Schloss Britz ganz im Zeichen einer Berliner Kindheit um neunzehnhundert

„Expeditionen in die Tiefe der Erinnerung“ ist die aktuelle Ausstellung im Schloss Britz übertitelt, die sich aus unterschiedlichsten Perspektiven mit Walter Benjamin und seiner Kindheit im Berlin der Kaiserzeit beschäftigt. Erstmals bezieht eine Sonderausstellung in Britz die im nordöstlichen Flügel des Herrenhauses untergebrachte Dauerausstellung zur „Bürgerlichen Wohnkultur der Gründerzeit“ mit ein. Ausgewählte Essays des Philosophen, Kulturkritikers und Übersetzers, die 1987 posthum im Suhrkamp-Band „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ veröffentlicht wurden, sind an 13 Stationen über Audioguide in den historischen Räumen zu hören. Die Texte las eigens für die Ausstellung der Hörspiel- und Synchronsprecher Christian Brückner. Benjamins Erinnerungen an Gegenstände und Atmosphäre der Wohnungen seiner Eltern und Großeltern, die er in seinen Kindheitsbetrachtungen schildert, werden so mit den Raumsituationen und Ausstattungsgegenstände des Britzer Herrenhauses in einen fiktiven Zusammenhang gebracht. Im gegenüberliegenden südwestlichen Flügel des Gebäudes, wo regelmäßig die Sonderausstellungen gezeigt werden, setzen sich parallel dazu neun Künstlerinnen und Künstler in sieben zeitgenössischen Arbeiten mit Walter Benjamin als Mensch, Literat und Berliner sowie mit seiner speziellen Technik der Erinnerung auseinander.

Schloss Britz, das im strengen Sinne des Wortes eigentlich kein Schloss ist, sondern das herrschaftliche Wohnhaus eines Rittergutes, wurde im Jahr 1865 vom Industriellen und Bankier Wilhelm Julius Wrede erworben. Er beauftragte 1880 den Architekten und Denkmalpfleger Carl Busse, der den Park und das Herrenhaus im Stil einer Neorenaissance so umgestaltete, wie die Anlage heute noch erhalten ist. In enger Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt wurde 1985 bis 1988 das Herrenhaus restauriert sowie mit sorgfältig ausgesuchten Möbeln und Gemälden aus der Gründerzeit neu ausgestattet. Benjamin wurde 1892 in einer wohlhabenden Familie assimilierter Juden geboren. „Er wuchs somit in einer sozialen Schicht auf, die in etwa mit der der Industriellenfamilie Wrede vergleichbar ist“, lautet eine Grundannahme des dreiköpfigen Kuratorenteams, dem Christian Schnell, Isabelle Stamm und Dr. Martin Steffens angehören.

Benjamins Familie lebte in stattlichen Wohnungen im Tiergartenviertel sowie im Berliner Westen. Sie bewohnte im Sommer ein Landhaus und kaufte später im Ortsteil Grunewald eine repräsentative Villa, in der Walter Benjamin auch als Erwachsener immer wieder wohnen sollte. „Die Wredes nutzten ihr Britzer Herrenhaus als Sommersitz und besaßen eine Stadtwohnung im Alsenviertel, die ähnlich repräsentativ war wie die der Familie Benjamin“, sagte mir Kurator Steffens kürzlich bei einem Rundgang durch die Ausstellung.

Zum zeitgenössischen Teil der Ausstellung gehört eine Porträtserie der Künstlerin Barbara Duisberg, die illustrierte, wie Erinnerung als stetige Überschreibung früherer Erinnerungen funktioniert, die sich in der individuellen Wahrnehmung ständig ändern muss. Katharina Kamph und Sabrina Schieke möchten mit ihrer partizipativen Installation „Anker_Steine“, die an Benjamins Essay „Tiergarten“ anknüpft, die Besucherinnen und Besucher dazu anregen, sich an ihre eigene Kindheit zu erinnern. Der Berliner Zeichner Matthias Beckmann dokumentierte die Wohnkultur großbürgerlicher, bürgerlicher und proletarischer  Haushalte um das Jahr 1900. Eddie Bonesire fotografierte Orte in der Gegenwart, die Benjamin in seiner „Kindheit um neunzehnhundert“ beschrieb. Anne Brannys analysierte die sprachliche Struktur der Kindheitserinnerungen von Benjamin und brachte sie in eine grafische Form. Birgit Auf der Lauer und Caspar Pauli stellten mit ihrer Videoinstallation „Benjamins letzter Weg“ seine gescheiterte Flucht vor den Nazis, die 1940 mit seinem Suizid im spanischen Portbou endete, in Beziehungen zu den großen Fluchtbewegungen aus Syrien, die Europa 2015 erreichten. Der bosnische Fotograf Nihad Nino Pusija porträtierte schließlich in einer Langzeitstudie Roma-Jugendliche und junge Erwachsene aus Bosnien, dem Kosovo und Serbien, die von Abschiebung aus Deutschland bedroht waren oder bereits abgeschoben worden waren.

 

„Expeditionen in die Tiefe der Erinnerung – Walter Benjamins Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“
Bis 30.12.2022

Schloss Britz
Alt-Britz 73
12359 Berlin

Dienstag bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr
Kombiticket:5 Euro, erm. 3 Euro, bis 12 Jahre frei

Weitere Informationen: https://schloss-gutshof-britz.de/schloss-britz/ausstellungen/walter-benjamin-expedition-die-tiefe-der-erinnerung-walter-benjamins-kindheit-um-1900#/

=Christian Kölling=

 

 

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