Stadtentwicklung in Neukölln unter dem Eindruck der Klimakrise

„Was müssen wir heute tun, damit Neukölln auch in 20, 30 Jahren noch lebenswert ist?“ Am vergangenen Sonnabend begrüßte Stadtentwicklungsstadtrat Jochen Biedermann mit diesem Satz, den ich von ihm – so oder so ähnlich – in den zurückliegenden Monaten schon bei der Eröffnung mehrerer Veranstaltungen gehört habe, die Anwohnerinnen und Anwohner eines Kiezfestes in der Elbestraße. Der Senat und das Bezirksamt haben die Elbestraße im Sanierungsgebiet Sonnenallee zu einem Modellgebiet für die Förderung des Fuß- und Radverkehrs erklärt. „Die Elbestraße ist eine Wohnquartierstraße in Nord-Neukölln, die besonders durch ihren Alleecharakter und ihre Breite geprägt ist. Sie wird momentan hauptsächlich durch parkende Autos dominiert. Die Gehwege sind teilweise sehr eng und stark sanierungsbedürftig“, beschreibt die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz (SenUMVK) das Modellgebiet. Um dem Fuß- und Radverkehr mehr Raum zu geben, sollen der Straßenraum und die Mittelpromenade neu gestaltet werden. So könne der nachhaltige Schutz und die Entwicklung des Baumbestandes gewährleistet werden, was angesichts der Folgen der Klimakrise wichtig sei.

Das Straßenfest, das die Elterninitiative Elbe-Schule, der Förderverein der Elbe-Grundschule e. V. und einige andere Kiez-Initiativen zwischen Schandauer Straße und Weserstraße organisiert hatten, sollte der Information und dem Kennenlernen dienen. „Wir möchten allen durch das Fest eine Idee davon geben, wie die Straße, die derzeit als großer Parkplatz funktioniert, anders genutzt werden könnte, luden die Initiativen zur Teilnahme ein. Unter den zahlreichen Linden, die in vier Reihen stehen und heute noch in der Elbestraße viel Schatten spenden, gab es an den Ständen mehrere Spiel- und Bastelangebote sowie Essen, Kaffee und Kuchen. Auf einer kleinen Bühne gab es eine Infoveranstaltung zur Straßenumgestaltung mit anschließender Diskussion. Ein Redner der Verkehrsverwaltung kündigte an, dass in ferner Zukunft einmal eine Brücke für den Fuß- und Radverkehr die Elbestraße mit der Bouchéstraße auf der anderen Seite des Neuköllner Schiffahrtskanals verbinden soll.

Die Umgestaltung der Mittelpromenade auf dem Neuköllner Teil der Bouchéstraße wurde bereits Ende März abgeschlossen. 27 Fahrradbügel und vier Sitzbänke erschließen seitdem den Mittelstreifen, wo früher widerrechtlich Autos abgestellt wurden, für Menschen im Kiez. .„Das Parken auf dem Mittelstreifen stellte für den teilweise alten Straßenbaumbestand eine enorme Belastung dar“, teilte damals Stadtentwicklungsstadtrat Biedermann in einer Presseerklärung mit. Anfahrschäden hätten den Bäumen zugesetzt. Bodenverdichtungen würden zu eingeschränkter Luft- und Wasserversorgung im Wurzelbereich führen. Die Bäume verlören an Vitalität, sodass sie den ohnehin steigenden Stressfaktoren in der Stadt und dem Klimawandel weniger entgegensetzen könnten. „Eine andere Aufteilung des öffentlichen Raums ist möglich und im Fall der Bouchéstraße ist sie auch notwendig, wenn wir die Straßenbäume erhalten wollen“, erklärte Biedermann im März.

Am 9. Juni stellte das Bezirksamt Neukölln die Überarbeitung eines Kiezblock-Konzeptes für verkehrsberuhigende und verkehrslenkende Maßnahmen im Reuterkiez bei einer 3. Beteiligungswerkstatt in der Quartiershalle Rütli-Campus vor. Auch in diesem Viertel sind die Ziele der Planungen vor allem die Erhöhung der Verkehrssicherheit, die Reduzierung von Durchgangsverkehr und die Verbesserung der Aufenthaltsqualität, sodass das Quartier auch in 20, 30 Jahren noch attraktiv und funktionstüchtig bleiben kann. Damit die Straßenbäume möglichst erhalten bleiben, wurde vorgeschlagen, die Baumscheiben zu vergrößern, damit Regenwasser an Ort und Stelle im Erdreich versickern kann und nicht in der Kanalisation verschwindet. Mit einem Projekt im Schillerkiez wird gerade untersucht, wie die Vergrößerung der Baumscheiben praktisch möglich ist.

Obwohl die anwesenden Bürgerinnen und Bürger in der Quartiershalle durchaus kritische Fragen stellten und – insbesondere zu Detailfragen – noch Anmerkungen gemacht wurden, war die Arbeitsatmosphäre des Treffens durchweg konstruktiv. Nikolaus Fink, Betreiber des Marktes am Maybachufer, schaute beispielsweise sehr genau hin, ob seine Marktlogistik im Kiezblockkonzept ausreichend berücksichtigt ist. Biedermann kündigte u. a. an, dass ab Sommer 2023 eine Parkraumbewirtschaftung im Reuterkiez eingeführt werden soll. Zeitgleich soll in zwei Gebieten rund um die Donaustraße sowie im Umkreis der Karlsgartenstraße ebenfalls Parkraumbewirtschaftung eingeführt werden.

Am Rande des Treffens in der Quartiershalle wurde allerdings auch eine Nachricht verbreitet, die für den Verkehr im Umweltverbund ernüchternd ist: Die ursprünglich für das Jahr 2028 avisierte Inbetriebnahme einer Straßenbahnverbindung zwischen der Warschauer Straße und dem Hermannplatz wird sich um voraussichtlich 2 Jahre verzögern. Dies ist der Antwort von Staatssekretärin Dr. Meike Niedbal auf eine Schriftliche Anfrage des Abgeordneten Felix Reifschneider (FDP) (Drucksache 19 / 11 907) zu entnehmen.

=Christian Kölling=

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