Platz für Experimente

Von außen ist die Genezareth-Kirche schon länger ein Hingucker. Denn anders als die meisten Kirchen hat sie keinen hoch aufragenden Turm. Seit im September letzten Jahres der Ev. Kirchenkreis Neukölln das Backsteingebäude auf dem Herrfurthplatz von der Gemeinde übernommen und für die Projekte Startbahn, Segensbüro und Spirit & Soul einen sogenannten Dritten Ort geschaffen hat, hat sich aber auch im Inneren der Kirche viel verändert: Bunte Sitzkissen und ein großer, runder Teppich, wo früher Kirchenbänke standen, Liegestühle, Bücher, Spiele und üppige Grünpflanzen auf den Emporen. Und im Foyer wurde im Frühjahr ein Gebetomat aufgestellt.

„Klassische Sonntags-Gottesdienste bieten wir nicht mehr an, weil die die Menschen im Kiez einfach nicht ansprechen“, sagt Jasmin El-Manhy. Lediglich Familiengottesdienste unter dem Motto „Fragen. Entdecken. Feiern“, bei denen Kinder und Eltern ganz entspannt auf dem Teppich sitzen können, finden noch regelmäßig statt, seit die Genezareth- mit der Martin-Luther-Kirche in der Fuldastraße fusionierte. Die Kirche im Schillerkiez sei seitdem ein Experimentierraum, um neue Strukturen und Wirkfelder von Kirche zu probieren, erklärt die Pfarrerin, die nun Geschäftsführerin der Startbahn ist: „Wir sind quasi das übergeordnete Projekt und machen vor allem Stadtteilarbeit, Vernetzungsinitiativen und kirchliche Innovationsprojekte, um den Raum der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.“ Derweil konzentriere sich Spirit & Soul auf das Metier Spiritualität, und das Segensbüro gehe im Bereich der Kasualien der Kirche wie Taufe, Beerdigungen und Trauungen neue Wege.

Auch der Gebetomat ist ein Versuch. Seit etwa vier Monaten steht er im Eingangsbereich der Kirche. Erfunden hat die an einen Passfoto-Automaten erinnernde Kabine der Berliner Theater- und Hörspielregisseur Oliver Sturm. „Als Gottedienst-Ersatz ist er aber definitiv nicht gedacht“, betont Jasmin El-Manhy. Was sie vor allem beeindruckt, ist, „dass die Gebete nicht von einem Sprecher im Studio eingesprochen, sondern von Herrn Sturm im Vollzug aufgenommen wurden. Das gibt Atmosphäre und macht es für mich sehr besonders.“ Man könne über den Touchscreen Gebete aus fast allen Religionen der Welt in vielen Sprachen anwählen und ihnen zuhören: vom strengen Zarathustra-Vaterunser über tibetanische Mönchsgesänge, buddhistische Sutren, Korangebete, hebräische Kaddisch-Gebete, Indianer-Gesänge, Gebete von Schamanen aus Neu-Guinea oder Mali bis hin zu zeitgeistigen Gruppenmeditationen und amerikanischen Fernsehpredigern, erläutert der Gebetomat-Erfinder auf seiner Website. Etwa 300 Gebete in 64 Sprachen – darunter auch Plattdeutsch – seien abrufbar.

„Wir haben hier im Kiez ja auch immer mehr Leute, die touristisch unterwegs sind und sich die Kirche angucken, und die finden das toll und faszinierend“, so El-Manhy. Neugierde und ein spielerischer Zugang beim Klicken durch die Möglichkeiten seien meist die ersten Impulse. Danach komme der Genuss, den Vorhang zuzuziehen und einfach mal zwei, drei Minuten zur Ruhe zu kommen. „Anders als früher an anderen Standorten ist die Nutzung hier inzwischen kostenlos.“ Auch die Kirche bekam den Gebetomat gratis zur Verfügung gestellt, musste nur den Transport übernehmen: „Herrn Sturm war es sehr wichtig, dass er irgendwo steht, wo er genutzt und gesehen wird und vor Vandalismusschäden beschützt wird.“

Bisher kann das Experiment als überaus gelungen bezeichnet werden. Und das gilt auch für andere, die entwickelt wurden, um den Ort zu beleben, zu öffnen und Schwellenängste zu nehmen: „Im letzten Jahr, am 4. Oktober, dem Welttierschutz-Tag, wurde erstmals in der Kirche eine Hundesegnung gemacht, um die Mensch-Tier-Beziehung wertzuschätzen“, berichtet Jasmin El-Manhy. Gut 40 Hunde mit ihren Halterinnen und Haltern hätten daran teilgenommen – weil die Veranstaltung so erfolgreich war, wird sie dieses Jahr erneut angeboten. Noch mehr Zuspruch fand das im Mai erstmals durchgeführte Hochzeits-PopUp-Festival. „Eigentlich ist es ja so, dass man nur kirchlich getraut werden kann, wenn man vorher standesamtlich geheiratet hat. Wir wollten also testen: Wie ist das, wenn wir eine Segenshochzeit für Paare anbieten, die noch nicht verheiratet sind.“ 70 Paare wurden an diesem Tag verheiratet, zwar ohne juristische Akzeptanz und Eintrag ins Kirchenbuch, aber mit einem großen Fest und Erinnerungsurkunden. Anmeldungen fürs nächste Jahr gebe es auch schon. Sicher ist ebenfalls, dass die im letzten Jahr erprobten Veranstaltungen zum 9. November und am Totensonntag eine Neuauflage erfahren.

„Wir suchen nach Formen, wie Menschen aller Konfessionen Erlebnisse miteinander teilen können, die sie bewegen und berühren“, das gelte für öffentliche Events ebenso wie für private Feiern in der Kirche, hält die Startbahn-Geschäftsführerin fest. „Wir geben auch gerne einfach den Schlüssel raus, wenn unsere Räume für Trauerfeiern oder ähnliches genutzt werden sollen. Der Sinn ist einfach, dass die Menschen, die hier etwas machen wollen, den Raum so gestalten können, wie sie wollen – aber bleibend verändert werden darf er natürlich nicht. Das macht großen Spaß zu sehen, was den Leuten einfällt.“

Die Genezareth-Kirche (Herrfurthplatz 14) ist von montags bis freitags zwischen 10 und 15 Uhr geöffnet.

Der nächste Familiengottesdienst findet nach den Sommerferien, am 28. August um 10 Uhr, statt.
Am 26. August ab 17 Uhr lädt die Startbahn unter dem Motto „Gemeinsam feiern – stark vernetzt sein“ zur Frauen-Party ein.

=Gast=

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