Corona-Protest und Gegenprotest jetzt auch in Neukölln

„Baby, lass uns impfen. Du kannst mir vertrau‘n. Wir tanzen durch die Menge. Leben wie im Traum.“ Laut schallte auf den Stufen des Rathaus Neukölln am späten Montagnachmittag aus zwei Boxen ein lebenslustiges Lied. Das österreichische DJ-Duo Möwe peppte eine eingängige Melodie von Bernie B. als Remix ordentlich auf und die Gesundheitskasse der Alpenrepublik nutzt es seitdem, um für das Impfen zu werben. Corona-Leugner und Impfskeptiker reagieren noch heute mit Spott und Satire auf den Ohrwurm. Für die Kundgebung, zu der u. a. die Neuköllner Gruppe des bundesweiten Bündnisses „Aufstehen gegen Rassismus“ und die Organisation Geradedenken aufgerufen hatten, erschien der Song wie gemacht.

Hintergrund ihrer Veranstaltung: Auch in Neukölln kommen seit Mitte Dezember immer montags Menschen vor dem Rathaus zusammen, um bei sogenannten Spaziergängen unangemeldet gegen die Coronapolitik in Deutschland zu demonstrieren. Seit zwei Wochen finden angemeldete Gegenkundgebungen ab 17.30 Uhr – das ist eine halbe Stunde vor den wöchentlichen Protest-Spaziergängen – auf dem Hermannplatz sowie auf dem Rathaus-Vorplatz statt. Nicht nur eine aktive Politik zur Bekämpfung der Pandemie und die Beseitigung von Verschwörungsmythen sind die Ziele der Demonstrierenden. Erklärtes Hauptanliegen ihrer Gegenproteste ist es, eine faschistische Straßenbewegung zu verhindern und die politische Vereinnahmung der Impfskeptiker und Coronaleugner durch alte und neue Nazis, die straff organisiert sind, zu beenden.

Am vergangenen Montag sammelten sich zunächst rund 30 Menschen, deren Erkennungszeichen einige Kerzen und Windlichter waren, an der südlichen Seite des Rathaus Vorplatzes. Kurz nach 18 Uhr zog die Menge – begleitet von wenigen Polizisten – auf dem Bürgersteig erst in Richtung Bahnhof Neukölln. Später bog die Gruppe, der auch einige Teilnehmer der Gegenkundgebung gefolgt waren, in die Sonnenallee ab. In Höhe Weichselstraße hatte der Zug auf dem Weg zum Hermannplatz die Zahl von gut 200 Teilnehmenden erreicht. An der Reuterstraße leiteten wenige Polizisten die Spaziergängerinnen und Spaziergänger, die weiterhin stumm und ohne Transparente unterwegs waren, zur Karl-Marx-Straße. Auf dem Hermannplatz fand unterdessen eine zweite angemeldete Gegenkundgebung statt. „Wir sind die Mehrheit: Über 70 Prozent der Menschen in Deutschland sind geimpft. 90 Prozent halten sich an die Regeln und tragen Masken“, erklärte ein Redner den vorbeieilenden Passanten, bevor der Corona-Song „Mach die Kurve flach“ von MaximNoise über den Hermannplatz schallte.

An der Fuldastraße, eine Ecke vom Rathaus entfernt, versperrten wenig später ein quergestellter Mannschaftswagen und einige Polizisten den Impfskeptikern und Corona-Leugnern erneut den Weg, sodass der Umzug in Richtung Sonnenallee ausweichen musste und sich allmählich zerstreute. Etwa zwei Dutzend Gegendemonstranten standen um Viertel vor Acht noch am Rathaus Neukölln. „Eey Quarantäne! Ich habe Nudeln, habe Reis und habe Käse. Mittlerweile hab‘ ich sogar mehr als jeder Rewe. Eey Quarantäne!“, hämmerte der Corona-Song von Stard Ova und dem Rapper Robin Wick aus den Lautsprecherboxen. Dann übernahm ein Redner das Mikrophon. „Wir werden auch in den nächsten Wochen hier wieder stehn“, kündigte er an und appellierte an die Verbliebenen: „Wir müssen noch viel mehr werden. Wir hoffen auf zivilgesellschaftliche Unterstützung.“

In pandemisch bewegten Zeiten haben die Berliner Landeszentrale für politische Bildung und die Amadeu Antonio Stiftung gerade eine neue Handreichung veröffentlicht. Titel der Publikation: „Freiheitsrechte und Verschwörungserzählungen in Krisenzeiten – 20 Fragen und Antworten“

In die Konzeption der Broschüre sind die Perspektiven aus den Bereichen Pflege, Bildung, Gewerkschaften, Jugendarbeit, Kultur, Clubwesen, Polizei und die Sichtweisen von zivilgesellschaftliche Gruppen eingeflossen. „Wo verläuft die Grenze zwischen Kritik und Verschwörungserzählungen?“ „Was kann Wissenschaft leisten und was nicht?“ „Was sind Freiheitsrechte?“, lauten einige der behandelten Themen.

Das Heft mit insgesamt 20 Fragen und Antworten ist kostenfrei in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung (Amerika Haus, Hardenbergstraße 22-24) erhältlich. Das Besuchszentrum der Landeszentrale hat unter Einhaltung der geltenden Hygienevorschriften montags, mittwochs, donnerstags und freitags jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Außerdem wird die Publikation hier zum Download angeboten.

=Christian Kölling=

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