil. Im Sommer 2022 wurde überraschend bekannt, dass das Bundesprogramm nicht fortgeführt werden soll.

„Sprach-Kitas müssen erhalten bleiben. Sie tragen wesentlich dazu bei, die Weichen für eine erfolgreiche Bildungsbiografie von Anfang an zu stellen“, erklärte damals der Neuköllner SPD-Bundestagsabgeordnete. Er warb deshalb für die Unterstützung einer an den Bundestag gerichteten Petition, die die Weiterführung der Bundesförderung für die Einrichtungen forderte. Die Petition, die 277.882 Personen unterzeichneten, fand indes bei der Mehrheit des Petitionsausschusses im Bundestag keine Unterstützung. Allerdings einigten sich die Parlamentarier auf eine Verlängerung des Programms für ein halbes Jahr, um den Übergang in die Regelfinanzierung durch die Bundesländer zu gewährleisten.

Am Ende seines Besuches lernte der Wahlkreisabgeordnete das Kinderparlament der Kita-Wildenbruchstraße kennen, wo Wünsche der Kinder artikuliert und mit den Erwachsenen beraten werden. Zwölf Kinder, die von allen Kita-Kindern gewählt wurden, dürfen hier Beschwerden vorbringen, Vorschläge machen und bei der Organisation von Festen mitwirken.

Abschließend sprach Demir noch einmal mit der Kita-Leiterin Inka Zeidler und einigen ihrer Kolleginnen über ihre Arbeit. „Was ist zu tun, damit die jungen Erzieherinnen ihre hohe Anfangsmotivation das ganze Berufsleben lang aufrechterhalten können?“, fragte eine Erzieherin. „Sind Überlastungspunkte -wie wir sie aus dem Krankenhausbereich kennen- eine gute Lösung, um die Arbeitssituation zu verbessern? Oder sollten wir Überbelastungen lieber gar nicht erst entstehen lassen?“ Auch über kleinere Betreuungsschlüssel und mehr Vorbereitungszeiten wurde gesprochen. Ein großes Vorbild könnten die Kitas der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main sein, waren sich alle einig. Hier kämen auf zwölf Kinder jeweils vier Erzieherinnen und bei sechs Stunden Kinderbetreuung gebe es zwei Stunden Vorbereitungszeit.

=Christian Kölling=

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