Austausch deutscher und tschechischer Marktbetreiber

Wochenmärkte mögen nur eine Nische im Einzelhandel darstellen, können aber eine vielfältige Bedeutung für Erzeuger, Kunden und Kommunen besitzen. So könnte das Resümee einer Konferenz lauten, die der Städtepartnerschaftsverein Freunde Neuköllns zusammen mit der Vereinigung von Bauernmärkten in Tschechien Mitte Oktober in Prag organisierte. Bei dem Austauschprojekt, das vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gefördert wurde, zeigten sich sehr unterschiedliche Marktkonzepte und Rahmenbedingungen.

Tomáš Popp betreibt seit 13 Jahren einen Ökowochenmarkt in Pilsen überwiegend mit Erzeugern aus der Region. Die dortige Stadtverwaltung würde den Markt sehr unterstützen, keine Gebühren nehmen und sogar einheitliche Marktstände zur Verfügung stellen. Hingegen würden in Prag hohe Pachtpreise verlangt. Stadträtin Christiane Heiss aus dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg, der sieben von neun Märkten in eigener Regie betreibt, erklärte, dass die Märkte für das Bezirksamt die Kosten decken, aber keinen Gewinn abwerfen müssten. Die Kundschaft bildeten meist Anwohner, manchmal aber auch Touristen, Berufstätige in der Mittagspause oder Schnäppchenjäger.

Grünen-Politikerin Heiss war sich mit Hana Třeštíková (l.), Stadträtin in Prag 7 und der Gesamtstadt einig, dass Wochenmärkte nicht nur für Händler und Käufer große Bedeutung hätten, sondern auch einen wichtigen sozialen und kulturellen Treffpunkt bildeten und Innenstädte beleben könnten. Im Rahmen des Lockdowns waren die Non-Food-Stände auf den Märkten in Deutschland verboten worden. Das führte bei der Marktgilde, dem mit 120 Standorten größten deutschen Wochenmarktveranstalter, zu Umsatzverlusten bis zu 50 Prozent, wie Ingo Johnson und Dirk Dieter berichteten. In Tschechien schlossen die Behörden die Märkte sogar komplett für zwei Monate, obwohl die Ansteckungsgefahr im Freien bekanntlich weit geringer ist.

Während der tschechische Betreiberverband auf seinen Bauernmärkten gezielt regionalen Erzeugern und Verarbeitern Platz bietet, scheinen sie anderswo in Tschechien und Deutschland gering vertreten zu sein. Die vom tschechischen Parlament im Januar beschlossene verpflichtende Quote von 55 bzw. 73 Prozent an tschechischen Lebensmitteln in tschechischen Geschäften war aus Sicht des Verbandsvorsitzenden Jiři Sedláček reiner Populismus, da weder mit EU-Recht vereinbar noch praktisch umsetzbar. Stattdessen müssten regionale Produzenten bei Erzeugung und Vermarktung unterstützt werden.

Den ersten Kontakt zu tschechischen Marktbetreibern hatten die Freunde Neuköllns schon vor sechs Jahren über die Beziehung zum Bezirk Prag 5 aufgebaut. In einer Corona-Verschnaufpause im Spätsommer letzten Jahres führten die Neuköllner eine Gruppe aus Prag und Pilsen zu unterschiedlichen Berliner Wochenmärkten, von der Marzahner Promenade über das Neuköllner Maybachufer und den Ökomarkt Chamissoplatz bis zur Markthalle Neun in Kreuzberg und vermittelten Gespräche mit Experten.

Präsentationen von der Konferenz sind auf der Webseite der Freunde Neuköllns veröffentlicht: https://www.freunde-neukoellns.de/wochenmaerkte-prag-berlin/

=Manfred Herrmann=

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