„Es wäre gut, wenn alle die Möglichkeit einer Assistierten Ausbildung hätten“

„Seit der Corona-Pandemie gibt es echt weniger Ausbildungsplätze“, sagte bedauernd Anja Warkotsch vom Wedernet, die ich kürzlich zusammen mit Antje Balzuweit, Geschäftsführerin des Neuköllner Netzwerk Berufshilfe, im Jugendberatungshaus in der Glasower Straße traf. „Wie hat sich die Situation der Berufsbildung in den vergangenen anderthalb Jahren verändert? Welche Verbesserungen schlagen sie vor?“, wollte ich von den beiden Neuköllner Fachfrauen wissen. Das Wedernet macht Menschen zwischen 13 und 24 Jahren vielfältige unterstützende Angebote für den Übergang von der Schule in den Beruf. Es ist der zentrale Bereich, der auch zu den übrigen Beratungsstellen im Jugendberatungshaus vermittelt. Das Neuköllner Netzwerk Berufshilfe e. V. besteht mit aktuell 34 Mitgliedern als anerkannter Träger der freien Jugendhilfe seit 2001. Es unterstützt den Bezirk bei der Koordinierung eines Netzwerks zur Berufshilfe für Jugendliche.

„Oft konnten die Berufsberater wegen Corona nicht in die Schulen kommen. Zum Teil besuchten sie halbierte Klassen. Das ging noch gut. Allerdings gab es in Schulen, die auf Homeschooling umgestiegen waren, keine Beratungsmöglichkeit. Da hatten die Jugendlichen das Nachsehen“, berichtete Warkotsch. Überrascht war die Berufsberaterin, als sie von Kollegen erfuhr, dass sich diesmal mehr Abiturientinnen und Abiturienten für eine Ausbildung im Handwerk entschieden haben. „Vielleicht wollen die Jugendlichen einfach etwas Praktisches machen, oder sie sind beeindruckt, weil viele Handwerksbetriebe während des großen Lockdowns weiterarbeiten durften“, vermutete sie.

Das Ausbildungsjahr 2021/2022 begann schon am 1. August. Wer jetzt Rat sucht, kann sich im Beratungshaus darüber informieren, wie Schulabschlüsse nachgeholt werden können oder welcher Weg nach dem Abschluss der 10. Klasse zum Abitur führt. Außerdem kann nach individuellen Übergangslösungen – wie z. B. Nebenjob oder Tätigkeit im Freiwilligen Sozialen Jahr – gesucht werden.

„Die Bilanz zum Ausbildungsmarkt wird bei der Pressekonferenz am 28. Oktober veröffentlicht“, erfuhr ich aus der Pressestelle der Bundesagentur für Arbeit. Bei der Ausbildungsmarktbilanz 2019/2020 wurde Ende Oktober letzten Jahres ein coronabedingter Rückstand deutlich sichtbar. Im März 2021 forderte daraufhin eine neugegründete Allianz für Aus- und Weiterbildung: „Die Corona-Krise darf nicht zur Ausbildungs- oder Fachkräftekrise werden.“ Die gemeinsame Aktion der drei Bundesministerien für Wirtschaft, Arbeit und Bildung vereinbarte Maßnahmen zur Stärkung der beruflichen Ausbildung und zur Stabilisierung des Ausbildungsmarktes. So sollte vermieden werden, dass Angebot und Nachfrage im Ausbildungsjahr 2021/2022 zurückgehen. „Kein Betrieb, kein Jugendlicher soll allein gelassen werden“, versprach die Allianz. Im Juni veranstaltete sie den „Sommer der Berufsausbildung“, an dem sich u. a. auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) beteiligten.

Antje Balzuweit wies auf den hohen Unterstützungsbedarf hin, der in Neukölln sowohl auf Seite der Auszubildenden als auch bei den oft kleinen und mittleren Ausbildungsbetrieben bestehe. Bereits heute könne die Arbeitsagentur für genau definierte Problemgruppen auf der Grundlage der Paragraphen 74 und 75 des SGB III eine Assistierte Ausbildung (AsA) anbieten. Kernstück dieses Instruments ist die Begleitung und kontinuierliche Unterstützung während einer gewöhnlichen betrieblichen Berufsausbildung. „In dieser Ausbildung können Sprach- und Bildungsdefiziten abgebaut sowie fehlende fachtheoretische Kenntnisse und Fähigkeiten nachgeholt werden. Auch andere Maßnahmen zur Stützung der Ausbildung sind möglich, wie z. B. eine sozialpädagogische Begleitung“, erläuterte Balzuweit. „Es wäre gut, wenn alle Azubis – und nicht nur genau definierte Zielgruppen – in Neukölln die Möglichkeit einer Assistierten Ausbildung hätten. Niemand muss ein Angebot in Anspruch nehmen, sofern kein Bedarf besteht“, fasste sie ihren Vorschlag zusammen. Auf diese Weise könnte genauso so viel Unterstützung angeboten werden wie in jedem Einzelfall für den erfolgreichen Abschluss der Ausbildung nötig ist. Frustration und Verbitterung würden bei den Auszubildenden ebenso wie in den Ausbildungsbetrieben dadurch deutlich verringert.

=Christian Kölling=

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