Verärgerung über Giffeys doppelte Plagiats-Affäre – auch bei den Wählerinnen und Wählern?

„Die Affäre Giffey-Börzel ist schlimm genug. Ich habe mich bisher öffentlich zurückgehalten. Aber die jüngsten Informationen schlagen dem Fass den Boden aus“, kommentierte Prof. Dr. Ulrich von Alemann kürzlich einen Bericht des Wissenschaftsmagazins „Forschung & Lehre“, der auflagenstärksten Hochschul-Zeitschrift Deutschlands.

Worüber ärgerte sich der Düsseldorfer Politikwissenschaftler nun in seinem Kommentar? „Forschung & Lehre“ meldete am 20. August unter Berufung auf einen bei T-Online veröffentlichten Artikel, dass auch die Masterarbeit der ehemaligen Familienministerin Franziska Giffey aus dem Jahr 2005 in „großen Teilen ein Flickenteppich aus Plagiaten“ sei. Die T-Online-Autorin Annika Leister hatte in diesem Beitrag ausführlich über einen ersten Zwischenbericht der Plattform „Herzenssache Wissenschaft“ berichtet: Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler und Anglist an der FU Berlin, untersucht dort Giffeys Masterarbeit, die sie an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin und der Technischen Fachhochschule Wildau unter ihrem Geburtsnamen Süllke vorgelegt hatte. Schon jetzt habe Stefanowitsch 62 Plagiate auf 91 Seiten identifiziert.

Bevor er zusammen mit ehrenamtlichen Unterstützerinnen und Unterstützern seine Recherche aufnahm, hatte die FU Berlin Giffey im Juni 2021 nach einem langwierigen, mehrstufigen Überprüfungsverfahren den Doktorgrad aberkannt. Die Promotionsarbeit unter dem Titel „Europas Weg zum Bürger – Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft“ war 2010 am Otto-Suhr-Institut mit Magna cum laude (sehr gut) benotet worden. Erstgutachterin war damals Prof. Dr. Tanja Börzel, die heute Leiterin der Arbeitsstelle Europäische Integration am OSI ist.

„Frau Prof. Börzel der FU Berlin hat eine Dissertation durchgewinkt, die nicht nur gravierende handwerkliche Mängel aufwies – Plagiate, Zitierschwächen -, sondern auch von der ganzen Konstruktion her Grundprobleme hatte“, urteilte nun der Politikwissenschaftler Alemann und kritisierte unmissverständlich: „Eine Europabeauftragte eines Stadtteils schreibt über ihre Europapolitik des Stadtteils. Ja, toll. Wo ist die kritische Distanz, wo ist die analytische Kompetenz?“ Auch Giffeys Masterarbeit enthalte gravierende Mängel der guten wissenschaftlichen Praxis, führte er aus und fragte verwundert: „Nanu? Sollten nicht nur exzellente MasterabsolventInnen der Fachhochschulen die Möglichkeit der Promotion an einer Universität erhalten?“ Mehr als nur rhetorisch räsonierte Alemann: „Was hat sich da die Kollegin Börzel gedacht? Hat sie die Masterarbeit geprüft? Überhaupt gelesen? Sie für exzellent befunden und eine Promotion befürwortet? Was haben die Promotionsgremien der FU Berlin gemacht?“

In der Studierenden-Zeitung des Otto-Suhr-Instituts gab Börzel kürzlich ein Interview zur Causa Giffey, das auf den Seiten 11 und 12 abgedruckt ist. Über die Zusammenarbeit mit ihrer Doktorandin Franziska Giffey sagte Börzel wörtlich: „Ich möchte richtigstellen, dass ich sie erstens betreut habe und zweitens, dass ich ihr nicht gesagt habe, dass sie nicht zitieren muss, wenn sie Textstellen übernimmt.“ Dass ihr die Täuschung nicht aufgefallen sei, bedauerte die Professorin mehrfach und erklärte, den beiden Studierenden, die sie interviewten: „Ich habe mir nicht vorstellen können, dass jemand, mit dem ich über mehrere Jahre zusammengearbeitet habe, mich täuscht!“

Ulrich von Alemann empört dagegen längst nicht mehr nur die Plagiats-Affäre, die bei Vroni-Plag aufgedeckt wurde: „Ich empfinde die neuerliche Wendung als fast einen größeren Skandal: für die FU Berlin und die sogenannte Doktormutter Prof. Börzel. Die Qualitätsstandards der Universitäten werden von solchen Kolleginnen mit Füßen getreten“, schreibt er in seinem Kommentar und fordert am Ende: „Es wäre an der Zeit, dass ein Disziplinarverfahren gegen Frau Prof. Börzel eröffnet wird.“

Und die Auswirkungen der doppelten Plagiatsaffäre auf die Berliner Landespolitik? Bis zum Wahltag am 26. September ist offen, ob Franziska Giffey, die in Rudow im Neuköllner Wahlkreis 6 für die SPD direkt kandidiert, der Skandal schaden wird oder ob er die Berlinerinnen und Berlin bei ihren Wahlentscheidungen nicht beeindruckt. Man muss aber kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass die „Affäre Giffey-Börzel“ die Wissenschaftspolitik der Stadt auch nach dem Wahltag in Atem halten wird. Europapolitik ist in Neuköllns Kiezen buchstäblich zu entdecken und zu begreifen. Europapolitisch ambitioniert sind aber auch andere Regionen in Deutschland, beispielswese in Nordrhein-Westfalen und dort allen voran die Stadt Bonn.

=Christian Kölling=

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