Pop-Up-Ausstellung brachte C&A-Haus für ein Wochenende zum Leben

Hereinspaziert! Zwar stand die Tür des Seiteneingangs nur halb offen, aber viele blau-gelbe Plakate, die am Schaufenster des ehemaligen C&A-Hauses klebten und die einen Aufsteller mitten auf der Karl-Marx-Straße zierten, machten am Sonntagnachmittag auf das Innere des Gebäudes neugierig. Als Programmteil der Berlin Art Week hatte der gemeinnützige Artists Inside e. V. die weitläufige erste Etage des früheren Bekleidungshauses am Sonnabend von 14 bis 22 und am Sonntag von 12 bis 18 Uhr für die Öffentlichkeit geöffnet, um seine diesjährige Gruppenausstellung zu zeigen. Zwei Tage lang konnten zehn Kunstschaffende in dem sonst verwaisten Haus ihre raumgreifenden Installationen neben Gemälden, Zeichnungen, Fotografien und kleinere Arbeiten ausstellen.

„Unser Verein unterstützt junge Künstlerinnen und Künstler unter 35 Jahren“, sagte mir Jan Fischer, der ein Gründungsmitglied der ehrenamtlich arbeitenden Organisation ist. Ein Jahr lang begleitet sie zehn aufstrebende Talente mit Mentorships, Masterclasses und Coachings. Abschließend organisiert sie zur Art Week eine große Ausstellung, deren Verkaufseinnahmen zu 100 Prozent an die Künstler und Künstlerinnen gehen. „Das Artists Inside-Fellowship ist ein multidisziplinäres und demokratisches Stipendienprogramm“, erklärte der Kunsthistoriker Fischer. Besonders der Schritt aus der Universität in die Welt des täglichen Kunstbetriebes soll unterstützt werden. Im Mittelpunkt stehen der Aufbau dringend benötigter Netzwerke, die selbständige Planung einer Ausstellung, die Suche nach einem Atelier, aber selbstverständlich auch die Frage: „Wie setze ich einen Preis für meine Arbeit fest?“

Zu den zehn Finalisten des jährlichen Stipendienprogramms gehörten diesmal Katya Quel Elizarova,  deren Installation „False Awakening“ die Vision einer Klarträumerin zeigt und Zhenru Liang, die mit den Backsteinen ihrer Arbeit „Temporary Theatre“ immer wieder neue Räume auf der weiten Ausstellungsfläche schuf. Das Künstler-Duo Kurt Fritsche & Joshua Gottmanns  nahm mit mehreren kleinen Werken teil, darunter ein Glasauge, das aus der aufgerissenen Naht einer ramponierten Basecap schaut.

Zehn Juroren und Mentoren wählten die Stipendiaten aus allen eingegangenen Bewerbungen aus. Das Auswahlgremium, das vom Vorstand der Artists Inside unabhängig ist, setzt sich aus verschiedensten Experten der Kunstszene zusammen. In diesem Jahr gehörten Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol-Magazins, sowie die Künstler Gregor Hildebrandt und Conny Maier ebenso dazu, wie die Kunstsammlerin Karen Boros  und Juliet Kothe, Direktorin der Sammlung Boros.

Nach dem Ende der Ausstellung hatte mich auf der Karl-Marx-Straße beim Anblick der „Problem-Immobilie“ der Alltag leider wieder eingeholt.  Müll, Verwahrlosung und Obdachlosigkeit vor dem ehemaligen C&A-Haus beschäftigten Sozialstadtrat Falko Liecke bereits im Dezember 2021. Am Freitag vergangener Woche teilte er über Facebook mit: „Auf ein Neues. Am kommenden Mittwoch wird die Ecke Karl-Marx-Straße / Anzengruberstraße geräumt. Mit dem Eigentümer des Gebäudes ist vereinbart, die Ecke dieses Mal richtig zu sichern. Die Zäune können dann nicht mehr verschoben werden.“ So schwindet die Hoffnung, dass das verwaiste Haus noch einmal für die Revitalisierung der Magistrale dienen könnte. Alle Erwartungen sind nun auf den Kiez-Kreativkosmos Kalle Neukölln am Alfred-Scholz -Platz gerichtet, der laut Webseite 2022 für den Erstbezug fertiggestellt sein soll. Unterdessen steht die Alte Post, die zwischen C&A Haus und Kalle 101 liegt, vorerst weitgehend leer.

=Christian Kölling=

 

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