„Heißer Herbst“: Die Linke Neukölln wirft Bundeskanzler Scholz „unsoziale Ignoranz“ vor

„Heizung, Strom, Lebensmittel, Miete. Die Preise steigen. Immer mehr Menschen können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen.“ Der Neuköllner Bezirksverband der Partei Die Linke eröffnete gestern Nachmittag mit dieser Zustandsbeschreibung seinen „heißen Herbst“ für höhere Löhne und niedrigere Preise . Vor knapp 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sprachen bei einer Protestkundgebung auf dem Alfred-Scholz-Platz der Neuköllner Linke-Abgeordenete Ferat Koçak sowie Rednerinnen und Redner von „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“, der „Berliner Krankenhausbewegung“, der „Initiative Hermannplatz: Karstadt erhalten“ und der „Aktionsgruppe Aufstehen gegen Rassismus“.

Viele Neuköllnerinnen und Neuköllner seien von Strom- oder Gaspreissperren bedroht. „Bereits im letzten Jahr, vor der Energiekostenexplosion, ist über 1.000 Neuköllner Haushalten zwischenzeitlich oder längerfristig der Strom gesperrt worden. Das dürfte sich in diesem Winter noch verschärfen, wenn nicht politisch gegengesteuert wird“, warnten Maya Eckes und Ruben Lehnert, die zusammen das Sprecherteam der Neuköllner Linken bilden, schon vorab in einer Presseerklärung. „Unsoziale Ignoranz“ warfen Lehnert und Eckes in ihrer Mitteilung insbesondere dem Bundeskanzler Olaf Scholz vor. Er nahm am Freitagmittag -gut 24 Stunden vor der Protestkundgebung und nur wenige hundert Meter vom Ort entfernt- im Vollgutlager in der Neckarstraße am Ada Lovelace Festival 2022 teil. Ticketpreis für Spätbucher: 999,- Euro. „1.000 Euro für ein Ticket, während die Schlangen an den Tafeln hier im Bezirk immer länger werden. Dass Olaf Scholz Teil davon ist, zeigt mal wieder, wie weit er von der Realität der normalen Menschen entfernt ist“, kommentierte Lehnert. „Olaf Scholz spricht hier auf einem Festival, bei dem das Einzelticket mehr kostet als manche Neuköllner*innen im Monat zum Leben haben“, kritisierte Eckes.

„Das Ada Lovelace Festival ist eine Konferenz der ada Learning GmbH, die einmal jährlich stattfindet“, antwortete mir eine Regierungssprecherin auf Nachfrage. „Die Konferenz ist Teil des Curriculums des ada Fellowships. Seit 2019 nehmen jährlich 30 Fellows aus allen Ressorts der Bundesregierung am ada-Fellowship teil“, fügte sie hinzu. Das Fellowship sei ein berufsbegleitendes Programm, in dem sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundesregierung unter anderem in den Bereichen agiles Arbeiten, Design-Thinking, oder zu Fachthemen, wie Künstliche Intelligenz und Blockchain, weiterbildeten. Der Bundeskanzler sprach als Ehrengast mit Prof. Dr. Miriam Meckel, die Gründungsverlegerin und geschäftsführende Gesellschafterin der ada Learning GmbH ist. Das Thema des Gespräches lautete: „Verantwortliche Regulierung? Unsere zukünftigen Rechte und Regeln im Internet“.  Das Festival versteht sich selbst als eine Wissens- und Netzwerkplattform für Experten und Visionäre, Politiker und Entscheidungsträger, unabhängig von Alter, Geschlechtsidentität, Behinderung, Religion, Weltanschauung, sexueller Orientierung oder Herkunft. Benannt wurde es nach Ada Byron Countess of Lovelace. Die Mathematikerin entwickelte Mitte des 19. Jahrhunderts ein Programm für die „Analytical Engine“ von Charles Babbage, die als Vorläufer der modernen Computer gilt. Vor der Coronapandemie fand das Festival jährlich in der Moabiter Bolle Meierei Eventlocation statt.

=Christian Kölling=

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