Naturführer enthüllen die verborgenen Reize des Tempelhofer Feldes

Wer auf das Tempelhofer Feld am südostlichen Parkeingang durch das sogenannte Crashgate kommt, bewegt sich zwischen Spaziergängern, Joggern, Radfahrern und Skatern direkt auf einen großzügig bemessenen Grillplatz zu, findet in westlicher Richtung ein weitläufig angelegtes Hundeauslaufgebiet, oder kann ganz in der Nähe einen jüngst eingerichteten Naturerfahrungsraum für Kinder und Jugendliche besuchen. Auf dem rund 300 Hektar großen Areal, das mitten in der Großstadt für alle Menschen und jeden Geschmack etwas bietet, traf ich am Crashgate letzten Sonntagvormittag die Biologen Frederic Griesbaum und Korbinian Pacher. Sie sind als freiberufliche Guides in der Berliner Stadtnatur tätig und haben für das Berliner Naturkunde Museum bereits Entdeckungstouren im Tiergarten und gewässerökologische Exkursionen durch den Spandauer Forst geleitet. Im Auftrag des „Campus Stadt Natur“ der Grün Berlin GmbH bieten die beiden Stadtökologen in dieser Saison Führungen über das Tempelhofer Feld  sowie durch den Spreepark in Treptow an.

Zum Auftakt ihrer zweistündigen Tour stellten Griesbaum (l.) und Pacher (r.) das Winterquartier der Skuddenschafe auf dem Gelände der Alten Flughafen-Gärtnerei vor. Es ist seit der Öffnung des Feldes verschlossen und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Nach Abschluss einer flächendeckende Kampfmittelräumung soll das Gelände, auf dem sich noch verschiedene Gebäude und temporäre Bauten befinden, nun behutsam entwickelt werden. Deshalb wurde ein Interessenbekundungsverfahren für die Einrichtung eines zivilgesellschaftlichen Umweltbildungsortes eröffnet, das noch bis zum 31. Mai läuft. Obwohl das Gelände recht eintönig erscheine – wie ein Flickenteppich aus ungemähtem Trockenrasen und öden Sandfächen, der einer verlassenen Baustelle ähnelt – sei es für Wildbienen und Bussarde ein wichtiges Habitat, erklärten die beiden Naturführer. Auch an der zweiten Station des Rundgangs, auf dem ebenfalls eingezäunten Grundstück der ehemaligen Müllverbrennungsanlage, hat sich ohne menschliches Zutun ein wichtiger Lebensort für eine bedrohte Tierart entwickelt. Hier siedeln Zauneidechsen, die zuerst in der Alten Gärtnerei waren und wahrscheinlich über die benachbarte Bahntrasse aus Brandenburg nach Berlin gekommen sind. Im Sandboden vergraben die wechselwarmen Reptilien bevorzugt ihre Eier, damit sie von der Sonnenwärme bebrütet werden.

Gleich gegenüber ist auf dem verfallenden Taxiway des ehemaligen Flughafens wie von selbst ein idealer Lebensort für rund 20 Heuschrecken-Arten entstanden. Die grau- bis rotbraune Italienische Schönschrecke, findet auf dem gefleckten Boden ebenso eine perfekte Tarnung, wie die Blauflügelige Ödlandschrecke,  die 1,5 bis 3 Zentimeter mißt. Besonders im Sommer lohne sich hier ein Besuch, empfahlen die Biologen.

„Das Tempelhofer Feld muss bewirtschaftet und gepflegt werden, damit es als einzigartiger Naturraum erhalten bleibt“, betonen Korbinian Pacher und Frederic Griesbaum allerdings immer wieder. Das bekannteste Beispiel dieser Erkenntnis dürfte auf dem Tempelhofer Feld die Schutzzone der Feldlerche  sein, die in Deutschland zu den gefährdeten Vogelarten gehört. Rund die Hälfte aller Berliner Feldlerchen leben in diesem streng geschützten Raum. Erst kürzlich wurden aber auch für den Steinschmätzer, der steiniges Gelände bevorzugt, mehrere große Steinhaufen auf einer Wiese angelegt. Und nicht zuletzt finden Turmfalken, die oft in vom Menschen geprägten Gebieten leben und z. B. in Kirchtürmen brüten, hier gute Beute.

Ein umfangreiches Umwelt-Monitoring, zu dem die kontinuierliche Beobachtung der Vegetation, der Heuschrecken, Tagfalter und Wildbienen sowie der Vögel gehört, ist also unabdingbar. Ohne ordnende Eingriffe des Menschen würden bald Büsche und Bäume auf der windigen Freifläche wuchern, die stadtgeschichtlich zuerst eine große Agrarfläche war, bevor sie als Militärgelände und später als Flughafen genutzt wurde. Das Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes (ThFG), ein Entwicklungs- und Pflegeplan (EPP) sowie ein ausgeklügeltes System der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, die sich zivilgesellschaftlich im Feldforum, in der Feldkoordination, in Themenwerkstätten und anderen Gremien beteiligen können, sollen zusätzlich dafür sorgen, dass der vielseitige Naturerlebnisraum erhalten bleibt. Vielleicht kann so einmal ein wegweisender Volkspark des 21. Jahrhunderts entstehen, wo Mensch und Natur sich nebeneinander und miteinander optimal entwickeln können.

Nächste stadtökologische Führung auf dem Tempelhofer Feld am8. Mai, 11 -13 Uhr. Zielgruppen: Familien, Erwachsene. Treffpunkt: „Crashgate“, südöstlicher Eingang, Oderstr.22.

Die Führung ist kostenlos. Eine Anmeldung ist erforderlich:
https://www.campus-stadt-natur.berlin/parks-erfahrungsraeume/tempelhofer-feld/stadtoekologische-fuehrung/

=Christian Kölling=

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