Ausstellungsreihe „Einszueins“ bringt zeitgenössische Kunst in den Alltag

„Ich bin davon überzeugt, dass Kunst und Brot gleichermaßen Grundnahrungsmittel sind“, eröffnete mir kürzlich Kati Gausmann, die regelmäßig in der Køniglichen Backstube eine Kunstwand kuratiert. Kontinuierlich geben sie und Bäckermeister Michael Köser seit 2016 jungen Talenten ebenso wie arrivierten Berliner Künstlern in der Zwiestädter Straße einen Raum. Das aktuelle Jahresprogramm der Ausstellungsreihe „Einszueins“  startete am Samstag vergangener Woche mit einer Arbeit über die Vielgestaltigkeit der Haferflocken. Oliver Thie, dessen Spezialgebiet die zeichnerische Forschung ist, warf mit einem Projektor vergrößerte Flocken-Schatten an die Kunstwand der Backstube, zeichnete sie mit Ruß nach und fixierte die Nachzeichnungen schließlich mit Schellack.

„Mit der ‚Schattenlese’ untersuche ich die überraschende Vielgestaltigkeit von Haferflocken, die üblicherweise in der Masse untergehen. Das eigenhändige Zerquetschen von Samenkörnern brachte mich in Kontakt mit Praktiken der Archäobotanik“, schrieb der zeichnende Forscher über seine Arbeit. Thie studierte an der Weißensee-Kunsthochschule Berlin und arbeitet in Kooperationsprojekten mit Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen. Er begleitete mehrfach biologische Expeditionen, bei denen er u. a. das Sozialverhalten von Blattläusen studierte und Bäume im brasilianischen Regenwald vermaß. Als Artist in Residence am Museum für Naturkunde Berlin entwickelte er von 2014 bis 2016 zeichnerische Verfahren zur Erforschung von Mikrostrukturen auf Insekten. Im interdisziplinären Dialog mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Humboldt-Universität erforschte und konservierte er Basaltbrocken in den Jahren 2019 bis 2020.

„Ziel des Projektes ‚Einszueins‘ ist es, zeitgenössische Kunst in einem Alltagskontext zu zeigen und zu vermitteln, um der Scheu vor ihr zu begegnen und dem Sprechen über Kunst eine Tür zu öffnen. Deshalb gibt es in der Regel auch zu jeder Ausstellung ein Künstlergespräch“, erklärte Gausmann. Die Kuratorin weiß, wovon sie spricht, denn als Künstlerin ist Kati Gausmann ebenso erfolgreich. Jüngst wurde sie für den Kunstpreis Neukölln 2022 nominiert und richtete mit eigenen Werken bereits 2019 die Ausstellung „Dancing dough and circumstances“ in der Galerie im Saalbau aus.

Im Anschluss an die „Schattenlese“ wird Franz John ab Mai die Kunstwand mit Textfragmenten und einer Audio-Installation bespielen. Für die 20. Ausstellung der Reihe „Einszueins“ will Julia Ziegler im September eine großformatige Wandcollage in der Backstube gestalten. Im Tausch für die Wandarbeiten gibt Kösers Backstube den Künstlerinnen und Künstlern ihr tägliches Brot während des Ausstellungszeitraums. Alle bisherigen Ausstellungen sind auf Gausmanns Webseite dokumentiert.

Die Ausstellung „Schattenlese“ ist bis zum 30. April in der Køniglichen Backstube  (Zwiestädter Str. 10) zu sehen; Öffnungszeiten: Mo – Fr 9 – 19 und Sa 8 – 14 Uhr.
Am 23. April spricht die Archäobotanikerin Dr. Simone Riehl ab 17 Uhr mit Oliver Thie über seine Arbeit.

=Christian Kölling=

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