Kundgebung gegen Antisemitismus und für Israel in Neukölln

„Weltoffenheit und Toleranz bedeuten im multikulturellen Neukölln, dass hier jede Farbe und jede Flagge, jedes Symbol willkommen ist – nur der Davidstern nicht.“ Wer sich als Jüdin oder Jude zu erkennen gibt, müsse damit rechnen, als Zionist, wenn nicht gar als Rassist beschimpft und für die Politik des Staates Israel mitverantwortlich gemacht zu werden. „Jüdisches Leben in Berlin steht unter Vorbehalt, insbesondere in Neukölln.“ Mit dieser grundlegenden und schwerwiegenden Kritik rief das neugegründete Bündnis gegen Antisemitismus Neukölln am Sonntagnachmittag zu einer Kundgebung vor dem Rathaus des Bezirkes auf. Das Motto der Protestversammlung, die die Initiative End Jew Hatred am Wochenende in ähnlicher Form auch in New York, Toronto, Tel Aviv und anderen Städten ausrichtete, lautete kurz und eingängig: „Jüdisches Leben ist keine Provokation!“

12 Rednerinnen und Redner begründeten während der dreistündigen Veranstaltung, die das Deutsch-Jüdische-Theater mit Musikbeiträgen begleitete, warum es wichtig sei, jeden Antisemitismus zu benennen – egal ob er von rechts, von links oder aus der Mitte der Gesellschaft komme. In Neukölln, wo es eine große muslimisch geprägte Einwanderungscommunity gibt, stand der ausdrücklich so bezeichnete islamische Antisemitismus im Zentrum der Kritik. Er bestehe seit Jahrhunderten unabhängig vom ebenfalls existierenden islamistischen Antisemitismus, beklagten die Veranstalter und konkretisierten ihren Vorwurf im Kundgebungsaufruf: „In dem antisemitischen Ressentiment, das einem in Neukölln begegnet, vermengt sich eine aus religiöser Überlieferung stammende Judenfeindschaft des Islams mit modernem europäischen Antisemitismus, der den Juden als Urheber aller Übel der Welt an den Pranger stellt.“

Am Rande einer Kundgebung zum palästinensischen Nakbar-Tag hätten jüngst zwei Jüdinnen am Hermannplatz diese besondere Form des Antisemitismus erfahren müssen, erklärte das Bündnis gegen Antisemitismus Neukölln weiter. Das Tragen einer Halskette mit Davidstern habe ausgereicht, um von den Protestierenden antisemitisch beleidigt und bedroht zu werden. Die Polizei habe den bedrängten Frauen anschließend nicht beigestanden, sondern ihnen geraten, die Kette abzunehmen, um die Menge nicht weiter zu provozieren. Auch die israelisch-deutsche Journalistin Antonia Yamin war bei dieser Demonstration am 15. Mai das Opfer eines Angriffes. Sie wurde mit einem Böller beworfen als sie während eines Interviews auf der Sonnenallee Hebräisch sprach, wie ein Video bei Twitter zeigt.

Bezirksbürgermeister Martin Hikel, der als erster Redner auftrat, erinnerte daran, dass in Neukölln Menschen aus über 150 Nationen leben, die rund 80 unterschiedlichen Religionsgemeinschaften angehören. „Der Kampf gegen Antisemitismus ist auch ein Kampf für Demokratie“, unterstrich Hikel. Bat Yam, das er noch kurz vor der Corona-Pandemie in der Nähe von Tel Aviv besuchen konnte, sei ein wichtiger Partner bei der Bekämpfung des Antisemitismus. Hikel betonte, wie wichtig persönliche Kontakte seien, die beispielsweise beim Schüleraustausch im Rahmen der Städtepartnerschaft geschaffen werden könnten. Zudem forderte er mehr Ressourcen für Bildungsprogramme, um den Antisemitismus wirksam zu bekämpfen. Vorbildliche Modellprojekte zum Verständnis des Judentums konnte der Bürgermeister nicht vorweisen, obwohl er die Initiative „Shalom Rollberg“  zumindest kurz erwähnte.

Neukölln, das sich selbst gerne als „Integrationslabor“ präsentiert, und wo das Integrationskonzept den ehrgeizigen Titel „Integration durch Normalität – Für ein gutes Zusammenleben in der interkulturellen Großstadt“ trägt, wird nicht zum ersten Mal vorgeworfen, für Juden oder Menschen, die für Juden gehalten werden, eine No-Go-Area zu sein. Dennoch wird der Begriff Antisemitismus in der Langfassung des Integrationskonzeptes nur dreimal erwähnt. In der Vergangenheit fanden sich ganz im Gegenteil immer wieder Stimmen, die Neukölln ausdrücklich gegen den Vorwurf eines besonders ausgeprägten Antisemitismus verteidigten. Sie wiesen auf religiöse und kulturelle Gemeinsamkeiten hin, die Juden und Moslems teilen würden. Mit christlichen und anderen Religionen bestünden diese ähnlichen Erfahrungen dagegen nicht. Auch im Norden Neuköllns sei deshalb ein Aufenthalt für Jüdinnen und Juden – ungeachtet der politischen und militärischen Konflikte im Nahen Osten – nicht gefährlicher als in anderen Berliner Stadtteilen. Wird ein existierendes Problem seit Jahren in Neukölln also verharmlost? In Lichtenberg arbeitet seit Juni André Wartmann als erster bezirklicher Antisemitismusbeauftragter Berlins. Er war am Sonntag einer der Redner vor dem Rathaus Neukölln.

Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde Berlin, kritisierte: „Wenn moderne Antisemiten sagen, sie würden die Zionisten hassen, dann meinen sie die Juden.“ Zudem sei es eine unerträgliche Täter-Opfer-Umkehr, sofern man Menschen rate, jüdische Symbole abzulegen oder in Neukölln nicht Hebräisch zu sprechen, um sich vor Übergriffen zu schützen. „Wir wollen uns nicht mehr verstecken!“, so Königsberg. Israel sei nach der Shoa weiterhin der größte Zufluchtsort für jüdische Menschen und die einzige Demokratie im Nahen Osten.

Michaela Engelmeier, Generalsekretärin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, erinnerte an die Arbeitsdefinition von Antisemitismus, die das Plenum der International Holocaust Remembrance Alliance 2016 beschloss: „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“

Engelmeier warnte eindringlich vor der Kampagne „Boycott, Divestment and Sanctions“, die den Staat Israel durch Boykottaufrufe international isolieren will und zutiefst antisemitisch sei. Sie forderte ein Verbot der Organisationen Hamas und PFLP in Deutschland. Es sei ebenso unerträglich, dass in Berlin selbst über das Thema Antisemitismus ausgerechnet islamistische Organisationen informieren würden, sagte sie und forderte schließlich, allen islamistischen Bildungseinrichtungen die öffentlichen Aufträge zu entziehen.

Im Vorfeld der Kundgebung hatte das Bündnis gegen Antisemitismus Neukölln, dem das Junge Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, die Jüdische Studierendenunion Deutschland, das Mideast Freedom Forum Berlin und die Gruppe Ehrlos Statt Wehrlos angehören, vor möglichen Zwischenfällen gewarnt. Trotzdem kamen rund 300 Menschen nach Neukölln, um für Israel und gegen Antisemitismus auf dem Rathaus Vorplatz Flagge zu zeigen. Zu den befürchteten Störungen kam es glücklicherweise nicht. Nur ein kräftiger Regenschauer veranlasste nach circa zwei Stunden einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer, den von der Polizei sichtbar gut geschützten Heimweg früher anzutreten.

=Christian Kölling=