Was ist das Tempelhofer Feld wert und wo können neue Wohnungen entstehen?

Entspannen, sich austoben, anderen Menschen begegnen: Es gibt unzählige Möglichkeiten, das Tempelhofer Feld zu nutzen. Und auch als Bauland weckt die riesige Fläche mitten in Berlin immer wieder Begehrlichkeiten. Wenige Tage bevor ein Volksbegehren im Mai 2014 über die künftige Nutzung des Geländes entschied, stellte der Schriftsteller Thilo Bock seinen Freiluftroman „Tempelhofer Feld“ im Studio des Heimathafens Neukölln vor. „Das Tempelhofer Feld ist voll das analoge Internet: Jeder kann sich ausprobieren, weil Platz ist übelst genug für alle da!“, urteilt Bocks Romanfigur Florian an einer Stelle des Buches. Präzise schildert der Autor die verschiedensten Typen auf dem Feld mit ihren Geschichten, die frei erfunden sind oder wirklich existieren.

Lässt dieses schwärmerische Tempelhof-Feeling sich aber in harten Zahlen, Daten und Fakten nach verbindlichen wissenschaftlichen Kriterien messen, ohne monetäre Wertangaben zu machen? Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ) veröffentlichte pünktlich zum siebenten Jubiläum des Volksbegehrens eine qualitative Studie über den Wert des weitläufigen Areals. Sie wurde von der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz zusammen mit der Feldkoordination in Auftrag gegeben. „Das Tempelhofer Feld ist ein wahrer Schatz!“, resümierte Prof. Dr. Bernd Hansjürgens, Leiter des Themenbereiches Umwelt & Gesellschaft im UFZ, zur öffentlichen Präsentation der Studie „Gesellschaftliche Wertigkeit des Tempelhofer Felds“. Die Freifläche habe für Berlin denselben sozialen Wert wie der Hyde Park für London und der Central Park für New York, und es sei vermutlich die größte und meistbesuchte Sportstätte Deutschlands. Als urbaner Naturraum biete sie zudem eine Kombination verschiedener ökologischer Leistungen wie Klimaregulation, Luftverbesserung, Lärmminderung und biologische Artenvielfalt.

„Mit dem Volksentscheid zum Erhalt des Tempelhofer Feldes am 25. Mai 2014 gaben die Berlinerinnen und Berliner ein sehr deutliches Votum für den Erhalt der einzigartigen Natur-, Erholungs- und Geschichtslandschaft des ehemaligen Flughafengeländes ab“, wiederholte auch der BUND Berlin anlässlich des Jubiläums seine Grundsatzposition. Ein Erfolg des Volksentscheids sei es gewesen, dass alle Parteien nach dem Scheitern der Bebauungspläne verstärkt nach Baupotenzialen auf bereits versiegelten Flächen wie Discountern, überdimensionierten Verkehrsflächen oder Gebäudedächern gesucht hätten. Trotz des breiten Konsenses aller Parteien würden diese Möglichkeiten eines ökologischen Stadtumbaus jedoch nicht konsequent genug genutzt, kritisiert der Umweltverband in seiner jüngsten Pressemitteilung weiter.

„Angesichts des Politikversagens bei der Erschließung kurzfristig realisierbarer Wohnungsbaupotenziale in bestehenden Gebäuden und einer nur schleppenden Genehmigung der Überbauung von Parkplätzen und Supermärkten sind die Forderungen insbesondere der SPD und der FDP nach einer Bebauung des Tempelhofer Feldes zynisch gegenüber Wohnungssuchenden“, erklärte Tilmann Heuser, Landesgeschäftsführer des BUND Berlin und verlangte eine Task-Force “Bauen im Bestand”. Beim Aus- und Umbau von Gebäuden nähmen die Genehmigungszahlen für neue Wohnungen nach den Daten des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg ab. Wurden 2015 noch 4.430 neue Wohnungen durch Baumaßnahmen an bestehenden Gebäuden genehmigt, seien es 2020 nach den Daten des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg nur noch 2.382 Wohnungen gewesen, lauten die Ergebnisse einer Auswertung der Berliner Baustatistik, die der BUND Berlin vornahm. „Statt politische Energie in die Diskussion über eine Bebauung des Tempelhofer Feldes, der Elisabethaue oder anderer grüner Freiflächen zu verschwenden, müssen endlich konsequent die Rahmenbedingungen für Investitionen in den Gebäudebestand verbessert werden – für die Schaffung von neuem Wohnraum ebenso wie für die ökologische und klimagerechte Modernisierung“, forderte Heuser.

=Christian Kölling=

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