Grüne Neukölln verlegten Sitzung auf den Hermannplatz

Außergewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Dass das regelmäßige Bezirksgruppen-Treffen der Neuköllner Grünen am vergangenen Dienstagabend als „Outdoor-Bezirksgruppen-Sitzung“ stattfand, war allerdings nicht nur der weiterhin grassierenden Corona-Pandemie geschuldet. Rahul Schwenk, der im Vorstand der Grünen Bezirksgliederung für Landespolitik und die Einbindung der Zivilgesellschaft zuständig ist, hatte vielmehr mitten auf den Hermannplatz eingeladen, um in der öffentlichen Bezirksgruppensitzung über die Pläne der Signa-Unternehmensgruppe zur Umgestaltung des Karstadt-Kaufhauses am Hermannplatz zu diskutieren. „Ich habe Signa schon bei ihren Projekten in Innsbruck und Wien kritisch verfolgt“, sagte mir Schwenk auf dem Platz und empfahl mir aus der ARD-Mediathek die Fernseh-Dokumentation „Der Kaufhauskönig“, die allerdings bereits im Mai 2021 produziert worden ist und seitdem nicht mehr aktualisiert wurde. Als Rednerin hatte der Vorstand die Grüne-Wahlkreisabgeordnete Dr. Susanna Kahlefeldt gewinnen können, die aus dem Abgeordnetenhaus über die aktuelle Entwicklung am Hermannplatz berichten sollte

Kahlefeldt kennt den Hermannplatz und die Neuköllner Bezirkspolitik seit langem. In der Bezirksverordnetenversammlung war sie von 2001 bis 2008 Mitglied der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Im Neuköllner Wahlkreis 2 wurde sie seit 2011 dreimal direkt als Abgeordnete ihrer Partei in das Berliner Landesparlament gewählt. „Wir fordern seit 30 Jahren eine Tram-Verbindung für den Hermannplatz“, erinnerte sich die Politikerin und verdeutlichte so die besondere Bedeutung des Ortes, an dem seit 1929 auf Kreuzberger Gebiet das Karstadt-Warenhaus steht, dessen Ausstrahlung bis weit nach Neukölln reicht. Der Platz, der auch „Tor Neuköllns“ genannt wird, ist aber nicht nur Kaufhaus-Standort und Verkehrsknotenpunkt, sondern er beherbergt auch einen großen Wochenmarkt und ist ein zentraler Treffpunkt des Bezirks, in dem es bekanntlich neben Licht- auch Schattenseiten gibt. In Huxleys Neue Welt an der Hasenheide fand im November 2021 die sogenannte Auftaktveranstaltung für die Grundlagenermittlung zum Masterplanverfahren Hermannplatz statt. Eine umfassende Auswertung dieses Treffens, bei dem Bürgerinnen und Bürger ihre Sorgen und Ängste ebenso wie ihre Bedürfnisse und Wünsche zur Entwicklung des Hermannplatzes als öffentlichem Ort und Kaufhaus-Standort vorbringen konnten, ist bis heute allerdings nicht veröffentlicht worden. Vielmehr scheint der Auftakt zugleich das Ende des ganzheitlichen Dialogs über die Entwicklung des zentralen Stadtplatzes gewesen zu sein.

„Geisel arbeitet jetzt hinter verschlossenen Türen“, kritisierte Kahlefeld den Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen am Dienstagabend. Seit der März-Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses, dem die Politikerin ebenso angehört wie dem Ausschuss für Engagement, in dem sie stellvertretende Vorsitzende ist, kriselt es in der Regierungskoalition beim Thema Karstadt wahrnehmbar. „Wenn man den Platz aufwerten möchte – und das wollen wir, und darin besteht auch die Einigkeit in der Koalition –, dann müssen wir das unter einer breiten Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger machen, die dieses Vorhaben mittragen, den Platz umzugestalten“, hatte Kahlefeldt in der Sitzung am 14. März gesagt.  Doch nach dem Aufstellungsbeschluss vom 9. März ist nur noch die gemäß Baugesetzbuch zwingend vorgeschriebene Beteiligung der Öffentlichkeit vorgesehen. Vom ursprünglich in Aussicht gestellten breitangelegten Masterplanverfahren ist nicht mehr geblieben als der Begriff.

