Erster Neuköllner Stolperstein für einen Homosexuellen

Im nationalsozialistischen Deutschland fand eine beispiellose Homosexuellen-Verfolgung und eine umfassende Kriminalisierung männlicher Homosexualität statt. 1935 wurden die im Paragraf 175 des Strafgesetzbuches vorgesehenen Bestimmungen gegen homosexuelles Verhalten erheblich verschärft und ausgeweitet. Auch nach dem Ende der Nazi-Diktatur blieben die homosexuellen Opfer lange Zeit aus der Gedenkkultur ausgeschlossen.  In der Bundesrepublik Deutschland galt der Paragraf 175 unverändert bis 1969 fort.

Der erste Neuköllner Stolperstein für einen verfolgten Homosexuellen wurde vor dem Haus in der Pflügerstraße 8 am vergangenen Donnerstagmorgen im Pflaster eingelassen. Der Gedenkstein erinnert an Fritz Paul Bräuer, der ein Rosa-Winkel-Häftling des KZ Ravensbrück war.  Die Verlegung, die von einem Großneffen initiiert wurde und im Beisein enger Angehöriger stattfand, begleite der Pate des Stolpersteines Lothar Dönitz. Er ist Historiker und Leiter des „Gesprächskreises Homosexualität“, der seit 1982 in der evangelischen Kirche beheimatet ist. Auch Dr. Matthias Henkel, Direktor des Museums Neukölln, nahm an der Stolpersteinverlegung teil.

Fritz Paul Bräuer wurde am 3. Oktober 1903 in Saarau bei Schweidnitz in Schlesien (heute Żarów in Polen) geboren. Er zog später in die Pflügerstraße 8 in Neukölln, wo er als angestellter Buchhalter arbeitete und ledig blieb. „Die Polizei Berlin verhaftete den 35-Jährigen im Juni 1939. Am 1. November 1939 verurteilte ihn das Landgericht Berlin nach Paragraf 175 zu zwei Jahren Zuchthaushaft und zu drei Jahren Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte“, wie das online Rosa-Winkel-Gedenkbuch festhält und seinen weiteren Leidensweg wie folgt beschreibt:  „Zur Strafverbüßung transportierte man ihn zunächst in das Zuchthaus Brandenburg-Görden und von dort im Januar 1940 zur Schwerstarbeit in das Strafgefangenenlager Aschendorfer Moor im Emsland. Zum Ende seiner Strafe entließ der Justizvollzug ihn am 3. Oktober 1941 nicht in die Freiheit, sondern lieferte ihn der Polizei aus, die ihn nach Berlin überstellte. Am 22. Januar 1942 transportierte die Polizei ihn auf Befehl der Kriminalpolizei Berlin in das KZ Buchenwald bei Weimar in Thüringen, wo man ihn als ‚Paragraf-175-Häftling‘ einstufte. Am 13. März 1942 wurde er in das Männerlager des KZ Ravensbrück transportiert, wo er ebenfalls als Homosexueller eingestuft wurde. Fritz Bräuer wurde am 29. Juni 1942 im KZ Ravensbrück im Alter von 38 Jahren ermordet.“

=Christian Kölling=

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