Wanderausstellung im Rathaus Neukölln: „…vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig…“

Die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste zeigt seit vergangenem Dienstagnachmittag im Rathaus Neukölln eine Wanderausstellung mit historischen Fotografien des Fotojournalisten Hanns Weltzel. Er dokumentierte in den 1930er Jahren einfühlsam und mit Respekt das Leben von Sinti- und Roma-Familien in Dessau-Roßlau. Rund 200 seiner Fotos befinden sich heute im Archiv der Universität Liverpool. Zu den Lebensmittelpunkten einiger der fotografierten Familien, die vom Wandergewerbe lebten, gehörte auch Berlin. Die Mehrzahl der Porträtierten, die in der Ausstellung   „…vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig…“ vorgestellt werden, überlebte den Völkermord an Sinti und Roma nicht.

„Ihre Schicksale sind unser Auftrag, ihr Zeugnis zu bewahren und weiterzugeben“, sagte Claudia Roth, Staatsministerin für Kultur und Medien, deren Grußwort als Video-Botschaft  im Saal der Bezirksverordnetenversammlung des Rathauses Neukölln gezeigt wurde. Vehement forderte sie, dass die weiterhin in allen Lebensbereichen bestehende Diskriminierung der Sinti und Roma  beendet werden muss. Es gibt keine deutsche Sinti- oder Roma-Familie, die während der NS-Diktatur nicht vom Völkermord aus rassischen Gründen betroffen war. Nachdem über 70 Sinti und Roma in Dessau-Roßlau Anfang 1938 aus Anhalt ausgewiesen worden waren, zwangen Gestapo und Kriminalpolizei die Männer, Frauen und Kinder in das „Zigeunerlager am Holzweg“ in Magdeburg. Einige widersetzen sich und gingen nach Berlin zurück, wo sie jedoch in das Lager Marzahn gezwungen wurden. Im Juni 1938 setzten gezielte Einweisungen in Konzentrationslager und im März 1943 Deportationen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ein.

Jana Müller, Kuratorin der Ausstellung und Mitarbeiterin des Stadtarchivs Dessau-Roßlau, schilderte in ihrer Rede, wie sie 2008 ihre Spurensuche begann. Müller stieß dabei auch auf das Schicksal von Erna Lauenburger, die den Spitznamen „Unku“ trug und ein Vorbild für weibliche Hauptfigur des 1931 erschienen Jugendromans „Ede und Unku“ war. Der Roman gehörte in den Schulen der DDR seit 1972 zur Pflichtlektüre. Trotzdem blieb die wirkliche Lebensgeschichte von Erna Lauenburger, die in Auschwitz starb, lange Zeit unbekannt und unveröffentlicht. Müller erfuhr bei ihren Recherchen ebenso, dass der Berliner Magistrat 1935 alle Bezirksbürgermeister aufgefordert hatte, Berichte über die „Lage der Zigeuner“ in ihren Bezirken zu erstellen. „Es wäre interessant zu erfahren, was der Neuköllner NSDAP-Bezirksbürgermeister Kurt Samson damals berichtet hat“, sagte Müller, die vermutet, dass die entsprechenden Dokumente noch erhalten sein müssten.

Margitta Steinbach und Verena Sekanina sind zwei Nachfahren der porträtierten Familien, die sich für den in Gründung befindlichen Verein Menda Yek engagieren. Eindrucksvoll schilderten sie, wie die Verfolgung der Vorfahren während des Nationalsozialismus sich bis in die Gegenwart belastend auf die Kinder, Enkel und Urenkel auswirken. Aus Respekt vor den Opfern des Völkermords und den Nachfahren der wenigen Überlebenden baten die beiden Rednerinnen darum, auf Film- und Fotoaufnahmen der Ausstellung zu verzichten. Eine Bitte, die am Eingang der Ausstellung auf einer Tafel wiederholt wird.

Am Ende der feierlichen Ausstellungseröffnung spielten Romani Weiss (2.v.r.) und das Gypsy-Jazz-Kollektiv Radio Django.  Sie begeisterten das Publikum unter anderem mit einer virtuosen Improvisation über das Lied „Bella Ciao“ der italienischen Antifaschisten im Zweiten Weltkrieg. Dass die Wanderausstellung „…vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig…“ nach Neukölln gekommen ist, ist einer Initiative der Neuköllner Stadtteilmütter zu verdanken. Wie mir Projektleiterin Maria Macher im Foyer des Rathaus-Saals sagte, setzen sich die Stadtteilmütter in Zusammenarbeit mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste seit 2005 mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinander.

Zur Eröffnung der Wanderausstellung waren bedauerlicherweise keine Offiziellen des Bezirks Neukölln gekommen. Wie ich von Pressesprecher Christian Berg erfuhr, hatte Bezirksbürgermeister Martin Hikel bereits weit im Vorfeld zugesagt, dass er die Ausstellung zum ursprünglich geplanten Termin eröffnet. Coronabedingt musste der Eröffnungszeitpunkt allerdings verschoben werden. „Da sich Herr Hikel nunmehr in Elternzeit befand, wurde geprüft, ob sich ein thematisch mit dem Ausstellungsinhalt befasstes Mitglied des Bezirksamtes an der Eröffnung beteiligen konnte. Dies war aus terminlichen Gründen leider nicht möglich“, schrieb mir Pressesprecher Berg am Donnerstag. Er fügte hinzu: „Das Bezirksamt freut sich, dass diese wichtige Ausstellung zur Verfolgung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus im Rathaus Neukölln gezeigt werden kann.“

Die Ausstellung „…vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig…“ kann noch bis zum 23. September im Rathaus Neukölln, Karl-Marx-Str. 83, 12043 Berlin, in der 2. Etage während der Öffnungszeiten (Mo. – Fr. 8 – 20 Uhr) besichtigt werden.

=Christian Kölling=

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