In der Galerie im Saalbau werden die Arbeits- und Lebenswelten des digitalen Zeitalters untersucht

Wie kontrollieren die neuen Technologien der digitalen Ökonomie die Emotionen und Körper der Menschen? Dieser recht anschaulichen Frage geht seit vergangenem Freitag die laufende Ausstellung der Galerie im Saalbau nach, die den rätselhaften Namen „c/o – in anderen Händen. Affektive Infrastrukturen und arbeitende Interieurs“ trägt. Neun in Neukölln beheimatete Künstlerinnen untersuchen mittels Installation, Video, Fotografie und Sound, wie digitale und physische Architekturen das alltägliche Leben bestimmen, indem sie Verhaltensweisen und Gewohnheiten formen sowie kollektive Gefühle beeinflussen. Können wir andere Modelle entwickeln, um uns im Geflecht von Arbeit, Teilhabe, Digitalität und körperlicher Erfahrung zurechtzufinden?, fragte die vertretende Galerieleiterin Yolanda Kaddu-Mulindwa zur Vernisage inmitten der ausgestellten Werke. Hinter dem Begriff der Shared Economy, dessen Formen wir auch in Neukölln überall sehen, verberge sich ein aggressiver digitaler Plattformkapitalismus. Er verspreche ständige Verfügbarkeit von Waren und Dienstleistungen, treibe aber die Fragmentierung der Gesellschaft in immer kleinere Teile voran.

Pas de Deux & Ensemble“ heißt eine Installation im zentralen Raum der Ausstellung, für die die Künstlerin Jinran Ha  zwei Türen in einer acht-minütigen Choreografie programmiert hat. Beide drehen sich um die eigene Achse, sodass immer wieder neue Raumkonstellationen erschaffen werden. „Das Publikum ist eingeladen, sich in diese temporären Situationen zu begeben, sich darin zu bewegen, oder gar mit den Türen eigene Räume zu inszenieren“, erklärte Kaddu-Mulindwa.

Im vorderen Nebenraum zeigt Johanna Käthe Michel ihre Arbeit „Mediterranes Haus mit Meer“. Inspiriert von verschiedenen Zoom-Meetings interessierte sich die Künstlerin für die virtuellen Hintergründe, die die Teilnehmer der Video-Konferenzen wählten, wenn sie nicht ihre eigenen vier Wände mit allen anderen teilen wollten. „Was bedeutet es, wenn in der noch andauernde Home-Office-Phase das Berufliche in das Private übergeht?“, lautete dabei ihre Erkenntnisfrage. Michel gestaltete verschiedene Büro-Hintergründe nach und arrangierte sie mit Pflanzen aus der UdK, die dort in den letzten Monaten zurückgelassen wurden.Mit einem QR-Code, der an der gegenüberliegenden Wand auf einem Zettel steht, können die Besucherinnen und Besucher einen einzigartigen Landschaftshintergrund generieren. Er wird von einer künstlichen Intelligenz erstellt, die auf einem Datensatz mit Reisezielen basiert, nach denen im Corona-Frühjahr 2020 am häufigsten gesucht wurde, wird im Begleitmaterial zur Ausstellung erläutert wird.

Im hinteren Ausstellungsraum werden zwei Video-Arbeiten von Laura Leppert  gezeigt. „Der Mythos der ‚billigen Natur‘, die umsonst arbeitet, ist die Basis für Wertschöpfung in kapitalistischen Gesellschaften“, lautet die Ausgangsüberlegung des 13-minütigen Videos Possession (The Vessel Breaks). „Was würde passieren, wenn all diese Wesen, Dinge und Infrastrukturen ihre Arbeit niederlegen würden?“, fragt Leppert sich und ihre Zuschauer. In ihrem zweiten Video circumscribe, das gut acht Minuten dauert, thematisiert die Künstlerin das Archiv der Gesten der Zuneigung. Technologiekonzerne patentierten seit vielen Jahren Gesten, um sie in ihr Interface einzuspeisen. Sie würden damit auch jetzige und zukünftige Besitzansprüche auf menschliche Ausdrucksformen festschreiben, lautet die Grundannahme der Video-Arbeit.

Ausstellung „c/o – in anderen Händen. Affektive Infrastrukturen und arbeitende Interieurs“
Bis 9. Oktober 2022
Galerie im Saalbau
Karl-Marx-Str. 141
12043 Berlin
Mo.-So. 10-20 Uhr
Eintritt frei

=Christian Kölling=

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