Ausstellung im Rathaus Neukölln würdigt Stadtbaurat Martin Wagner

„Berlin ist die jüngste, aber auch die ärmste Weltstadt Europas. Aber nicht nur Reichtum, auch Armut verpflichtet, verpflichtet doppelt zu einer Konzentration der Mittel und der Kräfte, mit dem beschränkt gegebenen Kapital ein Höchstmaß an Zweckerfüllung, Form und Repräsentation zu erreichen.“ Dieses Zitat des Berliner Stadtbaurates Martin Wagner aus dem Jahr 1928 begegnete mir kürzlich in einer Ausstellung im Rathaus Neukölln. Sie wurde im Berliner Jubiläumsjahr “100 Jahre Groß-Berlin 1920 – 2020“ konzipiert und trägt den Titel „Der Dirigent der Weltstadt – Martin Wagner und das Neue Berlin“. Berlin war damals mit 3,8 Millionen Einwohnern nach London und New York die bevölkerungsreichste Stadt der Welt. Zudem war Groß-Berlin nach Los Angeles die am weitesten ausgedehnte Gemeinde weltweit.  „Arm, aber sexy“, nannte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit die Stadt noch im Jahr 2003. Können wir das Berlin der „Roaring Twenties“ aber mit der Stadt unserer Gegenwart ohne weiteres vergleichen? Haben sich die Welt, die internationale Stellung Berlins sowie die globalen Herausforderungen und Krisen nicht vielmehr grundlegend verändert? Wie denken wir heute über das Konzept der „autogerechten Stadt“ und wie passen wir Berlin dem Klimawandel mit all seinen Auswirkungen an?

Kulturstadträtin Karin Korte (r.), der Geschäftsführer des August Bebel Instituts (ABI), Reinhard Wenzel (l.) sowie der Historiker Henning Holsten (M.), der die Ausstellung kuratierte, würdigten bei der Vernissage im Rathaus Neukölln am Donnerstag letzter Woche die Verdienste des Stadtbaurates Wagner. Die Ausstellung, die jetzt ein letztes Mal in Neukölln zu sehen ist, startete im Rathaus Charlottenburg und wanderte danach unter anderem in das Rote Rathaus. „Der Bezirk, in dem auch der Martin-Wagner-Ring liegt, hat eine besondere Beziehung zum ehemaligen Stadtbaurat Berlins“, hob Bezirksstadträtin Korte hervor. Die Britzer Hufeisensiedlung ist wohl die wichtigste Siedlung, die er initiierte. Der U-Bahnhof Hermannplatz und das Karstadthaus gehören zu seinen Weltstadtplanungen. Die Wohnungsbaugesellschaft Gehag, die Wagner 1924 gründete, war nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich am Bau der Gropiusstadt beteiligt.

Henning Holsten und Reinhard Wenzel erinnerten daran, dass der Stadtbaurat Groß-Berlins zwischen 1926 und 1933 viel für die Entwicklung der Metropole leistete. Fünf Weltkulturerbesiedlungen der Berliner Moderne, die Strandbäder am Wannsee und Müggelsee sowie das Messegelände am Funkturm gehen auf die Initiative des Architekten zurück. Die Ausstellung stellt auf 20 Tafeln seine Planungsvisionen und ihre praktische Umsetzung vor. Dabei dachte Wagner nicht nur an repräsentative Bauten, sondern ebenso achtete er auf den sozialen Wohnungsbau sowie auf die ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Grünflächen für die Erholung. Bereits in seiner Dissertation legte Martin Wagner 1915 das theoretische Fundament einer modernen Freiflächenpolitik, die sich am Bedarf der großstädtischen Massen ausrichten sollte. „Seine präzisen Berechnungen des lokalen Bedarfs an Sport- und Spielplätzen, Wald und Parkflächen in Quadratmetern pro Kopf der Bevölkerung setzten jahrzehntelang gültige Maßstäbe“, heißt es auf einer der Tafeln.

Schließlich wies mich Reinhard Wenzel auf eine Kuratoren-Führung hin, die er zusammen mit Henning Holsten am Mittwoch übernächster Woche, 28.9., im Rathaus Neukölln anbietet: „Wir gehen der Frage nach, was wir für unsere Zeit aus den Werken vor 100 Jahren lernen können“, erklärte der ABI-Geschäftsführer.

„Der Dirigent der Weltstadt – Martin Wagner und das Neue Berlin“
Ausstellung bis 07.10.2022
Rathaus Neukölln, Foyer in der 1. Etage,
Karl-Marx-Straße 83, 12043 Berlin

Öffnungszeiten Mo. – Fr. 8 – 20 Uhr

Kuratoren-Führung durch die Ausstellung mit dem Historiker Henning Holsten und Reinhard Wenzel, Geschäftsführer des ABI, Mittwoch, 28. September 2022, 18 Uhr.

=Christian Kölling=

 

Eine Antwort

  1. Danke für den Beitrag.

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