Im Parlament will Lucy Redler keine „klassische Berufspolitikerin“ werden

„Ich verstehe mich als politische Aktivistin seit dem 16. Lebensjahr. Damals habe ich mich in Kassel für den Erhalt des dortigen Frauenhauses eingesetzt. Ich will eine andere Gesellschaft, die nicht am Profit orientiert ist: Eine sozialistische Demokratie ist aus meiner Sicht die einzige Möglichkeit, um Krieg, Armut, Klimazerstörung, Rassismus und Sexismus dauerhaft zu beenden. Zugleich kämpfe ich für jede auch noch so kleine Verbesserung im Hier und Jetzt.“ Lucy Redler, Jahrgang 1979, ist im Neuköllner Wahlkreis 1 die Direktkandidatin der Partei Die Linke für die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Sie studierte an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik mit dem Abschluss Diplom-Sozialökonomin. Seit 2004 lebt sie in Berlin und trat 2006 schon einmal für die Wahlen zum Landesparlament an – damals allerdings als Spitzenkandidatin der WASG. Redler ist seit 2010 in der Linken Neukölln aktiv, die nach ihrem Selbstverständnis zuallererst in sozialen Bewegungen verankert ist. Heute arbeitet sie beruflich als Lehrerin an einem Oberstufenzentrum.

„Ich bin der festen Überzeugung, dass die Glaubwürdigkeit der Linken bei einer Fortsetzung der Regierungsbeteiligung, bei der gespart und privatisiert werden würde, leiden würde. Unter dem Schlagwort ‚Vollbremsung‘ ist eine neue Welle der Privatisierung und des Sparens möglich“, befürchtet Redler für die kommende Legislaturperiode angesichts einiger Äußerungen von Finanzsenator Matthias Kollatz. „Im Parlament wollen wir ernsthafte Ideen einbringen. Mich überzeugt es allerdings nicht, in eine Koalition mit SPD und Grünen einzutreten.“ Der Platz der Linken sei deshalb in der Opposition. Der Wahlkampf solle genutzt werden, um die eigenen Ideen zu verbreiten, neue Mitstreiter zu gewinnen, gute Wahlergebnisse zu erreichen und das Bewusstsein zu erhöhen, selbst aktiv zu werden. „Auch im Abgeordnetenhaus würde ich Aktivistin bleiben und nicht eine klassische Berufspolitikerin werden wollen“, sagt sie weiter.

In den „Anforderungen an das Selbstverständnis von Wahlbewerberinnen und -bewerbern“, die die Mitgliederversammlung des Bezirksverbands Neukölln beschloss, wurde festgelegt, dass alle Abgeordneten rechenschaftspflichtig sein müssen, sich als Teil eines Teams verstehen, und in Vollzeit nicht mehr als einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn annehmen sollten, um sich nicht von denen materiell zu entfernen, die sie im Parlament vertreten wollen. Zusätzlich zu ihrer Parteizugehörigkeit ist Lucy Redler Mitglied der Sozialistischen Alternative, einer Organisation, der sie bereits vor ihrem Eintritt in die Linkspartei angehörte.

„Wir leben in einer Klassengesellschaft: CDU, FDP und die AfD machen offensichtlich Politik im Interesse von Banken und Konzernen. Aber SPD und Grüne tun, wenn es darauf ankommt, nichts anderes.“ Noch heute erlebten wir in Neukölln die verheerenden Auswirkungen des Hartz IV-Gesetzes, das eine rot-grüne Regierung einführte. „In Berlin wird derzeit unter einer grünen Verkehrssenatorin die S-Bahn zur Privatisierung ausgeschrieben. Und die SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey wiederholt bei jeder Gelegenheit ihre Gegnerschaft gegen den Mietendeckel und die Initiative ‚Deutsche Wohnen & Co. enteignen’“, kritisiert Redler. Damit sich die herrschenden Verhältnisse grundlegend ändern, müsse es Druck von unten geben, fügte die Sozialistin an und erläuterte ihren bewegungsorientierten, antikapitalistischen Politikansatz: „Die Neuköllner Linke ist in Bewegungen aktiv, koppelt ihre Politik an die Basis zurück. Als Abgeordnete würde ich politische Entscheidungen in Kiezversammlungen zur Debatte stellen.“

Redler, die sich dem Trotzkismus verbunden fühlt, war als Linken-Aktivistin 2011 bis 2013 Mitglied des Koordinierungskreises des S-Bahn-Tisches zur Verhinderung der Privatisierung der Berliner S-Bahn. 2013 war sie Mitbegründerin des Berliner Bündnisses für mehr Personal im Krankenhaus und 2018 Mitinitiatorin des Volksentscheids für Gesunde Krankenhäuser in Berlin. Sie war von 2016 bis 2021 Mitglied im Bundesvorstand der Partei Die Linke und dort für die Themen Gesundheit / Pflege verantwortlich. Aktuell ist sie Bundessprecherin der Antikapitalistischen Linken (AKL), die eine politische Strömung in der Linkspartei ist.

Im Reuterkiez wohnt Lucy Redler seit 2007 und gründete dort die Basisorganisation Reuterkiez mit. „Dominierendes Thema im Kiez sind die hohen Mieten und der Versuch von Immobilienkonzernen wie Heimstaden, ganze Straßenzüge aufzukaufen“, berichtet die Aktivistin. Auch wenn der Abriss des Karstadt-Gebäudes formal den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg beträfe, seien die Auswirkungen sowie die Profitabsichten von Benko und Signa ebenso wie der Widerstand dagegen ein wichtiger Teil des Wahlkampfes im Kiez. “Eine zentrale Frage im Wahlkampf und nach den Bundestagswahlen wird sein, wer für die Corona- und Wirtschaftskrise zur Kasse gebeten wird. Wir wollen alle Ansätze unterstützen, um durchzusetzen, dass die Reichen und Superreichen zahlen“, erklärt sie.

„In den Nord-Neuköllner Wahlkreisen 1, 2 und 3 rechnet sich die Linke hervorragende Chancen aus“, sagte mir Redler am Ende. 2016 lag in ihrem Wahlkreis die Direktkandidatin der Linken mit 21,2 Prozent nur knapp hinter der Bewerberin der SPD, die 22,2 Prozent erhielt. Beide lagen allerdings deutlich hinter der Grünen-Kandidatin, die mit 31,8 Prozent den Wahlkreis gewann. „Das ist eine Herausforderung. Mit der SPD liegen wir Kopf an Kopf. 10 Prozent Abstand zu den Grünen aufzuholen, wird dagegen nicht einfach sein: Es ist aber zu schaffen und wir sind in bester Stimmung, es anzupacken“, so Redler.

Aus Anlass der Abgeordnetenhauswahlen 2021 habe ich mit den drei aussichtsreichsten Direktkandidaten des Wahlkreises 1 Nord-Neukölln gesprochen. Das Portrait von Timo Schramm (SPD) ist am 13. Juni erschienen, die Vorstellung von André Schulze (Grüne) am vergangenen Donnerstag.

=Christian Kölling=

Eine Antwort

  1. Hab’s noch nicht gelesen.:-)

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