Zwischen Hoffen und Bangen: „Neue Lieder von der Erde“ in der Neuköllner Oper

Die Welt im Jahr 2222: Das ehemalige Melbourne in Australien ist ebenso wie die Weltmetropole New York schon lange im Meer versunken und in der Hamburger Elbphilharmonie werden Luxus-Tauchtouren für die gehobene Mittelschicht angeboten. Die Erderwärmung hat die 4-Grad-Grenze deutlich überschritten, die Monate Juni bis August sind in Europa als Todeszeit bekannt und die Schlammzeit Rasputiza hat den Herbst und das Frühjahr abgelöst. Diese dystopische Zukunftsvision brachten die Neuköllner Oper und das Stegreif Orchester unter der Regie von Sommer Ulrickson und der künstlerischen Leitung von Bernhard Glocksin am vergangenen Samstagabend erstmals auf die Bühne.

Das Musiktheaterstück „Neue Lieder von der Erde“ ist durch Gustav Mahler (1860 – 1911) -österreichischer Komponist am Übergang von der Spätromantik zur Moderne- und sein „Lied von der Erde“ inspiriert. Das späte Werk wurde 1908 geschrieben und wenige Monate nach Mahlers Tod uraufgeführt. Singend, spielend und tanzend führten Isabel Wamig (l.) -vielseitige Sopranistin mit zusätzlichen Ausbildungen in Violine, Jazzgesang sowie zeitgenössischem Tanz- und Justus Wilcken (r.), Bariton, Schauspieler und Komponist, als uniform gekleidete Museums-Guides durch eine unwirtliche Welt. Als dritte Hauptfigur trat neben Wamig und Wilcken die non-binäre Person The Darvish (M.) auf. Ismy Al-Darouish, wie ihr bürgerlicher Name lautet, performte in einem fantasievoll-mystischen Kostüm, das die Bühnen- und Kostümbildnerin Mireia Vila Soriano entworfen hat.

Die Neuköllner Oper und das Stegreif Orchester spannten in ihrem dritten Kooperationsprojekt einzelne Motive aus Mahlers Liederzyklus – sinfonisch und kammermusikalisch, mit Gesang und auch rein instrumental- in freier Interpretation weiter. So entstand ein imposanter, teils schriller Mix aus klassischer Sinfonik, Pop, Jazz und Improvisationen, der die in Workshops geschrieben zeitgenössischen Gedichte syrischer und deutscher Autorinnen und Autoren vertonte. An den künstlerischen Arbeiten waren als interdisziplinäre Experten die Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde, Dr. Manuel Rivera vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) Potsdam, das Netzwerk „Weiter Schreiben“ und das Haus für Poesie beteiligt. Begleitet wird das ehrgeizige Musikprojekt u. a. von einem Sammlungsexperiment des Museums für Naturkunde in Berlin, das den Titel „Natur der Dinge. Eine partizipative Sammlung des Anthropozäns“ trägt und in Zusammenarbeit mit dem Pariser Muséum d’histoire naturelle entstand. Die Sammlung, die zur Premiere ausgewählte Alltagsgegenstände der Gegenwart zeigte, kann neben dem großen Saal im Studio der Neuköllner Oper wieder am 26. Oktober vor Aufführungsbeginn besichtigt werden. Weitere Workshops werden an ausgewählten Spieltagen präsentiert.

„Neue Lieder der Erde“

Termine der nächsten Aufführungen Sonnabend, 22.10. und Sonntag, 23.10., jeweils 20 Uhr. Weitere Aufführungen unter der Woche an verschiedenen Werktagen sowie an den Wochenenden bis einschließlich Sonnabend, 12.11.2022.

Am 26., 27. und 29.10. sowie 5., 6., 9., 11. und 12.11. sind zusätzliche Workshops vor bzw. nach den Aufführungen vorgesehen. Näheres unter neukoellneroper.de/spielplan.

Kartenpreis: 22,- bis 26,- Euro

Spielort: Neuköllner Oper
Karl-Marx-Straße 131 – 133
12043 Berlin

=Christian Kölling=

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