„Das Immobilienunternehmen Signa verfolgt in Berlin seit einigen Jahren eine intensive Expansionsstrategie. Dazu gehören die Pläne, das Karstadtgebäude am Hermannplatz zu entkernen, massiv aufzustocken und mit einer Disney-Fassade à la ‚Babylon Berlin‘ zu versehen“, wiederholte Kahlefeldt auch am Dienstag ihre Kritik. Nachdem sich die rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bezirksgruppen-Sitzung an Ort und Stelle ein Bild von der Situation gemacht hatten, gingen sie über den Hof des Karstadt-Hauses zu einer Wiese neben dem Hindu-Tempel in der Hasenheide, um dort in Ruhe weiterzudiskutieren. Dabei wurden unterschiedliche Standpunkte deutlich. „Die Fassade ist Geschmackssache. Wichtig ist, was in dem Gebäude geschieht“, lautete eine Gegenposition, die die Signa-Pläne nicht rundweg ablehnte. Das Karstadt-Projekt von Signa böte neben neuen Büroflächen auch Möglichkeiten für Wohnen, Kultur und Freizeit. „Um einen lebendigen Ort für Karstadt zu schaffen, sollen eine gemischt genutzte Immobilie und eine identitätsstiftende Architektur entstehen“, schreibt Signa selbst und antwortet in den FAQ auf die Frage, welche Auswirkungen das Projekt auf den Kiez habe: „Größere Veränderungen auf den Kiez soll es nur bezüglich des Erscheinungsbildes des Gebäudes sowie des erweiterten Angebotes geben. Nahversorgung, Einzelhandel und insbesondere Karstadt bleiben zentraler Bestandteil des Hermannplatzes.“

=Christian Kölling=

Eine Antwort

  1. Als Teilnehmer des geschilderten Grünen-Treffens vermisse ich mindestens folgende Aspekte der Diskussion:

    1) Frau Kahlefeldt stört sich vor allem Anderen daran, dass der Haupteigner von Signa, René Benko ein besonders gerissener und geldgieriger Kapitalist und Milliardär ist; dies mag in mancher Hinsicht stimmen, sollte aber bei der städtebaulichen Bewertung keine Rolle spielen. Es ist Sache des Senats – und des letztentscheidenden Abgeordnetenhauses – , im neuen Bebauungsplan den Erhalt von Warenhausfläche, einen Anteil Gemeinwohlfläche, anspruchsvolle Umwelt- und Energiestandards und die Einfügung in die Umgebung festzulegen.

    2) Frau Kahlefeldt kann außer unkonkreten Gemeinwohl- und Kreativnutzungen keine Alternativen außer dem Beharren auf dem Status quo aufzeigen. Da das Kaufhaus und das Parkhaus nicht rentabel arbeitet, müsste es verkaufstechnisch – und auch energetisch – saniert und rentablere Nutzungen wie Büros in das Gebäude genommen werden. Wenn aber Umbauten nicht erlaubt würden, könnte die Entlassung der etwa 200 Karstadt-Beschäftigten und die Vermietung an Ramschläden oder Leerstand drohen.

    3) Frau Kahlefeldt ignoriert das partielle Entgegenkommen von Signa: mittlerweile verzichtet die Firma auf den Abriss, will die Aufstockung im Holzbau ausführen und einen kleinen Teil der Fläche für Sozialwohnungen an die DeGeWo verkaufen und einen Teil günstig an eine Kita vermieten. Offenbar hat die jahrelange öffentliche Kritik – fundamental oder wohlwollend – Wirkung gezeigt.

    Manfred Herrmann

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