Wie ist Wiedergutmachung für den Völkermord an Ovaherero und Nama möglich?

Die Regierungen Deutschlands und Namibias schlossen nach langjährigen Gesprächen um eine Wiedergutmachung für den Völkermord des Deutschen Reiches an den Ovaherero und Nama im Mai 2021 ein Versöhnungsabkommen ab. Während über den Abschluss des Abkommens in Deutschland kaum diskutiert wurde – nur eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke (Drucksache 19/32075) hinterfragte im September letzten Jahres Inhalte und Form der Vereinbarung- wurde in Namibia über das Versöhnungsabkommen im Parlament und in der Gesellschaft heftig diskutiert. Der jüngst im Verlag Brandes-Aspel erschienene Sammelband „Koloniale Vergangenheit – Postkoloniale Zukunft?“ will in Deutschland aus verschiedenen Perspektive eine Diskussion darüber in Gang setzen, wie die Wiedergutmachung für den zwischen 1904 und 1905 an Ovaherero und Nama begangenen Völkermord möglich ist. Auch in Neukölln, wo ein Stein auf dem Garnisonfriedhof an die deutsche Kolonialherrschaft erinnert, ist diese Diskussion überfällig. Am vergangenen Montagabend stellten die Herausgeber Kirstin Platt und Henning Melber ihren Sammelband zusammen mit Autorinnen und Autoren im großen Veranstaltungsraum der Heinrich-Böll-Stiftung in der Schumannstraße in Mitte der Öffentlichkeit vor. Im Publikum saß auch der Leiter des Museums Neukölln, Dr. Matthias Henkel, den die drei Podiumsgäste aus Namibia zuvor auf dem Gutshof Britz besucht hatten.

„Wir müssen emotional intelligent sein, wenn wir uns diesem Thema widmen“, erklärte gleich zum Anfang die Journalistin Rakkel Andreas, die zu den 26 Autoren des Sammelbandes gehört. Sie war demonstrativ im traditionellen Kleid einer Oshivambo-Frau auf das Podium gekommen, um mit dieser politischen Geste zu unterstreichen, dass ihrer Ansicht nach die Interessen und Bedürfnisse der namibischen Bevölkerung umfassend berücksichtigt und in den Versöhnungsprozess besser einbezogen werden müssten. Naita Hishoono, ebenfalls Autorin des Sammelbandes, lebte als Kind aus Namibia in einem angolanischen Flüchtlingslager. Als die südafrikanische Luftwaffe 1978 das Lager Cassinga bombardierte, evakuierte die Swapo 430 namibische Kinder und schickte sie zusammen mit einigen Lehrern und Erziehern in die DDR. 1990 konnte Hishoono die Schule trotz zwölfjährigem Aufenthalt in Deutschland nicht beenden und musste überstürzt das Land verlassen, weil sie nur den Status einer Geflüchteten besaß. Am Montagabend kritisierte sie u. a., dass die weißen Nachfahren der Siedler in Namibia wie selbstverständlich sowohl die deutsche als auch die namibische Staatsangehörigkeit hätten. Ein Privileg, das vielen schwarzen Namibiern verwehrt werden würde, auch wenn sie fließend Deutsch sprächen und allein ihren Lebensunterhalt bestreiten könnten. Besonders deutlich werde die Ungleichbehandlung bei kurzzeitigen Aufenthalten: Während Deutsche visafrei nach Namibia reisen können, müssen Namibier, die nach Deutschland wollen, ein umständliches Visaverfahren auf sich nehmen.

„Die Kinder der Nachfahren, die meine Vorfahren getötet haben, diskriminieren mich weiter“, sagte Uazuvara Ewald Kapombo Katjivena, der auch einen Beitrag für den Sammelband schrieb. Er lebt mit seiner Familie seit vielen Jahren in Norwegen. Noch immer bestimmten die Folgen des Kolonialismus das Leben in Namibia und der große Landbesitz der weißen Siedler-Nachfahren sei ein zentrales Thema. Der Kolonialismus habe Denken und Handeln über Generationen verändert. Die gesellschaftliche Ungleichheit in Namibia müsse reduziert werden. Deutschland müsse eine angemessene materielle Entschädigung für den Genozid an den Ovaherero und Nama leisten. Katjivena erzählt in seinem Buch „Mama Penee: Transcending the Genocide“, das nur in Englisch, aber noch nicht in Deutsch erschienen ist, die Lebensgeschichte seiner Großmutter, bei der er aufwuchs. Deutsche Soldaten erschossen ihre Eltern und Großeltern. Sie überlebte mit elf Jahren und musste anschließend auf einer deutschen Farm arbeiten.

Auf Anregung von Kirsten Krampe (2.v.l.), Leiterin des Afrika-Referats der Heinrich-Böll-Stiftung, besuchten Katjivena (M.), Hishoono (3.v.r.) und Andreas (3.v.l.) vor der Podiumsdiskussion u. a. den Neuköllner Museumsleiter Henkel (r.). Sobald im November 2022 die Sonderausstellung „Heiraten in Neukölln“eröffnet ist,  will er sich intensiv mit der Kuratierung der nächsten Ausstellung beschäftigen, die ab Herbst 2023 gezeigt werden soll. Sie trägt den Arbeitstitel „Stein des Anstoßes“ und hat den Stein auf dem Garnisonfriedhof zum Gegenstand, der ein Relikt der deutschen Kolonialherrschaft in Afrika ist. „Das Treffen mit der Delegation war ein zweieinhalbstündiger Workshop, in dem ich unsere konzeptionellen Überlegungen für die Sonderausstellung im kommenden Jahr mit dem Team besprochen habe“, schrieb mir Henkel am Mittwoch. „Es war eine überaus aufschlussreiche Diskussion, aus der sich vorzügliche Empfehlungen für das weitere Vorgehen ableiten lassen. Wegen einer Intensivierung der Kontakte laufen bereits Gespräche“, fügte der Museumsdirektor hinzu. Auch mit Vertretern von Interessengruppen und Communitys, die in Berlin leben, seien bereits Kontakte aufgenommen worden.

=Christian Kölling=

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