Wer verdient es, in Neukölln geehrt zu werden – und wer nicht?

Gleich hinter Goethe und Schiller ist Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852) derjenige, nach dem in Deutschland die meisten Straßen benannt sind. Doch anders als die Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) und Friedrich Schiller (1759 – 1805) hat der Pädagoge, Publizist und Politiker, der bis heute als „Turnvater“ gelabelt und in der Hasenheide an prominenter Stelle mit einem Denkmal geehrt wird, hierzulande inzwischen einen zweifelhaften Ruf. Unstrittig ist, dass Jahn als Begründer der deutschen Turnbewegung 1811 in der Hasenheide den ersten Turnplatz Preußens eröffnete. Dort wurde 1872 für ihn ein Denkmal eingeweiht, das die Nationalsozialisten 1936 anlässlich der Olympischen Spiele in Berlin an seinen heutigen Platz versetzten. Im Kaiserreich, während des Nationalsozialismus und in der DDR, die 1952 einen Sportpark in Pankow nach ihm benannte, wurde Jahn von den verschiedensten Regime gewürdigt. Heute gibt es an Jahns Deutschtümelei aber auch Kritik.

„Wie steht das Bezirksamt dazu, dass mit Friedrich Jahn ein Antisemit, Nationalist, Antidemokrat, Militarist und Antifeminist an einem zentralen Platz in Neukölln geehrt wird?“, wollte eine Bürgerin mit einer Einwohneranfrage (Drucksache 0537/XXI) zur Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung am 16. November erfahren. „Werden die BVV und das Bezirksamt die Forderung des Netzwerks Frauen in Neukölln nach der Entfernung des Denkmals für Friedrich Jahn in der Hasenheide in den Plan zur Sanierung des Parks Hasenheide aufnehmen?“, hakte die Fragestellerin nach.

Der für die Hasenheide zuständige Bezirksstadtrat Jochen Biedermann stimmte der Fragestellerin zu, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Jahn-Denkmal sicherlich an der Zeit sei. Auch die Namensgebung für den Jahn-Sportplatz am Columbiadamm und die Jahnstraße in Britz müsste in die Diskussion über die Jahn-Statue einbezogen werden. Das Bezirksamt begrüße solch eine Debatte, die deshalb durch ein entsprechendes Gutachten unterstützt werden sollte. „Die Entscheidung über den weiteren Umgang mit dem Denkmal müsste sodann durch die Bezirksverordnetenversammlung erfolgen“, erklärte Biedermann. Die Entfernung des Jahn-Denkmals entspreche aber weder den konkreten Zuwendungszwecken noch den Zielen des Bundesprogramms „Klimaresiliente Hasenheide“ und könne deshalb im Rahmen des Förderprogramms nicht vorgenommen werden.

Heute Abend, Dienstag, 22.11., findet ab 18 Uhr auf dem Gutshof Britz eine Diskussion über aktuelle und künftige Umbenennung von Straßennamen statt. Auch die Benennung der Jahnstraße, die im Ortsteil Britz zwischen Buschkrugallee und Britzer Damm verläuft, steht zur Debatte.

Dienstag, 22.11.2022, 18 bis 20 Uhr
„Straßennamen: Was bleibt – was muss weg – was muss her?“
Diskussionsrunde von Expertinnen und Experten über aktuelle und künftige Umbenennungen. Mit Idil Efe (Berlin Global), Samuel Salzborn (Berliner Antisemitismus-Beauftragter), Claudia von Gélieu (Frauentouren) und Matthias Henkel (Museum Neukölln), moderiert von Henning Holsten.

Gutshof Britz
Kulturstall Foyer
Alt-Britz 81
12359 Berlin

Eine Veranstaltung der VHS-Neukölln
Entritt frei

=Christian Kölling=

 

Eine Antwort

  1. Haben die Leute in Neukölln und anderswo keine andere Beschäftigung als Straßennamen zu ändern, die seit hundert Jahren und länger bestehen ? Ich bin in Neukölln aufgewachsen und kenne mich gut aus aber bald wird mir Neukölln fremd gemacht. Dann ist es nicht mehr meine Heimat . Will man wirklich das alte Jahndenkmal zerstören ?

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: