Margot Friedländer zu Gast in der Genezareth-Kirche am Herrfurthplatz

Margot Friedländer, die im November 1921 in der Kreuzberger Lindenstraße unter dem Familiennamen Bendheim geboren wurde, ist Überlebende des Holocaust. Mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Ralph und ihrer Mutter Auguste lebte sie bis Januar 1943 in der Skalitzer Straße 32, wo heute drei Stolpersteine an die Familie erinnern. Die drei Juden versuchten nach der Machtübernahme der Nazis mehrmals auszuwandern und planten gerade ihre Flucht aus Deutschland, als Ralph Bendheim von der Gestapo verhaftet wurde. Auguste Bendheim stellte sich der Polizei, um ihren Sohn zu begleiten. Beide wurden aus Berlin deportiert und in Auschwitz ermordet. Für ihre Tochter hinterlegte die Mutter vor ihrem Gang zur Polizei bei Nachbarn eine Handtasche mit einem Adressbuch und einer Bernsteinkette. „Versuche, dein Leben zu machen“, lautete ihre letzte mündliche Botschaft an Margot, die eine Nachbarin der Tochter noch ausrichten konnte.

Die 21-Jährige fasste – erstmals ganz auf sich allein gestellt – einen mutigen Entschluss und tauchte in Berlin unter. Nach 15 Monaten in der Illegalität wurde sie im April 1944 schließlich aufgespürt und in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Am Freitagnachmittag war Margot Friedländer zu Gast in der Genezareth-Kirche am Herrfurthplatz, um über ihr Leben zu berichten und ihre Autobiographie vorzustellen. Die Erstausgabe erschien 2008 in Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Malin Schwerdtfeger im Rowohlt Verlag. Titel des Buches ist der Abschiedssatz ihrer Mutter: „Versuche, dein Leben zu machen“. Auch das Notizbuch, die Bernsteinkette und den Judenstern, den sie in Theresienstadt tragen musste, hatte die 99-jährige Zeitzeugin nach Neukölln mitgebracht.

„Die Vergangenheit ist nicht vergangen, sondern prägt sie uns auch in der Gegenwart“, würdigte Superintendent Dr. Christian Nottmeier die Verdienste der Holocaust-Überlebenden, die sie mit ihrer Erinnerungs- und Gedenkarbeit erworben hat. Friedländer, die 1946 mit ihrem Ehemann in die USA emigrierte, zog 2010 dauerhaft in ihre alte Heimatstadt Berlin zurück, wo sie sich seitdem unermüdlich vor allem bei Schülerinnen und Schülern für Toleranz und Menschlichkeit sowie gegen Antisemitismus einsetzt.

„Mir ist es wichtig, Kindern und Jugendlichen zu begegnen, denn sie sind die Zukunft. Was war, können wir nicht mehr ändern, aber es darf nie wieder geschehen“, sagte die zierliche Frau später in einem Gespräch mit Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein. Sie erzähle nur immer wieder ganz sachlich aus ihrem Leben und fühle sich weiterhin denen gegenüber verpflichtet, die es – wie ihre Mutter und ihr Bruder – nicht geschafft haben zu überleben. „Ich möchte nicht, dass einer das erleben muss, was wir erlebt haben“, so Friedländer. „Es gibt kein jüdisches, christliches oder moslemisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut: Wir sind alle Menschen!“, verurteilte sie jeden Rassenwahn.

Mit ihrem Mann, der ebenfalls in Berlin geboren wurde und dem sie in Theresienstadt wieder begegnete, reiste sie bis zu seinem Tod 1997 zwar oft aus den USA nach Europa, besuchte aber nie mehr die alte Heimat. Dennoch fiel Margot Friedländer die Remigration nach 64 Jahren in New York nicht so schwer, wie vielleicht zu vermuten wäre. 2003 kam sie im Rahmen des Besuchsprogramms des Senats zum ersten Mal wieder nach Berlin und lernte den damaligen Chef der Senatskanzlei, André Schmitz, kennen. Über die Reise drehte Thomas Halaczinsky, einer ihrer Freunde, den Film „Don’t Call It Heimweh“, der 2005 das Jüdische Filmfestival eröffnete. Sie berichtete: „Es war die beste Entscheidung für mich. Berlin ist eine schöne Stadt, die ich liebe. Ich bin ja nicht nach Amerika gegangen, weil ich nicht in Berlin sein wollte, sondern weil mein Mann dort Verwandte hatte.“

Nach der Lesung, die als Video-Aufzeichnung eingespielt wurde, und dem Gespräch mit der Generalsuperintendentin kündigte die 99-Jährige eine Neuerscheinung an, bevor sie ihr Buch signierte: Im November wird zu ihrem 100. Geburtstag ein Interviewbuch mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Antisemitismusbeauftragte in Nordrhein-Westfalen, erscheinen. Es trägt den Titel: „Ich tue es für Euch“.

=Christian Kölling=

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